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ENTSPANNUNG: Ein Kniefall für den Frieden

Wie die Regierung Willy Brandts die Entspannung zwischen den Supermächten für eine neue Ost- und Deutschlandpolitik nutzte

Wie die Regierung Willy Brandts die Entspannung zwischen den Supermächten für eine neue Ost- und Deutschlandpolitik nutzte

Das Bild in den Geschichtsbüchern zeigt den historischen Moment nur unvollständig, zeigt nicht die Sekunde der Ungewißheit, das Erschrecken der ahnungslosen Begleiter. Wo ist er? Ist was passiert? Ist er gestürzt? Was sie dann sehen, trifft sie wie ein Schock. Willy Brandt kniet. Er hat die Kranzschleife zurechtgezogen, hat einen Augenblick verharrt in protokollarischer Pose - und ist auf die Knie gefallen, ungestützt, die Hände übereinander. Er kniet wohl eine halbe Minute auf dem nassen Granit. Der Ruck, mit dem er aufsteht, ist so heftig, als gelte es Fesseln zu sprengen. Die Anstrengung läßt der Maske, in die Brandt sein Gesicht zwingt, keine Chance. Die Miene, die darunter sekundenlang sichtbar wird, ist die Miene eines Bekenners. Das war am 7. Dezember 1970im Jahr Willy Brandts. Sein Bild, das Bild des knienden Kanzlers im alten Warschauer Ghetto, wurde zum Symbol des Wandels, zum Ausdruck einer neuen Qualität der Politik. Einer, der zweimal vergebens versucht hatte, in freien Wahlen die Zustimmung einer breiten Mehrheit seines Volkes zu seiner Person und zu seinem Lebensweg zu gewinnen, ein unehelicher Sozi und Emigrant, bekannte sich hier zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hatte, und bat um eine Vergebung, deren er selber nicht bedurfte.

Es war das Jahr des Aufbruchs, der großen Erwartungen. Nichts schien mehr unmöglich. Die Euphorie des »Machtwechsels« vom Oktober 1969 bestimmte noch die Gefühlslage der sozial-liberalen Koalition, nicht deren äußerst knappe parlamentarische Mehrheit. Noch hieß die Devise »Mehr Demokratie wagen«, nicht »Radikalenerlaß«. Brandts Regierungserklärung hatte stellenweise das Pathos einer Zeitenwende. Es war weniger ein konkretes politisches Programm als vielmehr diese Aufbruchsstimmung, dieser moralische Imperativ der Veränderung, der Willy Brandt als »Kanzler der inneren Reformen« antreten ließ.

Aber schon das Jubeljahr 1970 ließ erkennen, daß in Wahrheit die Außenpolitik - eine neue Friedensordnung in Europa, die »von den gegebenen Realitäten auszugehen« habe - der eigentliche Lebenszweck der Regierung Brandt war. 1970 wurde zum Jahr der »Ostpolitik«: Vertragsverhandlungen in Moskau und Warschau, deutsch-deutsche Gespräche auf höchster Ebene und parallel dazu Verhandlungen der vier Siegermächte über den Berlin-Status. Seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre war die Machtbalance zwischen den beiden Blöcken in Ost und West in Bewegung geraten; und im Wetterleuchten solcher weltpolitischen Veränderungen zeigte die sozial-liberale Regierung Flagge: Sie unternahm es konsequenter als ihre Vorgängerinnen, den Spielraum der Entspannung, den die Supermächte eröffneten, für eine neue Orientierung ihrer Ost- und Deutschlandpolitik zu nutzen.

Brandt sprach von den »beiden Staaten in Deutschland, die füreinander nicht einfach Ausland sein können«. Bereits als Außenminister der Großen Koalition hatte er, den machtpolitischen Realitäten folgend, die Hegemonialmacht UdSSR als ersten Adressaten aller Bemühungen um einen völkerrechtlich verbindlichen Gewaltverzicht gesehen. Nur in Moskau konnte Klarheit darüber geschaffen werden, »ob es geht oder ob es nicht geht«, wie Brandts Freund und Vordenker Egon Bahr sagte. Zwischen dem 30. Januar und dem 22. Mai entstand dort das sogenannte Bahr-Papier, eine vertragsähnliche Auflistung vereinbarter Leitsätze, aus denen im Hochsommer ein Vertrag wurde.

Die Reise zu dessen Unterzeichnung am 12. August war Willy Brandts erste Moskau-Reise überhaupt.Aber ob sein Bild vom »Vaterland der Werktätigen« dabei korrekturbedürftig geworden sei - das, sagte er, »möchte ich lieber für mich behalten«. Brandts russische Herausforderung hieß Leonid Breschnew. Niemand war mehr zu Scherzen aufgelegt, wenn der Generalsekretär der KPdSU dabei war- außer Breschnew. Niemand wagte mehr Widerspruch, auch nicht Ministerpräsident Kossygin oder Außenminister Gromyko. Und am Ende eines vierstündigen Separat-Dialogs hatte Willy Brandt ein durchgeschwitztes Hemd und das Gefühl, diese vier Stunden seien »nichts, nichts« gewesen, kaum genug, das Gespräch richtig anzufangen.

Aber es gab auch Szenen, in denen Mütterchen Rußland und die »glorreiche Oktoberrevolution« so unmittelbar nebeneinander präsent waren. daß landfremde Besucher - wie Brandt - glauben mochten.einer Sinnestäuschung erlegen zusein. Solch eine Szene war eben jene Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Vertrages im Katharinensaal des Kreml. Eine glänzend konservierte Kulisse: zaristische Grandeur plus Aircondition; Feudalismus von einer geradezu barbarischen Vitalität. Außerdem Choreographie: Russen und Deutsche rückten in zwei Marschsäulen dramatisch aufeinander zu und trafen sich schließlich zu einem Shakehands-Scharmützel, in dem die Russen sichere Sieger blieben. Private Auftritte mied Brandt in Moskau.

Anders Walter Scheel, der Außenminister. Als er im Juli mit großer Delegation anreiste, um das Bahr-Papier vertragsreif zu verhandeln, geriet seine Mission wegen deutscher Nachbesserungswünsche gleich zu Beginn ins Stocken. In der abhörsicheren Kabine der deutschen Botschaft wurde daraufhin verabredet, nach dem Abendessen, zu dem Scheel vom sowjetischen Außenministerium eingeladen war, eine interne Krisensitzung abzuhalten. Aber dazu kam es nicht. Zur verabredeten Zeit saß Walter Scheel noch im »Slawjanski Basar«, einem ziemlich bizarren Moskauer Mammut-Restaurant, in dem Einheimische und Touristen in völkerverbindender Völlerei aufeinandertrafen. An einer langen russischen Tafel befeuerte Scheels Gastgeber Semskow mit Trinksprüchen die ohnehin bereits lodernde Begeisterung des deutschen Gastes für das lokale Ambiente. Scheel hatte auf zwei Hochzeiten getanzt, die im Restaurant feierten, und so manchem Toast Bescheid getan, »immer ex«. Dabei erkannte ein Trupp überwiegend weiblicher Touristen aus der Umgebung von Bielefeld den deutschen Außenminister. Eines dieser Mädchen, das Scheel sogleich zum Tanz führte erwies sich als gebürtige Russin,mit einem Bielefelder verheiratet. Walter Scheel war glücklich.

Wer hätte in diesem Augenblick noch behaupten wollen, die Aussöhnung von Deutschen und Russen sei ein Problem der Vertragsklauseln? Das Problem jedenfalls wurde gelöst - von Egon Bahr. In zweimal vier Stunden bekamen er und sein Gesprächspartner Walentin Falin, später Botschafter Moskaus in Bonn, »die Sache wieder flott«. In Moskau wurden so die Fundamente auch für eine Neuordnung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Polen sowie zwischen den »zwei Staaten in Deutschland« gelegt. Von den deutsch-deutschen Begegnungen in Erfurt und Kassel waren sachliche Fortschritte kaum zu erwarten. Der Regierung Brandt kam es vor allem darauf an, Gesprächsbereitschaft zu zeigen, um Störversuche Ost-Berlins in Moskau zu erschweren. Spektakulär war allenfalls die emotionale Kulisse. Als der Kanzlerzug aus Bonn am 19. März in Erfurt einfuhr, zerbrach auf dem tristen Stück Straße zwischen dem Bahnhofund dem Hotel »Erfurter Hof« die schwache,betont bei-Iäufige Absperrung, und wenigstens tausend Menschen stürmten den Platz, als gelte es die letzte Schlacht. Die ersten erreichten stolpernd und im Gemenge mit verzweifelten Vopos das Hotel fast gleichzeitig mit den beiden deutschen Staatschefs Willy Brandt und Willi Stoph.

Es gab ein paar Minuten,in denen sich Trotz Panik, Triumph, rohe Gewalt und schlichte Überrumpelung in einem buchstäblich lebensgefährlichen Gedränge vermischten. Kein Lächeln unterlief Brandt, als aus der Menge sein voller Name gerufen und so jeder Zweifel daran beseitigt wurde, welchem Willy dieser Durchbruch galt. Er eilte nicht gleich ans Hotelfenster, als ihm gesagt wurde, die Erfurter da draußen riefen wahrhaftig immer noch nach ihm. » Aber nur einen Augenblick«, sagte er zögernd. Er sah auch nicht aus wie einer, der seinen Triumph genießt, als er sich schließlich zeigte. Mit einer kleinen, beinah hilflosen und eben darum überwältigenden Bewegung beider Hände bat er um Irrieden. Kassel dagegen war blamabel. Was das Treffen dort am 21. Mai so peinlich machte, war eben die Erinnerung an diesen Aufschrei vor dem »Erfurter Hof«, auf den niemand eine adäquate Antwort hatte.

Kassel wurde zur Karikatur der Demonstrationsfreiheit denn die brachte nichts anderes hervor als ein dreistes Durcheinander unreflektierter, ungehobelter Manifestationen politischer Dummheit. Schon am hellichten Tage spukte es in Kassel: Die Roten marschierten gegen die Braunen, die »Internationale« trat in Wettstreit mit der ersten Strophe des Deutschlandlieds. Im Sperrbezirk vor dem Schloß Wilhelmshöhe holten drei Jünglinge mit gefälschten Presseausweisen die DDR-Flagge vom Mast und zerschnitten sie. Und in der Nacht um 1.42 Uhr entdeckte die Besatzung des Streifenwagens »Falke 10«, daß am Mahnmal für die Opfer des Faschismus der von Willi Stoph dort niedergelegte Kranz seiner Schleife beraubt worden war. Ob Willy Brandt, als er im alten Warschauer Ghetto niederkniete wohl auch an die Unbelehrbaren gedacht hat? An alle jene, die damals den mörderischen Zusammenhang zwischen Regime und Verbrechen nicht gesehen haben und noch immer nicht sehen wollen?

Erst tief in der Nacht des 7. Dezember wird es möglich, ihm solche Fragen zu stellen; erst da fühlt er sich frei genug, von Motivationen zu sprechen und von Emotionen. Er sitzt auf ein Glas oder zwei, unter ein paar mitgereisten Freunden im roten Salon seines Staatsquartiers Schloß Wilanów, einer barocken Magnatenresidenz, einst erbaut für Jan III. Sobieski, zerstört von der SS, restauriert von der Volksrepublik Polen. Und auch jetzt noch macht die Antwort Mühe. » Heute morgen«, sagt er, obwohl Mitternacht längst vorüber ist. »heute morgen habe ich das gewußt: daß das nicht einfach so geht wie bei anderen Kranzniederlegungen«.» Aber vorgestellt hat er sich die Geste der Demut nicht geschweige denn hat er darüber gesprochen. Und gedacht hat er im Augenblick, da er niederkniete, «natürlich überhaupt nicht». Aber, und dieses Aber kommt schnell, «von einem bin ich jetzt, nachher, doch fest überzeugt: daß ich einer ganzen Menge Menschen bei uns damit geholfen habe».