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Linkspartei: Die Angst vor der linken Courage

12 Prozent! Mehr als die Grünen! Die Linke feiert sich selbst - und den Niedergang der SPD. Was sie mit der neugewonnenen Macht anstellen will? Die Linke begnügt sich gerne mit der Opposition. Zumindest im Bund.

Von Sophie Albers

Neben Willy-Brandt-Zitaten gehört "Konsenssoße" zu den Lieblingsworten bei der Linken. In der schwimmen die Anderen: die SPD, die Union, die Grünen und die FDP. Hauptbestandteil der "Konsenssoße" ist alles, was die Linke nicht ist: Krieg in Afghanistan, Neoliberalismus und der Abbau des Sozialstaates. Dass die Linke sich von dieser "Konsenssoße" lautstark distanziert, hat es möglich gemacht, dass die Partei bei der Bundestagswahl 2009 sogar die Grünen abhängt hat. "Wir haben die Schallmauer durchbrochen, wir sind zweistellig", ruft der Parteivorsitzende Lothar Bisky in die Menge, als er am Wahlabend um 18:53 Uhr mit seinen Kollegen Gregor Gysi und Oskar Lafontaine die Bühne des Partyzeltes in der Berliner Kulturbrauerei erklimmt. Da sagen die Hochrechnungen noch knapp 13 Prozent für die Linke voraus.

Doch auch die rund 12 Prozent, bei denen es sich eingependelt hat, sorgen nach 8,7 Prozent im Jahr 2005 für Euphorie. "Ab wann ist man eigentlich eine Volkspartei?", fragt der sich langsam warm siegende Gysi lachend in Richtung des ziemlich jovial lächelnden Lafontaine. Bei jeder Klatschwelle, die gegen die Bühne schlägt, reckt sich dessen Kinnspitze ein Stückchen höher. "Als ich mich 1989 mit Lothar und den anderen auf den Weg gemacht habe, habe ich vieles für möglich gehalten, aber das nicht", freut sich Gysi weiter. "Wir haben die ganze Gesellschaft durcheinandergebracht."

SPD-Bashing

Erst einmal ist aber vor allem die SPD durcheinander. Denn so wie die krisenbedingte Radikalisierung im Lande offensichtlich Union-Wähler der FDP in die Boss-Anzug-Arme getrieben hat, verlor die uneindeutige SPD wohl hauptsächlich an die Standpunkt-paukende Linke. Dass die SPD damit für die Ampel-Koalition zu schwach ist, nimmt man bei der Linken weniger schwer als selbstgefällig. Als die schlechten Werte über die Leinwand flimmern, sorgt der Schaden kurz für Freude. "Die SPD muss auf uns ein langes Stück zurück gehen, und wir müssen auf sie ein kleines Stück zugehen", hatte Gysi im Wahlkampf gesagt. Nun scheint die Linke eher stehenzubleiben: "Die SPD muss erstmal für sich klären, ob sie für soziale Politik ist oder dagegen", kommt es mit der Aggressivität eines Siegers von der stellvertretenden Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag, Gesine Lötzsch. "Es ist nicht an uns, über uns nachzudenken, sondern an den anderen, über sich nachzudenken", tönt auch Klaus Lederer, Chef der Berliner Linken.

Also Opposition und das wortwörtlich mit aller Macht. "Wir haben einen verstärkten Auftrag", sagt Gysi und fordert von der SPD "erstmal eine Rebellion". Lafontaine langt auch noch zu: "Wir müssen die schärfste Klinge führen. Wir sind die einzige Partei, die gegen das jetzige System steht." Und da es ohne Willy Brandt dann doch nicht geht: "Wir müssen mehr Demokratie wagen. Wir brauchen eine neue Wirtschafts- und Sozialordnung".

Bewährungsprobe

Dafür allerdings braucht auch diese Gegenpartei Bündnispartner. Auf die Frage, ob denn nun die Landtage - die restlichen vier werde sich die Linke schließlich auch noch holen, prophezeit der gut gelaunte Gysi - zum Testgelände für Koalitionsmodelle werden, bekam die SPD wieder auf den zerbeulten Deckel: "Wir wollen jenseits von Schwarz-Gelb Mehrheiten bilden. Ich kann der SPD nur raten, mitzugehen", so der Bundesgeschäftsführer der Linken, Dietmar Bartsch.

Und dann ist da noch Sascha Kimpel, Basismitglied und Sprecher der Lafontaine unterstützenden Parteiströmung Sozialistische Linke. Der gibt zu bedenken, dass die Regierungsbeteiligung in Landtagen eine zweischneidige Sache sei. Denn dann müsse die Linke in der Praxis beweisen, dass ihre sozialen Kriterien auch einhaltbar sind. Und das ist die Angst. Die Angst, mehr sein zu müssen als die "scharfe Klinge" der Opposition.