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Jalta: Als die Welt neu geordnet wurde

Als die Führer der Hauptalliierten - Roosevelt, Churchill und Stalin - sich kurz vor Kriegsende in Jalta trafen, waren sie erstaunlich schlecht vorbereitet. Doch die "Großen Drei" schufen eine Weltordnung, die lange währen sollte.

In einer ehemaligen Sommerresidenz der Zaren, im Liwadia-Palast des Krim-Badeortes Jalta, besiegelten drei Männer am 11. Februar 1945 mit ihren Unterschriften die gemeinsame Strategie für die Endphase des Zweiten Weltkriegs und die Neugestaltung Europas. Die "Großen Drei", US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Großbritanniens Premier Winston Churchill und der sowjetische Diktator Josef Stalin, schufen damit eine Weltordnung, die ein halbes Jahrhundert Bestand haben sollte.

Churchill hatte zunächst keine Lust gehabt, zum Treffen mit dem durch die Winteroffensive der Roten Armee erstarkten Stalin nach Jalta zu fliegen. "Wir könnten zehn Jahre lang suchen, ohne einen derart abscheulichen Ort zu finden. Das ist einzig und allein ein Paradies für Läuse." So deutlich telegrafierte er an Roosevelt. Doch die Konferenz begann schließlich am 4. Februar mit dem Ziel, die von den drei Mächten 14 Monate zuvor in Teheran gefassten Beschlüsse zu konkretisieren.

Risse in der Koalition

Die ungleiche Koalition zeigte jedoch schon Risse. Stalin wollte möglichst weite Gebiete unter russische Hegemonie bringen, Churchill hingegen sah nach Hitler eine neue Bedrohung und wollte den Russen keinen Fuß weichen. Roosevelt kam die Rolle des Mittlers zu. Die Konferenz war erstaunlich wenig vorbereitet. Eine Tagesordnung gab es ebenso wenig wie einen klaren Problemkatalog. Stattdessen traf man sich in mehr oder weniger formellen Gesprächen und verhandelte auch schon mal bilateral - am jeweils Dritten vorbei.

Zu den umstrittensten Fragen gehörten die neuen Grenzen Polens. Die Exilregierung in London stellte Ansprüche, denen Stalin auf keinen Fall nachgeben wollte. Angeblich legte er zwei Bleistifte auf eine Karte, dort wo vor dem Krieg die polnische Ost- und die Westgrenze lagen. Dann rückte er beide Bleistifte einige Zentimeter nach links, um die Sowjetunion so auf Kosten Deutschlands zu vergrößern. Das Problem, dass Polen dazwischen lag, wurde einfach mit Verschiebung gelöst. Dass das für Millionen die Vertreibung oder den Tod bedeutete, war kein Thema in Jalta.

Tatsächlich liegt die polnische Ostgrenze noch heute, wie von Stalin gefordert, auf der so genannten Curzon-Linie, benannt nach dem englischen Außenminister und Völkerbundvermittler George Curzon. Ostpolen, das Baltikum, Bessarabien, Königsberg - die Sowjetunion wuchs um fast eine halbe Million Quadratkilometer. Die Polen wurden mit Schlesien und Westpreußen sowie Teilen Ostpreußens und Ostbrandenburgs entschädigt, Gebiete, die einst zu Deutschland gehörten.

Zugleich forderten die Russen die Anerkennung der von ihnen installierten "Lubliner Regierung" in Polen. Der Westen willigte ein - und akzeptierte gleichsam die Hegemonie der Sowjets in Osteuropa. Rumänien, Bulgarien, Albanien, Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei und der von der Roten Armee besetzte Teil Deutschlands, die spätere DDR, gehörten fortan zum Machtbereich Moskaus. Der Ostblock war entstanden.

Vom Völkerbund zur Uno

Auch die Amerikaner setzten sich mit ihrem, bescheideneren Wunsch durch. US-Präsident Woodrow Wilson hatte nach dem Ersten Weltkrieg den Völkerbund initiiert. Doch das Gremium blieb schwach und konnte den neuerlichen Weltkrieg nicht einmal verzögern. Der todkranke Roosevelt schlug nun eine Nachfolgorganisation vor, hierarchischer strukturiert und schlagkräftiger. Der Premier und der Diktator stimmten dem Präsidenten zu: Ein halbes Jahr später wurden in San Francisco die UN gegründet.

Zu den kleineren Ergebnissen der Konferenz gehörte der Kriegseintritt der Sowjetunion im Pazifik, der drei Monate nach der Kapitulation in Deutschland erfolgen sollte. Als Gegenleistung beanspruchte Moskau die Halbinsel Sachalin. Zudem wurde den Franzosen - Charles de Gaulle war zu seiner höchsten Verärgerung wieder nicht eingeladen worden - eine Besatzungszone auf Kosten der Briten und Amerikaner zugestanden. Kriegsteilnehmer Kanada bekam keine. Dann, sagte Stalin, müsste man auch den Jugoslawen eine solche Besatzungszone einrichten.

Eine der wichtigsten Fragen blieb ungeklärt: Welche Zukunft sollte das besiegte Deutschland haben. Der Morgenthau-Plan - Umwandlung Deutschlands in Agrarland - war bereits zu den Akten gelegt, doch die Russen forderten eine Reparation von 20 Milliarden Dollar, die Demontage von 80 Prozent der deutschen Industrie und die Aufteilung Deutschlands in Kleinstaaten. Die Frage wurde ausgeklammert, verschoben auf die Zeit nach dem Krieg. Bis dahin galt Churchills Wort: "Wenn Sie ein Pferd haben, das einen Wagen ziehen soll, müssen Sie ihm Futter geben."

Chris Melzer/DPA / DPA