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Geschwister Scholl: "Es lebe die Freiheit"

Sie hatten den Mut, Flugblätter gegen das NS-Regime zu verteilen. Das sechste Blatt wurde den Geschwistern Scholl 1943 zum Verhängnis. Zur Abschreckung wurde die Hinrichtung auf Plakaten in ganz München bekannt gegeben.

"Es lebe die Freiheit", erklärte der 25-jährige Münchner Medizinstudent Hans Scholl vor seiner Hinrichtung. Und seine 22-jährige Schwester Sophie, Biologie- und Philosophiestudentin, sagte dem Volksgerichtshof: "Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen." Sekunden später wurde er im Gefängnis München-Stadelheim mit dem Fallbeil geköpft. Seine Schwester Sophie und der 24 Jahre alte Christoph Probst starben mit ihm am 22. Februar 1943 auf dem Schafott - "wegen landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung", wie es im Urteil hieß. In einem zweiten Prozess wurden am 19. April 1943 in München Prof. Kurt Huber (49), Alexander Schmorell (25) und Willi Graf (25) aus dem Freundeskreis der Geschwister ebenfalls zum Tode verurteilt und hingerichtet, Huber und Schmorell am 13. Juli, Graf am 12. Oktober. Zahlreiche andere Mitglieder der Weißen Rose wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt und kamen erst nach Kriegsende frei.

Freisler macht kurzen Prozess

Der Präsident des berüchtigten Volksgerichtshofs, Roland Freisler, war eigens von Berlin nach München gereist, um mit den drei Verhafteten kurzen Prozess zu machen. Die Nationalsozialisten waren wegen der Studentenaktion äußerst beunruhigt, da sie nach der Niederlage in Stalingrad eine erhebliche Vertrauenskrise in der Bevölkerung befürchteten. Zur Abschreckung wurde auf roten Plakaten in ganz München die Hinrichtung bekannt gegeben. Die Geschwister Scholl - Mitglieder der Weißen Rose - hatten den Mut, sechs gegen das NS-Regime gerichtete Flugblätter zu verteilen. Deswegen wurden sie im Februar 1943 festgenommen und nach einem Schnellverfahren hingerichtet.

Die Weiße Rose bestand bei weitem nicht nur aus Hans und Sophie Scholl - aber der Name der zwei Geschwister hat sich bis heute eingeprägt. Es gibt kaum eine Stadt, in der nicht eine Straße, ein Platz oder eine Schule nach ihnen benannt wurde. Am 22. Februar 2003 - ihrem Todestag - wurde eine Büste von Sophie Scholl in der Münchner "Walhalla", der Ruhmeshalle der Deutschen, aufgestellt.

Der Historiker Golo Mann schrieb 1958 über die "Weiße Rose": "Sie fochten gegen das Riesenfeuer mit bloßen Händen, mit ihrem Glauben, ihrem armseligen Vervielfältigungsapparat gegen die Allgewalt des Staates. Gut konnte das nicht ausgehen, und ihre Zeit war kurz. Hätte es aber im deutschen Widerstand nur sie gegeben, die Geschwister Scholl und ihre Freunde, so hätten sie alleine genügt, um etwas von der Ehre des Menschen zu retten, welcher die deutsche Sprache spricht."

Von der Begeisterung zu "bündischen Umtrieben"

Die Geschwister Scholl stammten aus dem Württembergischen. Hans, geboren am 22. September 1918 in Ingersheim an der Jagst, und Sophie, geboren am 9. Mai 1921 in Forchtenberg am Kocher, wuchsen in Ulm auf und zogen erst zum Studium nach München. Zur Schulzeit hatten sie zunächst noch begeistert in den Jugendorganisationen der Nazis mitgemacht und 1933 freudig auf die Machtergreifung Adolf Hitlers reagiert.

Der Eroberungskrieg Hitlers, die Gräuel in den besetzten Gebieten vor allem im Osten und die systematische Ermordung der Juden ließen sie jedoch zu entschiedenen Gegnern der Nazi-Diktatur werden. Als Mitglied einer illegalen Jugendgruppe wurde Hans Scholl bereits 1937 wegen "bündischer Umtriebe" für mehrere Wochen inhaftiert; mehrere Familienmitglieder, darunter auch die damals 16 Jahre alte Sophie, kamen in Sippenhaft. Dies prägte die Einstellung der in einem christlich-liberalen Elternhaus aufgewachsenen Geschwister zur NS-Diktatur nachhaltig. Ihr "Aufstand des Gewissens" beruhte nicht zuletzt auf ihrer christlichen Einstellung.

Beim Medizinstudium in München lernte Hans Scholl Anfang der 40er Jahre Gleichgesinnte kennen, darunter Schmorell, Probst und Graf. Sie und andere Freunde trafen sich regelmäßig zu einem Diskussionskreis, aus dem sich dann die Weiße Rose entwickelte. 1942 stieß der Psychologieprofessor Kurt Huber dazu; Sophie Scholl, die inzwischen in München studierte, war ebenfalls dabei.

Aufruf zum Widerstand

Im Juni und Juli 1942 verteilten Scholl und Probst die ersten vier antinationalsozialistischen Flugblätter. Die Flugschriften wurden zum Teil in Münchner Straßen und Hauseingängen verstreut, zum Teil wurden sie per Post an gebildete Kreise vor allem in Süddeutschland verschickt.

"Leistet passiven Widerstand, Widerstand, wo immer Ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschinerie, ehe es zu spät ist...", hieß es im ersten Flugblatt. Und das zweite begann mit den Worten: "Man kann sich mit dem Nationalsozialismus geistig nicht auseinandersetzen, weil er ungeistig ist." Außerdem wurde auf das Schicksal der Juden hingewiesen: "...als Beispiel wollen wir die Tatsache anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialische Weise ermordet worden sind". In einem weiteren Flugblatt hieß es: "Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern. Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Maß unendlich überschritten. Darum trennt Euch von dem nationalsozialistischen Untermenschentum! Beweist durch die Tat, dass Ihr anders denkt!"

Sechstes Flugblatt wurde zum Verhängnis

Das sechste Flugblatt, während der Vorlesungen in den menschenleeren Gängen der Ludwig-Maximilians-Universität am 18. Februar 1943 ausgelegt, wurde ihnen schließlich zum Verhängnis. Die restlichen Blätter warfen sie vom zweiten Stock in den Lichthof der Universität. Der Hausmeister sah das, verschloss die Eingänge und verständigte die Gestapo. Es bezog sich auf die Kapitulation der 6. Armee bei Stalingrad Anfang Februar 1943. "Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigen Tyrannis, die unser Volk erduldet hat." Die beiden wurden festgenommen. Am selben Tag wurde auch Willi Graf inhaftiert, wenig später Huber, Probst und Schmorell.

Unter den Widerstandsorganisationen nahm die Weiße Rose stets eine ganz besondere Rolle ein. Thomas Mann würdigte die Gruppe in einer seiner berühmten BBC-Rundfunkansprachen im Sommer 1943 und erklärte, in den Flugblättern hätten Worte gestanden, "die vieles gut machen, was in gewissen Jahren an deutschen Universitäten gegen den Geist deutscher Freiheit gesündigt worden" sei. Die Schriftstellerin Ricarda Huch sprach von "halben Kindern", die sich gegen Hitler gewandt hätten. Das Klischee allerdings, bei den Weiße-Rose-Mitgliedern habe es sich um naive jugendliche Schwärmer gehandelt, hat sich schon längst als falsch herausgestellt.

Sophie Scholl, so wird kolportiert, hatte in der Nacht vor ihrem Tod folgenden Traum: "Ich trug ein Kind zur Taufe. Der Weg zur Kirche führte einen steilen Berg hinauf. Da war plötzlich vor mir eine Gletscherspalte. Ich hatte gerade noch so viel Zeit, das Kind auf der anderen Seite niederzulegen - dann stürzte ich in die Tiefe. Das Kind ist unsere Idee, sie wird sich trotz aller Hindernisse durchsetzen. Wir durften Wegbereiter sein, müssen aber zuvor für sie sterben."

Ihren letzten Gang im Gefängnis traten die Geschwister ungebeugt an, nachdem sie zuvor in ihren Zellen gebetet und das Abendmahl empfangen hatten. Hans Scholl schrieb in seinem Abschiedsbrief: "Meine allerliebsten Eltern! Ich bin ganz stark und ruhig. (...) Ich danke Euch, dass Ihr mir ein so reiches Leben geschenkt habt. Gott ist bei uns. Es grüßt Euch zum letzten Male Euer dankbarer Sohn Hans."

Widerstandskämpfer der Weißen Rose

Die Gründer der Widerstandsgruppe Weiße Rose hielten bis zur Hinrichtung an ihrer Einstellung gegenüber dem NS-Regime fest. Im Folgenden Kurzporträts der Hauptakteure:

Hans Scholl (1918-1943)

Der Bruder von Sophie wird im September 1918 in Ingersheim bei Ludwigsburg geboren. Hans wird gegen den Willen seines Vaters Robert begeistertes Mitglied der Hitler-Jugend (HJ). Vom Reichsparteitag in Nürnberg 1936 kehrt der junge Mann verändert zurück und distanziert sich von der HJ. Im Mai 1939 beginnt Scholl mit dem Medizinstudium in München. Mit seinen Kommilitonen Christoph Probst, Willy Graf und Alexander Schmorell schließt er eine enge Freundschaft. Da sie seine negative Einstellung gegenüber dem Nazi-Regime teilen, gründen sie die Widerstandsgruppe Weiße Rose. In München und vier weiteren Städten verteilt die Weiße Rose ab Juni 1942 vier Flugblätter, in denen sie unter anderem zu passivem Widerstand und Sabotage aufruft. Nach seiner Rückkehr von der russischen Front (Juli bis Oktober 1942) setzt Scholl unter dem Eindruck der Fronterfahrung mit seinen Münchner Freunden seine Aktivitäten gegen das nationalsozialistische Regime fort. Zusammen mit Professor Kurt Huber verfasst Hans zwei weitere Flugblätter. Bei der Verteilung hilft ihm seine Schwester Sophie. Am 18. Februar 1943 werden die Geschwister nach einer Flugblattaktion an der Münchner Universität verhaftet. Der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler verurteilt Hans und Sophie Scholl und ihren Freund Christoph Probst zum Tode. Am selben Tag werden die Drei hingerichtet.

Sophie Scholl (1921-1943)

Sophie wird im Mai 1921 in Forchtenberg geboren. Zunächst ist die Schwester von Hans vom Nationalsozialismus begeistert und wird Mitglied des Bundes Deutscher Mädel (BDM). Die politische Orientierung ihrer Familie und Freunde ändert ihre positive Einstellung. Im Mai 1942 beginnt Sophie ein Studium der Biologie und Philosophie in München. Sie schließt sich den Widerstandskämpfern der Weißen Rose an. Während ihr Vater wegen seiner Haltung zum NS-Regime eine Haftstrafe verbüßen muss, leistet die Studentin im Sommer 1942 Kriegshilfsdienste in einem Ulmer Rüstungsbetrieb. Am 18. Februar 1943 werden Hans und Sophie Scholl in der Münchner Universität beim Verteilen der Flugblätter überrascht und von der Gestapo festgenommen. Vier Tage später werden sie sowie Probst zum Tode verurteilt und noch am Nachmittag hingerichtet.

Christoph Probst (1919-1943)

Der in Murnau geborene Probst nimmt nach Arbeits- und Militärdienst im Sommer 1939 an der Münchner Universität sein Medizinstudium auf. Sein Schulfreund Alexander Schmorell macht ihn mit Hans Scholl bekannt. Der eher religiös als politisch orientierte Probst wird aktives Mitglied der Weißen Rose. Ab Dezember 1942 setzt Probst sein Studium in Innsbruck fort, beteiligt sich aber weiterhin an den Aktionen der Weißen Rose. Nach der Verhaftung der Geschwister Scholl findet die Gestapo bei einer Hausdurchsuchung Unterlagen, in denen Probst namentlich erwähnt wird, daraufhin wird er am 19. Februar in Innsbruck verhaftet. Gemeinsam mit Hans und Sophie wird er am 22. Februar nach dem Todesurteil in München-Stadelheim hingerichtet.

Alexander Schmorell (1917-1943)

Der Sohn eines deutschen Arztes und einer russischen Mutter wird in Orenburg am südlichen Ural geboren, wächst aber in München auf. Nach seinen Arbeits- und Militärdienst und der Teilnahme am Einmarsch der Wehrmacht in Österreich und im Sudetenland beginnt er im Frühjahr 1939 in Hamburg sein Medizinstudium. Wie Hans Scholl nimmt er am Feldzug gegen Frankreich teil und setzt danach sein Studium in München fort. Er schließt enge Freundschaft mit Hans und schließt sich der Widerstandsgruppe Weiße Rose an. Nach der Festnahme seiner Freunde versucht Schmorell zu fliehen, wird jedoch am 24. Februar 1943 festgenommen. Am 19. April wird er im zweiten Prozess gegen Mitglieder der Weißen Rose vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Er und Professor Huber werden am 13. Juli 1943 hingerichtet.

Kurt Huber (1893-1943)

Huber wird in der Schweizer Stadt Chur geboren und wächst in Stuttgart auf. 1920 habilitiert er im Fach Psychologie. An der Universität in München lehrt er seit 1926 Psychologie und Philosophie. Huber tritt erst 1940 in die NSDAP ein. Im Juni 1942 lernt er die Münchner Widerstandskämpfer der Weißen Rose kennen. Zusammen mit den jungen Studenten entwirft er die Flugblätter, in denen sie die Massenmorde an Juden anklagen und zum Widerstand gegen Adolf Hitler aufrufen. Nach der Niederlage in Stalingrad verfasst er das sechste und letzte Flugblatt der Weißen Rose. Der Professor wird am 27. Februar 1943 verhaftet. Zusammen mit Graf und Schmorell wird er im zweiten Volksgerichtshofprozess gegen die Widerstandgruppe wegen Hochverrats, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Huber und Schmorell werden am 13. Juli 1943 in München-Stadelheim hingerichtet.

Willi Graf (1918-1943)

Der in Kuchenheim bei Euskirchen geborene Graf stammt aus einem tief religiösen Elternhaus. Als Mitglied in der katholischen Jugend lehnt es Graf ab, in die Hitler-Jugend einzutreten. Obwohl Grafs Interessen eher auf den Gebieten der Theologie, Philosophie und Literatur liegen, beginnt er 1937 an der Bonner Universität mit dem Medizinstudium. 1939 wird er als Sanitäter von der Wehrmacht eingezogen. Sein Studium nimmt er 1942 in München wieder auf und lernt währenddessen im April die Geschwister Scholl und Alexander Schmorell kennen, die ihn mit ihrer Widerstandsbewegung bekannt machen. Graf beteiligt sich aktiv an der Verfassung der Flugblätter und versucht während mehrerer Reisen, weitere Gleichgesinnte für den Widerstand zu gewinnen. Willy Graf wird am Abend des 18. Februars verhaftet. Am 19. April wird er zusammen mit Huber und Schmorell zum Tode verurteilt. Weil sich die Gestapo jedoch weitere Aufdeckungen oppositioneller Kreise durch Graf verspricht, bewirkt sie, dass die Vollstreckung seiner Hinrichtung aufgeschoben wird. Graf gibt in den Verhören keine weiteren Namen preis. Am 12. Oktober 1943 wird er in München hingerichtet.

Dusko Vukovic