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Russischer Truppenabzug: Abschied zweiter Klasse

Vor zehn Jahren endete die fast 50-jährige Stationierung russischer Militärs auf deutschem Boden. Während den Westalliierten besondere Ehren zuteil wurden, verlief der Abschied von Moskaus Truppen wenig ruhmreich.

Auf dem Militärflughafen Sperenberg südlich von Berlin glitt die russische Flagge langsam den Fahnenmast herab. Dann stieg Generaloberst Matwej Burlakow ins Flugzeug und flog nach Moskau. Der Oberkommandierende der Westgruppe der russischen Streitkräfte verließ am 1. September 1994 als letzter ranghoher russischer Militär das wiedervereinigte Deutschland.

Ende einer Ära

Die russischen Truppen waren schon einen Tag zuvor, am 31. August 1994, offiziell verabschiedet worden. Damit war die fast ein halbes Jahrhundert dauernde Stationierung russischer Militärs auf deutschem Boden beendet. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Russlands Präsident Boris Jelzin sprachen vom Beginn einer neuen Ära der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Nur wenige Tage später wurden auch die Westalliierten aus Berlin verabschiedet.

Nach der friedlichen Wende im Herbst 1989 und dem Ende des Kalten Krieges wurde der Truppenabzug aus Deutschland schnell zur Chefsache. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag schuf die Grundlage. Nach Gerangel mit Jelzin um den Abzugstermin verkündete Kohl dann, dass die Verabschiedung "in würdiger und respektvoller Weise" erfolgen soll. Die Rückverlegung von rund 546 000 Angehörigen der Westgruppe in nicht einmal vier Jahren galt denn auch als logistische Meisterleistung. Doch für viele Betroffene war es ein schmerzlicher Abschied, denn in der Heimat erwartete viele von ihnen eine ungewisse Zukunft.

Abzug 1990 vereinbart

Der Abzug wurde zwischen Bonn und Moskau 1990 vereinbart. Die Bundesrepublik finanzierte im Gegenzug den Bau von 45.000 Wohnungen in Weißrussland, Ukraine und Russland für rückkehrende Offiziere. Außerdem verpflichtete sich Deutschland, für die weitere Pflege der sowjetischen Ehrenmale und Gedenkstätten zu sorgen. Das gilt auch für die drei Ehrenmale in Berlin, die zugleich sowjetische Soldatenfriedhöfe sind, sowie für das "Kapitulationsmuseum" im Ortsteil Karlshorst. Dort hatte die Wehrmacht am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet.

Wenig ruhmreich ging für die Truppen Moskaus ihre Zeit auf deutschem Boden zu Ende. Die Feier am 31. August 1994 im Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt verdeckte nur mühsam den Schmerz der Russen darüber, dass ihre Truppen nicht gleichberechtigt mit den Westalliierten aus Deutschland entlassen wurden, das mit der Einheit seine Souveränität wiedererlangt hatte.

"Demütigend und ungerecht"

"Demütigend und ungerecht" nannte der russische Literat und Menschenrechtler Lew Kopelew diesen Vorgang: Hatten sie im Kampf gegen Hitlerdeutschland doch die meisten Opfer gebracht. Der Abschied für die Truppen Moskaus fand auf deutschen Wunsch sozusagen unter den Augen der Westalliierten statt, die am 8. September 1994 Deutschland erhobenen Hauptes und mit klingendem Spiel verließen. Die Bundeswehr, die mit der Vereinigung in Berlin wieder Heimatrecht erhalten hatte, ehrte die abziehenden westlichen Kameraden mit dem Großen Zapfenstreich.

Für die Russen gab es solche Gesten nicht. Ihre Truppen in Deutschland hatten den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 blutig niedergewalzt. Die Demonstranten forderten schon damals unter anderem "Abzug der Russen" und "Nieder mit der deutsch-sowjetischen Freundschaft". Sowjetische Truppen sicherten später zusammen mit der Nationalen Volksarmee der DDR den Mauerbau am 13. August 1961 militärisch ab. 1968 ertränkten sie den "Prager Frühling" im Blut.

Konzept durchkreuzt

Die Westalliierten - ursprünglich ebenso Besatzer wie die Sowjets - hatten dagegen bereits vor der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 ein grundlegend anderes Bild von sich vermittelt: Sie brachen die lebensbedrohliche Blockade West-Berlins durch sowjetische Truppen 1948/1949 mit der bis heute einmaligen Luftbrücke. Bis zum Schluss verhinderten sie das sowjetische Konzept einer "selbstständigen politischen Einheit West-Berlin" als drittes deutsches Staatsgebilde, das letztlich der DDR einverleibt werden sollte.

Die Sowjets waren am 2. Mai 1945 in die Hauptstadt einmarschiert. Allein dieser Endkampf kostete 20.000 ihrer Soldaten das Leben. Im Juni formierten sie sich als "Gruppe der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Deutschland", 1954 erhielten sie die Bezeichnung "Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland". Mit dem Zerfall der Sowjetunion reduzierte sich die offizielle Bezeichnung auf "Westgruppe der Truppen".

Demütigung am Händlertisch

Da hatten die Demütigungen schon begonnen: Sowjetische Deserteure tauchten in Deutschland unter, korrupte Offiziere verhökerten Unterlagen und Ausrüstungen an den Westen. Auf den Tischen der fliegenden Händler am ehemaligen Check-Point Charlie und am Brandenburger Tor tauchten Nachtsichtvisiere, Feldstecher, Feldtelefone, Kartentaschen, Uniformteile, sibirische Fellmützen für hohe Offiziere, Orden und kurzzeitig sogar Seitengewehre auf. Die Fledderei einer in ihrem Stolz gebrochenen Armee war in vollem Gange.

Die in der DDR stationierte Westgruppe war die größte und am besten ausgerüstete Truppe des Warschauer Paktes außerhalb der Sowjetunion. Sie verfügte sogar über die berüchtigten SS-20 Raketen. Im Arbeiter- und Bauern-Staat nutzte die Sowjetarmee rund 2500 Quadratkilometer. Die Streitkräfte wurden mehrfach verringert und umfassten am Vereinigungstag am 3. Oktober 1990 rund 337.8000 Soldaten und Offiziere sowie 44.700 Zivilangestellte. Hinzu kamen 163.700 Familienangehörige.

Öffentlich traten die Truppen im Osten kaum in Erscheinung, was nach Vermutungen von Historikern eine Lehre aus dem 17. Juni 1953 gewesen sein könnte. Trotz verordneter Treffen mit der Bevölkerung - von vielen DDR- Bürgern wurden die "Freunde" als Besatzer empfunden. Ihre Präsenz sicherte vor allem das sozialistische System. Die oft blutjungen Soldaten lebten isoliert, ihre Ausbildung war hart, Unterbringung und Verpflegung waren schlecht. Mit dem Abzug der letzten Brigade einen Tag nach der Feier im Konzerthaus erhielten deutsche Behörden 3.000 Kasernen und Grundstücke zurück.

25 Milliarden Mark Sanierungskosten

Nach dem Abzug wurde die Hinterlassenschaft mit Kasernen, Schieß- und Flugplätzen zum schier unüberwindlichen Problem. Die Bundesregierung schätzte die Sanierungskosten für die mehr als 1500 Liegenschaften damals auf 25 Milliarden Mark. Manche Kommunen verzichteten auf die Übernahme, andere hatten hochfliegende Pläne und mussten bald erkennen, dass eine umfassende zivile Nutzung wegen der Kosten einige Nummern zu groß ist. Auf anderen Plätzen schlummert bis heute gefährliche Munition im Boden.

Auch im Land Brandenburg, das die ausgedehnteste russische Liegenschaft hat, ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt. Das frühere russische Hauptquartier in Wünsdorf ist 15 Jahre nach der Wende trotz enormer Investitionen erst zu einem Teil vermarktet. Wohnungen wurden hergerichtet, einige Landesbehörden angesiedelt. Doch der ganz große Ansturm auf das Areal blieb aus.

Ausgerechnet um die Nutzung eines Bombenabwurfplatzes der Sowjets im Norden Brandenburgs wird seit dem Truppenabzug heftig gestritten. Die Bundeswehr will den Übungsplatz Wittstock/Ruppiner Heide, einen der größten in Europa, weiter militärisch nutzen. Doch mehrere Anliegergemeinden prozessieren seit Jahren gegen das "Bombodrom". Sie sehen die Zukunft ihrer Heimat eher im Tourismus. Einen Schießplatz, auf dem Tiefflieger Bomben-Attrappen abwerfen, haben sie noch aus DDR-Zeiten satt.

Frieder Reimold/AP / AP / DPA