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Landtagswahl im Saarland: Der rot-rot-grüne Laborversuch

Oskar Lafontaine ist der Hassgegner der SPD - und könnte ihr dennoch einen Wahlerfolg bescheren. Sollte es reichen, wird es im Saarland eine rot-rot-grüne Koalition geben. Offiziell sagt das keiner.

Von Sebastian Christ

Saarbrücken ist derzeit die Stadt der tausend Kulissen. Überall Pappwände der Parteien mit lächelnden und weniger lächelnden Gesichtern. Frisch gedruckt, beschmiert, zerrissen, überklebt, standhaft, umgefallen oder schlicht von anderen Plakaten zugestellt. Es sind Slogans zu lesen: "Jetzt kommt's drauf an". Oder: "Der neue Mann". Man könnte meinen, dass die Parteien in diesem Jahr besonders viel zu sagen hätten.

Tatsächlich aber war der Wahlkampf im Saarland so geheimniserfüllt wie selten zuvor. Die Parteien lauern auf den Wahlabend. Es wird die Stunde der Wahrheit: Gibt es das erste Linksbündnis in einem westdeutschen Bundesland? Vielleicht wird die Regierungsbildung im Saarland zum politischen Laborversuch. Die Frage lautet: Könnte die SPD nach der Wahl 2013 auch auf Bundesebene mit der Linken koalieren?

Da ist zuerst dieser Mann, der auf den Plakaten so aussieht, als ob er sich um die Nachfolge von James Bond bewerben würde: Dreitagebart, harter Blick, offenes Hemd. Heiko Maas. Und wenn dieser Mann aus seinem silbernen Audi steigt, seine Füße auf den Asphalt setzt und sich erhebt, dann erlebt man plötzlich für Sekundenbruchteile einen innerlichen Bildausfall. Denn vor einen steht ein zierlicher, freundlicher SPD-Politiker, knapp über einen Meter siebzig groß, der jedem Dorfkneipenbesucher lächelnd die Hand schüttelt.

Aus der Wunschcombo wird nichts

Maas kämpft darum, nach der Wahl Ministerpräsident zu werden. Dabei steht ihm vor allem sein ehemaliger Mentor im Weg: Oskar Lafontaine. Der ehemalige SPD-Vorsitzende und heutige Chef-Linke hat die politische Mengenlehre im Saarland kräftig durcheinander gebracht. Für die Sozialdemokraten in Deutschlands kleinstem Flächenland ist er verlorener Bruder und Hassfigur zugleich. Nirgendwo sonst hat die Linke der SPD so viel Potenzial abgegraben wie hier.

In der jüngsten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen kommt die CDU auf 36 Prozent, die SPD liegt bei 26 und die Linke bei 16 Prozent. Wenn die Sozialdemokraten wieder den Ministerpräsidenten stellen wollen - und nichts wäre ihnen lieber - führt für sie kaum ein Weg am dunkelroten Koalitionspartner vorbei.

Nur zugeben darf Maas das nicht. Offiziell gilt: Eine Dreierkoalition mit der FDP und den Grünen ist die Wunschcombo der SPD. Doch für die gibt es in den Umfragen keine Mehrheit. FDP-Spitzenkandidat Christoph Hartmann sagte noch vor wenigen Tagen: "Die Ampel ist in diesem Jahr genauso wahrscheinlich, wie dass der 1. FC Saarbrücken Deutscher Meister wird." Außerdem wollen die Liberalen ein Bündnis mit der CDU.

Daher flüchtet sich Maas seit Monaten in rhetorische Scheingefechte. So auch gegenüber stern.de:

"Herr Maas, haben sie ungefähr eine Vorstellung, mit wem sie ihre politischen Ziele am besten umsetzen können?"
"Das ist eine Frage, die wir nach der Wahl am Sonntag klären werden. Das wird sich in Sondierungsgesprächen schnell herausstellen."

Als ob Maas plötzlich völlig ahnungslos wäre.

Tatsächlich gibt es längst Pläne, schnellstmöglich ein Linksbündnis zu formieren. Eine Woche, höchstens zehn Tage soll es nach der Wahl dauern, bis ein Koalitionsvertrag unterschriftsreif ist. Parteichef Franz Müntefering hat dieses Vorgehen abgenickt, die unweigerliche Rote-Socken-Kampagne der Union glaubt die SPD aushalten zu können. Umgekehrt soll übrigens auch die Saar-CDU ein Interesse daran haben, nach der Wahl möglichst schnell die Regierungsbildung abzuschließen. Schwarz-Gelb könnte dann Signalcharakter für den Bund bekommen.

Der Schatten des alten Mentors

Noch eine zweite Sache verfolgt Heiko Maas durch den Wahlkampf. Immer wieder wird er direkt auf "den Oskar" angesprochen, besonders von auswärtigen Journalisten. Es nervt ihn wahnsinnig. Hört er Fragen zu seinem politischem Ziehvater, dann antwortete er etwa so: "Das ist eine Form von Vergangenheitsbewältigung, die ich für mich abgeschlossen habe." Danach wird er meist sehr einsilbig. Die Vergangenheit hat abgeschlossen zu sein. In Wahrheit ist es immer noch der wunde Punkt. Die Sozialdemokraten im Saarland müssen jetzt den Mann bekämpfen, der sie einst aus der Bedeutungslosigkeit geführt hatte. Es ist, als müsste die Hessen-CDU eines Tages gegen Roland Koch antreten.

Wie verkrampft die Vergangenheitsbewältigung bei der Saar-SPD wirklich läuft, zeigt ein Radiospot, der auf den Regionalwellen gesendet wird: "Seit 25 Jahren wird unser Saarland von Oskar Lafontaine und Peter Müller regiert. Es ist Zeit für einen Neuen: Heiko Maas", heißt es da. Als ob es nie einen SPD-Vorsitzenden Lafontaine gegeben hätte. Als sei das Saarland bis 1999 unter Fremdherrschaft gewesen.

Grüne finden Linke konservativ

Auch die Grünen haben etwas gegen Oskar Lafontaine: Auf einem ihrer Plakate ist eine Napoleon-Karikatur zu sehen, die offenbar dem Parteivorsitzenden der Linken nachempfunden ist. Darunter steht: "Lügen haben kurze Beine und eine lange Nase."

Spitzenkandidat Hubert Ulrich wünscht sich - wie auch Maas - eine Ampel-Koalition mit Sozialdemokraten und Liberalen. Deshalb grenzt er sich schon einmal vorsorglich gegen die linke Konkurrenz ab. "Das was die Linke hier im Saarland an familienpolitischen Positionen vertritt ist rechts von der CDU", sagt Ulrich zu stern.de. Auch bei der Energie- und Europapolitik sieht Ulrich kaum Anknüpfungspunkte. "Insofern haben wir hier wirklich zwei konservative Gegner. Einen von links und einen von rechts. Der eine konservative heißt Peter Müller und ist von gestern, der erzkonservative heißt Oskar Lafontaine, und der ist von vorgestern."

Hinter Ulrichs Ärger dürfte auch ein Stück weit Angst stecken: Die Grünen liegen in den Umfragen nur knapp über der Fünf-Prozent-Hürde. Und Lafontaine will auch ihnen die Wähler abspenstig machen. Hinter Ulrichs Attacken könnte auch eine clevere Strategie stecken, um den Marktpreis für seine Partei hoch zu halten. Die Hoffnung: Wenn man erst zu einer rot-rot-grünen Koalition überredet werden muss, kann man möglichst viele Forderungen durch die Verhandlungen retten.

Überall klebt Lafontaine

Für die Linke selbst sind es ruhige Wochen. Dass der Wahlkampf bisher voll von Bildern war aber so seltsam bedeutungslos, das liegt sicherlich auch in ihrem Spitzenkandidaten. Optisch ist er zwar im Saarland omnipräsent. Oskar Lafontaines beinahe faltenlos retouchiertes Portrait hängt sogar an den Laternenpfählen vor dem saarländischen Landtag. Sein Terminkalender jedoch ist leer. Im Internet führt die Linke in der Schlussspurtwoche nur einen einzigen Auftritt - seine Abschlusskundgebung am Freitag. "Ich war am Montagmorgen bei Sat.1, da hatte ich an der Saar 12 bis 15.000 Zuschauer. Das ist nun einmal wichtiger, als in einem kleinen Saal mit 100 Zuhörern zu sein", sagt Lafontaine zu stern.de. Darüber hinaus habe er auch Verpflichtungen in Berlin.

Obwohl von Merzig bis Homburg "Oskar wählen" plakatiert wird, hat man kaum den Eindruck, als rechne dieser Mann noch ernsthaft damit, Ministerpräsident zu werden. Und als einfacher Minister, vielleicht sogar unter einem Ministerpräsidenten Maas? Lafontaine winkt im Gespräch mit stern.deab. "Das ist eine gruppendynamische Frage. Sie sind beim stern, oder? Ich glaube nicht, dass ihr jetziger Chefredakteur unter ihnen als Reporter arbeiten wird." In Fernsehinterviews bezeichnet er Maas folglich auch als seinen "ehemaligen Staatssekretär". Seine persönliche Exitstrategie hat Lafontaine sich schon längst zurecht gelegt. Für die Bundestagswahl kandidiert er im Saarland auf Landeslistenplatz eins. Mit Sicherheit wird er also weiter in Berlin Politik machen.

50 Prozent sind unentschlossen

Eine Koalition mit der SPD auf Landesebene sei dennoch grundsätzlich denkbar. Und Lafontaine warnt vor allzu viel Vertrauen in die Umfragewerte. Schon oft hätten Meinungsforschungsinstitute falsch gelegen, wenn es um Wahlprognosen für die Linke ging.

Es könnte das berühmte Pfeifen im Wald sein. Aber vielleicht steckt doch mehr dahinter. Denn tatsächlich sind bisher knapp 50 Prozent der Saarländer unentschlossen, wen sie wählen sollen. Gerade das macht den Wahlabend so spannend. Und es macht die schönen Strategiepläne der Parteien so unfassbar vorläufig. Genauso wie die Wahlslogans. Denn am Sonntagabend könnte die politische Landkarte des Saarlandes ganz anders aussehen, als es jetzt irgendjemand ahnt.

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