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NATIONALSOZIALISMUS: »Ich möchte ein Kind von Ihnen«

Dabei konnte Adolf Hitler mit Frauen wenig anfangen. Fast alle, die ihm nahe standen, versuchten sich das Leben zu nehmen. Doch auch wenn der Führer sie geringschätzte - im Nazi-Reich spielte die deutsche Frau eine Schlüsselrolle: als Stimmvieh und Sittenwächterin, Mutter und Mörderin.

Dabei konnte Adolf Hitler mit Frauen wenig anfangen. Fast alle, die ihm nahe standen, versuchten sich das Leben zu nehmen. Doch auch wenn der Führer sie geringschätzte - im Nazi-Reich spielte die deutsche Frau eine Schlüsselrolle: als Stimmvieh und Sittenwächterin, Mutter und Mörderin.

An einem schönen, warmen Maiabend des Jahres 1932 gehen Leni Riefenstahl und Adolf Hitler am Nordseestrand spazieren. Die Filmschauspielerin der Berg- und Schneeschinken hatte den künftigen Diktator kurz zuvor im Berliner Sportpalast erlebt, hatte die Menge wie von Sinnen Heil, Heil, Heil! schreien hören und hatte eine apokalyptische Vision: Die Erde spaltet sich, und ein ungeheurer Wasserstrahl schießt aus ihr hervor, so gewaltig, daß er den Himmel berührte und die Erde erschütterte.

Fräulein Riefenstahl ist gelähmt und infiziert und schreibt Herrn Hitler einen Brief. Sie möchte ihn kennen lernen. Er ist im Wahlkampf und lässt sie kommen. Und so laufen sie nun am Wasser entlang.

Hitler lobt ihren letzten Film »Das blaue Licht«, sagt, sie müsse all seine Filme machen, wenn er erst an der Macht sei, redet über Wagner, König Ludwig und die eigene Berufung, Deutschland zu retten. Dann ist er stumm. Es dämmert. Schweigend gehen sie neben den Nordseewellen her. Plötzlich bleibt er stehen, erregt, legt die Arme um sie, zieht sie an sich, will sie... Leni lehnt ab. Adolf läßt los. Dann reckt er die Hände zum Himmel hoch und ruft beschwörend in die Dunkelheit: Ich darf keine Frau lieben, bis ich nicht mein Werk vollendet habe.

So steht es in Riefenstahls Memoiren. Dramatisch, kitschig, groß. Sie scheint zu den wenigen Frauen zu gehören, die Hitler in einem privaten Gefühlsausbruch erlebt haben. Denn so treffend er Gefühle darstellen konnte, schreibt Joachim C. Fest in seiner Hitler-Biografie, so peinlich vermied er es, sie zu zeigen. Immer hat er Angst, sich lächerlich zu machen. Selbst seinen Hund jagt er davon, wenn er merkt, dass ihn jemand beim Streicheln beobachtet.

Seine Lustinstinkte entfesselt er nur in seinen Reden. Und diese Reden nennt der deutsch-französische Expressionist René Schickele Lustmorde. Sonst stilisiert Hitler sich zum einsamen Wanderer aus dem Nichts, zum Heilsbringer und Entsager, der sich das Bild seiner Mutter Klara übers Bett hängt, der Gebärerin eines Freudlosen, Frauenlosen, Kinderlosen, der sagt: Meine Braut ist Deutschland.

Das hat die deutschen Bräute in Hysterie versetzt. Mein lieber zuckersüßer Adolf, schreibt eine an die Reichskanzlei. Andere schreiben Mein heißgeliebter Führer!... Mein Herzensmann!... Wölflein,... Majestät... und Adilie...Ich möchte gern ein Kind von Ihnen... gelt Purzelchen?

Diese Briefe zeigen, welche Erlösungsfantasien Hitler in den Frauen lostrat. Sie wollen ihn retten. Sie wollen vor allem mit ihm ins Bett. Liebling, darf ich bald zu Dir kommen?, fragt Eva K. im Juli 1940. Und aus Königsberg trifft ein langer Brief ein. Mein Lieb, nun hör mal zu: Ich laß für Dich einen Hausschlüssel anfertigen. Aber er müsse vorsichtig sein, wenn er nachts zu ihr käme. England hat ja überall seine Spione und scheut vor keinem Mord zurück... Dein Weiberl.

Die nationalsozialistische Sexualmoral, schreibt Sebastian Haffner in seinen »Anmerkungen zu Hitler«, war widersprüchlich. Man pries deutsche Zucht und Sitte, hatte aber nichts gegen »gesunde Sinnlichkeit«. Also ehelich oder nicht, rassenreiner Nachwuchs war erwünscht. Praktisch, schreibt Haffner, dampfte der Zug zum Körper- und Sexkult, der in den 20er Jahren abgefahren war, in den 30ern und 40ern ungebremst weiter.

Kindermachen für den Führer. Saat und Ernte. Je mehr, je besser. Für vier Kinder gibt es das »Ehrenkreuz der Deutschen Mutter« in Bronze, für sechs in Silber, für acht in Gold.

Gerda Bormann hat zehn. Sie ist eine der Nazi-Frauen im zweiten Band von Anna Maria Sigmunds Dokumentation, der jetzt erschienen ist. Sie stammt aus einem deutschen Haus, wo Fleiß, Ordnung und Ehrlichkeit herrschen. Anständige Nazis, sagt der Vater, wollen sie sein. Und Gerda soll einen anständigen Beruf haben. Sie wird Kindergärtnerin.

Das Mädchen mit der Gretchenfrisur ist schüchtern und verträumt. Es spielt Gitarre und singt Volkslieder. Es verliebt sich beim Besuch einer Parteiversammlung in den SA-Funktionär Martin Bormann, eine Schlägertype mit Hundeblick und schlechten Manieren.

Sie heiraten 1929. Die Braut in Weiß und Myrtenkranz, ihr Mann in Rohrstiefeln und Braunhemd mit Hakenkreuzbinde. Adolf Hitler und Rudolf Heß sind Trauzeugen.

Bormann ist Herr im Haus. Seine Frau hat den Mund zu halten. Kritik verbittet er sich. Auch von seiner Mutter. Der schreibt er: Haushaltsführung und Kindererziehung verlaufen nach meinen Weisungen, nach denen Gerda sich zu richten hat.

Gerda hat auch mit ihren Eltern zu brechen. Ihr Vater, ein Parteirichter, hatte einen Gauleiter wegen persönlicher Bereicherung angeklagt. Wie kommt er dazu!, brüllt Bormann. Also Schluss. Keine Besuche mehr. Gerda folgt.

Und Gerda ist fruchtbar. Ewig ist sie schwanger. Orgelpfeifen wachsen heran. Der jähzornige Vater traktiert die Kinder bei kleinsten Vergehen mit Fußtritten. Gerda tröstet.

Hitler schätzt die schöne Frau, die sich so ganz dem Manne unterordnet. So soll es sein. Wenn sie auf dem Obersalzberg mit anderen Nazifrauen am Kamin sitzt, sagt sie den ganzen Abend kein einziges Wort.

Aber Gerda hat zwei Gesichter. In ihren Briefen an Bormann ist sie fanatische Parteigenossin, entwirft wilde Visionen, plädiert für die Endlösung der Judenfrage. Ja, das hat sie schon bei den Eltern gelernt. Der Jude ist kein Mensch. Er ist ein Spaltpilz, er ist Fäulnis.

Und Bormann? Der vertraut ihr später vom Räuberhauptquartier aus alle möglichen Geheimnisse an. Dass Goebbels die Theater schließen will - behalt es für dich. Dass Göring Gift und Galle spuckt, weil die Fliegermeldungen so schlecht sind.

Und: Leider geht es - behalt es für dich - dem Führer nicht gut. Er bekam vor Ärger wieder seine Spasmen. Bormann schreibt auch vom Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 in der »Wolfsschanze«, schreibt, welche Angriffspläne verraten wurden. Vati, mir wird ganz schwindlig, schreibt Gerda zurück.

Dass ihr Mann sie laufend betrügt, erträgt sie mit Großmut. Eines Tages erdenkt sie sogar einen Plan. Einen Zuchtplan. Warum soll er seiner Geliebten nicht ein Kind machen? Das Reich braucht Kinder. Du mußt nur darauf achten, daß M. in einem Jahr ein Kind bekommt und ich im darauffolgenden, daß Du immer eine bewegliche Frau an Deiner Seite hast.

Nach der Geburt dieses Gedankens ist Gerda nicht mehr zu bremsen. Sie will die Volksnotehe einführen. Will, dass jeder Mann mehrere Frauen haben darf. Per Gesetz. Sie entwirft Texte und Formulare und bombardiert ihren Mann damit.

Das Wort »Ehebruch« muss aus Büchern und Filmen gestrichen werden. Sie würde auch mit all seinen Freundinnen eine Kommune bilden, wenn er das möchte.

Ja, und dann die Frontsoldaten, die müssten wegen der hohen Kriegsverluste einfach häufiger Urlaub bekommen. Damit sie Nachschub zeugen können. Also wenn der Krieg erst vorbei ist, muss das alles geregelt werden. Wie nach dem Dreißigjährigen Krieg, schreibt sie. Da hätten gesunde, wertvolle Männer auch zwei Frauen haben dürfen. Und Bormann notiert am Rand: Der Führer hat ähnliche Gedanken.

In dieser nationalen Brunstgesellschaft, in der Hitler erklärt: Das Schlachtfeld der Frau ist der Kreißsaal, dreht Karoline Diehl durch, als sie Dr. Sigmund Rascher kennen lernt. Der Arzt arbeitet für den Reichsführer SS Heinrich Himmler im KZ Buchenwald. Er macht Menschenversuche.

Sie ist 43, er 27. Sie macht sich jünger, und er glaubt ihr. Er will sie heiraten und fragt Himmler um Erlaubnis. Der sagt, die ist zu alt, die kriegt keine Kinder mehr. Er werde ihm das Gegenteil beweisen, sagt Rascher. Und siehe da, 1940 ist Karoline schwanger. Rascher rennt stolz zu Himmler.

Nach ein paar Monaten gehen Karoline Diehl und ihre eingeweihte Cousine auf Säuglingsfang. Den ersten legen sie wieder zurück. Scheint rassisch minderwertig zu sein. Sie treiben einen niedlichen neuen auf. Einen Jungen natürlich. Der Führer braucht ja Jungen.

Als Rascher mit Himmler auf Dienstreise ist, bestechen die Frauen eine Hebamme. Eine Frühgeburt wird vorgetäuscht. Der Bräutigam staunt nur so über den strammen Knirps.

Ein zweites Kind muss her. Erneuter dramatischer Einsatz. Diesmal kommt der Knabe einen Tag vor »Führers Geburtstag« zur Welt. Dabei ist das Kind schon acht Wochen alt. Aber Rascher merkt nichts. Zu sehr ist er mit seinen eigenen Verbrechen beschäftigt. 70 Häftlinge sind ihm gerade bei einem Experiment weggestorben.

Himmler gestattet dem erfolgreichen Mörder, das fruchtbare späte Mädchen zu heiraten. Das spornt die Gattin erneut an. Wieder wird sie schwanger. Wieder gehen zwei tiefverschleierte Frauen auf Raub aus.

Sie verhandeln mit verzweifelten, ausgebombten Müttern, bieten Hilfe an, testen Babys, tauschen um, vertauschen auch. Und der Ehemann wundert sich langsam, dass keins der Kinder ihm ähnlich sieht. Hat seine Frau die wirklich geboren? Er meldet Zweifel an.

Da überrascht ihn seine Frau neun Monate später mit einer Hausgeburt. Das Schlafzimmer sieht aus wie ein Schlachtfeld. Sie liegt im blutverschmierten Bett mit einem blutverschmierten Säugling. Die rote Farbe hatte sie selbst angerührt.

Die Geschichte endet tödlich. Rascher wird kurz vor dem Eintreffen der Alliierten als »Sonderhäftling« erschossen, seine Frau gehängt. Die Cousine hatte sich schon zuvor von einem Felsen in die Tiefe gestürzt.

Untertanen. Führertreue. Mitmacher. Feige, sentimental und gnadenlos. Heinrich Mann hat diesen neuen Typus schon 1914 in seinem Roman »Der Untertan« beschrieben, einen Typus, der in Härte und Unterdrückung... den Sinn des Lebens sieht. Wie sein Held Diederich Heßling.

Und gezeugt wird auch hier für einen Führer, den Kaiser. Für wen denn sonst. Bevor wir zur Sache selbst schreiten, sagt Heßling am Brautbett zu Guste, gedenken wir seiner Majestät. Denn die Sache habe nun mal den Zweck, tüchtige Soldaten zu liefern.

Ob Hitler selbst zur Sache geschritten ist, bleibt unklar. Neugierige Dienstboten auf dem Obersalzberg haben immer wieder nach Spuren im Bett gesucht. Vergebens. Der Führer hat kein Privatleben. Er schließt sich auch regelmäßig im Schlafzimmer ein.

Einmal ist der Filmstar Marianne Hoppe eingeladen. Sie ist neugierig und möchte wissen, wie Hitler so lebt. Da zeigt er ihr seine Wohnung. Und plötzlich, so erzählt sie, macht er die Tür zum Schlafzimmer auf. Sparta. Ein Eisenbett, ein Stuhl, eine nackte Birne. Ach, sagt sie, wie ungemütlich.

Hitlers Leben ist menschenleer. Ihm fehlt alles, schreibt Sebastian Haffner, was einem Würde gibt: Bildung, Beruf, Liebe und Freundschaft, Ehe, Vaterschaft. Ein paar Frauen hat es gegeben. Er hat sie als Nebensache betrachtet und unglücklich gemacht.

Sehr intelligente Menschen, sagt Hitler einmal zu Albert Speer, sollen sich eine primitive und dumme Frau nehmen. Seine Gefährtin Eva Braun steht stumm daneben.

Er hat nie Zeit gehabt für sie. Dabei träumt sie schon mit 20 davon, Frau Hitler zu werden. Aber er ist im Wahlkampf und ruft nicht an. Obwohl er ihr doch ein Telefon geschenkt hat. Ewig sitzt sie vor dem Apparat und wagt nicht wegzugehen. Sie gerät in Panik und schießt sich mit dem Revolver ihres Vaters in den Hals. Knapp neben der Schlagader bleibt die Kugel stecken.

Das wirkt. Hitler besucht sie, nimmt sie mit in die Oper. Aber dann steht sie wieder drei Stunden vorm »Hotel Carlton«, nur um ihren Adolf von weitem zu sehen.

Sie mopst sich. Blättert in Modejournalen, Fotografiert, führt Tagebuch, schreibt: Gut, er hat den Kopf voll gehabt in dieser Zeit mit politischen Problemen. Richtig. Er hat seinen alten Kampfgenossen Ernst Röhm erschießen lassen. Er hat das Saarland heim ins Reich geholt. Und der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß war auch im Weg und musste ermordet werden. Und Eva Braun? Wünscht sich ein Hunderl vom Führer, wenn er denn schon so selten kommt.

Ende Mai 1935 macht sie einen zweiten Selbstmordversuch. Sie hat Schlaftabletten gekauft. Ich habe mich für 35 Stück entschlossen, schreibt sie ins Tagebuch. Wenn er wenigsten anrufen lassen würde. Er läßt nicht anrufen. Da schluckt sie. Und wird durch Zufall von ihrer Schwester gerettet.

Hitler ist umringt von suizidgeneigten Frauen. Er selbst ist auch in ständiger Selbstmordbereitschaft. Er hatte einen nekrophilen Charakter, schreibt der Psychoanalytiker Erich Fromm, war angezogen von allem, was modert, verwest und krank ist. Er hat die Leidenschaft, lebendige Zusammenhänge zu zerstückeln.

Möglich, dass er vor 1933 Geli Raubal geliebt hat, das schöne, dralle Kind seiner Halbschwester, das ihm anvertraut war. Doch Geli liebt seinen Chauffeur, schreibt ihm: Wir werden uns ja oft sehen und auch oft allein, hat mir Onkel Adolf versprochen. Er ist ja goldig.

Das ist er nicht. Er entlässt den Chauffeur und macht Geli zu seiner ständigen Begleiterin. Sitzt geduldig im Laden, wenn sie alle Hüte durchprobiert. Und abends nimmt er sie mit zum Stammtisch im »Café Heck«. Der Rest ist Vernachlässigung. 1931, als sie 23 ist, erschießt sich Geli Raubal mit Hitlers Pistole. Einen Abschiedsbrief gibt es nicht.

Diese trübe Geschichte, schreibt Sebastian Haffner, ist das, was in Hitlers Leben einer großen Liebe am nächsten kommt.

Ein trübes Ende nimmt auch Unity Mitford, des Führers englische Walküre. Sie ist eine glühende Nationalsozialistin. Seinetwegen verlässt die Adelige ihr englisches Tudor-Schloss und zieht nach München.

Ein Prachtweib. Einsachtzig, blond, mit alarmierenden Maßen. Wer ist denn dieses Urbild einer Germanin?, fragt Hitler am 9. Februar 1935 in der Osteria Bavaria, wo Unity dem Diktator auflauert.

Es ist der Beginn einer leidenschaftlichen Heldenverehrung. Hitler lädt sie zu Tee und »Tannhäuser«. Und Albert Speer wundert sich, wie hemmungslos die verliebte Heroine den Führer anblitzt.

Am 3. September 1939, zwei Tage nach Hitlers Überfall auf Polen, überreicht der britische Botschafter dem Reichsaußenminister von Ribbentrop die Kriegserklärung. Das ist das Ende. Unity steckt Hitlers Porträt mit Autogramm in einen Umschlag, legt ihr Parteiabzeichen dazu und einen Abschiedsbrief: Sie könne einen Krieg zwischen England und Deutschland nicht ertragen. Dann geht die treudeutsche Lady, die Hitlers Paladine bis dahin für eine Spionin gehalten haben, in den Englischen Garten, setzt sich auf eine Bank und schießt sich in den Kopf.

Der Schuss ist nicht tödlich. Die Kugel ist stecken geblieben. Hitler besucht die Zerschossene in der Klinik. Er bringt Blumen und gibt ihr das Parteiabzeichen zurück. Sie nimmt es und verschluckt es vor seinen Augen. Hoffmann, sagt Hitler da zu seinem Leibfotografen, ich beginne mich zu fürchten.

Er ist nicht der Einzige. Auch Heinrich Himmler fürchtet sich. Der Mann, der Herr über alle Konzentrationslager ist, der sich zum Ziel gesetzt hat, alle Juden von der Erde verschwinden zu lassen, hat Angst vor seiner Frau.

Henriette von Schirach, die mit dem Reichsjugendführer verheiratet ist, erzählt von einer Kaffeetafel beim Reichsführer SS: Ich habe nie einen Mann erlebt, der so unter dem Pantoffel stand wie Heinrich Himmler.

Er fließt über vor Freundlichkeit, so erzählt sie, aber je netter er wird, desto schlechter wird er von Marga Himmler behandelt. Der Chef der SS war zu Hause eine Null, musste immer nachgeben. Und immer sagt seine Frau in strengstem Ton: Heinrich! Kein Gespräch kommt zustande. Jedes Wort erstickt sie mit bösem Blick. Und abends trinkt der Pantoffelheld schwachen Kamillentee.

Als Henriette von Schirach erfährt, dass Himmler eine Geliebte hat, wundert sie sich, woher der Mann den Mut nimmt.

Gerda Bormann ist einmal bei dieser Geliebten eingeladen, bei »Häschen« Potthast. Himmler hat ihr eine Wohnung einrichten lassen, und die soll nun besichtigt werden. Gerda erzählt ihrem Mann ganz begeistert, dass alles sehr schön und praktisch sei. Meint sie die Lampenschirme aus Menschenhaut? Und die geschnitzten Stühle aus Menschenknochen?

Zum Fürchten ist auch Lina Heydrich, die Frau des Mannes, der mit der Endlösung der Judenfrage beauftragt wird. Sie ist ein Organisationstalent. Herrisch, kalt, unhöflich. Eine Nazisse, die Ordnung hält. Wenn der Gartenfreund Himmler zu Besuch kommt, zupft sie tagelang vorher Unkraut.

Sie ist stolz auf ihren Mann, der sich oberster Müllkipper des Deutschen Reiches nennt. Die bekennende Antisemitin hilft ihm, ihr Münchner Haus zu einer Geheimdienstzentrale umzubauen. Sogar ihr Bett, schreibt sie später, sei eine Festung gewesen. Sie kann Stempel und Urkunden fälschen. Und als das Dritte Reich so richtig warmläuft und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mit Hundepeitschen aus seinem Haus gejagt wird, empfindet sie das als große Gaudi.

Aber so richtig in Fahrt kommt Lina Heydrich erst nach 1942, nach der Ermordung ihres Mannes in Prag. Da sitzt die reiche Witwe im Traumschloss aus jüdischem Besitz mit all den zusammengestohlenen antiken Möbeln, Bildern und Porzellanen für 30 Zimmer. Da braucht man Personal.

Sie bekommt Häftlinge aus dem KZ: Ungeheure Perspektiven eröffnet sie bald ihrem Freund und Förderer Himmler. Sie will eine Sklavenkolonie gründen. Hat Pläne ausgearbeitet mit Baumschulen, Viehhandel und Weinanbau. Ja, sie wird ihm alles schicken. Ach, Reichsführer, schreibt sie beglückt, ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht.

Hitler mochte es nicht, dieses Einmischen in Politik. Eine Frau ist für ihn Hüterin der Rasse, der Sitte, der häuslichen Tugend. Die Waffe der Frau ist der Kochlöffel, hat er gepredigt. Und unser Programm hat nur einen einzigen Punkt: das Kind.

Es ist bis heute nicht verschwunden, dieses Bild der deutschen Frau. Die Gefährtinnen der rechtsextremen Republikaner gehen ganz auf Hitler-Schiene, auf Treue, Sauberkeit und Ordnung. In einer »Brigitte«-Reportage haben sie in den 90er Jahren Auskunft gegeben. Wir sind dazu da, dem Mann das Leben schön zu machen. Und ihre Kinder sollen rassisch rein sein. Sie warten daheim und häkeln fürs Vierte Reich.

Im Dritten Reich haben die Frauen der hohen Nazis ihr Plansoll an Kindern selten erreicht. Gerda Bormann mit zehn und Magda Goebbels mit sieben sind die Ausnahmen. Hitler hatte sich schon 1920 festgelegt: Was meine Familie betrifft, so besteht sie... aus einem wundervollen deutschen Schäferhund.

Und Göring? Der kann keine Kinder zeugen, hieß es. Und Emmy Sonnemann, die Schauspielerin, seine zweite Frau sei ja wohl zu alt. Sie ist vermutlich über 44, als sie schwanger wird und 1938 ihrem Hermann seine Edda schenkt. Aber ist sie seine? Der Kabarettist Werner Finck kommt ins KZ, als er öffentlich sagt: Das Kind müsse eigentlich Hamlet heißen. Sein oder nicht sein?

Magda Goebbels ist die Dame unter den Nazifrauen. Die adoptierte Friedländer und geschiedene Quandt ist elegant, rasant, geschminkt. Sie kocht dem Führer schon vor 1933 kleine köstliche vegetarische Speisen, die sie ihm in Wärmebehältern schicken lässt. Aber trotz Küchenkunst und sieben Kindern wird sie nicht die Nazi-Musterfrau.

Der Propagandaminister schreibt in seinen Tagebüchern immer wieder von heftigen Debatten, die er mit seiner Frau hat. Es ging hart bis nachts 2 Uhr. Aber er weicht nicht ab von seinem reaktionären Frauenbild. Das Kinderkriegen und Großziehen ist doch eine ganze Lebensaufgabe. Frauen brauchen keinen Intellekt. Und sie sollen sich auch nicht in alles einmischen. Das nennt sich dann Emanzipation, wettert er. Nein, gegen diesen Terror setzt er sich zur Wehr.

Im Sommer 1933 interessiert sich Magda Goebbels für ein öffentliches Amt, das »Modeamt«. Ausgeschlossen! Ihr Mann ist dagegen. Gut, sagt sie, dann käme sie auch nicht mit zu den »Meistersingern« nach Bayreuth, nicht als Schmuck des Mannes. Sie nicht. Nach einem gewaltigen Krach dampft der Propagandaminister allein ab.

Warum kommt Goebbels allein? Er erzählt Hitler von seinem Ärger. Der ist wütend. Lässt Frau Goebbels sofort mit dem Flugzeug aus Berlin abholen. Nach dem ersten Akt erscheint sie. Strahlend vor Schönheit. Nachts geht der Ärger weiter. Hitler setzt sie auf den Pott. Er hasst Frauen, die Ämter wollen. Emanzipation? Das ist ein jüdischer Begriff, sagt er und, so Goebbels im Tagebuch, stiftet Frieden zwischen Magda und mir. Er ist ein wahrer Freund.

Als das Dritte Reich zusammenkracht, schreibt Martin Bormann an seine Frau: Wir werden unsere Pflicht bis zum Ende tun, und wenn wir, wie weiland die ollen Nibelungen in Etzels Saal untergehen.

Eva Braun geht im Führerbunker unter. Am 28. April 1945, kurz vor Mitternacht, heiratet Hitler sie. Am Nachmittag des folgenden Tages - die Rote Armee ist nur noch ein paar hundert Meter entfernt - nimmt sie Blausäure. Hitler erschießt sich.

Am 1. Mai zieht Magda Goebbels ihren Kindern hübsche weiße Kleidung an und lässt sie im Führerbunker einschläfern. Sie selbst nimmt Gift. Ihr Mann erschießt sich.

Gerda Bormann stirbt 1946 mit 37 Jahren an Unterleibskrebs. Lina Heydrich wird in Prag in Abwesenheit zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Sie lebt unbehelligt bis 1985 als Pensionsmutter auf Fehmarn.

Hitlers englische Walküre Unity stirbt 1948 an den Spätfolgen ihrer Kugel im Kopf, die kein Arzt sich traute herauszuoperieren.

Henriette von Schirach wandert kurze Zeit in ein Internierungslager. Dann wird sie für eine Sühnestrafe von 2000 Mark als »Minderbelastete« entlassen. Bis zu ihrem Tod 1992 predigt sie, dass Hitler ein Idealist gewesen sei. Der Zusammenbruch des Dritten Reichs ist für sie: Der Preis der Herrlichkeit.

Birgit Lahann