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Konflikt Nordkoreas Kriegsgebaren lässt Südkorea über eigene Atombomben nachdenken. Es könnte die Sicherheit Ostasiens gefährden

Kim Jong Uns (l) und Yoon Suk Yeoul (r). In der Mitte steigt eine Rakete in den Himmel
Kim Jong Uns (l.) Raketentests bereiten Südkorea große Sorgen. Deshalb denkt der Südkoreanische Präsident Yoon Suk Yeoul (r.) über eigene Atomwaffen nach. 
© Yonhap / KCNA via KNS / AFP
Die Raketentests und Atomdrohungen Nordkoreas bereiten den Südkoreanern Sorgen. So sehr, dass der südkoreanische Präsident darüber nachdenkt, eigene Atomwaffen zu entwickeln – das würde die gesamte Region in einen Rüstungswettlauf treiben.

Wenn Kim Jong Un in Nordkorea wieder einmal eine Rakete abfeuert, feuert er gleichzeitig ein Signal in die Welt. Ein Signal, das nach Aufmerksamkeit verlangt und sagt: Wir sind da und wir sind gefährlich.

Jedes Geschoss des Nordens, jede Atomdrohung verstärkt die Sorgen in Südkorea vor einem heißen Krieg, in dem auch Nuklearwaffen zum Einsatz kommen. Genau genommen befinden sich die beiden koreanischen Staaten technisch gesehen noch im Kriegszustand; der Korea-Krieg wurde 1953 nur mit einem Waffenstillstandsabkommen, keinem Friedensvertrag, beendet. Kaum ein Staat dieser Welt ist so von Atomwaffen bedroht wie Südkorea.

Vom atomaren Säbelrasseln Kims hat man dort aber zunehmend die Nase voll. So sehr, dass Südkoreas Präsident Yoon Suk Yeoul überlegt, dass sein Land selbst Atomwaffen herstellen sollte – oder die USA solche wieder in dem Land stationieren sollten. Damit stieß er eine einst undenkbare Debatte an.

Südkorea hat Zweifel an USA als Schutzmacht

Seine Worte dürften in der Bevölkerung aber auf fruchtbaren Boden fallen. Mehrere Umfragen zeigen, dass rund 70 Prozent der Südkoreaner für eine nukleare Bewaffnung ihres Landes sind.

Aus Seoul kam nach Yoons Worten aber schnell die Beschwichtigung, dass man sich an bestehende Verträge und Abkommen halte, etwa den Atomwaffensperrvertrag. Zudem haben beide Koreas 1992 ein Abkommen unterzeichnet, in dem sie sich verpflichten, keine Nuklearwaffen zu entwickeln, testen oder zu nutzen.

Dennoch ist man sich im Süden der koreanischen Halbinsel nicht mehr sicher, ob man sicher ist. Die Stabilität und Intensität der Beziehung mit dem wichtigen Partner und der Schutzmacht USA werden zunehmend infrage gestellt. Manche in Seoul denken, dass diese gestärkt werden müsse, um Nordkorea in Schach zu halten – am besten mit stationierten US-Atomwaffen. Yoons atomare Gedankenspiele könnten da Druck auf Washington ausüben.

Südkoreanische Atombombe könnte Dominoeffekt auslösen

Sollte Nordkorea aber weiter Raketen abfeuern oder sogar einen Atomtest durchführen, dann dürfte wiederum der Druck auf Yoon wachsen zu handeln. Und die südkoreanische Atombombe dürfte da eine naheliegende Lösung für ihn sein, denn alle bisherigen Bemühungen, Nordkorea zur Abrüstung zu bewegen, sind gescheitert: Nordkorea ist Atommacht, baut sein Arsenal weiter aus und droht nicht nur dem Süden mit einem Atomschlag, sondern auch den USA.

Ein nuklear bewaffnetes Südkorea würde aber ernsthafte Folgen für den ostasiatischen Raum nach sich ziehen.

Wenn Südkorea sich tatsächlich aus dem Atomwaffensperrvertrag zieht, dann könnte das in der Region eine Art Dominoeffekt auslösen: In Japan könnte es eine Debatte über eine eigene Atom-Bewaffnung in Gang setzen. Die Regierung in Tokio hat bereits eine massive Aufrüstung des eigentlich pazifistischen Staates initiiert. Und wenn Japan über die Bombe nachdenkt, dann könnte es auch das von China bedrohte Taiwan tun. Wenn gleich mehrere Staaten in der Region über die Anschaffung von Atomwaffen nachgrübeln, wird Nordkorea sich hüten, sein Atomwaffenprogramm einzustellen. Eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel würde in noch weitere Ferne rücken. Auch ein Erstschlag Nordkoreas gegen den Nachbarn im Süden wäre nicht mehr ausgeschlossen.

Konflikt: Nordkoreas Kriegsgebaren lässt Südkorea über eigene Atombomben nachdenken. Es könnte die Sicherheit Ostasiens gefährden

China könnte sich einmischen

Apropos China: Auch Peking könnte – obwohl es eigentlich kein Interesse an einem Rüstungsrennen in seiner Sphäre hat – sein Atomprogramm wieder intensivieren.

Auf der anderen Seite könnte China gerade deswegen Druck auf Pjöngjang ausüben, um Südkorea nicht zum Handeln zu zwingen und die Aufrüstung in Ostasien kleinzuhalten.

Alles nur Möglichkeiten. Es wäre auch denkbar, dass ein südkoreanisches Atomwaffenarsenal Nordkorea abschrecken könnte und wieder an den Verhandlungstisch bringt. China könnte sich dann auch wieder mehr bei Problemen engagieren, die mit Nordkorea zusammenhängen.

Südkoreas Präsident Yoon versicherte aber, dass man im Atomwaffensperrvertrag bleiben will. Noch.

Sollte er Südkorea aus den Verträgen ziehen, wäre es kein großes Unterfangen. In schätzungsweise zwölf Monaten könnte sich das Land nach dem Exit aus dem Atomwaffensperrvertrag nuklear bewaffnen. Und an den bilateralen Vertrag mit Nordkorea von '92 müsste sich Südkorea ohnehin nicht gebunden fühlen – der Norden hat mit seinem ersten Atomtest 2006 den Vertrag schon lange gebrochen.

Der Muff des Kalten Krieges 

Ein südkoreanischer Rückzug hätte auch für die USA Konsequenzen, die einen Gesichtsverlust nahe wären. Denn auch wenn Washington keine südkoreanischen Atomwaffen will, Sanktionen gegen Seoul zu verhängen, wäre diplomatische Doppelmoral. Immerhin tun die USA dies nicht mit den faktischen Atommächten Israel, Pakistan oder Indien. Außerdem würde es die US-amerikanische Rolle als Schutzmacht in Südkorea und Japan untergraben.

Wenn sowohl Nord- als auch Südkorea Atomwaffen haben, würde es zu einem Rüstungswettlauf kommen, der an die angespannten Zeiten des Kalten Krieges erinnert. Zu einem Atomkrieg ist es zwischen Nato und Warschauer Pakt damals nie gekommen, glücklicherweise. Aber zu oft Stand die Welt kurz davor.

Die Geschichte würde sich mit zwei nuklear bewaffneten koreanischen Staaten wiederholen: Kommunismus gegen Demokratie und die ständige Angst, dass einer den roten Knopf drückt.

Quellen: "The New York Times", Nachrichtenagentur Yonhap, Außenministerium Südkorea, Australian National University, Council on Foreign Relations, "The Diplomat", Voice of America, "Foreign Policy", Sky News AustraliaOFAC, US Department of State

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