Schlachtfeld Deutschland Der Tod kehrt heim


Die letzten Kriegsmonate waren für die Deutschen die schlimmsten von allen. Unerbittlich waren nicht nur die Alliierten, sondern auch die eigenen Führer. Eine Chronologie des militärischen Untergangs des "Tausendjährigen Reichs".

Zum Schluss war die Übermacht schlicht erdrückend. Fast drei Millionen Soldaten der Roten Armee standen am 16. April 1945 an Oder und Neiße zum Sturm auf Berlin bereit. Das wurde von den Resten der "Heeresgruppe Weichsel" verteidigt: 320 000 Mann, darunter viele ohne jede Kampferfahrung, dazu SS-Einheiten, Hitlerjugend, Polizisten und der "Volkssturm", das letzte, miserabel bewaffnete Aufgebot aus Jugendlichen und meist älteren Männern.

Allein die 1. Weißrussische Front

von Marschall Georgij Schukow im mittleren Frontabschnitt hatte sieben Millionen Artilleriegranaten angehäuft, pro Frontkilometer drängten sich an die 300 Geschütze. Am Abend des 19. April hatten Schukows Einheiten alle drei Verteidigungslinien zwischen Oder und Berlin durchbrochen, anderthalb Tage später drangen sie in die nördlichen Vororte ein. Am 26. April umzingelten eine knappe halbe Million Rotarmisten die Innenstadt, ausgestattet mit 12 700 Geschützen, 21 000 Raketenwerfern, 1500 Panzern. Als am 2. Mai um 15 Uhr das Schießen in den Trümmern Berlins endlich ein Ende hatte, waren wohl 125 000 Deutsche tot. Höher noch war der Preis, den die Rote Armee für ihre Eroberung der "Höhle der faschistischen Bestie" zu zahlen hatte: 304 887 Soldaten waren tot, verwundet oder vermisst - mehr als jeder zehnte Mann.

Ausgerechnet das Gemetzel von Berlin beendete das größte Morden der Menschheitsgeschichte, es war die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkriegs in Europa (im Pazifik wurde weitergekämpft, bis Japan nach dem Abwurf zweier Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 2. September die Kapitulation unterzeichnete). Der Krieg war dahin zurückgekehrt, wo er seinen Ausgang genommen hatte. 2076 Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen unterschrieb Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier des westalliierten Oberbefehlshabers im französischen Reims am 7. Mai 1945 die deutsche Gesamtkapitulation, in der Nacht auf den 9. Mai wiederholte Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Prozedur im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst. Am 11. Mai ergaben sich die letzten deutschen Einheiten - auf der Nordseeinsel Helgoland.

Die letzten Monate dieses längst verlorenen Krieges waren für die Deutschen die härtesten von allen. Viele hatten in den Jahren zuvor die Siege der Wehrmacht bejubelt - nun lebten sie auf jenem Schlachtfeld, auf dem die bis dahin effizientesten Kriegsmaschinerien ihren Endkampf ausfochten. In den 18 Kriegswochen des Jahres 1945 starben mehr Deutsche als in den 64 Monaten zuvor, Hunderte von Städten und Dörfern sanken in Trümmer. Und mit der Kapitulation war das Elend nicht vorbei: Vor allem Soldaten der Roten Armee rächten sich mit Morden, Vergewaltigungen und Plünderungen für das Leid, das Wehrmacht und SS ihren Völkern zugefügt hatten. Zudem strömten 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in das verwüstete Land. 500 000 oder mehr überlebten die Flucht nicht.

Der militärische Untergang des NS-Reiches

war lange vorher abzusehen. Nach 1945 galt als Kriegswende die deutsche Katastrophe von Stalingrad im Winter 42/43, bei der fast die komplette 6. Armee vernichtet worden war. Tatsächlich aber erlitten Hitler und seine Wehrmacht die entscheidende Niederlage ein gutes Jahr zuvor. Da scheiterte die Offensive auf Moskau, das Konzept des "Blitzkriegs", mit dem auch das Riesenreich der Sowjets niedergewalzt werden sollte, war zum ersten Mal nicht aufgegangen. Und die Deutschen waren weder auf einen langen Kampf im Osten noch auf einen dauerhaften Zweifrontenkrieg eingestellt. Mit dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 war es nur eine Frage der Zeit, wann deren enormes ökonomisches und militärisches Potenzial den mittlerweile global geführten Krieg entscheiden würde. Großbritanniens Premier Winston Churchill jubelte über den japanischen Angriff auf die amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor am 7. Dezember 1941, der der zögernden Weltmacht den Krieg aufzwang. "Damit hatten wir gesiegt!", schrieb er in seinen Erinnerungen. Und wie Generaloberst Jodl überlieferte, war auch Hitler "klar, als die Katastrophe des Winters 1941/42 hereinbrach, dass von diesem Kulminationspunkt des beginnenden Jahres 1942 an kein Sieg mehr errungen werden konnte".

Bereits das Jahr 1943 war für die deutschen Militärs ein Desaster. Im Mai mussten die Reste der Heeresgruppe Afrika in Tunis kapitulieren, Großadmiral Karl Dönitz brach die "Schlacht im Atlantik" ab - die entscheidende Wende im U-Boot-Krieg. Am 10. Juli landeten Amerikaner und Briten auf Sizilien, zwei Monaten später US-Truppen bei Salerno auf dem italienischen Festland. Der Sturm auf Hitlers "Festung Europa" hatte begonnen. Und die Sowjets trieben die Deutschen Kilometer um Kilometer aus ihren geschundenen Ländern. Im Sommer 1944 erreichten sie die Weichsel vor den Toren Warschaus und die Grenze Ostpreußens.

Am 6. Juni starteten Amerikaner, Briten und ihre Verbündeten mit 12 000 Flugzeugen und fast 6500 Schiffen das Unternehmen "Overlord": die Landung an der französischen Kanalküste. Bis Ende Juli landeten fast 1,6 Millionen Mann an den Stränden der Normandie. Endlich stand die von den Sowjets ersehnte und von Hitler gefürchtete "zweite Front". Anfang August verloren die Deutschen im "Kessel von Falaise", einer der größten Panzerschlachten des gesamten Krieges, 1300 Panzer, 50 000 Wehrmachtssoldaten fielen, 200 000 gingen in Gefangenschaft. Am 25. August befreiten die Alliierten Paris, am 3. September Brüssel, und am 21. Oktober eroberte die US-Armee nach schweren Kämpfen als erste deutsche Stadt Aachen. Etwa zur selben Zeit drang die Rote Armee erstmals in Ostpreußen ein - der Krieg war endgültig heimgekehrt ins Reich.

Doch Hitler wollte noch einmal

die Triumphe seiner frühen "Blitzkriege" kopieren. Am 16. Dezember begann auf seinen Befehl die "Ardennenoffensive": 600 schwere Panzer attackierten die völlig überraschten Amerikaner. Sie sollten die alliierten Truppen an der Küste einkesseln. Treibstoffmangel und die Dominanz der alliierten Luftwaffe stoppten die Panzer schon nach wenigen Tagen. Es war die letzte große deutsche Offensive in diesem Krieg. Ihr einziges Ergebnis: Die Wehrmacht hatte ihre letzten Reserven verpulvert.

Vom 12. Januar an griff die Rote Armee an der gesamten Front zwischen der Memel und den Karpaten an. Fünf Tage später nahmen die Sowjets Warschau ein, am 19. Januar Krakau und Lodz, am 27. Januar wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Ende des Monats wurde Königsberg eingeschlossen - eine Flucht war nur noch über die Ostsee möglich, bis zu zwei Millionen Menschen - Zivilisten und Soldaten - wurden evakuiert. Am 30. Januar stand die Rote Armee an der Oder - 80 Kilometer vor Berlin.

Anfang Februar begann im Westen die Schlussoffensive. Am 7. März erreichten die Amerikaner Köln, eroberten die unzerstörte Eisenbahnbrücke von Remagen und bildeten ihren ersten Brückenkopf rechts des Rheins. Von nun an ging alles ziemlich schnell, zumindest im Westen erlahmte der Widerstand der Deutschen - wohl auch, weil sie sich lieber von Briten und Amerikanern besiegen lassen wollten als von den gefürchteten Sowjets.

Am 18. April erreichten die Amerikaner die Elbe und eroberten Magdeburg, am 19. April Leipzig - später zogen sich die Westalliierten gemäß ihrer Absprachen mit den Sowjets wieder hinter die Elbe zurück. Am 22. Mai nahmen die Franzosen Stuttgart ein. Am 25. April trafen bei Torgau an der Elbe erstmals Amerikaner mit Russen zusammen - das noch von den Deutschen gehaltene Gebiet zerfiel in zwei Teile. Am 30. April nahm die US-Armee München, drei Tage später marschierten die Briten in Hamburg ein - die Stadt ergab sich gegen Hitlers ausdrücklichen Befehl kampflos.

Doch der Krieg wurde nicht nur am Boden geführt. Im kurzen Kriegsjahr 1945 gingen 477 000 Tonnen Bomben auf das Reichsgebiet und die besetzten Gebiete nieder. Am 3. Februar starben bei amerikanischen Luftangriffen in Berlin 22 000 Zivilisten. In der Nacht zum 14. Februar verglühte Dresden, wohl 35 000 Menschen kamen im Feuersturm um. Auch Hildesheim, Halberstadt, Würzburg oder Potsdam wurden kurz vor dem absehbaren Ende des Krieges Ziel der alliierten Luftwaffe.

Unerbittlich war nicht nur der Feind,

gnadenlos war auch die eigene Führung. Hitler verbot seinen Soldaten jede Kapitulation. Noch in den letzten Kriegswochen mordeten Wehrmacht, SS und Justiz Deserteure und wen sie dafür hielten - und oft wurden ganze Familien in Sippenhaft genommen. Selbst nach dem 8. Mai richteten Exekutionskommandos der Wehrmacht noch vermeintliche Feiglinge hin.

Hinter der Brutalität gegen die eigenen Leute steckte nicht nur Hitlers Wahn, das deutsche Volk habe es nicht verdient, weiter zu existieren, wenn es sich als zu schwach erweise, seine Großmachtvisionen umzusetzen. Es war auch ein grausames Kalkül. Die Führer des NS-Staates und der Wehrmacht hatten angesichts ihrer maßlosen Verbrechen vom Frieden nichts zu erwarten als den Tod. Gerade durch ihre gnadenlose Kriegsführung wollten sie nun ihre Volksgenossen bis zum bitteren Schluss an sich binden und Aufstände gegen die eigene Führung wie am Ende des Ersten Weltkriegs verhindern. Im November 1944 sagte Hitler zu seinem Rüstungsminister Albert Speer: "Jetzt begreift auch der Dümmste, dass sein Haus nicht aufgebaut wird, wenn wir nicht siegen. Schon deswegen werden wir dieses Mal keine Revolution haben! Das Gesindel soll seine Feigheit nicht durch eine sogenannte Revolution verdecken. Das garantiere ich! Keine Stadt wird dem Feind überlassen, bevor sie nicht ein Trümmerhaufen ist."

Arne Daniels / Mitarbeit: Claas Pieper print

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