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Thüringen Dieter Althaus hat fertig


Die politische Karriere des Dieter Althaus ist beendet. Wahlpleite, Rumoren in seiner Thüringer Fraktion, persönliche Verfassung - es gibt viele Gründe. Aber er stand auch der Bundes-CDU im Weg.
Von Lutz Kinkel

Es war eben doch nur inszeniert. Wenige Monate nach seinem tragischen Ski-Unfall hatte Dieter Althaus behauptet, er sei wieder fit für den Wahlkampf. Seine Ehe sei erneuert, sein Glaube gefestigt, seine persönliche Schuld verarbeitet.

Wer Althaus in den vergangen Wochen persönlich gesehen hat, bekam einen anderen Eindruck. Im Wahlkampf wirkte er fahrig und beliebig. Nach der Landtagswahl, bei der seine Thüringer CDU mehr als 10 Prozent verloren hatte, musste er in die Berliner Parteizentrale zum Rapport. Auf der Präsidiumsssitzung redete er, als sei er nicht von dieser Welt. So präsentierte er sich wenig später auch auf der Pressekonferenz: einen Tick verlangsamt, ohne jede Emotion, und im typischen Politsprech, der mehr verdeckt als offenbart. Ihm wurde das Standpult links außen zugewiesen, das die größte Entfernung zum Standpult von Parteichefin Angela Merkel hatte. Althaus wirkte wie ferngesteuert.

Dauerhafte Verletzungen

Nein, er war nicht der Alte, der er vorgab zu sein. Der Skiunfall, die Verantwortung für den Tod eines anderen Menschen, hatte offenkundig dauerhafte Verletzungen hinterlassen. Dieses Schicksal teilt Althaus mit anderen Politikern, die eine scharfe biografische Zäsur erlebten. Aber keiner ist so schnell wieder zurück auf die Bühne.

Trotz seines Zustandes wollte Althaus weitermachen. Er hatte das Mandat, die Sondierungsgespräche mit der SPD zu führen. Merkel ließ ihn offiziell gewähren.

Stündlich wachsender Druck

Aber der Druck auf Althaus wuchs stündlich. Aus der CDU, sonst in Nibelungentreue mit ihren jeweiligen Parteichefs verbunden (das Stichwort Roland Koch reicht als Beleg), kamen kritische Stimmen. Michael Brychcy, Präsident des Städte- und Gemeindetages, forderte Althaus offen zum Rückzug auf. Auch in der vom Wahlergebnis gebeutelten Thüringer Landtagsfraktion rumorte es. Der Abgeordnete Günter Grüner sagte, Althaus solle einer Regierungsbildung mit der SPD nicht im Wege stehen. Die hatte seinen Kopf gefordert - als Voraussetzung dafür, möglicherweise eine Große Koalition einzugehen.

Und an exakt dieser Stelle kommt das bundespolitische Wahlkampfschach ins Spiel. Klar ist, dass die Union kein Interesse daran hat, neben dem Saarland möglicherweise auch Thüringen einer rot-roten beziehungsweise rot-rot-grünen Koalition zu überlassen. Denn das würde den Einfluss der Union im Bundesrat erheblich mindern, was umso mehr ins Gewicht fiele, sollte bei der Bundestagswahl im September nur eine knappe Mehrheit für schwarz-gelb zustande kommen. Der Rücktritt von Althaus lässt sich also auch als Linken-Verhinderungsprogramm lesen - die CDU hat der SPD in Thüringen ein Angebot gemacht, zu dem sie kaum Nein sagen kann. Da sich die Linke nicht bewegt und ihren Spitzenkandidaten Bodo Ramelow nicht opfern mag, ist eine Große Koalition sehr wahrscheinlich geworden.

Merkels Optionen

Das ist, wie gesagt, im Interesse der Bundes-CDU. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sie es letztlich war, die Althaus zum Rückzug gedrängt hat. Dass Merkel diese Option erwogen hat, ließ sich bei genauem Hinhören schon am Montag im Konrad-Adenauer-Haus erfassen. Sie sagte nämlich nicht, dass Althaus ihre Solidarität genieße. Sie sagte, ein Rücktritt sei "eine Frage, die jetzt nicht zur Debatte steht". Das "jetzt nicht" war verräterisch. Inzwischen sagen CDU-Vorstände, dass Merkel zu diesem Zeitpunkt schon klar war, dass Althaus nicht zu Halten ist.

Die Verlierer in diesem Spiel sind schnell ausgemacht: Die politische Karriere des Dieter Althaus, nun ohne Amt und Parteivorsitz, ist beendet. Die ohnehin eher abstrakten Hoffnungen des Linken Bodo Ramelow, Ministerpräsident Thüringens zu werden, sind weiter geschmälert, wenn nicht bei Null. Und für Peter Müller, CDU, noch Ministerpräsident des Saarlandes, wird es nicht einfacher. Sein Argument, er persönlich habe einen Regierungsauftrag, obwohl auch seine CDU bei den Landtagswahlen mehr als 10 Prozent verloren hat, wird deutlich schwieriger zu vermitteln sein.

Noch mal Juniorpartner

Und die SPD? Geht Christoph Matschie, der Spitzenkandidat der thüringischen SPD als Juniorpartner in eine Große Koalition, wird er darin womöglich genauso aufgerieben, wie seine Genossen im Bund. Dafür bleibt der SPD als Ganzes ein Teil der Rote-Socken-Kampagne erspart. Ob das den Preis wert ist, wird die Bundestagswahl zeigen.


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