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Luftkrieg: Im Bombenhagel der Alliierten

In den letzten Kriegsmonaten war der NS-Staat Dauerziel alliierter Bomber. 60 Jahre nach Kriegsende ist der Boden noch immer mit Überresten unberechenbarer Munition verseucht.

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges entluden sich die Bombenschächte der alliierten Luftflotten fast täglich über Deutschland und richteten schwerste Verwüstungen an. Die britische Royal Air Force (RAF) und seit Januar 1943 die US-Luftwaffe flogen zwischen 1940 und Kriegsende insgesamt etwa 1,4 Millionen Einsätze gegen den NS-Staat.

Deutsche Luftangriffe gegen England begannen Anfang Juni 1940, nachdem die RAF erste Einsätze gegen das Reich geflogen hatte. Sie erreichten ihren zerstörerischen Höhepunkt noch im selben Jahr mit dem Bombardement der Stadt Coventry in der Nacht vom 14. zum 15. November. Bereits einen Monat später schlug die RAF mit ihrem ersten Flächenbombardement massiv zurück. 134 Maschinen erschienen über Mannheim. Die Bilanz: 1266 Obdachlose, 34 Tote.

Deutschland in Trümmern

Mit der Dauer des Krieges verschärften die Alliierten ihre Bombeneinsätze gegen Deutschland. Tagsüber griffen US-Maschinen an, nachts die RAF. Die sowjetische Luftwaffe war im östlichen Frontbereich aktiv. Nahezu zwei Millionen Tonnen Bomben wurden abgeworfen, Hunderttausende Zivilisten starben, fast jede fünfte Familie wurde obdachlos. In Berlin lagen bei Kriegsende 51 Millionen Kubikmeter Trümmer, in Hamburg fast 36 Millionen, in Dresden 25 Millionen und in Köln 24 Millionen.

Eine Entscheidung des Kriegskabinetts in London vom 14. März 1942 verschärfte den Bombenkrieg entscheidend. "Das Hauptziel unserer Operationen (ist) jetzt der Widerstandswille der Zivilbevölkerung des Feindes und vor allem der Industriearbeiter (...)", lautete die Order. Als erstes Ziel dieser neuen Strategie wählte der Chef des Bomberkommandos Arthur Harris die militärisch unbedeutende Hansestadt Lübeck. Am 28. März warf die RAF rund 300 Tonnen Bomben, der historische Stadtkern ging in Flammen auf. Ende Mai zerstörten fast 1000 Bomber Köln.

Deutschland war fortan Dauerziel der alliierten Bombenschützen. 1943 begannen die Großangriffe auf Berlin. Die Operation "Gomorrha" machte Ende Juli Hamburg tagelang zu einem Inferno, in dem mehr als 30 000 Menschen starben. 1944 wurden die Zentren der Rüstungsindustrie zu Hauptzielen. 1945, als die alliierten Heere schon auf deutschem Boden kämpften und die Verteidiger Stück und Stück zurückdrängten, erreichte der Bombenkrieg seinen Höhepunkt.

Belasteter Boden

Auch 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist der Boden in Deutschland noch mit tausenden Tonnen Bomben, Minen, Granaten und anderer Munition verseucht. Vor allem der Osten Deutschlands ist stark belastet. "Die alten Bundesländer hatten 40 Jahre mehr Zeit, systematisch ihre Böden abzusuchen", sagt der Sprengmeister des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Brandenburg, Hans-Jürgen Weise. "In der DDR war die Suche an den Hauptwegen zu Ende." Kommt Bayern heute noch auf etwa 13 Tonnen Fundmunition, meldete Mecklenburg-Vorpommern für 2004 gut 230 Tonnen. Unter den westdeutschen Ländern werden nur in Hessen noch mehr als 100 Tonnen Munitionsschrott im Jahr geborgen. Bundesweit sind es jährlich etwa 1500 Tonnen, etwa ein Drittel davon in Brandenburg.

Allein in Brandenburg sind noch 4000 Quadratkilometer - beinahe die doppelte Fläche des Saarlandes - potenziell von Blindgängern und Überresten belastet. Tausende Kilogramm Fundmunition werden allwöchentlich auf dem Brandenburger Sprengplatz Kummersdorf-Gut vernichtet. Experten schätzen, dass die restlose Säuberung des einst größten deutschen Kriegsschauplatzes von hochexplosiven Überresten gigantischer Materialschlachten bei heutigem Tempo noch bis zu 150 Jahre dauern wird. Sprengmeister Weise entschärft und vernichtet seit 35 Jahren Bomben. "Als ich eingestellt wurde, hieß es: In zehn Jahren brauchen Sie einen anderen Job - dann sind wir durch."

"Selten passt das Bild der "tickenden Zeitbomben" so wie bei der Gefahr durch diese Altlasten", sagt Kampfmittelexperte Günter Fricke von der Dresdner Sprengschule. Er lehrt seine Schüler die Feinheiten von mehr als 200 unterschiedlichen Bomben der Alliierten Streitkräfte mit bis zu 120 verschiedenen Zündern. Besondere Vorsicht predigt er vor Munitionsfunden auf ehemaligen deutsch-sowjetischen Schlachtfeldern. "Bei russischen Minen und Bomben ist jedes Teil ein Einzelstück." Doch statt die wachsende Gefahr durch das verrottende Material mit Hochdruck zu bekämpfen, wird auch bei der Munitionsbergung der Rotstift angesetzt. Sprengmeister Weise findet es seltsam, dass ein Großteil der Kosten von den Ländern zu schultern ist. "Schließlich haben ja nicht Hessen oder Brandenburg den Krieg mit den Alliierten begonnen." Doch Blindgänger und Munitionsreste der Alliierten sind Ländersache. Der Bund kommt nur für reichseigene Munition auf. Und selbst hier will Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) jetzt sparen.

"Wenn viel gebaut wird, wird auch viel gefunden"

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) warnt denn auch Eichel und fordert vom Bund, "endlich die Kosten für die Bergung der Kriegshinterlassenschaften in vollem Umfang zu übernehmen". Die Folgen des Zweiten Weltkrieges seien ein gemeinsames geschichtliches Erbe. "Ihre Beseitigung ist damit eine gesamtstaatliche Aufgabe und nicht die Sache einzelner Länder." Die Bombenfunde sind auch konjunkturabhängig. "Wenn viel gebaut wird, wird auch viel gefunden", heißt es im Thüringer Innenministerium. Die Bremer berichten, dass die Überreste immer unberechenbarer werden. "Immer häufiger müssen Bomben deshalb vor Ort gesprengt werden, weil sie sich nicht mehr transportieren oder entschärfen lassen", sagt ein Sprecher der Innenbehörde.

Denni Klein/DPA / DPA