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Japan: Kapitulation per Radio

Wenige Tage nach dem Abwurf der Atombomben erklärte Kaiser Hirohito die Kapitulation Japans - ohne das Wort zu gebrauchen. Der Krieg, mit einem Siegesrausch begonnen, endete für Japan mit einer vernichtenden Niederlage.

Es war die vorher nie öffentlich gehörte Stimme eines "Halbgottes". Um des Friedens Willen gelte es, "das Unerträgliche zu ertragen". Die Ereignisse hätten sich nicht zugunsten Japans entwickelt. Mit diesen Worten verkündete der japanische Kaiser Hirohito am 15. August 1945, wenige Tage nach den Atombombenangriffen auf Hiroschima und Nagasaki, im Radio die Kapitulation seines Landes - ohne das Wort Kapitulation zu gebrauchen. Die Regierung trat zurück. Offiziere hatten zuvor noch versucht, den Kaiser zu ermorden und die Platte mit seiner verklausulierten Kapitulationserklärung in ihre Gewalt zu bringen.

Traum vom Weltreich

Der Waffenstillstand zwischen Japan und den USA wurde am 2. September 1945 unterzeichnet. Der Krieg im Pazifik, der mit einem gewaltigen Siegesrausch begonnen hatte, war für Japan mit einer vernichtenden Niederlage zu Ende gegangen. Japan hatte versucht, im pazifischen Raum ein Weltreich aufzubauen. Auf dem Höhepunkt seiner Expansion kontrollierte das Land die Korea, weite Gebiete Chinas, Burma, Taiwan und europäische Kolonien in Südostasien. Japan unterstand noch bis 1951 einer US-Militärregierung unter General D. MacArthur und verlor die im Krieg eroberten Territorien.

Die US-Kriegsschiffe waren so nahe, dass Toshio Yoshitake von seinem Flugzeug aus den schwarzen Rauch ihrer Geschütze aufsteigen sehen konnte. In 20 Minuten, so dachte er bei seinem Flug über den Leytegolf, würde er direkt über ihnen sein und in einem Feuerball seine Pflicht erfüllen. Yoshitake war 22, als er sich bereit machte, als Kamikaze-Flieger zu sterben. 17 Piloten aus seiner Einheit stürzten sich an diesem Tag im November 1944 mit ihren Flugzeugen in den Tod, Yoshitake aber wurde vorher abgeschossen. Er verdankt seinem Feind das Leben. Trotzdem glaubt der 82-Jährige noch heute, dass der Krieg Japans gegen halb Asien und die USA richtig war. Mehrmals im Jahr besucht er zusammen mit anderen Veteranen den Yasukuni-Schrein. Die Gedenkstätte ehrt die 2,5 Millionen Kriegstoten des Landes - darunter auch den im Krieg regierenden Ministerpräsidenten und General Hideki Tojo, der 1948 wegen Kriegsverbrechen gehängt wurde, sowie 13 weitere wegen Kriegsverbrechen verurteilte Personen. Der Schrein gilt als Zentrum des japanischen Kaiserkults ("Staatsshinto") und des daraus erwachsenen aggressiven Nationalismus vor und während des Zweiten Weltkrieges.

Lebendige Erinnerungen

Die Gedenkstätte ist längst zum Symbol für Japans problematischen Umgang mit der eigenen Geschichte geworden. Selbst vergleichsweise junge Politiker lassen sich gerne vor dem Schrein fotografieren - zum Beispiel Regierungschef Koizumi, der bei Kriegsende gerade mal drei Jahre alt war, diesmal aber aus diplomatischen Gründen nicht persönlich vor Ort erschien. Vor allem in China und auf der koreanischen Halbinsel sind die Erinnerungen an die japanische Besatzungszeit noch sehr lebendig. Korea geriet schon 1905 unter japanische Herrschaft, ab 1931 eroberte Japan Teile Chinas. In den besetzten Gebieten setzten die japanischen Streitkräfte neben konventionellen auch biologische Waffen ein. Zahlreiche Zivilisten wurden erschossen, andere grausamen medizinischen Experimenten unterzogen, zehntausende Frauen von den Truppen zur Prostitution gezwungen. Gefangene wurden in Arbeitslager gesteckt, viele starben vor Hunger und Erschöpfung.

Der Japaner Yasuo Togashi kann sich noch daran erinnern, wie im Juli 1945 eine Gruppe chinesischer Zwangsarbeiter durch sein Dorf Hanaoka getrieben wurde: Rund 800 Mann, zerlumpt, halb verrückt vor Hunger. Damals als Neunjähriger jubelte Togashi gemeinsam mit den anderen Dorfbewohnern darüber, dass die Chinesen ihrer vermeintlich gerechten Strafe zugeführt wurden. Die Zwangsarbeiter hatten bei einem Massenausbruch aus ihrem Lager mehrere Aufseher getötet, nun wurden sie wieder zurückgebracht. Als der Krieg wenige Wochen später zu Ende ging, war nur noch die Hälfte der Lagerinsassen am Leben. Das weiß Togashi heute. Als junger Erwachsener begann er, sich näher mit dem Schicksal der Zwangsarbeiter zu befassen - und schämte sich seines kindlichen Jubels. Gemeinsam mit anderen Einwohnern Hanaokas bemüht er sich seither um Wiedergutmachung. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Gruppe mehrere Mahnmale errichtet, Überlebende aus China eingeladen und das Thema in die Schulklassen getragen. Einmal im Jahr findet eine Gedenkfeier zu Ehren der getöteten Chinesen statt. Auch das gibt es in Japan. "Wir müssen eine Entschuldigung abgeben, die von Herzen kommt", sagt Togashi. "Wir müssen sicherstellen, dass es nie wieder passiert."

Das offizielle Japan hat sich ebenfalls entschuldigt - mehrfach. Seit den siebziger Jahren haben verschiedene Ministerpräsidenten und Kaiser Bedauern und Reue über das Leid geäußert, das Japan über seine Nachbarn gebracht hat. Auch jetzt zum Jahrestag entschuldigte sich Koizumi in einer Erklärung für das von Japan damals verursachte Leid. Immerhin ist es das erste Mal seit 1995, dass sich ein japanischer Regierungschef in dieser Form zum Jahrestag der Kapitulation äußerte. Gleichzeitig aber vollzieht sich mit Unterstützung staatstragender Medien im politischen Establishment ein Trend zu einem stärkeren Nationalismus. Meinungen in konservativen Kreisen, dass sich Japan genug für seine kriegerische Vergangenheit entschuldigt habe, werden inzwischen viel hemmungsloser vorgetragen als früher.

Rechtsruck im Establishment

Begünstigt wurde dieser Rechtsruck durch das Eingeständnis Nordkoreas, in den 70er und 80er Jahren Japaner zu Spionagezwecken entführt zu haben. Hinzu kommen anti-japanische Ausschreitungen vor kurzem in China. Beides wurde in Japans herrschenden Kreisen genutzt, um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Fehlverhalten bis 1945 zu blockieren. So blenden neue Schulbücher die Massenentführung von Koreanern oder das Nanking-Massaker in China praktisch aus. Teil des Problems ist, dass Japan sich seit den Atombombenangriffen auf Hiroschima und Nagasaki eher als Opfer denn als Täter sieht. Deutlich wird dies vor allem beim Besuch des japanischen Bildungszentrums über den Holocaust, das nach Angaben der Betreiber nur zufällig bei Hiroschima liegt. An keiner Stelle wird in dem Museum erwähnt, dass Japan ein Verbündeter von Nazi-Deutschland war, oder dass auch in Japan medizinische Experimente an Gefangenen durchgeführt wurden.

Bis heute hat Japan dieses Kapitel der Geschichte nie überzeugend aufgearbeitet. Stattdessen hat sich das Land nach Kriegsende umso mehr an die wirtschaftliche Aufholjagd mit dem Westen gemacht. Wie ein "Taifun" brachen die Japaner über Märkte Europas und Amerikas herein. In den 80er Jahren kauften sie die attraktivsten Gebäude, renommiertesten Hotels und begehrtesten Gemälde. Doch mehr als die angebliche "Arbeitswut" der Asiaten hatte eine Industriestruktur zu den gewaltigen Erfolgen beigetragen, die auf den Grundlagen der Vorkriegszeit und der Kriegswirtschaft basierte und aus wenigen Großunternehmen und zahllosen abhängigen Kleinbetrieben bestand. Hinzu kam ein Technologietransfer der Amerikaner, die es zuließen, dass Japan seinen eigenen Markt gegen die anfangs noch überlegenen Produkte aus dem Westen abschottete.

vuk mit Material von AP/DPA / DPA