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Landtagwahl Saarland: Quo vadis, Oskar Lafontaine?

Wenn die Umfragen nur halbwegs zutreffen, wird er nicht Ministerpräsident im Saarland. Dann sitzt er wieder in Berlin im Bundestag. Oskar Lafontaine ist 66 Jahre und kann nicht ewig den Krawallo geben. Ein Szenario.

Von Tiemo Rink

Bemerkenswert sind die Schuhe. Oskar Lafontaine trägt nichts Handgenähtes, obwohl er es sich leisten könnte. Zu seinem Auftritt am vergangenen Donnerstag vor der Bundespressekonferenz kommt er auf dicken schwarzen Gummisohlen. Discounterware. Ein Zeichen der Solidarität mit allen, die tatsächlich auf Discounterware angewiesen sind. Ein inszeniertes Zeichen.

Meint er es mit der Wahl im Saarland noch ernst? Der Chef der Linkspartei beantwortet kritische Fragen routiniert. Ja, er wolle Ministerpräsident werden. "Ich bin überzeugt, dass ich da was bewegen kann." Und wenn seine Partei weit hinter der SPD bleibt? "Die Linke wird der große Gewinner der Wahl sein." Es klingt plausibel. Und doch nicht ganz glaubwürdig.

Wo will er hin? Was ist seine Mission?

Lafontaine war lange Jahre Ministerpräsident des Saarlandes. Es ist kein Kick, eine bereits abgelegte Rolle noch mal zu spielen. Zumal das Saarland, hoch verschuldet und krisengeschüttelt, kein Geschenk für einen Regierenden ist. Hinzu kommen die Umfragen: Zuletzt lag die SPD mit Spitzenkandidat Heiko Maas satte zehn Prozent vor der Linkspartei. Meinungsforscher können sich verschätzen - trotzdem ist der Trend eindeutig. Was bleibt ist der linke Traum einer rot-roten Koalition, es wäre eine Premiere in einem westdeutschen Bundesland. Aber unter einem SPD-Ministerpräsidenten würde Lafontaine nicht dienen, das hält er für unangemessen. Also hat Lafontaine vorgebeugt: Er steht auf Platz Eins der Landesliste für die Bundestagswahl und hat damit einen Platz im nächsten Berliner Parlament sicher. Und dann?

Linke Rechenspiele

Es ist ein Rechenspiel. "20 Prozent plus X" heißt Lafontaines Ziel im Saarland. Sollte er diese Hürde am Sonntag deutlich reißen, wäre ein Schuldiger schnell ausgemacht: Lafontaine. Schließlich ist der Wahlkampf fast ausschließlich auf ihn zugeschnitten, das ist sein Stammland, hier begeistert er Massen. Oder auch nicht.

Dietmar Bartsch, Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, baut im Gespräch mit stern.de vor: "Wenn es im Saarland nicht zweistellig wird, wäre das ein Misserfolg. Alles andere ist ein Erfolg, ab 15 Prozent ein großer, ab 20 Prozent ein Riesenerfolg." Unbestritten: Eine Partei aus dem Stand vor Grünen und FDP als drittgrößte Kraft im Landesparlament zu etablieren, ist ein sehenswertes Manöver. Ein Manöver, das die Lafontaine-Kritiker in den eigenen Reihen, die seinen autokratischen Führungsstil und seinen Krawallkurs ablehnen, leiser werden ließe. Oder sie werden, wenn der Megaerfolg ausbleibt, lauter. Das hängt vom Ergebnis der Landtagswahl ab.

Und vom Ergebnis der Bundestagswahl am 27. September. 2005 holten die Sozialisten 8,7 Prozent - ein starkes Ergebnis. Diesmal darf's gerne ein bisschen mehr sein. Zwar erreichen die Linken in der Wirtschaftskrise längst nicht mehr ihr Umfragehoch von rund 15 Prozent aus dem Sommer 2008. Aber die Messlatte liegt hoch. Gregor Gysi, linker Fraktionschef im Bundestag, sagt: "Ich bleibe dabei: Wir schaffen bei der Bundestagswahl 10 Prozent plus X." Schaffen sie es nicht, wäre die Parteispitze beschädigt. Natürlich Gregor Gysi, natürlich auch Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch. Vor allem aber Oskar Lafontaine.

Erfolgsmodell Lafontaine

Denn für viele ist er der heimliche Chef der Linkspartei. In der Rückschau sieht es so aus, als wäre 2008 sein Jahr gewesen. Wie er die Parteienlandschaft umgepflügt hat. Wie er die SPD und ihren am Ende immer hilfloser wirkenden Parteichef Kurt Beck gescheucht hat. An manchen Tagen hatte man den Eindruck, die Linkspartei müsse nur zucken und die SPD beginnt zu wackeln. Das alles hatte viele Gründe, einer der wichtigsten aber lautete: Lafontaine. Gemeinsam mit Gregor Gysi ergab sich eine Aufgabenteilung, die ein Erfolgsmodell zu sein schien: Gysi, der charmant-witzige Intellektuelle aus dem Osten, Lafontaine, der Haudrauf aus dem Westen.

Mit Lafontaine an der Spitze gelang das, woran sich die PDS jahrelang die Zähne ausgebissen hatte: Der Wandel von einer Ostpartei zu einer gesamtdeutschen Partei. Am Ende des Jahres 2008 saß die Linke in der Hamburger Bürgerschaft, in Bremen, Niedersachsen und Hessen in den Landtagen. "Ohne Oskar Lafontaine hätten wir all die Erfolge im Westen nie gehabt", sagt Dietmar Bartsch zu stern.de. "Ich kann mich noch gut erinnern, wie das damals bei der PDS war. Wir haben im Westen bei Wahlen tapfer um die zwei Prozent gekämpft und sonst keine Rolle gespielt." Lafontaine sagt auf der Bundespressekonferenz: "Wir wollten den Neoliberalismus in Deutschland durchbrechen. Das ist die Grundlage unseres Projekts."

Was ist links?

Ein Projekt, das nun ausformuliert werden soll. Nach der Bundestagswahl hat sich die Linkspartei eine Programmdebatte verordnet. "Wir müssen", sagt Bodo Ramelow, linker Spitzenkandidat in Thüringen, zu stern.de, "unser Verständnis von Sozialismus klären. Was wir als Linke brauchen ist eine gepflegte Auseinandersetzung um unterschiedliche marxistische Konzepte." Es ist gewissermaßen die Gretchenfrage in einem sich selbst als fortschrittlich verstehenden Milieu: Was ist links? Sind es die Fundis um Sahra Wagenknecht oder eher die Reformer um Bodo Ramelow? Und was heißt links für Oskar Lafontaine? Eine starke Protestpartei, die die SPD weiterhin von links unter Feuer nimmt? Oder eine linke Partei, die sich der SPD annähert um 2013 einen rot-rot-grünen Bundeskanzler zu wählen?

Lafontaine vermeidet vor der Bundespressekonferenz klare Ansagen. Die SPD müsse sich bewegen, wieder den Sozialstaat und den Pazifismus ehren. Dann, ja dann, könne man weitersehen. Und was macht er bis dahin? Wenn Lothar Bisky 2010 aus dem Amt des Parteivorsitzenden scheidet, soll es laut Satzung nur noch einen Parteichef geben. Lafontaine ist der aussichtsreichste Kandidat. Aber viele Linke haben damit Bauchschmerzen. Nicht nur, weil Lafontaine einem möglichen Bündnis mit der SPD im Wege stünde. Sondern auch, weil sich viele Linke einen Generationenwechsel und eine stärkere Beteiligung von Frauen wünschen. Bodo Ramelow brachte vor einigen Wochen die linke Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau als mögliche zweite Parteivorsitzende ins Gespräch. Das will er, so sagt er stern.de, ausdrücklich nicht als "Anti-Lafontaine-Haltung" verstanden wissen. "Ich wollte nur deutlich machen, dass wir neben dem profilierten Politiker Lafontaine auch eine profilierte Politikerin aus dem Osten in der Spitze brauchen."

Wie auch immer: Der Kampf um das Personaltableau der künftigen Führungsspitze ist ausgebrochen. Zu verhandeln sind die Posten für Partei- und Fraktionsvorsitz. Noch führt für die Linke kein Weg an Lafontaine vorbei. Die Wahlergebnisse könnten seine de-facto-Alleinherrschaft beenden. Seine künftige Rolle ist ungewiss.

Sicher ist: Lafontaine ist 66 Jahre alt. Eigentlich zu alt, um auf Dauer den Krawallo zu geben. Und wie alte Parteichefs baden gehen, lässt sich momentan bei der SPD und ihrem etwas leck geschlagenen Schlachtschiff Franz Müntefering begutachten. Die nächste Bundestagswahl findet voraussichtlich 2013 statt. Sollte es dann eine realisierbare rot-rot-grüne Mehrheit im Bund geben, wäre Lafontaine 70 Jahre alt. Für einen Politiker ein optimales Rentenalter.

Mitarbeit: Lutz Kinkel