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Michael Streck: Last Call: Lost in London

Woody Harrelson torkelt nachts strunzhackevoll durch London, randaliert in Taxis und landet in Polizeigewahrsam. Alles nur ein Film. Er spielt sich selbst – und eine peinliche Sommernacht vor 15 Jahren nach. Damals schon erstaunlich, denn das hiesige Nachtleben ist meist so leblos wie die sprichwörtlich toten Augen von London.

Schauspieler Woody Harrelson blickt mir getröteten Augen in die Kamera. Über einem schwarzen Hemd trägt er ein blaues Jackett

Verfilmte eine durchzechte Nacht in London: Schauspieler Woody Harrelson

London ist schon tagsüber ein merkwürdiger Ort. Und nachts erst recht. Es gibt ganz gewiss nachts aufregendere Städte als London. Irgendwann machen die Pubs zu, spätestens um Mitternacht und auch die Restaurants, und dann eilen die Londoner schleunigst nach Hause, um die letzte U-Bahn noch zu kriegen, denn die hört auch irgendwann auf. Als große urbane Neuerung wurde neulich die Einführung der "Night Tube" an den Wochenenden gefeiert. In Berlin oder auch in Hamburg würden sie über so was lachen. In München vielleicht nicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Londoner Nachtleben ist für eine Millionenmetropole eher medioker und mickrig und oft ärgerlich. Es ist fast so, als würde die Stadt tagsüber alle Energie absorbieren und für abends nicht viel übrig lassen. Es kann passieren, dass man nach Mitternacht durch die Innenstadt streift auf der Suche nach einer noch offenen Tränke und nichts findet außer Clubs und Lounges, die ich aber schon deshalb nicht entere, weil sie mich dort vermutlich für einen Pädophilen hielten. Nur junge Menschen und keine mit grauen Haaren. Schön ist das nicht. Selbst in Wanne-Eickel oder Hückeswagen ist für Menschen mit grauen Haaren um diese Zeit noch mehr los als in London. Nur in München vielleicht nicht.

Woody Harrelson spielt vor allem Woody Harrelson

Insofern überrascht ein wenig, dass der amerikanische Hollywood-Star Woody Harrelson ausgerechnet London als Schauplatz eines waghalsigen cinematischen und vor allem nächtlichen Experiments wählte: einen Live-Kinofilm, der in der Nacht von Donnerstag auf Freitag entstand und in mehr als 500 Kinos in den Staaten gezeigt wurde. Das gab es noch nie. Woody Harrelson spielte darin vor allem Woody Harrelson, das heißt: den 15 Jahre jüngeren Woody Harrelson, wie der in einer lauen Londoner Sommernacht im Juli 2002 strunzhackevoll aus einem Club torkelt, ein Taxi besteigt, in dem Taxi starmäßig randaliert, sodann aus diesem Taxi hüpft und hinein in ein anderes, durch die Londoner Nacht kurvt, verfolgt vom ersten Taxi, auch aus Taxi Nummer zwei springt, durch die Londoner Nacht rennt wie Lola durch Berlin. Und schließlich in einer Ausnüchterungszelle der Polizei endet.

Einen Monat später und wieder nüchtern beglich Woody die Rechnung fürs demolierte Taxi, 550 Pfund, und es wurde keine Anklage erhoben. Der Taxifahrer sprach sehr britisch, der Fahrgast habe ein wenig getreten. Und Harrelson sprach von der "schlimmsten Nacht meines Lebens". Aber irgendwie war er mit dieser Nacht noch nicht ganz fertig oder: Der Täter kehrt ja immer an den Tatort zurück.

Im richtigen oder im falschen Film?

Und also hat Woody aus der durchzechten Londoner Nacht vor fast 15 Jahren diesen Film gemacht. Harrelson, inzwischen 55 und mit deutlich weniger Haaren, ist Harrelson und sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. Das gilt auch für seine amerikanischen Kumpels, den Schauspieler-Kollegenfreund Owen Wilson und Sänger Willie Nelson. Die machten auch mit und spielten Owen Wilson und Willie Nelson. Es hieß, das könnten sie am besten. 30 britische Schauspieler waren dabei und mehr als 300 Statisten in diesem 103 Minuten langen Spektakel. Harrelson erzählte, die meisten seiner Freunde hätten gesagt, er sei irre und "fucking stupid", weil in einem Single-Take-Film schon verdammt viel schief gehen kann, in einem Single-Take-Live-Film aber noch viel mehr. Regen, Wind, betrunkene Passanten, die nicht merken, dass sie gerade im Film sind. Und zwar nicht mal im falschen, sondern in einem richtigen. So was eben.

Für diesen Fall hatte er ankündigt, er werde von der Waterloo Bridge in den Themse springen und damit seinem filmischen Schaffen ein wohlverdientes Ende setzen. Dazu kam es glücklicherweise nicht, weil, Murphys Law!, die Waterloo Bridge wegen einer alten Weltkriegsbombe evakuiert werden musste. Man könnte auch sagen: Um ein Haar hätten die Nazis die schöne Idee verhagelt. Es ging dann doch alles glatt, pünktlich zum Shoot war die Brücke wieder frei, und Harrelson, vor einem Vierteljahrhundert Hauptdarsteller in der Komödie "White Men Can't Jump", musste nicht hüpfen in die kalte Themse.

Das Ganze firmierte unter "Lost in London". Es war ein großer Spaß, und es belebte das Londoner Nachtleben zumindest mal für eine Nacht. Die Nacht in London ist normalerweise noch töter als die toten Augen von London. Auch deshalb kam der Bürgermeister Sadiq Khan vor einiger Zeit auf die überfällige Idee, einen "night tsar", einen Nacht-Zaren zu installieren, der die lahme Metropole nach Sonnenuntergang etwas auf zack bringen soll. Der Zar ist jetzt eine lesbische Zarin; sie heißt Amy Lamé, Autorin und Performance-Künstlerin, die offenbar sehr nachtaktiv ist. Vor allem aber stammt sie aus New Jersey und weiß deshalb von Haus aus, wie es sich anfühlt, wenn nachts nichts los ist. Amy, 45 Jahre, hat die Hälfte ihres Lebens inzwischen in London zugebracht, in dieser Zeit die Konservativen zu verabscheuen gelernt und obendrein richtig schön fluchen auf Twitter. Den früheren Schatzkanzler George Osborne nannte sie zünftig "Cunt", und als Maggie Thatcher starb, zwitscherte Amy beschwingt "Ding Dong. Die Hexe ist tot."

Nachts schläft man in London gefälligst

Langweilig ist Amy mal sicher nicht und insofern eine gute Wahl. Dieser Dame hat der Bürgermeister seit November das Londoner Nachtleben anvertraut. Natürlich war die Nacht-Zarin beim Live-Dreh von "Lost in London" auch zugegen, die Pubs waren ja schon zu um diese Zeit. Harrelson torkelte wieder aus einem Club, er randalierte wieder im Taxi, er wurde wieder verfolgt und landete wieder in der Ausnüchterungszelle. 14 verschiedene Drehorte in 103 Minuten. Und das alles mit einer Kamera.

Viele Szenen wurden allerdings in einem leerstehenden Gebäude gefilmt. Denn es war Nacht in London, und nachts schläft man dort gefälligst. Vermutlich hätten sonst Nachbarn die echte Polizei gerufen wegen gespielter Ruhestörung. Woody wäre in einem echten Knast gelandet, wie damals, und damit in einer Endlosschleife.

Und wieder grüßt, mit toten Augen: das Murmeltier.