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Tarifstreit bei Lufthansa: Auch Kabinenpersonal droht mit Streik

Lufthansa und Cockpit haben sich am ersten Tag des Streiks unversöhnlich gezeigt. Dennoch hat die Pilotenvereinigung auf Empfehlung des Frankfurter Arbeitsgerichts den Streik vorerst ausgesetzt. Unterdessen hat auch das Kabinenpersonal Warnstreiks angedroht.

Während des ersten Tags des Pilotenstreiks haben sich die Fronten verhärtet: Die Fluggesellschaft teilte schließlich mit, sie gehe gerichtlich gegen den Streik der Piloten vor und reichte beim Frankfurter Arbeitsgericht einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung ein. Erst auf Vermittlung des Gerichtes erklärte sich die Pilotenvertretung bereit, den Streik bis zum 8. März auszusetzen. Lufthansa droht unterdessen ein weiterer Streik. Wenn sich das Unternehmen weiterhin weigere, mit dem Kabinenpersonal über Tarifverhandlungen zu sprechen, "muss möglicherweise schon in den kommenden Wochen mit Warnstreiks" gerechnet werden, erklärte die Unabhängigen Flugbegleiter Organisation UFO am Montag.

Zuncähst hielt aber der womöglich größte Streik in der Geschichte der deutschen Luftfahrt in Atem. Dieser Streik sei unverhältnismäßig, argumentierte das Unternehmen. Lufthansa sei verpflichtet, Schaden von Unternehmen, Mitarbeitern und Aktionären abzuwenden.

Cockpit-Ziel "nicht verhandelbar"

Die Lufthansa-Führung hatte zuvor bereits den Ton in der Auseinandersetzung verschärft und der Vereinigung Cockpit (VC) die alleinige Schuld für alle Folgen der Arbeitsniederlegung gegeben. "Die Verantwortung für sämtliche Auswirkungen - auf die Kunden, die Zukunft des Unternehmens und auf den Wirtschaftsstandort Deutschland - trägt einzig und allein die Gewerkschaft", sagte Unternehmenssprecher Klaus Walther im Deutschlandfunk.

Cockpit lasse im entscheidenden Verhandlungspunkt keine Kompromissbereitschaft erkennen, klagte der Sprecher. Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass die Vereinigung von ihrer Forderung abrücke, den Lufthansa-Tarifvertrag auch auf Piloten ausländischer Konzerntöchter auszuweiten. Das Management sehe darin aber einen juristisch unzulässigen Eingriff in seine Entscheidungsbefugnisse. "Das ist nicht verhandelbar." Lufthansa sei dennoch weiter offen für Gespräche. "Wir sind dialogbereit, wenn Cockpit das Gesprächsthema vom Tisch nimmt, dass man tarifvertraglich mitentscheiden möchte, wo die Lufthansa welche Flugzeuge mit Lufthansa-Klassik-Piloten besetzt."

Piloten drohen mit Streikverlängerung

Die Gewerkschaft hatte dagegen am Sonntagabend einen Kompromissvorschlag genannt. Demzufolge soll der Disput in dem zentralen Streitpunkt ausgesetzt werden, bis dieser höchstrichterlich geklärt ist. Zugleich solle die Lufthansa bis dahin keine Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.

Cockpit drohte am Montagvormittag mit einer Verlängerung des Ausstands: "Offenbar reicht der Lufthansa der Druck von vier Tagen Streik noch immer nicht", sagte VC-Sprecher Alexander Gerhard-Madjidi am Frankfurter Flughafen: "Wir bluffen nicht." Cockpit sei gesprächsbereit. Sollte es am Ende der aktuellen Aktion aber weiter keine Gespräche geben, seien neue Streiks denkbar. "Wir können das im Wochenrhythmus wiederholen." Den bisherigen Streikverlauf sieht die Gewerkschaft positiv: "Nach unserer Ansicht läuft der Streik fantastisch."

"Es ist das Dramatischste, was wir je erlebt haben"

Die Piloten hatten um Mitternacht begonnen, große Teile des Lufthansa-Flugverkehrs lahmzulegen. Rund 4000 Flugzeugführer sind zum Streik aufgerufen. An den größten deutschen Flughäfen in Frankfurt, Düsseldorf, München, Berlin und Hamburg fielen schon am Montagmorgen zahlreiche Flüge aus, etwa 800 werden nach Einschätzung der Lufthansa über den Tag gestrichen. Das wären etwa zwei Drittel der Flüge, die von der Gewerkschaft bestreikt werden können. Das restliche Drittel der Flieger soll abheben.

"Es ist das Dramatischste, was wir je im deutschen Luftverkehr erlebt haben", sagte Walther. "Wir werden statt der üblichen 1800 maximal 1000 Flüge darstellen können. Die Auswirkungen für die Kunden, das Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Deutschland sind bedauerlich." Betroffen waren am Morgen vor allem Strecken innerhalb Deutschlands sowie einige internationale Verbindungen. Zehntausende Passagiere müssen sich darauf einrichten, dass ihre Flüge gar nicht oder nur verspätet starten.

Die Deutsche Bahn setzte als Alternativangebot zusätzliche Züge ein. Das befürchtete Chaos blieb jedoch auch hier zunächst aus. Die Zahl der Passagiere sei nur geringfügig höher als an normalen Tagen, teilte die Bahn mit. Vom Streik betroffene Flugreisende können ein Bahnticket für die identische Strecke in der gleichen Reiseklasse bei der Bahn kaufen und später gemeinsam mit einem Beleg über das gekaufte Flugticket von Lufthansa erstatten lassen.

Bei der zweitgrößten deutsche Fluggesellschaft Air Berlin dagegen ist die Nachfrage bei innerdeutschen Flügen wegen des Streiks gestiegen. "Wir versuchen uns natürlich rasch und flexibel der Lage anzupassen", sagte eine Sprecherin. Für einen Flug von Frankfurt nach Berlin-Tegel konnte die Fluggesellschaft am Morgen eine größere Maschine einsetzen. Auch für die nächsten Tage würden Jets mit mehr Sitzplätzen bereitgehalten.

Befürchtetes Chaos bleibt aus

Durch den Streik sind bereits mehr Lufthansa-Flüge ausgefallen als geplant. "Ein paar" Verbindungen aus dem Notflugplan hätten leider gestrichen werden müssen, sagte eine Sprecherin. Es sei denkbar, dass der Notflugplan auch im Laufe des Tages nicht vollständig eingehalten werden könne. Kaum Probleme meldet die Lufthansa-Tochter Germanwings: "Unser Notfallplan wird wie geplant abgeflogen", sagte ein Germanwings-Sprecher. Die Informationspolitik habe gegriffen, viele Kunden hätten sich im Internet erkundigt. "Es ist an allen unseren Stationen ruhig, es gibt überhaupt kein Chaos."

Ruhig war die Lage auch am größten deutschen Flughafen in Frankfurt: Weil sich viele Passagiere über den Sonderflugplan informiert hatten, blieb ein Chaos in den Morgenstunden aus. Fluggäste aus dem Ausland, die in Frankfurt ankamen, mussten auf die Bahn ausweichen oder wurden umgebucht. Am zweitgrößten Airport bei München war es am Morgen ebenfalls "sehr ruhig und sehr leer" in der Abflughalle, wie ein Sprecher sagte. Auch am Umbuchungsschalter der Lufthansa warteten nur vereinzelt Passagiere.

Kabinenpersonal fühlt sich vergessen

Den Piloten geht es vor allem um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze. Sie wollen verhindern, dass Flüge aus dem Mutterkonzern auf ausländische, billigere Töchter verlagert werden. Nach Darstellung der Vereinigung Cockpit werden diese zunehmend in billigere Fluggesellschaften verlagert. Die Lufthansa wies dies zurück. Sie bot den Piloten eine Arbeitsplatzgarantie bis 2012 an, die möglicherweise bis 2014 verlängert werden könnte.

Über die Aufregung rund um den Pilotenstreik fühlt sich das Kabinenpersonal der Lufthansa regelrecht "vergessen und vernachlässigt", wie ein UFO-Sprecher am Montag sagte. Er hoffe aber, noch in dieser Woche endlich von der Lufthansa zu hören. Vor sechs Wochen, mit Schreiben vom 6. Januar, habe man die Lufthansa zu Tarifverhandlungen über den am kommenden Sonntag auslaufenden Tarifvertrag für insgesamt 16.000 Flugbegleiter aufgefordert. Am 15. Januar habe man in einer E-Mail ein Forderungspaket übermittelt und erneut um Gespräche gebeten. "Alles ohne Antwort, was nicht allein daran liegen kann, dass man mit Cockpit überfordert ist", meinte der Sprecher. Kernforderungen der Flugbegleiter sind eine geringere Arbeitsbelastung und eine gerechtere Bezahlung nach tatsächlicher Arbeitszeit.

mad/dho/DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters

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