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Florian Pronold: Die Wunderwaffe der Bayern-SPD

Am Wochenende wählt die bayerische SPD in Weiden in der Oberpfalz eine neue politische Führung: Parteichef wird der Bundestagsabgeordnete Florian Pronold, Generalsekretärin die Münchner SPD-Landtagsabgeordnete Natascha Kohnen. Wie schwer der neue Job werden wird, fasst Pronold knapp zusammen: "Kanzler ist mir viel zu einfach."

Von Hans Peter Schütz

Für seinen Amtsvorgänger ist der Nachfolger an der Spitze der bayerischen SPD eindeutig eine Wunderwaffe. Befragt nach Florian Pronold tritt Glanz in die zuweilen doch schon sehr müde blickenden Augen des Mannes im roten Pullunder, der jetzt in den politischen Ruhestand geht. Und dann sagt Ludwig Stiegler: "Der ist die eierlegende Wollmilchsau, den meine Partei dort braucht."

Eine solche hat die bayerische SPD in der Tat nötig. Bei der Bundestagswahl 2002 kam sie in Bayern noch auf 26,1 Prozent, 2005 auf 25,1. Bei der letzten Landtagswahl im vergangenen September rutschte sie von 19,1 auf 18,6 Prozent - das schlechteste Ergebnis nach dem Krieg. Bei der Europawahl 2004 votierten 15,3 Prozent der Bayern für die SPD. Bei der jüngsten Europawahl landete sie bei oberschlappen 12,9 Prozent. Die SPD als Splitterpartei. Vor dem Hintergrund dieser Wahldebakel drückt Stiegler seinem politischen Ziehsohn alle Daumen zu dieser "wunderbaren, manchmal schrecklichen Aufgabe".

Der kesse Niederbayer

Der 37-jährige Nachfolger, geboren im niederbayerischen Passau, nimmt die Bürde auf eine ihn kennzeichnende Art. Er rüttelt am Zaun der bayerischen Staatskanzlei, wie einst ein Schröder am Kanzleramt zu Bonn. "Kanzler ist mir viel zu einfach", sagt er gerne immer mal wieder, "ich will der zweite sozialdemokratische Ministerpräsident Bayerns in der Nachkriegsgeschichte werden." Der erste war Wilhelm Högner gewesen, vor 52 Jahren abgelöst.

Der kesse Spruch ist typisch für Pronold. Damit hat er bislang stets gerne Politik gemacht. Noch ein Beispiel gefällig? Also: Mit welchen Versformen machen CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer und Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg Politik? Pronolds Antwort: Mit Wilhelm Busch. Zumindest bei der in Oberfranken ungeliebten und affärengeplagten oberbayerischen Strauß-Tochter Monika Hohlmeier sei dies der Fall gewesen, die Seehofer dorthin geschickt habe, "um sie nach Brüssel abzuschieben". Und dann zitierte er Busch, bei dem es in "Maler Klecksel" heißt: "Wenn wer sich wo als Lump erwiesen, so bringt man in der Regel diesen, zum Zweck moralischer Erneuerung, in eine andere Umgebung."

Seehofers flotte politische Positionswechsel animierten ebenfalls schon Pronolds Zunge. Man müsse sich Sorgen machen, dass der CSU-Chef "jede inhaltliche Positionen schneller wieder räumt, als er sie überhaupt einnehmen kann". Das führe schließlich zu einer extrem schwer vorstellbaren Lage Seehofers: "Er ist in der CSU allein zu Haus. Wahrscheinlich aber gleichzeitig in mehreren Häusern."

Der Weg aus der Misere ist lang

Allein zu Haus, das dürfte freilich vorerst Pronold selbst zunächst einmal sein. Er macht sich keine Illusionen darüber, wie schwer der Weg wieder nach oben heraus aus der Dauermisere der bayerischen SPD sein dürfte. 10 bis 15 Jahre könnten es leicht werden, sagt ihm zumindest Stiegler voraus.

Den neuen Spitzenmann schreckt das nicht. Jetzt werde er sich, so gegenüber stern.de, zunächst mit voller Kraft auf die Bundestagswahl konzentrieren. Dabei wolle er das Ergebnis der Landtagswahl verbessern und das der Europawahl verdoppeln. Die Zielmarke liegt damit bei rund 25 Prozent. Die zuletzt deprimierenden SPD-Werte bei den Umfragen ängstigen ihn nicht. "Entscheidend ist, wer am Ende die Nase vorn hat. Wir kommen aus der Deckung und werden die Wähler in einem fulminanten Schlussspurt davon überzeugen, dass die SPD in den Ländern nicht nur die besseren Rezepte hat, sondern in Frank-Walter Steinmeier auch den besseren Koch."

Pronolds Generalin

Für Pronold ist die Lösungskompetenz der wichtigste Faktor einer Partei vor einer Wahl. Die verloren gegangene der bayerischen SPD will er im Team mit dem neuen SPD-Vorstand in einem "harten Reorganisationsprozess angehen." Eine Schlüsselfigur soll dabei seine neue SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen sein. Nicht die klassische Wadlbeisserin soll sie geben in diesem Amt, sondern die "klassische Generalin" beim Kampf um die wichtigste Zielgruppe der bayerischen SPD - den Frauen, die die Mehrheit unter den bayerischen SPD-Wählern stellen.

Pronold hält die erst im vergangenen Oktober in den bayerischen Landtag gewählte 42-jährige Münchnerin für eine Idealbesetzung auf diesem strategischen Posten. Die Naturwissenschaftlerin hat zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren. Als sie in Paris beschäftigt war, konnte sie Beruf und Familie leicht verknüpfen. Nach der Rückkehr nach München, so Pronold, sei das nicht mehr möglich gewesen.

"Ich bin ein Gestaltungslinker"

Dass er zum linken Flügel der SPD zählt, leugnet der neue Vorsitzende nicht. In die Bayern-SPD trat er bereits mit 16 Jahren ein, wirbelte als Juso-Vorsitzender ab 1999 heftig durch die Reihen der Genossen. Seit 2002 sitzt er im Bundestag, wo eine seiner ersten bundesweit beachteten Aktionen dem Versuch galt, Gerhard Schröders Agenda 2010 zu stoppen. Seit 2006 amtiert der studierte Jurist als Vorsitzender der SPD-Landesgruppe in Berlin und profilierter Finanzpolitiker.

Wie links ist er noch immer? Antwort: "Ich bin ein Gestaltungslinker, wenn man mir ein Etikett aufkleben will." Und fügt hinzu: "Man darf nicht nur schöne Theorien haben, sondern muss das Leben der Menschen konkret verbessern." Aufstiegschancen der SPD unter seiner Führung sieht Pronold auch in der neuen CSU-Führung. "Die Menschen erkennen, dass die CSU eine Hüh und Hott-Politik macht." Die Kopflosigkeit sei zu einem Markenzeichen der CSU ohne Stoiber geworden.

CSU-Generalsekretär Dobrindt ist um eine Antwort nicht verlegen: "Pronold und die bayerische SPD das ist wie die Sozi-Version von Kevin allein zuhaus." Wenigstens auf die künftigen Wortgefechte zwischen CSU und SPD können sich die Bayern freuen.