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Nordkorea: Pauschalreise hinter Stacheldraht

Gebucht wird All-Inclusive mit Doppelzimmer für 314 Euro: einmal Nordkorea in fünf Tagen. Zu sehen gibt es leere Straßen, stalinistische Protzbauten und wenig Pärchen. Eine Pauschalreise von Peking nach Pjöngjang.

Von Johannes Francke

Das beliebtes Hobby der westlichen Welt findet auch in China immer mehr Anhänger: Urlaub machen. Wie kurz vor dem Chinesischen Nationalfeiertag am 1. Oktober. Dann bricht in der Volksrepublik alljährlich der Sturm auf Bahnhöfe, Überlandbusse und Flughäfen los. Vor den Schaltern des Pekinger Hauptbahnhofs stehen die Reiselustigen drei Stunden Schlange, der Schwarzmarkthandel mit echten und gefälschten Tickets floriert und Angestellte bitten ihre Chefs, am Freitag schon etwas früher nach Hause gehen zu dürfen.Die meisten fahren nach Hause, zurück nach Harbin, Wuhan oder Baotao. Andere wollen sich mit ihrer Freundin endlich mal richtig Shanghai oder Shenzhen ansehen. Der neue Mittelstand bucht eine Woche Vietnam, Thailand oder auch gleich Europa auf die asiatische Art: "sieben Tage, fünf Länder". Und eine bemerkenswerte Anzahl neugieriger Chinesen fährt nach Nordkorea. Einfach so.

Gebucht wird All-Inclusive, kein jugendliches Individualreisen, sondern Tourismus in seiner Urform. Fünf Tage, Flug Peking-Pjöngjang-Peking, Reiseleiter, Doppelzimmer, Transport im Land und drei Mahlzeiten pro Tag. Kosten: 314 Euro, ein Visum wird unbürokratisch organisiert. Bereist wird das Land in Reisegruppen zu zehn bis dreißig Personen, Treffpunkt Beijing Capital Airport. Die nordkoreanische Air Koryo fliegt in diesen Tagen nicht wie sonst zweimal wöchentlich, sondern zweimal täglich nach Pjöngjang, wo die chinesischen Gruppen nur hundert Minuten später landen. Hinter der Passkontrolle wartet die nordkoreanische Reiseleiterin bereits auf ihre Gäste. "Sind Sie müde?“ fragt sie, und es klingt keineswegs wie eine Floskel. Alle Handys werden weggeschlossen, die Reisepässe eingesammelt. Die chinesischen Touristen steigen in einen kompakten japanischen Bus und die Gruppe fährt Richtung Hotel. Mitgebrachte Kekse werden herum gereicht, Witze gemacht und Freundschaften schnell geschlossen. Die Hauptstadt Pjöngjang mit ihren drei Millionen Einwohnern ist für den ausländischen Besucher rätselhaft. "Warum sieht man nie Paare?“ fragt eine junge Chinesin aus der Gruppe. Nordkoreaner kuscheln lieber zu Hause, antwortet die Reiseleiterin. Alle lächeln. "Warum sieht man nie Frauen auf Fahrrädern?“ fragt ein anderer. Es sei ihnen verboten worden, weil zu viel passiere, lautet ihre Antwort. Und wieder freuen sich alle im Bus.

Die Stadt ist sauber wie Hamburg oder München, die Männer tragen schwarze Anzüge und es gibt fast keine Geschäfte oder Restaurants. Es wird wenig geredet. An jeder zweiten Ecke lächeln Kim Il Sung, der verstorbene Diktator, sein Sohn Kim Jong Il oder auch beide zusammen von großzügig dimensionierten Bildern herab. Die Bewohner laufen zügig, alle einen Kim-Il-Sung-Anstecker an die Brust gepinnt, und man kann nicht ansatzweise erahnen, wohin.Pjöngjang ist voll von erdrückender, stalinistisch überdimensionierter Architektur. Die Verkehrsinfrastruktur aus Unterführungen, Straßenbahnen, übertrieben breiten Straßen und der mit 100 Metern tiefsten U-Bahn der Welt ist großzügig. In der eigentlich leeren Stadt fahren unzählige Mercedes-Benz Limousinen aus den 80er Jahren. In Peking erinnert das Stadtbild an eine auf einem schmutzigen Kinderzimmerteppich ausgeschüttete Spielzeugkiste, Pjöngjang dagegen wirkt aufgeräumt. Als eine als ganzes geplante Stadt und trotz seiner mysteriösen Introvertiertheit und aufdringlich sozialistischer Symbolik fast europäisch einladend.Der kleine japanische Bus mit den gut gelaunten Chinesen fährt durch diese Stadt und stoppt an jedem Prachtbauwerk, das stets theatralisch in den wolkenlosen Himmel ragt. Die Reisenden treffen dort mal auf Soldatengruppen, mal auf Schulklassen, immer aber auch auf Ansammlungen anderer chinesischer Touristen. Danach geht's schnell wieder in den Bus, dessen Motor beim Einsteigen schon läuft, Tür zu, weiter. Die nordkoreanische Reiseleiterin greift wieder zum Mikrofon und erläutert in exzellentem Chinesisch den nächsten Fotostopp.

Auf längeren Strecken, zum Beispiel Richtung Süden zur innerkoreanischen Grenze, wo sich Soldaten aus Norden und Süden grimmig gegenüberstehen, gibt sie eine Koreanischstunde. Fragen beantwortet sie mit Humor. Und als beliebte Abwechslung zwingt sie einfach jeden im Bus einzeln ans Mikrofon, um ein Lied zu singen. Sie selbst beginnt mit "My Heart Will Go On". In solchen Minuten grübelt niemand mehr, über das Autoritäre und die Armut, über die Achse des Bösen und den Hunger, und darüber, dass man mit dieser Reise zu Hause bestimmt wunderbar angeben kann. Die Stimmung ist unbekümmert, alle haben Spaß - nicht anders als während eines Ausflugs deutscher Frühpensionäre durch die Toskana.Die Abende verbringt die Gruppe im Hotel. Selbständiges Erforschen der Hotelumgebung wird von der Reiseleitung, die jeden Ausreißer beeindruckend schnell findet, freundlich aber bestimmt unterbunden. "Wir hatten Sorgen, dass euch etwas passiert, wo wart ihr denn? Ohne Reisepass solltet ihr lieber nicht so herumstreunen“ sagen sie dann. Und dabei sind sie freundlich, man folgt ihnen umgehend ins Hotel zurück.

Den meisten Chinesen ist dieser Mangel an Freiheit egal. Sie begnügen sich ohne Murren mit Kartenspielen, viel Bier und Zigaretten auf den Zimmern, denn enttäuscht sind sie eigentlich nur von den zu sparsamen und zu koreanischen Mahlzeiten und dem eingeschränkten Shoppingangebot. Gerade einmal zwei richtige Läden stehen auf dem Programm, aus denen aber quellen vor Glück strahlende Chinesen, die endlich volle Plastiktüten in den Bus tragen dürfen.Und so geht die Reise weiter, man staunt und lacht, winkt Kindern zu, legt geschmacklose Blumensträuße für Kim Il Sung nieder und schaut sich zum Schluss noch eine Atem beraubende Massenvorführung an, mit über einhunderttausend Darstellern zu Ehren des 60. Geburtstag der Arbeiterpartei im Pjöngjanger Stadion.Irgendwann am fünften Tag fährt der kleine japanische Bus mit den chinesischen Touristen plötzlich nicht mehr zum nächsten Kim-Denkmal, sondern zum Flughafen. Die zuu Beginn der Reise abgenommenen Handys und Pässe werden zurückgegeben, einige umarmen die Reiseleiterin, und alle steigen artig in die Maschine der Air Koryo nach Peking. Auf dem Flug werden Getränke und Propaganda gereicht, und die Reisegruppe schläft langsam und zufrieden ein. Gesehen haben die modernen Chinesen eine Menge, große Gedanken über Land und Leute haben sie sich dabei nicht gemacht. Aber darum geht es beim Pauschaltourismus ja auch nicht.

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