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Che Guevara: Sein Tod machte ihn unsterblich

Er propagierte den "Neuen Menschen" - den Bürger, der nur aus moralischem Antrieb schuftet. Er glaubte, der Erfolg in Kuba lasse sich auf andere Länder übertragen. Che Guevara wollte die Welt verändern und war bereit, dafür zu töten. Seine Gegner wollten ihn auslöschen - und schufen eine Legende.

Den Kapitalismus hatte er bekämpft, doch sein Gesicht wird längst in aller Welt vermarktet. Das Konterfei des argentinisch-kubanischen Revolutionärs Ernesto Che Guevara ziert heutzutage T-Shirts und Telefonkarten, Zifferblätter und Zippo- Feuerzeuge, Rotweinflaschen, Zigarettenschachteln und sogar Unternehmensanzeigen. In Zeiten der Anti-Globalisierungs-Proteste hat der einstige Kampfgefährte Fidel Castros aber auch politische Symbolkraft bewahrt. Sein früher Tod 1967 hat Che Guevara unsterblich gemacht. Lebte er noch, würde er am Samstag 75 Jahre alt.

Das berühmte Foto Alberto Kordas, das Guevara mit melancholisch entrücktem Gesichtsausdruck und einem Barett mit rotem Stern zeigt, ist mehrere tausend Male um die Welt gegangen. Es stammt von Anfang 1960, als Guevara 31 Jahre alt war. Für die Nachwelt bleibt der lateinamerikanische Kommunist ähnlich dem Schauspieler James Dean für alle Zeiten ein gut aussehender junger Mann.

Der Arzt, der lieber reiste

Ernesto Guevara wurde am 14. Juni 1928 in der argentinischen Stadt Rosario geboren. Schon als Jugendlicher sollen ihn Willenskraft und Gerechtigkeitssinn gekennzeichnet haben. Er studierte Medizin, praktizierte aber nie als Arzt. Er reiste lieber durch Lateinamerika und lernte 1955 in Mexiko Fidel Castro kennen.

Dieser bereitete sich im Exil mit seinem Bruder Raúl und einigen anderen Kubanern auf den Kampf gegen den Diktator Fulgencio Batista vor. Guevara schloss sich den Kubanern an - und erhielt von diesen seinen Spitznamen. Denn "Che" heißt im argentinischen Spanisch so viel wie "hey", und wird von Argentiniern in etwa jedem dritten Satz verwendet.

Castro und Guevara ziehen in Havanna ein

82 Männer, unter ihnen die Brüder Castro und Guevara, schifften sich Ende 1956 im mexikanischen Hafen Tuxpan auf der Motoryacht "Granma" ein. Die Guerilleros landeten im Osten Kubas, doch nur zwölf von ihnen überlebten die ersten Kämpfe gegen Batistas Truppen. Aber sie fanden neuen Zulauf, die Volksbewegung gegen den Tyrannen gewann an Kraft. Am Silvesterabend 1958 suchte Batista das Weite. Castro und Guevara zogen wenige Tage später in Havanna ein.

Von den armen Massen gefeiert, machten sich die Revolutionäre an die sozialistische Umgestaltung der Insel. Sie verstaatlichten Ländereien, Villen und Fabriken. Guevara, der die kubanische Staatsbürgerschaft erhielt, wurde erst Notenbankchef und dann Industrieminister - obwohl er von Ökonomie wenig verstand. Die kubanische Volkswirtschaft ging auf eine rasante Talfahrt.

Die Idee vom "Neuen Menschen"

Guevara propagierte den "Neuen Menschen" - den Bürger, der nur aus moralischem Antrieb und ohne materiellen Anreiz schuftet. Doch die Fachleute in der Zentralbank, denen er die Gehälter kürzte, flüchteten lieber in die USA - wie Hunderttausende anderer Kubaner, die mit Castros Tropensozialismus nichts im Sinn hatten.

1965 trat Guevara als Minister zurück. Manche Historiker meinen, Castro habe ihn wegen seiner zu realitätsfernen Vorstellungen kaltgestellt. Auf jeden Fall zog Che aus, um anderswo auf der Welt Revolutionen anzuzetteln. Guevara glaubte, der Erfolg in Kuba lasse sich beliebig auf andere Länder übertragen und versuchte sein Glück in Bolivien.

Tod im Hinterhalt

Doch nicht ein einziger Bauer schloss sich seiner kleinen Truppe an, die monatelang durch den bolivianischer Urwald irrte. Guevara wurde verraten, vom bolivianischen Militär gefangen genommen und am 9. Oktober 1967 erschossen. Erst 30 Jahre später wurden seine Gebeine wiedergefunden und nach Kuba übergeführt.

Noch heute geloben auf der Karibik-Insel die jungen Pioniere, sie wollten sein "wie der Che" - selbstlos und opferbereit. Doch viele junge Lateinamerikaner ahmten im Laufe der Jahre das Vorbild Guevara auf fatale Weise nach. Von dessen Schriften über die Machbarkeit der Revolution inspiriert, stürzten sie sich in aussichtslose Erhebungen gegen rechte Regime und fanden einen grausamen Tod. "Dies ist Teil der Schuld, die er gegenüber der Geschichte trägt", urteilt Guevaras mexikanischer Biograf Jorge G. Castañeda.

"Geist einer Epoche verkörpert"

Dass Che Guevara zum Mythos wurde, ist nach Ansicht Castañedas nicht nur eine Folge seines ungewöhnlichem Lebens und dessen gewaltsamen Endes. Er habe vielmehr den Geist einer Epoche verkörpert, denn er starb am Vorabend des Jahres 1968 mit seinen weltweiten Studentenprotesten. In einer weniger idealistischen und turbulenten Zeit, meint der Biograf, wäre Che vielleicht unbeachtet geblieben. Sein Märtyrertod habe ihm den Platz in der Geschichte verschafft, nach dem er immer gestrebt habe. "Der Tod Che Guevaras gab seinem Leben einen Sinn", schreibt Castañeda.

Klaus Blume/DPA / DPA