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Reichspogromnacht: Als die Synagogen brannten

In der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden deutschlandweit rund 1400 Synagogen sowie unzählige jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört. Inzwischen leben die jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder auf. Doch die Folgen jener Nacht sind auch heute noch spürbar.

Geschändet, in Flammen gesetzt, gesprengt: In der Nacht zum 10. November 1938 zerstörten Nationalsozialisten die prachtvolle Hauptsynagoge in Mainz. In jenen Tagen wurden in ganz Deutschland bis zu 1400 jüdische Gotteshäuser und Betstuben verwüstet, niedergebrannt und abgerissen, Opfer eines organisierten Antisemitismus und Menetekel der bevorstehenden "Endlösung". Am 23. November dieses Jahres wird in Mainz an gleicher Stelle in der Hindenburgstraße der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt - Teil einer Bauwelle, die den Aufschwung jüdischen Lebens in Deutschland seit den 90er Jahren widerspiegelt. Mit dem Zuzug Zehntausender Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stieg die Zahl der Gemeindemitglieder in Deutschland von knapp 30.000 Ende der 80er Jahre auf 104.000. Heut gibt es 107 Gemeinden, der Historiker Michael Brenner schätzt die Zahl der aktiven Synagogen auf etwa 100.

Einige Gemeinden feiern Gottesdienste noch in Betsälen oder anderen Provisorien, wie der Zentralrat der Juden in Deutschland erklärt. Einem Vergleich mit dem blühenden jüdischen Leben in der Weimarer Zeit hält diese "Renaissance" aber nicht stand. "Damals lebten rund 600.000 Juden in Deutschland", sagt Professor Brenner, der an der Münchner Universität Jüdische Geschichte und Kultur lehrt. Er wehrt sich auch gegen den Begriff der "Renaissance": "Es ist etwas anderes." Die Nachkriegsgemeinden seien eher orthodox geprägt gewesen und die Zuwanderer aus Osteuropa sogar ohne jegliche Religion aufgewachsen, sagt Brenner: "Das traditionelle liberale Judentum der Vorkriegszeit gibt es heute vielleicht noch in der Gemeinde der Berliner Pestalozzistraße."

"Schuld aus dem Stadtbild tilgen"

Die untergegangene Vielfalt der Weimarer Zeit zeigt sich auch in Zahl und Architektur der Synagogen. Etwa 3.000 jüdische Gotteshäuser gab es zur Zeit der Weimarer Republik, wie Ulrich Knufinke von der deutsch-israelischen Forschungsstelle jüdische Architektur (Bet Tfila) sagt - von neomaurischen Kuppelbauten aus dem 19. Jahrhundert wie in Köln oder Wiesbaden über Synagogen im neoromanischen Stil wie in Hannover und München bis zu Gebäuden mit moderner Formensprache. In Plauen entstand 1930 eine Synagoge im Bauhausstil.

Im November 1938 zerstörten die Nazis die meisten Synagogen. Die genaue Zahl - lange auf einige Hundert unterschätzt - wird heute vom Synagogue Memorial in Jerusalem mit 1.406 angegeben. Ihre Nähe zu Wohngebäuden schützte einige vorübergehend, viele wurden später abgerissen. Mehr als 30 Synagogen rissen die Nationalsozialisten in jenem Jahr schon vor der Reichspogromnacht ein, etwa in Nürnberg und München. Selbst nach Kriegsende ging der Abriss jüdischer Gotteshäuser weiter, wie Marc Grellert vom Fachbereich Architektur der TU Darmstadt erklärt. Er hat im Internet ein Archiv aufgebaut, das die Baugeschichte aller Synagogen in Deutschland und Österreich dokumentiert. "Es gab nach 1945 kein Bewusstsein dafür, dass die Gebäude erhaltenswert gewesen wären", sagt Grellert: "Vielleicht wollten die Deutschen auch die Schuld aus dem Stadtbild tilgen."

Wiederaufbau der Synagoge in Ost-Berlin

Mitte der 50er und Anfang der 60er Jahre seien dann in einer ersten Neubauwelle zahlreiche neue Gemeindezentren und Synagogen eingeweiht worden, "als Ausweis einer gelingenden 'Wiedergutmachung'". Allerdings nur in Westdeutschland - in der DDR "verband sich die staatskommunistische Ideologie mit einem populistischen Nationalismus, der in den Juden wieder die Fremden erblickte", wie der Historiker Brenner erklärt. Die Folge: "Bei Auflösung der DDR waren in sämtlichen Gemeinden, inklusive Ost-Berlins, noch 350 Juden registriert."

1988 wurde in der DDR erstmals offiziell der Opfer der Reichspogromnacht 1938 gedacht - noch bevor der 9. November in der Bundesrepublik zum Gedenkdatum wurde. Im selben Jahr wurde in Ostberlin die Stiftung "Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum" mit dem Ziel gegründet, die Synagoge in der Oranienburger Straße wieder aufzubauen. Das Gebäude war vor der Zerstörung in der Pogromnacht 1938 verschont worden, weil ein engagierter Polizeimeister sie vor der Brandlegung durch den Mob schützte. Während des Krieges wurde der Prachtbau mit seiner goldenen Kuppel allerdings von Bomben schwer getroffen. Die Stiftung Neue Synagoge stellte sich der Aufgabe, mit dem Wiederaufbau der Synagoge auch ein Zentrum für die Pflege und Bewahrung jüdischer Kultur zu schaffen.

Symbol jüdischer Gleichberechtigung

Zum neuen Klima gehörte, dass die DDR zur Unterstützung des Gemeindelebens von September 1987 bis Mai 1988 einen amerikanischen Rabbiner beschäftigte. Ausgestattet mit Dienstwagen und -wohnung sowie einer Hausangestellten, die angeblich für das Ministerium für Staatssicherheit arbeitete. Am 10. November 1988 fand schließlich eine symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Ruine statt.

In der Bundesrepublik waren die historischen Synagogen ohne Nutzung in einen Dornröschenschlaf gefallen, bis in den 70er Jahren meist auf private Initiative hin eine Umwidmung in Museen, Bildungseinrichtungen oder Kulturzentren erfolgte", erläutert Knufinke. Erst in den 90er Jahren wurden vielen Gemeinden ihre Räume zu eng, und es setzte eine bis heute anhaltende zweite Bauwelle ein. In Aachen, Dresden, Duisburg, München, Krefeld oder Bielefeld entstanden in den vergangenen Jahren Gebäude, die laut Knufinke an die Architektur der Moderne anknüpfen. Auch die jüdische Gemeinde in Mainz errichtet an der Stelle eines großzügigen Kuppelbaus im Jugendstil aus dem Jahr 1912, eines "Symbols jüdischer Gleichberechtigung und jüdischen Bürgerstolzes", wie der Rabbiner Leo Trepp schrieb, ein ambitioniertes Gebäude. Die Struktur des von Manuel Herz entworfenen Gemeindezentrums orientiert sich an den Buchstaben eines hebräischen Segensspruchs.

Uwe Gepp/AP/mcp / AP