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Zwischenruf: Die Untoten des Krieges

Wie viele deutsche Soldaten sind wirklich gestorben in Afghanistan? Das Verteidigungsministerium behauptet: 21. Der Bundestag gibt sich bislang zufrieden damit - doch der Verdacht drängt sich auf, dass es mehr sind stern Nr. 22/2007

"Der Anschlag muss dem Bundestag eine Mahnung sein." Bernd Siebert, der verteidigungspolitische Sprecher der Union, wirft den Satz wie einen Stein in die Debatte um die Toten von Kunduz. Doch der geht unter, sofort. Denn der Abgeordnete lässt Selbstkritik anklingen, Versäumnisse des Parlaments. Das müsse die Ausrüstung der Truppe verbessern. "Wir haben Engpässe bei der Ausstattung, die zum besseren Schutz unserer Soldaten beseitigt werden müssen" - bei gepanzerten Fahrzeugen etwa. 68 Soldaten sind nach offizieller Statistik bislang bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr ums Leben gekommen, 21 in Afghanistan. Doch dem Parlament, das die jungen Männer mit politischen Einsatzbefehlen in den Tod geschickt hatte, war das bislang kein Anlass, sich mit den Opfern zu befassen. Es hat nichts überprüft, nichts infrage gestellt, auf nichts beharrt. Die Toten und die Umstände ihres Sterbens waren in der Vergangenheit nicht ein einziges Mal Thema einer Debatte im Bundestag. Man streitet lieber abstrakt über Politik und Strategie als konkret über Blut, Qualen und Schreie. Das Parlament hat krass versagt. Der Verteidigungsausschuss vornweg, aber auch die Fraktionen. Alle, einschließlich der Linkspartei. Es kann nicht einmal als sicher gelten, dass die vom Verteidigungsministerium genannten Opferzahlen richtig sind. Im Gegenteil: Es gibt Anzeichen dafür, dass mehr Soldaten bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gestorben sind als amtlich eingeräumt wird.

Denn das Ministerium verschleiert. Planvoll und hinhaltend. Seit Jahresbeginn bemühe ich mich um die Veröffentlichung der Daten und Todesumstände aller Opfer, wie das in anderen Ländern üblich ist. Ich habe darüber geschrieben, wiederholt nachgefasst, auch bei Verteidigungsminister Franz Josef Jung, und ein Mahnmal am Bundestag vorgeschlagen, um der Toten zu gedenken ("Unsere versteckten Toten", stern Nr. 3/2007, und "Die Toten des Parlaments", stern Nr. 8/2007). Die Mahnmal-Idee fand im Verteidigungsausschuss Widerhall. In der Substanz aber ließen sich die parlamentarischen Kontrolleure abspeisen. "Ausgehend von den Rechten auf Schutz der persönlichen Selbstbestimmung und auf das eigene Bild - welche sich aus den allgemeinen Menschenrechten ableiten - in Verbindung mit den Bestimmungen des Bundesdatenschutzgesetzes und letztendlich auch aus Gründen der Pietät werden zum Schutz der Persönlichkeit der Soldaten und deren Angehöriger die Daten der im Einsatz ums Leben gekommenen Soldaten sowie die Umstände dieser Todesfälle nicht veröffentlicht", fertigte der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Thomas Kossendey, den anfragenden FDP-Abgeordneten Dirk Niebel ab. Doch selbst die Herausgabe anonymisierter Informationen lehnte das Ministerium mir gegenüber ab. Franz Josef Jung plant auf dem Gelände des Ministeriums ein abstraktes Ehrenmal für alle Toten der Bundeswehr - seit deren Gründung 1956 rund 2600. Die Toten der Auslandseinsätze wären bequem zu verstecken. Mit Macht, schrieb ich seinerzeit, soll eine Opferdiskussion erstickt werden, eine Diskussion auch über Ausrüstung, Führung und Seelenlage der Truppe.

Der Fall ist wohl noch ernster. Denn was Jung der deutschen Öffentlichkeit verwehrt, ist im Internet zu finden, unter "www.icasualties.org/oef/ByNationality.aspx. Die offiziell 21 Toten von Afghanistan waren dort zu Wochenbeginn - mit Ausnahme der jüngsten Opfer von Kunduz ("name not released yet") und eines Soldaten, der bei einem Autounfall starb ("name not known") - namentlich aufgeführt, mit Rang, Herkunft und Todesursache. Aus einem Gespräch mit Jung weiß ich aber, dass sich auch einige Soldaten das Leben genommen haben. In der Internet-Totenliste indes findet sich kein Selbstmörder. Das würde bedeuten: Die Zahl der Toten ist größer als 21. Und: Keiner aus der Internetliste wird dem Kommando Spezialkräfte (KSK) zugerechnet, jener Elitetruppe, die in den afghanischen Bergen geheim operierte. Gab es bei ihr keine Opfer - oder wurden die nicht in die Totenstatistik aufgenommen?

Der Verdacht drängt sich auf, dass daran etwas faul ist. Dass die Daten der Gestorbenen deshalb nicht in Deutschland veröffentlicht werden, weil Angehörigen dann auffallen würde, dass ihre Toten verschwiegen werden. Dass Selbstmorde vertuscht werden, um eine Debatte über Führung und psychologische Betreuung in den Camps zu unterbinden. Wollen sich die frei gewählten Abgeordneten des deutschen Volkes das bieten lassen? Oder begreifen sie endlich, dass sie über Strategie geredet, aber Menschen geschickt haben? Viele davon in den Tod. Denen sind sie etwas schuldig. Aber auch den Lebenden. Und sich selbst, ihrer Würde.

Hans-Ulrich Jörges / print