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US-Wahl Hat (noch) gar nicht weh getan - Trumps erste Woche als gewählter US-Präsident

Donald Trump und Reince Priebus
Donald Trump und sein Stabschef Reince Priebus (r.): Der moderate Republikaner ist das ideologische Gegenteil von Trumps Chefstrategen Stephen Bannon
© Jim Watson/AFP
Der Schock ist jetzt eine Woche alt, und noch immer weiß keiner, wohin die Reise mit dem Präsidenten Donald Trump weitergeht. Die schlimmsten Befürchtungen haben sich zwar nicht bestätigt, aber Trumps Unberechenbarkeit hält die Welt in Atem.

Vor einem Jahr noch wollte Ben Carson, ein berühmter Neurochirurg, selbst US-Präsident werden. Wie alle Donald-Trump-Konkurrenten hatte er keine Chance. Im Frühjahr dann schloss er sich dem Trump-Team an, vermutlich lockte ihn die Aussicht, Gesundheitsminister zu werden. Jetzt wirft Carson hin und verlässt die Mannschaft des künftigen Staatsoberhaupts. Seine interessante Begründung: Ihm fehle schlicht die Regierungserfahrung. Die Posse wird vielleicht schnell in Vergessenheit geraten, aber sie veranschaulicht, wie schwer sich der President-elect derzeit mit seinem Personal tut. Vor allem aber zeigt sich, dass es eine Woche nach der Präsidentschaftswahl immer unklarer wird, wohin Donald Trump eigentlich steuert.

Nach der Wahl redete plötzlich ein milder Mann

Im Wahlkampf hatte der Immobilienmilliardär noch Gift und Galle gespuckt, Frauen und Latinos beleidigt. Er wollte eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen, seine Gegnerin Hillary Clinton einsperren lassen, die umstrittene Gesundheitsreform seines Vorgängers Barack Obama rückabwickeln und die Homo-Ehe abschaffen. Als Trump am frühen Morgen des 9. November als Triumphator einer historischen Wahl dann vor seine Anhänger trat, stand und redete da plötzlich ein Mann, der beinahe demütig wirkte und überraschend milde Worte auch für seine Widersacherin fand.

So ging das die nächsten Tage weiter. Stück für Stück relativierte er zentrale Wahlkampfversprechen: "Obamacare" enthalte durchaus sinnvolle Punkte. Statt einer "großen Mauer" tue es auch ein Zaun an der US-mexikanischen Grenze. Überdies folge die Homo-Ehe einem höchstrichterlichen Urteil, an dem er nicht rütteln werde, außerdem habe er nichts gegen gleichgeschlechtliche Ehen. Und die Anklage gegen Clinton war plötzlich auch kein Thema mehr. Man konnte fast den Eindruck bekommen, der Tiger Trump wird als gewöhnlicher Bettvorleger im Weißen Haus landen.

Donald Trump freut sich auf Ratschläge

Dort, im Zentrum der Macht, wurde Trump zwei Tage nach der Abstimmung vorstellig. Antrittsbesuch beim Amtsinhaber. Das Gespräch mit Barack Obama dauerte länger als geplant, und anschließend hörten die beiden Männer gar nicht mehr auf, sich gegenseitig Respekt zu zollen. Der Wahlsieger, der bis dahin im Ruf stand, nicht einmal auf seine eigenen Leute zu hören, kündigte sogar an, sich auf viele Ratschläge des Amtsinhabers zu freuen. Zwischen den Zeilen klang das so, als würde Trump bei Obama in die Lehre gehen wollen. Und auf den Fotos sah er auch ein klein wenig aus wie ein Lehrling. Später ließ Obama durchblicken, Donald Trump sei von der Aufgabenfülle eines US-Präsidenten sehr "überrascht" gewesen.

Sein alter Wahlkampfsound blitzte aber doch immer wieder auf. Nach der Wahl demonstrierten in einigen Städten Tausende von Menschen gegen den 70-Jährigen. Prompt beschwerte sich Trump via Twitter über die "unfairen" Demonstrationen und nannte die Teilnehmer "professionelle Protestler". Nur wenig später schob er dann lammfromm nach: "Ich liebe die Tatsache, dass eine kleine Gruppe von Demonstranten Leidenschaft für unser großartiges Land zeigt".

Auch seine harsche Medienschelte behielt er bei. Gleich mehrfach ging er in den vergangenen Tagen die "New York Times" an. Am 13. November schrieb er: "Die 'New York Times' behauptet, Donald J Trump glaubt daran, dass sich mehr Staaten Atomwaffen zulegen sollten. Wie unehrlich sie sind. Ich habe so etwas nie gesagt". Was aber nur die halbe Wahrheit ist. Denn in einem Interview mit genau der Zeitung hat er genau diesen Gedanken angedeutet und als Beispiel Korea und Japan genannt.

Personalchaos hinter den Kulissen 

Auch personell ist unklar, wohin die Reise geht. Einerseits wird der moderate republikanische Parteichef Reince Priebus Trumps Stabschef, also seine rechte Hand. Andererseits gibt es da den ultrarechten Wahlkampfmanager Stephen Bannon, der Trump als Chefstratege zur Seite steht. Seine bedingungslose Treue zu Trump im Wahlkampf könnte sich für Rudy Giuliani auszahlen. Der ehemaliger Bürgermeister New Yorks war für das Amt des Justizministers vorgesehen, wollte dann aber plötzlich nicht mehr. Nun soll er Außenminister werden. Für den Posten ist aber auch der frühere UN-Botschafter der USA, John Bolton, im Gespräch. Andere Trump-Unterstützer wie Chris Christie und eben Ben Carson wurden hingegen degradiert und sind mehr oder weniger freiwillig gegangen. Hinter den Kulissen herrscht offenbar ein munteres Geschachere um Posten und Ämter. "Es ist wie bei einem Messerkampf", zitiert der Sender CNN eine Quelle aus dem Umfeld des Trump-Teams.

Den Neuling im Weißen Haus trifft das Amt offenbar genauso unvorbereitet, wie Barack Obama es kurz vor der Wahl befürchtet hatte. Bislang hat Trump zwar die schlimmsten Befürchtungen nicht bestätigt. Bestätigt aber hat er den Vorbehalt, unberechenbar zu sein.


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