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Linkspartei-Chef: Lafontaine, der Gassenhauer

Soziale Unruhen? Oskar Lafontaine wäre wohl nichts lieber als das, in einem Interview sprach er wieder einmal vom Generalstreik. Gleichzeitig sinken die Umfragewerte der Linkspartei im Saarland. Auf den Spuren eines Spielers, der gerade nichts gewinnt.

Von Robert Ackermann

Die Straße. Das ist das Metier des Oskar Lafontaine. "Man darf Demonstranten, auch dann, wenn sie laut sind, nicht als 'die von der Straße' denunzieren", sagte der Chef der Linkspartei der "Leipziger Volkszeitung". Denn Menschen auf der Straße - und das sagt Lafontaine nicht - sind potentielle Wähler seiner Partei. Je mehr Aufruhr, je mehr Protest, desto besser für ihn. In der Berliner Parteizentrale, dem Karl-Liebknecht-Haus, kursiert schon länger die Überzeugung, dass die Umfragewerte der Linken steigen würden, wenn die Krise erst bei den Menschen ankommt. Nun haben die Wirtschaftsinstitute einen Einbruch von minus sechs Prozent prognostiziert. Und Lafontaine bringt abermals die Idee eines Generalstreiks ins Gespräch.

Bislang ist eher der gegenteilige Effekt zu beobachten. Bundesweit stagniert die Linkspartei in den Umfragen, im Saarland hat sie sogar verloren. Nach den jüngsten Daten von Infratest Dimap für das Saarland, die am Donnerstag veröffentlicht wurden, büßt die Linkspartei dort 5 Punkte ein und liegt nun bei 18 Prozent. Die Grünen kämen auf 7 Prozent, die SPD auf 27 Prozent. Gemeinsam käme der "linke Block" allerdings auf eine satte Mehrheit. Für ein Bündnis aus CDU (36 Prozent) und FDP (9 Prozent) würde es nicht reichen. Und bis zur Landtagswahl am 30. August kann noch viel passieren. Auch die SPD-Spitze hält es hinter vorgehaltener Hand nicht für abwegig, dass sich der Trend noch mal zugunsten der Linkspartei verschieben könnte. Derzeit wandern Wähler ab, weil sie in der Krise eher konservativ reagieren. Aber das könnte durch eine Zunahme der Protestwähler wieder ausgeglichen werden.

"Weglaufen und bleiben"

Immerhin: 18 Prozent. Das ist mehr als in jedem anderen westlichen Bundesland - und das hat etwas mit der ungeheuren Popularität Lafontaines in seiner Heimat zu zu tun. "Lafontaine verkörpert für die Wähler das Saarland. Er versteht es, die Sprache eines Teils seiner Wähler zu sprechen und betont seine Wurzeln", sagt Uwe Jun, Parteienforscher an der Uni Trier zu stern.de. "Er ist hier so etwas wie ein Volkstribun." Die Sprache des einfachen Mannes hat der gebürtige Saarlouiser von klein auf gelernt. Als Sohn eines Gleisbauarbeiters und einer Sekretärin im vom Bergbau geprägten Dillingen wächst er in genau dem Milieu auf, das er mit der Linkspartei heute bedienen will. Im kleinen Saarland ist man stolz, dass es jemand aus den eigenen Reihen im fernen Berlin zu etwas gebracht hat. "Lafontaine macht auch außerhalb des Saarlandes Eindruck. Das verleiht den Bürgern Selbstbewusstsein", so Jun.

Der 65-Jährige genießt in und um Saarbrücken bei vielen das Image eines zähen Hundes mit Gespür für die Macht. Von 1985 bis 1998 regierte er das Saarland durchgehend mit absoluter Mehrheit. Davor war er neun Jahre Oberbürgermeister von Saarbrücken. Weder Berichte über unrechtmäßig bezogene Pensionsgelder aus seiner Zeit als OB, noch die "Rotlicht-Affäre" konnten ihm nachhaltig schaden. Beide Skandale wurden in den frühen 90ern bekannt. Genauso wenig hängt ihm heute bei großen Teilen der saarländischen Bevölkerung sein Rücktritt als Finanzminister vor 10 Jahren nach. "Das war eine Sache, auf die sich die Presse eingeschossen hat", sagt Joachim Hoell, der eine Biografie über Lafontaine geschrieben hat, zu stern.de. "Das hat sich entsprechend im Gedächtnis der Leute festgesetzt. Im Saarland sieht man das aber distanzierter, weil ihn die Leute hier über 20 Jahre lang erlebt haben als jemand, der sich eingesetzt hat und der nicht weggelaufen ist." Auch Vorwürfe aus der Linken im Jahr 2005, er lebe zu luxuriös, interessieren im Saarland scheinbar nur wenige. Der "Palast der sozialen Gerechtigkeit", wie Lafontaines saarländische Villa im Volksmund ironisch genannt wird, bleibt das Refugium des Politikers in der Heimat.

Der Trick mit der Polaroid

Wie es Lafontaine schaffte, sich in den saarländischen Herzen einen Platz zu ergattern, zeigt eine Anekdote aus früheren Landtagswahlkämpfen. Damals hatte er oft eine Polaroid dabei. Interessierte konnten ein Foto mit ihm machen, das der Politiker anschließend signierte. Wer so ein Bild hatte, zeigte das häufig Freunden und Nachbarn. Rolf Linsler, Vorsitzender der saarländischen Linkspartei und Ex-Ver.di-Funktionär, weiß im Interview mit stern.de, was er an seinem Spitzenkandidaten hat: "Ohne die Person Oskar Lafontaine wären wir nicht im zweistelligen Bereich. Er hat auch dafür gesorgt, dass repräsentative Leute zur Linken kommen, häufig aus der SPD. Er hilft uns darzustellen, dass wir eine ganz normale Partei sind, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt."

Selbst der SPD-Bundestagsabgeordnete und Lafontaine-Freund Ottmar Schreiner schätzt für die Linkspartei im Saarland am 30. August ein Ergebnis von "um die 20 Prozent". Auch er führt die Popularität der Partei auf den "Lafontaine-Faktor" zurück. "Lafontaine war durchaus erfolgreich als Ministerpräsident. Er hat die Stahlindustrie saniert, sich für neue Technologien eingesetzt und eine Teilentschuldung des Saarlands beim Bundesverfassungsgericht durchgesetzt. Das sind Erfolgsmeldungen, die den Leuten im Gedächtnis geblieben sind und die 'Skandale' um seine Person aufwiegen", sagt Schreiner zu stern.de. Der SPD-Sozialpolitiker plädierte im Sommer 2008 für eine Öffnung der Saar-SPD zur Linken und schloss es nicht aus, unter einem Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine Arbeitsminister zu werden. Diese Meldung nennt er heute "Fehlinterpretation".

Netzwerke und Gegenspieler

Fest steht jedoch: Auch eine gute Dekade nach Ende seiner Regierungszeit hat Lafontaine im Saarland fein gesponnene Netzwerke und treue Fans, auch bei der SPD. Dies zeigte sich nicht zuletzt beim Parteitag der Saar-Linken im letzten Jahr. Viele Gewerkschafter mit SPD-Parteibuch waren vor Ort. Der stellvertretende Chef der Saar-SPD und regionale DGB-Chef, Eugen Roth, hielt gar eine Rede, bei der man hätte meinen können, hier spreche ein enger Mitstreiter Lafontaines.

Zwar hat der saarländische SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas eine rot-rote Landesregierung unter einem Ministerpräsidenten Lafontaine ausgeschlossen, doch hält er unter seiner Führung ein Bündnis mit der Linken für möglich. Eine solche Koalition käme derzeit auf 45 Prozent und wäre damit genauso stark wie Schwarz-Gelb, mit den Grünen würde es für die Regierung reichen. In jedem Fall wäre die SPD ohne die Linke chancenlos, selbst den Ministerpäsidenten zu stellen. Der SPD-Mann wirkt gar so schwach in seiner Rolle als Spitzenkandidat, dass CDU-Ministerpräsident Peter Müller im Sommer letzten Jahres Lafontaine und die Linkspartei öffentlich zu seinen Hauptkonkurrenten erklärte. Eigentlich ein No-Go für westdeutsche Konservative, die sonst dazu tendieren, die Linke wie in Hessen als verfassungsfeindlich zu stigmatisieren. "Durch Lafontaine haftet der Linkspartei, vor allem im Saarland, nicht mehr das Image einer Partei von DDR-Nostalgikern und Anhängern kommunistischer Gruppen an", so Jun. Das hat schließlich auch die CDU erkannt und nimmt die Linke ernst.

Der doppelte Kandidat

Die Methoden, mit denen Lafontaine in seinem Heimatland vorgeht, sind nicht zimperlich. Im Sommer letzten Jahres verkündete er öffentlichkeitswirksam den geschlossenen Eintritt von 220 Busfahrern der Saarbrücker Verkehrsbetriebe in die Linke. 35 davon waren zuvor SPD-Mitglied. Mittlerweile wurde Winfried Jung, dem Betriebsratvorsitzenden der Saarbahn, der die Aktion mitorganisierte, und fünf weiteren Betriebsräten gekündigt. Sie sollen Druck auf Kollegen ausgeübt haben, um deren Eintritt in die Linkspartei zu forcieren. Ein Widerspruchsverfahren läuft am Saarbrücker Arbeitsgericht. Rolf Linsler hält den Fall für hochgespielt und sieht darin eine Verschwörung der politischen Konkurrenz gegen die Linke. Noch hat der Wahlkampf im Saarland nicht richtig begonnen. Aber es wird ein heißer Sommer, auch deshalb, weil Lafontaine nun die Karte "Protest" voll auszuspielen gewillt ist. Für den Fall, dass er nicht, wie von ihm erhofft, die SPD überrundet und damit den Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten formulieren kann, hat er bereits vorgesorgt. Die Mitgliedsversammlung der saarländischen Linken wählte ihn gleich auf zwei Listen zum Spitzenkandidaten: für die Landtagswahl und für die Bundestagswahl. Lafontaine will nicht als einfacher Abgeordneter im saarländischen Landtag verkümmern. Berlin ist ihm wichtiger. Und die Straße.

Mitarbeit: Lutz Kinkel