HOME

Wolfgang Clement: Supermann sieht rot

Dass die Linken in der SPD seine Politik zurückdrehen wollen, macht Wolfgang Clement fuchsig: Alles Memmen! Verbissen kämpft der Wirtschaftsminister für mehr Reformen - und letztlich um seinen Job.

Wie so einer wohl lebt? Man kann sich mit Wolfgang Clement morgens zum Laufen verabreden, um das herauszufinden. Der Mann gibt sich rücksichtsvoll, zwei Termine stehen zur Wahl: sechs Uhr - oder 6.15 Uhr. Clement kommt um 6.11 Uhr aus seiner Wohnung. Er trägt eine rote Kappe mit der Aufschrift "Mexiko" auf dem Kopf und läuft los. Es geht eine halbe Stunde durch den Berliner Tiergarten, der Minister atmet ruhig und gleichmäßig. Danach macht er auf der Grünfläche hinter seiner Wohnung Dehnübungen. Seine tiefe Stimme ist jetzt noch tiefer. Er sagt Sätze wie: "Wenn wir nächstes Jahr in Nordrhein-Westfalen die Landtagswahlen verlieren, ist Ende. Oder wir regieren weiter, können aber nichts mehr machen, weil die Union im Bundesrat eine Zweidrittelmehrheit hat."

Danach fährt Clement ins Ministerium. Dort wartet schon Frau Möhlmann, seine Büroleiterin. Um 8.15 Uhr ist "Morgenlage", man muss dann gut vorbereitet sein, sagt Frau Möhlmann. Man kann sich leicht vorstellen, dass Clement sonst schlechte Laune bekommt. Frau Möhlmann ist eine ausgesprochen nette Frau. Fragt man sie, wie lange sie schon für Clement arbeitet, sagt sie: "Oh, mein Gott, ich glaube, mein halbes Leben." Es sind aber nur anderthalb Jahre. Geht es nach dem, was in den Zeitungen steht, und nach dem, was viele in der rot-grünen Koalition sagen, dann arbeitet Frau Möhlmann für einen Irren.

Clement benimmt sich gegen die Regeln des politischen Betriebs

Man kann das durchaus so sehen. Clement benimmt sich gegen die Regeln des politischen Betriebs, seit Wochen. Er sagt, dass er Gerhard Schröders Rücktritt als Parteichef für einen "Fehler" hält. Er spielt offen mit dem Gedanken, seinen Posten als stellvertretender Parteivorsitzender abzugeben. Die geplante Ausbildungsabgabe nennt er "Blödsinn". Im Streit um den Emissionshandel stellt er sogar die Ökosteuer infrage - der größtmögliche Angriff auf eine rot-grüne Koalition, die unter fortschreitender Sinnentleerung leidet.

Führende Koalitionäre sehen im "Superminister" für Wirtschaft und Arbeit inzwischen vorwiegend einen Risikofaktor. Es heißt, er sei wie eine "Kanone, die außer Kontrolle geraten über das Schiffsdeck poltert". Vergangene Woche rief der SPD-Linke Peter Dreßen auf der Fraktionssitzung in Richtung Clement: "Du sprichst nicht mehr für die Sozialdemokratie, du sprichst nur noch für dich selbst!" Doch der antwortete ungerührt: "Für wen soll ich wohl sprechen? Natürlich spreche ich für mich selbst!"

Wolfgang Clement sitzt auf einem schwarzen Ledersofa in seinem Büro und erzählt, dass er ein wenig Kopfschmerzen hat, es ihm sonst aber sehr gut geht. Er wirkt ziemlich allein in diesen Tagen. Er sagt, dass er nichts mehr werden muss mit seinen 63 Jahren. Nicht Bundespräsident, nicht Kanzler, nicht Parteivorsitzender. Er fühlt sich frei. In die Stille seines Büros hinein sagt Clement denkwürdige Sätze. "Je älter ich werde, desto konsequenter werde ich. Und als desto unabhängiger empfinde ich mich." Oder einfach: "Es gibt kein Druckmittel mehr."

Kalte, düstere Sätze

Es sind kalte, düstere Sätze, und sie machen den Genossen in der SPD Angst. Irgendetwas ist passiert mit dem Superminister. Irgendetwas, das sich mit dem üblichen Clement-Bild vom Quartals-choleriker, der halt ab und zu seine Ausraster hat, nicht in Übereinstimmung bringen lässt. Der Mann, der noch vor gar nicht langer Zeit als "Reservekanzler" gehandelt wurde, macht den Eindruck, als könne er morgen aufhören. Es wäre eine Art Lafontaine-Coup von rechts - nach dem guten Gewissen der Partei würde sich nun auch noch der Garant für Schröders Reformpolitik davonmachen. Es wäre eine Katastrophe. Und Clement weiß das.

So wie er beschaffen ist, kann er gar nicht zulassen, dass die SPD seine Politik zurückdreht. Manchmal guckt er auf seinen Auslandsreisen aus dem Flugzeugfenster und sieht unten auf dem Boden Werkshallen von Daimler, Siemens, Mannesmann. Er sagt dann zu sich: "Mein Gott, das sind alles unsere Arbeitsplätze, warum hast du die nicht halten können?" Er könnte sich sagen: Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt. Aber so denkt Clement nicht, so hat er nie gedacht. Wirtschaft findet für ihn durchaus und bevorzugt auch in seinem Büro statt. Clement will fördern und anschieben, steuern, retten und erleichtern.

Als Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen ist er im Sommer immer mit einem Bus von Betrieb zu Betrieb gefahren, um Ausbildungsplätze zu organisieren. Er wollte eine Trickfilmfabrik nach Oberhausen holen, Babcock-Borsig vorm Konkurs retten und den Transrapid schweben lassen. Die Magnetschwebebahn haben die Grünen verhindert. Aber Clement hat sich bis heute einen fast schon rührenden Glauben an die Möglichkeiten von Politik - also an seine eigenen Möglichkeiten - bewahrt. Ein Modell vom Transrapid steht auf dem Fensterbrett in seinem Büro.

"Wir sind nirgendwo mehr richtig Spitze"

"Wir sind nirgendwo mehr richtig Spitze", sagt Clement. "In der Biotechnologie nicht, in der IT-Technik nicht, in der Chemieindustrie nicht. Nirgendwo!" Er versteht nicht, dass die Deutschen das einfach so hinnehmen, dass sie so weich sind gegen sich selbst. So wie in seiner Partei wittert er im ganzen Land Mittelmaß und die Bereitschaft, sich darin einzurichten - bis zum Untergang. Abends im Bett liest er in einem Buch. Es heißt: "Deutschland - der Abstieg eines Superstars". Jeder Satz darin ist eine Bestätigung für seine Warnungen vor der Demontage des Standortes Deutschland. Dann macht Clement das Licht aus. Und morgens, nach vier Stunden Schlaf, wacht er mit der sicheren Gewissheit auf, im Recht zu sein.

Es kann unangenehm werden, wenn Wolfgang Clement sich im Recht fühlt. Wie unangenehm, das bekommt sein alter Freund Gerhard Schröder derzeit zu spüren. Clement bettelt nicht um Unterstützung, er prügelt sie geradezu aus Schröder heraus. Den Klimastreit mit Jürgen Trittin hat er so lange eskalieren lassen, bis das Ganze auf dem Schreibtisch des Kanzlers landete. Der Chef soll entscheiden - Clement will wissen, welchen Platz er in der Müntefering-SPD noch hat. Schröder soll ihn stützen oder stürzen - so kann er das in den Zeitungen nachlesen.

Clement traut den Genossen nicht, die mit ihm in der Sache über Kreuz sind, ihn aber wortreich bedrängen, auf jeden Fall im Amt zu bleiben. Er wittert, dass sie ihn vielleicht nur noch als Aushängeschild brauchen. Als kleines Wirtschaftsminister-Maskottchen, das ein paar Stimmen in der bürgerlichen Mitte einsammelt, während der Rest der Partei in den alten Träumen von Umverteilung und Sozialstaats-
gemütlichkeit Zuflucht nimmt. Würde Clement das zulassen, dann würde er enden wie Hans Eichel, den sie in den Kabinettssitzungen schon manchmal fröhlich veräppeln - als politischen Kastraten am Hofe von Gerd, Franz und Joschka.

Sogar Willy Brandt hat er die Stirn geboten

Einer wie Clement fügt sich nicht. Sein ganzer Lebensweg atmet Kampf. Sogar dem großen Willy Brandt hat er die Stirn geboten, als der mit spöttischen Bemerkungen Mitte der achtziger Jahre den Kanzler-Wahlkampf von Johannes Rau torpedierte. Clement, damals Wahlkampfmanager von Rau, schmiss kurzerhand seinen Job hin - mitten in der Kampagne. So einer beugt nicht das Haupt vor den neuen Herren bei Hofe, schon gar nicht vor "Münte".

Ausgerechnet Müntefering. Noch zu seinen Zeiten als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen saß Clement mal mit Müntefering in Koalitionsverhandlungen mit den Grünen. Clement regte sich furchtbar auf über die grünen Besserwisser, er schimpfte und brüllte und stellte Bedingungen. Da sagte Müntefering, der kalte Technokrat der Macht, zu Clement: "Herr Ministerpräsident, ich glaube, dass wir mit der Art und Weise, die Sie hier an den Tag legen, nicht weiterkommen." Er sagte es extra so laut, dass die Grünen es auch gut hören konnten.

Spätestens seitdem geht es zwischen beiden um nichts weniger als ein Prinzip. Es geht darum, ob das Prinzip Müntefering gewinnt oder das Prinzip Clement. Vorsichtiges Taktieren oder offenes Visier. Abwarten oder durchbrechen. Formelkompromiss oder klare Kante. Letztlich geht es nicht nur um zwei Arten, Politik zu machen. Es geht um zwei Arten zu leben.

"Sorry, das ging nich' anders"

Dass er Müntefering als neuen Parteivorsitzenden bekommen würde, erfuhr Clement auf einer Zugfahrt von Berlin nach Hannover. Noch am Tag zuvor hatte er mit Schröder im Kanzleramt Sauerkraut gegessen und die Lage erörtert. Schröder hatte keinen Ton gesagt. Sie holten Clement in Hannover aus dem Zug, setzten ihn in einen Hubschrauber und brachten ihn zurück nach Berlin. Da hockten sie schon alle: Münte, Scholz, Thierse, Wieczorek-Zeul. "Sorry, das ging nich' anders", sagte Schröder zu Clement. "Ich kann das nicht akzeptieren", sagte Clement. Und fügte hinzu: "Die Schlagzeilen von morgen kann ich euch heute schon sagen. Die werden nicht "Neuanfang" schreiben, die werden schreiben: "Das ist der Anfang vom Ende"."

Noch heute regt sich Clement auf, wenn er von Schröders Rücktritt erzählt. Es geht nicht nur darum, dass er als Vize-Parteichef vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Und auch nicht nur um die Angst, dass Müntefering versucht, die SPD zu retten, indem er unbequeme Politik zurückdreht. Clement erlebt Schröders Rückzug und den Übergang zur Müntefering-SPD als Angriff auf alles, was seine Welt zusammenhält. Das Wort "Rückzug" kommt in dieser Welt nicht vor, auch nicht das "Unterhaken", von dem Müntefering jetzt ständig redet. "Ich habe bestimmte politische Zielsetzungen", sagt Clement. "Aber ich will mich mit niemandem unterhaken."

Irritiert erlebt der Superminister, der sich das Amt des Bundeskanzlers früher "wie jeder ehrgeizige Landespolitiker natürlich zugetraut hätte", dass der Machtmensch Schröder jetzt geradezu weinerlich barmt, er hätte Müntefering "gern als Freund". Alle verweichlichen und werden sentimental! Clements Welt wird von Härte zusammengehalten, Härte gegen sich und andere. Es kann passieren, dass er auf Auslandsreisen die mitreisenden Unternehmer in der Hotelhalle mit den Worten "Auf, auf, meine Herren, die Weltmärkte schlafen nicht!" aus den Sesseln trommelt.

Alles Weiche, Weibliche wird zurückgedrängt

Alles Weiche, Weibliche wird zurückgedrängt und gilt ihm schnell als irgendwie memmenhaft. Zu seinen Zeiten als Wirtschaftsminister in Düsseldorf gab es im Kabinettssaal ein Büfett mit Obst. Nur für Landesvater Johannes Rau waren die Äpfel fein geschält und geviertelt am Platz zurechtgelegt. So was verachtet Clement - wenn schon Obst, dann richtig zubeißen.

Wagt man Widerspruch, kann man schnell Bekanntschaft machen mit der Wucht, die diesen Mann auszeichnet. Clement ist in der Lage, Menschen rhetorisch regelrecht an die Wand zu nageln. "Man muss doch auch mal die Fakten zur Kenntnis nehmen", fängt er oft an. Dann geht es weiter: "Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich jetzt mal ernsthaft auseinander setzen mit dem, was ich sage!" Und: "Das sind die Fakten! Ich bin doch kein Idiot! Oder bin ich ein Idiot? Nein? Also hab ich doch wohl Recht, oder? Sehen Sie!" Für Clement geht es immer um Macht und Rivalität, und sogar der morgendliche Lauf ist nicht ganz frei davon. Stolz erzählt Clement, dass er auf seinen Joggingtouren sogar mal einen Personenschützer vom BKA "sauer gelaufen" und zur Aufgabe gezwungen hat. Jetzt läuft nicht mal mehr Joschka Fischer, sondern quillt aus seinen Anzügen. "Du siehst unmöglich aus, vor allem in der Silhouette", ermahnte Clement Fischer neulich im Kabinett.

Wahrscheinlich denkt Clement, dass er der Letzte ist, der noch nicht verweichlicht ist, der Letzte, der noch läuft. Nur, Jürgen Trittin läuft auch noch. Was die Sache für Clement aber eher noch schlimmer macht.

Tilman Gerwien / print