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M.Streck: Frischluft: Homeoffice in Zeiten von Corona: Der Segen der Jogginghose

In seiner neuen Kolumne beschäftigt sich unser Autor Michael Streck mit den Tücken des Alltags in Zeiten von Virus und Quarantäne. In der ersten Folge geht es um korrekte oder weniger korrekte Arbeitskleidung.

Jogginghosen

Perfektes Kleidungsstück in Corona-Zeiten: die Jogginghose

Picture Alliance

An dieser Stelle sei gestanden, dass ich die Kontrolle über mein Leben verloren habe. Seit einigen Jahren schon und ganz bewusst sogar. Zumindest nach dem Verdikt von Karl Lagerfeld, der befand, Menschen in Jogginghose…genau: Kontrollverlust. Damit kann ich leben. Lagerfeld, selig, nicht.

An dieser Stelle sei obendrein gestanden, dass diese Zeilen in Jogginghosen entstehen, schwarz. Ich habe aber auch eine blaue, eine graue, noch eine schwarze und neuerdings sogar zwei bunte. Dazu kommen wir noch.

Die Vorliebe für Jogginghosen war nicht immer. Sie hat viel zu tun mit dem, was die Deutschen nun in Scharen erleben und ich schon seit Jahren praktiziere: Homeoffice.

Englische Häuser sind wie das englische Gesundheitssystem

Vor sechs Jahren zogen meine Frau und ich nach London, in eine der teuersten Städte der Welt, ein eigenes Büro für mich lag außerhalb unserer finanziellen Möglichkeiten und sogar außerhalb der finanziellen Möglichkeiten des stern. Jeder Korrespondent mit Ausnahme der Fernseh- und Radioleute arbeitet in London von zu Hause. Freunde, Verwandte und Kollegen hatten die Frau und mich gewarnt, das werde unsere Ehe einem veritablen Stresstest unterziehen, wenn nicht gar ruinieren.

Ständig zu Hause, 24 Stunden Seite an Seite, keine Fluchtmöglichkeiten, nicht mal Ausflüchte wie früher als man aus der Kneipe anrief und um Verständnis heischend flötete: "Habe gerade diesen oder jenen getroffen, einen trinken wir noch, komme dann aber sofort nach Hause." Was selbstverständlich nie stimmte. Meine Frau ist eine gute Frau.

Vorweg, wir haben das überlebt, was zu großen Teilen am Langmut und dem großen Herz der Frau liegt, die meine vielen Macken tolerierte. Hilfreich war dabei, dass wir im Londoner Norden in einem kleinen Haus mit sehr vielen Macken lebten, die noch größer waren als meine, so dass sich ihr überaus verständlicher Groll eher auf Makler und Vermieter kaprizierte. Durch die Wand meines Büros lief ein stattlicher Riss. Die Toiletten funktionierten nur mit viel Zusprache und selbst dann nur im zweiten oder dritten Anlauf; ständig fiel die Heizung aus oder der Kühlschrank oder die Waschmaschine. Zuweilen lief Wasser durch die Decke, wenn die Toilette gute Laune hatte und besser als gedacht funktionierte. Englische Häuser finden ihre Entsprechung im englischen Gesundheitssystem. Charmant zwar, aber komplett aus der Zeit gefallen. Irgendwas war immer, was die Frau neben ihrem Job als Übersetzerin ziemlich auf Trab hielt und mich peu à peu in schleichende Verwahrlosung trieb. 

Aus jener Zeit stammt jedenfalls mein Faible für die Jogginghose.

Wir reisten durch die Welt, und Corona war noch ein Bier

Im Sommer vergangenen Jahres verließen wir unsere liebenswerte Bruchbude in London und zogen zurück nach Deutschland in unser altes Haus im Hamburger Norden. Danach verreisten die Frau und ich. Wir tourten durch Südamerika und Südostasien, fünf Monate insgesamt, trafen grandiose Leute, sahen grandiose Landschaften und grandiose Tempel. Corona war noch ein Bier. Vergangene Woche kehrten wir zurück in ein verändertes Deutschland. Ich hatte mich sehr auf Freunde und Kollegen gefreut, stattdessen Fortsetzung von Homeoffice unter verschärften Bedingungen.

Meine vielen Macken treten nun leider schonungsloser zutage, weil sie nicht mehr überlagert werden von Macken unseres gemeinsamen Heimes. Die Toiletten funktionieren, es gibt keine Risse in den Wänden, Kühlschränke, Heizung, Waschmaschine – alles gut. Selbst die hiesige Toilette unterliegt keinen Stimmungsschwankungen. Deutsche Häuser finden ihre Entsprechung im deutschen Gesundheitssystem. Nicht immer charmant, aber doch weitgehend funktional.

Auf einem kleinen Regal im Wohnzimmer liegen unsere Mitbringsel aus Südostasien. In Laos kaufte die Frau Tücher und Tischdecken. Ich kaufte zwei bunte Jogginghosen, eine mit Elefanten drauf, die tatsächlich bei Besuchen von buddhistischen Tempeln zum Einsatz kamen. Ich fühlte mich darin fern der Heimat sehr wohl. Es war eine weitsichtige Kaufentscheidung wie sich weisen sollte, ein südostasiatischer Hamsterkauf. 

Ich wollte ohne Jogginghose nicht mehr leben, auch wenn das im Lagerfeldschen Sinne Kontrollverlust übers Leben bedeutet. Geschenkt. Lagerfeld liegt jetzt auf einem Friedhof in Paris, und sein letztes Hemd hat keine Taschen. Also bitte. Meine Frau, meine Töchter, die ganze Familie, auch Bekannte und Freunde haben sich längst an mich in Jogginghose gewöhnt. Trüge ich keine mehr, würden sie fragen: Was ist denn mit dir? Bist du krank?

Und das ist ungefähr das letzte, was ich in diesen Tagen möchte.

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