Zwischenruf Gerhard oder Osama


Der deutsche Kanzler und der islamistische Terrorist sind die wahren Gegenspieler im Ringen um Krieg und Frieden - überhöhte Identifikationsfiguren zweier Welten. Aus stern Nr. 9/2003

Der Kinderbuchautor Michael Ende hat eine Figur von geradezu philosophischer Faszination geschaffen: Tur Tur, den Scheinriesen. Jener Herr Tur Tur bewohnt eine Oase in wüster Gegend, und jedem, der sich ihm nähert, erscheint er aus großer Entfernung als übermächtige Gestalt am Horizont. Mit jedem Schritt, den der Fremde auf Tur Tur zugeht, schrumpft der Riese indes ein winziges Stück, und am Ende, wenn sich beide Auge in Auge gegenüberstehen, ist er auf menschliches Maß zusammengeschnurrt. Kinder soll das Bild von großer Lebensklugheit lehren, selbst in Riesen den Schein zu erkennen - und die dramatische Veränderung der Wahrnehmung durch Nähe oder Distanz zu reflektieren. Ein überaus lehrreiches literarisches Bild, nicht nur für Kinder.

Denn auch die Politik wird von Scheinriesen bevölkert. Im Kampf um den Irak, präziser: um die Seelen der Völker, ringen heute zwei Scheinriesen miteinander: Gerhard Schröder und Osama bin Laden. Sie sind die Antagonisten bei der Entscheidung zwischen Krieg und Frieden - nicht etwa der amerikanische Präsident und der im Bombenhagel abhanden gekommene Prophet des islamistischen Terrors. George W. Bush und Osama bin Laden sind in Wahrheit groteske Verbündete: Beide wollen, beide brauchen den Krieg, beide sind entschlossen, die Weltordnung umzustürzen. Jeder möchte sie ganz zu der seinen machen und spielt die Hauptrolle im Stück des anderen - ohne Schurke kein Krieg, kein Sieg, keine Macht.

Pervertierte Kreatur

Osama, der Schlächter von New York, Nairobi und Bali - ein Scheinriese? Oh ja, denn er ist nur so groß und so furchterregend, wie es ihm die amerikanische Politik durch ihre eigene Hybris, ihre eigene Uneinsichtigkeit, ihre eigene Verirrung gestattet. Der saudische Millionär ist eine ganz und gar pervertierte Kreatur einstmals blind antisowjetischer Politik Amerikas in Afghanistan. Überlebensgroß aufgeblasen zum propagandistischen Popanz, der hinter allem und jedem steckt - zum Architekten der Apokalypse.

Aus der Nähe betrachtet, ist er ein angstvoll abgetauchter Outcast, der sein verdorbenes Leben und sein mörderisches Netzwerk vor der Vernichtung zu retten versucht. Aus großer Entfernung gesehen, aus der Perspektive der gedemütigten islamischen Massen indes wächst er zum Tur Tur des antiwestlichen Befreiungskrieges. Seine böse Faszination wäre einfach zu brechen: Wenn Bush bin Ladens Spiel nicht mitspielte, dessen Wirkung auf die Straße kappte, zu der Einsicht fähig wäre, dass er seine Kraft aus amerikanischer Gewalt schöpft.

Bushs Kreuzügler

Osamas jüngste Botschaften belegen genau dies - und doch ist solche Hoffnung vergebens: Der Aufruf zum Bündnis der Muslime mit dem "Ungläubigen" Saddam Hussein, dem "Sozialisten im Krieg gegen die Kreuzfahrer", beweist nicht etwa eine Achse zwischen Bagdad und al Qaeda, sondern ganz im Gegenteil, dass sie erst im Krieg geschmiedet würde. Bis heute haben Bushs Kreuzzügler das Wesen des "asymmetrischen Krieges" Osama bin Ladens nicht verstanden: Ihr hilfloser, konventioneller Krieg ist Brennstoff für den Terror.

Gerhard Schröder antwortet darauf mit "asymmetrischer Politik", einem schlingernd eingeschlagenen FundamentalPazifismus, der dem Druck der Vormacht mit halsbrecherischer Verweigerung antwortet und allen diplomatischen Gepflogenheiten Hohn spricht. Was im vergangenen August beim Studium einer Umfrage über die Kriegsmüdigkeit der Deutschen als opportunistische Kampagnenidee in seinem Kopf entstand, wurde erst in höchster Not mit dem theoretischen Fundament des Kampfes für eine multipolare Welt unterlegt.

Aus deutscher Nähe ist der Kanzler klein wie nie: Der konventionell urteilenden Elite von Politik, Militär, Diplomatie und Medien sträuben sich die Haare. Die "asymmetrische Politik" - abenteuerlich entstanden, um das ökonomische Debakel zu überstrahlen - ist jener deutschen Gemeinde so unbegreiflich wie der amerikanischen der "asymmetrische Krieg".

“Che Guerhard“

Aus Distanz, aus Sicht der kriegskritischen Völker im Ausland, die an ihren eigenen Führern verzweifeln, ist der Deutsche indes ein Riese. In Spanien mit "Willkommen Schröder"-Spruchbändern begrüßt, in New Yorks linksliberaler Szene mit "Che Guerhard"-Plakaten verklärt, in San Francisco mit "Germany - Danke"-Bannern gefeiert. Der schwarze und der weiße Tur Tur - Identifikationsfiguren für Krieg und Frieden, Islam und Abendland. Bushs Sieg wäre ein Triumph für bin Laden, Schröders Sieg eine Niederlage - und eine Brücke zu den Muslimen.

Hans-Ulrich Jörges print

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