HOME

Stern Logo Wahl

Merkel versus Steinmeier: Kissenschlacht ums Kanzleramt

Mutti ist nicht immer die beste, das ist beim TV-Duell klar geworden. Vor Ort zeigt sich aber auch: Wenn zwei nicht streiten, freut sich die Opposition. Ein Blick hinter die Kulissen.

Von Lutz Kinkel

Zehn Minuten vor dem Duell - das ist gewöhnlich die härteste Phase. Moderatoren und Kandidaten stehen bereits im Studio, die Kameras laufen noch nicht, alle sind extrem angespannt, jeder Versuch einer Plauderei bleibt quer im Hals stecken. So war es jedenfalls bislang.

13. September 2009, zehn Minuten vor dem Duell: freundlicher Handschlag zwischen Angela Merkel, CDU, und Frank-Walter Steinmeier, SPD. Die Kanzlerin, der die Kulissen opernhaft vorkommen, sagt: "Das ist ja wie bei La Traviata". Und dann scherzen Kandidaten und Moderatoren darüber, wer hier einen Knopf im Ohr trägt, um Regie-Anweisungen zu bekommen. Hätte Merkel auch einen, lautet einer der Jokes, würde sich im schlimmsten Fall versehentlich ein Einflüsterer aus der SPD-Zentrale melden. Allgemeine Heiterkeit. Unterdessen hat es sich Steinmeiers Ehefrau Elke Büdenbender in einem Raum neben dem Studio vor dem Fernseher bequem gemacht. Merkel hat ihren Gatten Joachim Sauer zuhause gelassen, aber ihre Büroleiterin mitgebracht. Es ist eine Art Familientreffen der Großen Koalition. Keiner ist bewaffnet.

TV-Duell Merkel gegen Steinmeier - wer hatte aus Ihrer Sicht die Nase vorn?

Hoffen auf die Dokusoap

Vor dem Studio haben die Helfershelfer eine riesige Halle zu einer schnieken TV-Lounge umgewandelt - große Leinwände, weiße Ledersofas, Bars und Imbiss-Stände. Die Lagerbildung, die beim Duell nicht so recht funktionieren sollte - hier klappt's. Auf den Sofas linker Hand die Wahlkämpfer der SPD, allen voran Parteichef Franz Müntefering mit dem üblichen Poker-Blick, neben ihm SPD-Geschäftsführer Kajo Wasserhövel und Sympathisanten aus der Kulturszene, darunter Supernanny Katja Saalfrank, Schauspieler Ralph Herforth und Sebastian Krumbiegel von den "Prinzen". Schaut her, wollen die Sozialdemokraten sagen: Wir können auch Glamour!

Rechter Hand die CDU, die Gästeliste fiel etwas trockener aus: Generalsekretär Ronald Pofalla ist da, Fraktionschef Volker Kauder, Pfarrer Peter Hintze, auch Medienmanagerin Christiane zu Salm hat sich dazu gesetzt. Pofalla grinst siegesgewiss, will sich aber zu keiner Prognose hinreißen lassen. Die Frage, ob die sozialdemokratisch gewendete Kanzlerin heute Abend rot trage, findet er nur begrenzt lustig. "Sie trägt schwarz."

Schlag 20.30 Uhr beginnt das Duell, rund 600 akkreditierte Journalisten, Politiker und Fanclubs heben die Köpfe. Der Einstieg hat Biss: Frank Plasberg (ARD) und Peter Limbourg (Sat.1) fordern Steinmeier und Merkel auf, sich gegenseitig madig zu machen, was diese aber nicht tun. Limbourg beschwert sich, das sei ja mehr Duett als Duell, Peter Kloeppel (RTL) hakt nach, ob sich die beiden duzen, was angesichts der nicht vorhandenen Gefechtslage ins Bild passen würde. Aber Steinmeier sagt: "Nein, das halte ich auch nicht für notwendig". Die Kanzlerin wiederum kontert auf eine Zwischenfrage: "Ich beantworte die Fragen so, wie ich es mir vorgenommen habe", was Gelächter in der Halle auslöst. Wenn sich die beiden schon nicht streiten wollen, so könnte das doch eine amüsante Dokusoap werden.

Merkels Dilemma

Wird es aber leider nicht. Ein paar Minuten später sind die Kandidaten schon mittendrin im großkoalitionären Ringelpietz. Merkel sagt laufend "wir" und meint damit auch die SPD. Steinmeier sagt zu selten "ich", aber immerhin gelingen ihm einige Attacken. Zum Beispiel, als er Merkel vorhält, die CDU habe schärfere Regeln bei Managergehältern verhindert. Oder ihr vorrechnet, dass es ein Wachstum von illusorischen neun Prozent brauchen würde, um die Steuersenkungspläne von CDU und FDP gegenzufinanzieren. Vor allem in der ersten Hälfte kann Steinmeier punkten, in der zweiten fuchtelt er viel mit dem Stift herum und schaut grimmig, wenn Merkel mal wieder eine Frage mit dem Bügeleisen bearbeitet.

Gleichwohl: Es bewahrheitet sich Merkels strategisches Dilemma, das ein Grund dafür sein mag, weshalb die CDU ihre Zusage zum Duell so ewig herausgezögert hat: Gemessen an den kellertiefen Erwartungen, die derzeit an Steinmeier gestellt werden, schlägt er sich wacker. Und gemessen an ihren phantastischen Sympathiewerten wirkt Merkel mitunter wolkig oder angestrengt.

Nach den Schlussworten stellt sich Müntefering sofort vor die Kameras. "Das war ein Durchbruch in diesem Wahlkampf", sagt Müntefering. Steinmeier sei viel authentischer gewesen, "der quatscht nicht so viel". Ein paar Meter weiter erklärt Pofalla Merkel zur Siegerin, sie habe Steinmeier auf Abstand gehalten. Auch wenn der nicht soo schlecht gewesen sei (was Pofalla natürlich nur indirekt sagt, und wohl auch nur, um den Sieg Merkels noch ein bisschen größer erscheinen zu lassen.)

Bartsch und Niebel

Etwas abseits der Kameras, zwischen den Bars und Imbiss-Ständen, tummelten sich schon vor Beginn des TV-Duells zwei Männer, von denen man annehmen sollte, dass sie sich gegenseitig die Beulenpest an den Hals wünschen: FDP-Generalsekretär Dirk Niebel und Dietmar Bartsch, Geschäftsführer der Linkspartei. Aber von wegen Beulenpest: Die beiden trinken gut gekühlten Weißwein und sind überraschenderweise per Du. Das sei "unter Klassenfeinden üblich", scherzt Niebel - was die langen Jahre in der Opposition doch so alles bewirken.

In der Bewertung des Duells sind sich die beiden sowieso einig. "Es gibt nur einen einzigen Verlierer - und das ist Deutschland. Dieses Duell war so saft- und kraftlos wie die Politik der Großen Koalition", sagt Niebel. Bartsch sekundiert: "Das war ein langweiliges 0:0." Und schiebt noch hinterher, dass Steinmeier ja ohnehin keine Machtoption habe. Dann werden Bartsch und Niebel vor die Kameras gerufen, beide sind schon etwas stinkig, dass das nicht früher passiert ist.

Vor dem Studio, in der kühlen Nachtluft dieses 13. September, steht Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen, sie will nachhause, es geht auf Mitternacht zu. "Es hat ihm genützt und ihr nicht geschadet", sagt Lemke. "Die Gewinner werden die kleineren Parteien sein, was mir natürlich nicht unrecht ist." Dann spricht Lemke noch ein paar Sätze über eine mögliche Ampel-Koalition nach der Wahl, die FDP habe das ja nicht definitiv ausgeschlossen. Dirk Niebel, eine Stunde zuvor von stern.de dazu befragt, nannte diese Option "ausgeschlossen". Aber vielleicht kommt es ja auch wieder zu einer Großen Koalition. Blut ist bei diesem Duell jedenfalls nicht geflossen.

An- und Abgang

Übrigens: Frank-Walter Steinmeier, so ist zu hören, war, als er um 19.15 Uhr in Berlin-Adlershof ankam, etwas angespannt. Die Kanzlerin, die um 19.30 Uhr ankam, eher munter. Bei der Abfahrt soll es genau anders herum gewesen sein.