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FRIEDRICH NIETZSCHE - Teil 3: »Ich werde einmal Centauren gebären«

Professor Nietzsche ist 24 und ein Exot unter den Kollegen in Basel. Er liest lustlos vor dummen Studenten und lebt auf, wenn er die Wagners besucht. Für Cosima kauft er Tüll und Kasperpuppen, für den Meister schreibt er »Die Geburt der Tragödie«

Professor Nietzsche ist 24 und ein Exot unter den Kollegen in Basel. Er liest lustlos vor dummen Studenten und lebt auf, wenn er die Wagners besucht. Für Cosima kauft er Tüll und Kasperpuppen, für den Meister schreibt er »Die Geburt der Tragödie«

Soll er? Soll er nicht? Es ist Samstagmorgen. Unschlüssig steht er vor Richard Wagners Villa und weiß nicht, ob er klingeln soll. Er ist ja nicht angemeldet. Und da hört er diesen Akkord. Hört immer wieder denselben schmerzlichen Accord.

Wagner arbeitet am dritten Akt des »Siegfried«. Der kecke Held erweckt gerade Brünnhilde zu menschlichem Leben und sich selbst zur Lust. O Weib, jetzt lösche den Brand! Und sie entwindet sich mit Wehe!Wehe! und singt: Verwundet hat mich, der mich erweckt. Und genau da ist er, dieser schmerzliche Akkord. Nietzsche wird sich, wenn er Jahre später den »Ring« hört, genau an diese Stelle erinnern.

Und dann traut er sich doch. Gibt seine Visitenkarte ab. Wartet. Nein, sagt der Diener, der Meister darf nicht gestört werden. Er soll übermorgen, am Pfingstmontag, wiederkommen.

Beschwingt geht er die halbe Stunde von Tribschen durch die Weidelandschaft am Vierwaldstättersee zurück nach Luzern. Ein paar Dozenten haben den neuen Professor aus Basel zur Tell-Platte eingeladen. Und dort, in der Pension »Imhof«, will Nietzsche an diesem Pfingstwochenende im Mai 1869 auch seine Antrittsvorlesung über Homer schreiben.

Wie hatte der große Ritschl aus Leipzig seinen Lieblingsschüler noch angepriesen? Ein Odysseus würde nach Basel kommen. Aber vom heldischen Odysseus hatte Nietzsche nie etwas, eher vom leidensfähigen, vom Dulder, vom Exilanten, der von Klippe zu Klippe geworfen wird.

Es ist eine lange, kluge, wissenschaftliche Rede, die er da schreibt, der 24-Jährige, der nun Studenten unterrichten wird, die in seinem Alter sind. Noch ein paar Monate zuvor hatte er den ganzen Philologenklumpatsch hinwerfen wollen. Was hatte er gesagt? So betrachte ich die Philologie als eine Mißgeburt der Göttin Philosophie, erzeugt von einem Idioten.

Das klingt nun am Ende seiner Antrittsvorlesung, die er in der vollbesetzten großen Aula des Baseler Museums hält, wieder ganz anders: Die Philologie, sagt er, sei zwar keine Muse, aber eine Götterbotin. Und die steige herab in eine düstere, schmerzerfüllte Zeit und erzählt tröstend von den schönen, lichten Göttergestalten eines fernen, blauen, glücklichen Zauberlandes.

Das sagt Nietzsche im fernen, glücklichen Alpenland. Aber dieses Basel, diese heimelige Kleinstadt, so sauber und so spießig, nein, sie gefällt ihm nicht. Man verbraucht nirgendwo weniger Handschuhe als hier, schreibt er an die Frau seines Studentenvaters Ritschl nach Leipzig. Dabei hat er sich so fein ausgestattet mit Frack und Ballanzug. Aber fein und feierlich ist man in Basel nicht. Nietzsche ist der einzige, der täglich mit Zylinder rumläuft. Bestelle mir doch schleunigst bei Haverkamp einen schwarzen Rock zu Visiten, schreibt er der Mutter.

Aber eingeladen wird er unentwegt. Sechzig Besuche in den ersten Wochen. Alle wollen doch den Wundermann kennen lernen, der ohne Promotion und Habilitation Furore als Professor macht.

Ach, wie lästig ihm das alles ist. Und er mag auch diese Pieksereien nicht, diese Anspielungen. Beim Rektoratsbankett hält einer eine launige kleine Rede, sagt, es könne ja nicht jeder ein Gelehrter sein, also müsse man eben auch schon mal mit Bildungsphilistern vorlieb nehmen.

Da steht Nietzsche auf und geht. Das Wort Bildungsphilister hat er doch gerade in einem Vortrag unter die Leute gebracht. Also Nietzsche geht. Und Kollege Piccard guckt später noch einmal im Schützengraben 45 bei ihm vorbei.

Da liegt der möblierte Herr ganz außer sich im dunklen Zimmer auf dem Bett. Piccard setzt sich zu ihm, beruhigt ihn, sagt ihm, das sei halt so der Baseler Witz. Und Nietzsche starrt ihn unheimlich an und sagt: Aber Piccard, haben Sie denn nicht gehört, wie alle sich über mich lustig gemacht haben?

Gott sei Dank, dass es außer dieser Baseler Gesellschaft noch Wagner gibt. Der Besuch im idyllischen Tribschen an jenem Pfingstmontag war gut verlaufen. Nietzsche lernt auch Wagners Geliebte Cosima kennen, Tochter von Franz Liszt, noch verheiratet mit dem Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow. Der dirigierte 1865 in München die Uraufführung von »Tristan und Isolde«, als seine untreue Cosima gerade eine Tochter von Wagner zur Welt brachte, Isolde. Zwei Jahre später wird Eva geboren. Und nun ist sie wieder schwanger vom Geliebten. Und noch immer nicht geschieden.

Dabei ist Cosima gegen Emanzipation. Gegen Juden ist sie auch. Knallhart. Wie Wagner. Ist auch gegen Sozialismus. Und für Aristokratismus. Ihr Weltbild geht auf im Weltbild Wagners. Und das gipfelt in einer Apotheose der germanischen Rasse. Ja, sie wird bei ihrem Richard bleiben, auch, wenn der Gatte ihr immer mal wieder im Traum erscheint, mit grauem Haar und weinend.

Der sieben Jahre jüngere Nietzsche ist verwirrt, verzaubert und beeindruckt von der hochschwangeren Gestalt. Ein ruhiger angenehmer Besuch, wird sie über Nietzsche ins Tagebuch schreiben, und sie fügt hinzu, dass der junge Mensch Richards Werke gründlich kennt und ihn sogar in seinen Vorlesungen zitiert. So soll es sein! Ein Jünger für den Wagner.

Sie lädt den Gelehrten also gleich wieder für den nächsten Samstag ein, den 22. Mai. Da hat Wagner Geburtstag. Aber Nietzsche traut sich nicht, redet sich raus: Die leidige Kette seines Berufes halte ihn in der Basler Hundehütte zurück. Er schreibt lieber einen Brief.

Erst zwei Jahre später erlebt Nietzsche einen dieser bühnenreifen Geburtstage in Tribschen. Da wird die Büste des Herrn mit Blumen bekränzt, und die Kinder hopsen als Senta und Isolde verkleidet durchs Haus, und Cosima legt das Gewand der Sieglinde an, Sieglinde aus der »Walküre«, die ihren ungeliebten Gemahl Hunding betäubt und mit dem Zwillingsbruder vom Stamme Wälsungen in Liebesglut erbebt. Wagner ist tief ergriffen, sie so vor sich zu sehen. Und mittendrin - Nietzsche.

Aber in der ersten Baseler Zeit traut er sich noch nicht. Wie er überhaupt ängstlich ist im Umgang mit Menschen. Einmal, als er in Lausanne ist, kann er die Kathedrale nicht finden, was er sehr bedauert. Ja, aber warum haben Sie denn nicht jemanden gefragt? fragt Kollege Piccard ganz entgeistert. Da sagt Nietzsche fast beschämt: Wissen Sie, man hätte mich ausgelacht!

So ist er. Ängstlich mit Menschen. Mit Wörtern nicht. Da traut er sich alles. Schreibt also 1869 im Geburtstagsbrief an Wagner, wie glücklich er sei, zu den wenigen gehören zu dürfen, die ihn wirklich verstanden haben, denen es vergönnt ist, das Licht zu sehen und sich an ihm zu wärmen, wenn die Masse noch im kalten Nebel steht und friert.

Ja, er, Nietzsche, wolle für weltweite Anerkennung des Genies kämpfen. Nach dem Sieg dann aber auch bitte zur Rechten des Meisters sitzen dürfen. Eine Art Eroberungsrecht auf den Genius haben, so schreibt er. Der kriegerische Jünger nennt in seinem Brief natürlich auch die Mächte, die ganz offenbar vom Operngott ablenken: politische Miseren, philosophischer Unfug und vordringliches Judenthum.

Also das gefällt dem Antisemiten Wagner. Auch, dass Nietzsche ihn und Schopenhauer auf eine Stufe stellt. Ist ja richtig. Schopenhauer hat ja gesagt, dass Musik der absolute Ausdruck des Weltwillens ist.

Aber der Rest des Briefes? Unmöglich! Was faselt der junge Mann da von einer so einsam und merkwürdig dastehenden Persönlichkeit? Er ist nicht einsam. Er ist weltberühmt! Hat den »Fliegenden Holländer« hinter sich, den »Tannhäuser«, »Lohengrin«, »Tristan und Isolde«, die »Meistersinger«. Und sein Sponsor ist Ludwig II., König von Bayern, der gerade Neuschwanstein bauen lässt. Also bitte.

Nein, er hat keine Lust, auf diesen Brief zu antworten. Aber Cosima, die hohe Frau mit dem hohen Leib - sie ist im neunten Monat -, findet den Brief wirklich hübsch und bittet ihren Richard, Nietzsche doch gleich fürs nächste Wochenende einzuladen.

Also gut. Kommen Sie doch Sonnabend Nachmittag, bleiben Sie Sonntag und kehren Sie Montag früh wieder zurück: das vermag doch etwa jeder Handwerker, um so viel mehr doch ein Professor. So. Das wird ja wohl sitzen. Wagner kann es nicht vertragen, dass Nietzsche so zögerlich ist.

Und Nietzsche kommt. Herrliches Wetter. Sommerbrunst, schreibt Cosima ins Tagebuch. Der Professor ist hin und weg. Welch eine Idylle zwischen See und hoch aufragendem Pilatus. Nur die Tiere in Wagners Refugium sind ihm eher schrecklich: der Neufundländer, der Pinscher, die Pferde, Fritz - auch das noch! - und Grane. Grane ist ein Geschenk von König Ludwig. Und Hühner wetzen im Garten rum, und Schafe glotzen, und ewig schleicht die Katze, und Cosima füttert ihr Pfauenpaar Wotan und Fricka.

Mit Nietzsche den Abend erträglich zugebracht, notiert Wagner am Ende des Tages. Gegen 11 Uhr gute Nacht gesagt. Von der Nervosität im Hause merkt der Gast noch nichts. Cosima erwartet die Wehen. Am nächsten Mittag bittet sie Richard, kein Aufsehen zu machen. Nietzsche soll bleiben. Muss dann eben mit den Kindern essen. Im Übrigen habe er ja sein eigenes Zimmer.

Das Personal ist in Habachtstellung. Die Hebamme kommt. In der Nacht geht es los. Cosima brüllt gewaltig. Die Türen knallen. Alles rennt. Am frühen Morgen ist Jung-Siegfried endlich da. Ein schwerer Brocken. Wagner, heißt es in Cosimas Tagebuch, starrte in erhabener Bedeutung vor sich hin. Nietzsche gehört nun zur Familie.

Er bekommt die Rolle des Hausfreunds in Wagners Menagerie. Darf kommen, wann er mag. Und er mag oft. Sie spazieren dann am See entlang, am Räuberweg, Cosima in rosa Cashmere und Florentinerhut, Wagner mit Samtrock, Atlaskniehose, Seidenstrümpfen und Künstlerbarett. Und Nietzsche fühlt sich in der Nähe des Göttlichen.

In Basel sammelt er alles, was über seinen Genius in den Zeitungen steht. Das schneidet er aus und schickt es Frau Cosima. Lauter kleine Bomben: dass Wagner vorm Spiegel stehe und Goethe-Gesten einstudiere, im Luxus lebe, einen Harem habe, na, und dann sich vom Bayern-König aushalten lassen.

Um Himmels willen, er soll bloß Richard nichts davon erzählen, das muss unter ihnen bleiben. Also ihr kleines Geheimnis. Komplizenschaft. Das mag Nietzsche. Er liest Cosima auch seine Vorträge vor, widmet sie ihr, ist wohl auch verliebt in sie, scheu und schwärmerisch.

Ja, er ist aufgenommen in den Hofstaat, ist einer von ihnen, und so soll er sich auch verhalten und ordentlich essen. Aber Nietzsche ist Vegetarier. Den Tick hat er von seinem Aristokraten-Freund Carl von Gersdorff aus Leipzig. Der hatte gesagt, Pflanzenkost erhöhe das Wohlbefinden und befreie von Hämorridenschmerzen.

Wagner hält dagegen. Kein Fleisch essen sei Unsinn. Nietzsche findet es aber ethischer, keine Tiere zu essen. Diese Sünde, sagt Wagner, sühne man dadurch, dass man etwas Gutes zustande bringe. Und das könne man schließlich nicht durch Milchtrinken. Da kann er ja gleich Asket werden. Nietzsche gibt ihm Recht, bleibt aber bei seiner Abstinenz, und da, schreibt Cosima ins Tagebuch, wird Richard böse.

In Basel hat Nietzsche viermal in der Woche Vorlesungen. Da steht er schon um sieben Uhr vor seinen Studenten und liest über die Fragmente der griechischen Lyriker und die vorplatonischen Philosophen, liest lustlos vor dummen Hörern, die, wie er klagt, immer nur mitschreiben, was er sagt.

Ich lebe wie auf einer Insel, schreibt er an die Mutter. Er hätte so gern seinen Busenfreund Rohde bei sich.

Ein Jahr später hat er einen neuen intimen Freund. Der heißt Franz Overbeck und ist auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Kirchengeschichte nach Basel berufen worden. Overbeck ist sieben Jahre älter als Nietzsche, Junggeselle wie der, und er wird sein zuverlässigster und opferbereitester Freund werden.

Overbeck bezieht eine Wohnung im selben Haus, in dem auch Nietzsche lebt. Also essen sie gemeinsam, musizieren auch, Nietzsche hat das Klavier, Overbeck schöne vierhändige Sachen von Schubert. Manchmal kommen Kollegen und Freunde dazu. Dann gibt's gebackene Kartoffeln und aufgebratenen Schinken. Nietzsche liest auch gerne vor, am liebsten aus den Novellen von Mark Twain. Und mit Ida Rothpletz, dieser sehr mädchenhaften Schweizerin, spielt er sogar den Liebeswalzer von Brahms.

Ida Rothpletz, die Overbeck heiraten wird, ist eine kluge Beobachterin. Sie schreibt über Nietzsches Klavierspiel: Er besaß keinerlei Virtuosität, spielte fast hart und eckig, suchte die Töne in der Erinnerung und dann auf den Tasten. Und wenn sie alle zusammen im Wald spazieren, sieht sie ihn vor sich, rüstig, aber doch den Weg suchend, was seinem Gang ein gewisses ungeschicktes, unfreies Gepräge gab.

Als am 19. Juli 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbricht, ist Nietzsche im Maderanertal, sitzt 1300 Meter hoch im »Hotel Alpenklub«. Und während die Donner der Schlacht von Wörth über Europa weggingen, grübelt er in der wildromantischen Landschaft, die durchrauscht ist von Wasserfällen, über eine Idee nach, über die dionysische Weltanschauung, die einmal zur »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« führen wird.

Schon im Februar hatte er an Freund Rohde geschrieben, dass er zweifle, je ein guter Philologe zu werden, und dass auch Wagner seine Bestimmung in einer ganz anderen Richtung sieht. Wissenschaft Kunst und Philosophie, schreibt er, wachsen jetzt so sehr in mir zusammen, dass ich jedenfalls einmal Centauren gebären werde.

Das sind diese brutalen, lüsternen Gesellen, halb Mensch, halb Pferd, die gern in die feine Gesellschaft eindringen. Und Nietzsche sitzt da nun im Alpenhotel und tritt für seine »Geburt der Tragödie« brutal und lüstern gegen den sokratischen Geist an. Sokrates, der Aufklärer, der Rationalist, hat mit dem Wort den Mythos Musik gemordet. Er ist der Dämon, der die Geheimnisse entzaubert, er muss bekriegt und besiegt werden.

Aber nun ist der andere Krieg ausgebrochen, der richtige gegen Frankreich. Freund, liebster Freund, wir sahen uns noch einmal in der Abendröte des Friedens, schreibt Nietzsche in einem Brief an Rohde und bittet am 8. August um Urlaub von der Universität, damit er sich als Soldat und Krankenpfleger nützlich machen kann. In Briefen spricht er von seinen Pflichten und dass er einen Beitrag in den Opferkasten des Vaterlandes werfen müsse. Möchte er etwa in Paris einmarschieren? Paris ist ja noch immer sein Traum von Kunst und Freiheit.

Da oben im Maderanertal, im »Alpenklub«, hatte er Adolf Mosengel kennen gelernt, einen lustigen Burschen, der Paris kennt, fließend Französisch spricht und die verrücktesten Amouren in Adelskreisen erlebt haben will. Landschaftsmaler ist er. Und in den Krieg ziehen will er. Also können sie doch zusammen losziehen. Elisabeth Nietzsche, die ihren Bruder damals gerade besucht, flötet in den höchsten Tönen von Fritz, der strahlend von Gesundheit, überströmend von Geist und Tatenlust ist.

Also Odysseus will in den Krieg ziehen. Am 12. August trifft er den fröhlichen Malerfreund in Lindau. Am 13. beginnt ihr verrücktes Abenteuer. Sie lachen und quatschen im Zug nach Erlangen. Und Nietzsche singt übermütig sein frisch komponiertes Vaterlandslied: Ade, ich muss nun gehen zum Kampf wohl an den Rhein.

Was macht er da bloß! Ist nicht einberufen worden, meldet sich auch nicht bei einer militärischen Dienststelle, nein, die beiden haben Zeitung gelesen, haben Anzeigen für Freiwillige gefunden, und da gehen sie nun hin, zum »Erlanger Verein für Felddiakonie«.

Wir werden am Hospital ganz zu Wundärzten und Chirurgen ausgebildet, schreibt Nietzsche an seine Mutter. Das ist natürlich völliger Unsinn. Die beiden werden im Schnellverfahren zu Sanitätern gemacht.

Nietzsche und Mosengel sollen in der Gegend um Wörth herum nach Überlebenden und dem Grab eines hohen Offiziers suchen. Nach stundenlangen Fußmärschen von Lazarett zu Lazarett geraten die zwei auf das furchtbar verwüstete Schlachtfeld.

Trotz des starken Leichengeruchs sammeln die beiden Abenteurer zwischen verwesenden Soldaten die französischen Chassepotkugeln ein. Als Andenken für daheim. Ein Erinnerungszeichen an entsetzliches Schlachtfeld von Wörth folgt mit, schreibt Nietzsche um zwei Uhr nachts im Viehwagen an seinen alten Lehrer Ritschl. Es ist ein kurzer Brief mit Kugel, denn elendes Oellicht hindert mehr zu schreiben.

Und weiter geht's über Hagenau und Nancy fast bis nach Metz. Dem Sieg und dem Tod immer hinterher. Und der Tod macht sie stumm. Sie kehren um. Am Tag der Schlacht bei Sedan, als die Franzosen kapitulieren und Napoleon III. in Kriegsgefangenschaft gerät, kommen Nietzsche und sein Freund wieder in Deutschland an. Nietzsche schwer krank mit Brechruhr und Rachendiphtheritis. Der Schlachtenbummler liegt nun selber flach. Er verschreibt sich eine Rosskur. Er will sich selber heilen, weiß ja sowieso immer alles besser. Nachdem ich mehrere Tage mit Opium- und Tanninklystiren und Höllensteinmixturen meinem Leibe zugesetzt hatte, war die erste Gefahr beseitigt. Und Mosengel ist sein Schutzengel und pflegt ihn hingebungsvoll.

So liegt Nietzsche nun in Erlangen im »Hôtel Wallfisch« im Bett und schreibt einen Brief an Richard Wagner. Er lobt darin seine Heldentaten, die er alle mit Glück erledigt. Zu den deutschen Siegen möchte er kein Wort sagen: das sind Feuerzeichen an der Wand, allen Völkern verständlich.

Nietzsche kehrt im Oktober mit Brechreiz, Migräne, Magen- und Darmleiden, mit Schlaflosigkeit und schmerzenden Hämorriden nach Basel zurück. Es geht ihm miserabel. Sein Kriegsgeschenk, zwei Büsten des preußischen Königspaars, steht zwar in seinem möblierten Zimmer, aber eigentlich findet er diese blutgetränkten Herrschaften entsetzlich.

Liesbeth kommt nach Basel. Sie führt ihrem Bruder in den nächsten acht Jahren in Abständen immer wieder den Haushalt. Pinder und Krug, die alten Freunde aus Naumburg, haben sich inzwischen verlobt. Overbeck auch. Nietzsche ist noch immer Junggeselle. Das ist der Schwester recht. Schließlich wird er ja schon von ihr geliebt, vergöttert und verwöhnt. Und Fritz nimmt Lieschen zu allen Gesellschaften mit, auch zu Wagners nach Tribschen, und die finden das adrette Kind artig, niedlich und bescheiden.

Aber dass Nietzsche nicht heiratet, finden sie schon unnatürlich. Unnatürlich auch, wie er dauernd von seinem Freund Gersdorff schwärmt. Das ist doch nicht normal. Ich meinte, Sie müßten heiraten oder eine Oper komponieren, schreibt Wagner 1874 in einem Weihnachtsbrief an Nietzsche. Eines würde Ihnen so gut und schlimm wie das andere helfen. Das Heiraten halte ich aber für besser. Er hält Nietzsche ganz einfach für einen Hypochonder und einen Feigling. Und grob, wie er nun mal ist, fügt er hinzu: Ach Gott, heiraten Sie eine reiche Frau! Warum muss nur Gersdorff gerade eine Mannsperson sein!

Und an Gersdorff hatte Nietzsche doch noch ein Jahr zuvor, als alles um ihn herum sich so plötzlich verlobte, geschrieben: Nicht wahr, wir gehören zusammen und bleiben uns treu, mögen auch noch so viele Weiber dazwischentreten. Männer sind für ihn Nektar und Ambrosia, Balsam für die Seele. Weiber sind zum Kinderkriegen da. Also das überlegt er natürlich auch, wenn er an seinen Busenfreund Rohde schreibt: gelegentlich müssen wir nun auch unsre andere Schuldigkeit tun und für einen kräftigen geistig-leiblich ebenbürtigen Nachwuchs sorgen.

Und doch sind ihm die Zentauren wichtiger, die er selbst gebären will. Seine »Geburt der Tragödie« erscheint Neujahr 1872. Und ist ein Schock. Aber nur für seine Kollegen. Entthront doch da ein Philologe aus Basel einen Philosophen aus Athen: Sokrates. Ein Philologe stellt das Griechentum auf den Kopf und deutet es neu. Schlüsselfiguren sind Apollo und Dionysos. Apollo, der Gott des Lichts und des schönen Scheins, der Fantasie, des heilenden Schlafes und des Traums. Und Dionysos, der Gott des Rausches, der Ekstase, der Verzückung und der Fruchtbarkeit.

Apollinisch und dionysisch. Ein Duell der Götter zwischen Vernunft und Intuition. Und beide wollen siegen. Hier steckt Nietzsches spätere Machtphilosophie noch in griechischen Kinderschuhen. Unter der sanften Klarheit Apollons bricht die Wildheit von Dionysos hervor. Im Gesang. Im Chor. Lyrisch, sinnlich und betäubend. So war sie, die griechische Tragödie, entsprungen aus dem Geist der Musik.

Doch in dieses mystisch erhabene Spiel ist dann das Wort eingebrochen, der Dialog, der logische Geist des Sokrates. Aus der ursprünglichen Kunst ist für Nietzsche ausgeklügeltes Kunstwerk geworden. Die Zeit des sokratischen Menschen ist vorüber: kränzt euch mit Efeu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn ihr sollt erlöst werden.

Und der Erlöser heisst natürlich Wagner, denn nur Musik, also die revolutionäre Musik von Wagner - die Nietzsche Tonphilosophie nennt -, kann den von Sokrates gemeuchelten Mythos neu beleben. Also ist Nietzsches erste philosophische Schrift eine Propagandaschrift für seinen Gott von Tribschen.

Wagner ist überwältigt. Er liebt ja das Pathos und diesen Priesterton, den Nietzsche schon ein paar Jahre später peinlich und verzuckert findet. Also Wagner ist begeistert. Schöneres als Ihr Buch habe ich noch nichts gelesen! Alles herrlich!, schreibt er. Zu Cosima sagte ich, nach ihr kämen gleich Sie. Ach, Nietzsche soll doch bitte auf einen Husch nach Tribschen rüberkommen, dann könne man das Werk dionysisch begießen.

Aber danach ist Nietzsche nicht zumute. Es ist mal wieder Weihnachtszeit. Er leidet. Nimmt Medikamente. Macht Diät mit Suppe und Grahambrot. Und wartet auf Reaktionen. Reaktionen auf sein Werk. Aber nichts. Dabei hat er doch eine Welt zerstört und neu geschaffen. Aber niemand, außer ein paar Fachkollegen, regt sich über sein Buch auf. Nur Wagners jubeln und verteilen es an alle Freunde.

Und wie alle Jahre wieder kommt die liebe Cosima mit Wünschen an. Immer muss ja was besorgt werden. Nietzsche kennt das schon seit Jahren. Das fing beim ersten Weihnachtsfest an. Geschenke für die Kinder. Kasperlepuppen. Ach, sie kriegt in ganz Luzern nicht, was sie sich vorstellt. Bitte einen König und einen Teufel. Im Spielwarengeschäft der Baseler Eisengasse sei große Auswahl.

Und dann braucht sie Tüll mit Goldsternen. Die Mädchen wollen sich doch als Engel verkleiden. Wenn er Tüll nicht bekommt, tut es auch Tarlatan. Und des Meisters Klassiker müssen dringend gebunden werden. Die Griechen bitte rötlich braun, die Römer gelblich braun. Ob er das wohl in die Hand nehmen könnte, der liebe Herr Professor? Er gehört doch zur Familie. Nach der »Geburt der Tragödie« so eng wie nie.

Aber warum regt sich Niemand über das Buch auf? Nicht einmal sein alter Lehrer Ritschl rührt sich. Aber der hatte keine Lust. Der hatte in sein Notizbuch geschrieben: geistreiche Schwiemelei. Nietzsche beschwert sich in einem Brief: ich dachte, wenn Ihnen irgendetwas Hoffnungsvolles in Ihrem Leben begegnet sei, so möchte es dieses Buch sein. Hoffnungsvoll für die Wissenschaft, hoffnungsvoll auch für das deutsche Wesen. Da schreibt Ritschl, der König der klassischen Philologie, nur ein Wort in sein Notizheft: Größenwahn.

Nietzsche glaubt, Sturm gesät zu haben, und erntet Windstille. Was soll den Philologen denn Dionysos? Sie glauben an Sokrates und die menschliche Vernunft und nicht an eine Welt als Wille zu Spaß und Spiel.

Hat der Mann keine anderen Sorgen? Deutschland ist erwacht! König Wilhelm von Preußen ist in Versailles von Bismarck zum Deutschen Kaiser gekürt worden! Die Gründerjahre laufen langsam heiß. Das Land bläht sich auf. Alles wird größer, schöner, schneller.

Und was hat sich da alles im Zentrum zusammengerottet, dieser zweitstärksten Fraktion im Reichtstag? Bigotte Katholiken, undeutsche Gestalten, vaterlandslose Gesellen. Also Krieg dem Zentrum. Und Krieg auch den Juden, die überall die Ersten sind. Jetzt will Wagner der Erste sein im großen Deutschland. Er zieht im April 1872 nach Bayreuth. Geht also heim ins Reich. Und Tribschen, Nietzsches Insel der Seligen, löst sich auf in Schmerz und Wehmut.

Was soll ihm Bayreuth? Und was ist das für ein Kleinstaat, der da in Haus Wahnfried wächst? Wagners Idealgesellschaft besteht aus Kaisern und Königen, rechten Intellektuellen und glühenden Antisemiten. Es ist eine geschniegelte Elite aus Despoten und Parvenüs, die keine Fremdwörter dulden, nationalen Weihrauch atmen und Siegfried huldigen, dem deutschen Helden, an dem die Welt genesen soll.

Will Nietzsche sich da etwa anschließen? Nietzsche, der gerade dabei ist, das »Deutsche Reich« in Anführungszeichen zu setzen? Will er Hofphilosoph bei Wagner werden, was der so gern sähe? Es ist der große Jacob Burckhardt, Professor für Kunstgeschichte in Basel, der seinen 26 Jahre jüngeren Kollegen vom Abgrund wegzieht. Burckhard ist ein kluger, pessimistischer Kulturpolitiker. Sein Credo: Von aller Macht geht das Böse aus.

Er mag Nietzsche. Und er mag Wagner nicht. So klärt er denn seinen genialischen jungen Freund auf: über Geniekult und Tyrannei und das Abtauchen in undemokratische Sümpfe.

Es dauert. Dauert noch Jahre. Aber es dämmert Nietzsche, dass sein Idol ein Schwadroneur ist, ein Scharlatan, dessen Kunst nicht die Lösung, sondern das Übel ist: Schwulst, Pathos und bombastische Verführung.

Doch noch ist sein Gott kein Götze. Aber Nietzsche ist ein toter Mann. Ist noch keine dreißig und als Wissenschaftler erledigt. Nach der »Geburt der Tragödie« laufen ihm die Studenten davon.

Mit äußerster Noth, schreibt er an Freund Rohde, habe er fürs Wintersemester ein Kolleg über Rhetorik der Griechen und Römer zustande gebracht. Zwei Hörer hat er. Einer ist Germanist, einer Jurist. Kein Philologe hat sich eingeschrieben.