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1. Bundesliga: Bruch mit der UEFA - Womit drohen Bayern und Barcelona?

Karl-Heinz Rummenigge warnt die UEFA vor einer Champions League ohne Bayern und Man United. Barcelona-Boss Sandro Rosell möchte Europas Ligen verkleinern und perspektivisch eine Europaliga. Machen die nur auf Dicke Hose? Was wollen Europas Topclubs wirklich? Und was für sinnvolle Alternativen gibt es überhaupt zum Status quo? Wir analysieren.

Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat es seinem Kollegen vom FC Barcelona, Sandro Rosell, gleich getan und die großen Verbände FIFA und UEFA attackiert. Auf dem Kongress Football Talks in Cascais in Portugal deutete Rummenigge indirekt an, die Champions League könne in Zukunft ohne Bayern, Barcelona oder Manchester United stattfinden, wenn die Forderungen der Clubs nicht erhört würden.

In Rummenigges Rede ging es vor allem um den Wunsch nach einer noch besseren Versicherung der Spieler durch die Verbände. Bisher sind die Profis nur bei großen Turnieren abgedeckt, in Zukunft soll das nach dem Willen der europäischen Clubvereinigung ECA auch für Qualifikationsspiele gelten. Rummenigge ist der Vorsitzende dieser Interessengemeinschaft, Rosell ihr Vizepräsident - weshalb die in kurzer Folge getätigten Aussagen wohl kaum zufällig gefallen sind.

Rosell war zunächst beim International Football Forum in Zürich Anfang des Monats mit der Forderung nach einer Verkleinerung der Primera División auf 16 Clubs aufgefallen. War diese Forderung damals noch als Wunsch nach Erhöhung der Chancengleichheit interpretiert worden, so legte Rosell eine Woche später in Doha nach und stellte klar, seine Reduzierung solle der Champions League zugute kommen.

"Manchester United gegen Barcelona am Samstag"

"Wir wollen eine größere Champions League und hoffen, dass wir eines Tages vielleicht Manchester United gegen Barcelona am Samstag austragen können", wurde der Katalane von Soccernet zitiert. Weniger nationale Ligaspiele, mehr Champions League - das war die Vision von Rosell. In Deutschland würde sich wohl kein Clubboss trauen, so etwas zu formulieren, aber in Spanien ist die Lage etwas anders.

Die Daily Mail jedenfalls machte aus Rosells Rede in Katar schnell die Schlagzeile: "Breakaway Euro League to start in 2014". Dabei kann man zunächst sicher davon ausgehen, dass die Aussagen beider Funktionäre als Druckmittel gegenüber der UEFA gedacht waren, um ihre Forderungen finanzieller Art durchzusetzen. Dabei geht es in der gemäßigteren Rummenigge-Variante um einen kompletteren Versicherungsschutz von abgestellten Nationalspielern, in der radikaleren Variante darum, dass die Verbände während großer Turniere die Gehälter der Auswahlspieler übernehmen sollten.

Interessanterweise war Sepp Blatter einst mit seiner Forderung, alle Ligen sollten auf 16 Clubs reduziert werden, gescheitert. Der FIFA-Boss wollte die frei werdenden Termine allerdings auch komplett an die Nationalmannschaften delegieren. Wenn nun Rosell fordert, dass die Premier League, die spanische Liga und die Bundesliga sich alle von Clubs trennen sollten, dann hat sein Vorstoß zunächst ebenfalls wenig Aussicht auf Erfolg. Die Haltung der meisten Fans in Deutschland, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern, ist ohnehin meist radikal gegen jede Änderung des Status quo eingestellt. Noch immer halten viele Anhänger den alten Europapokal der Landesmeister im KO-System für einen attraktiveren Wettbewerb als die heutige Champions League.

Europaliga: eine Frage unterschiedlicher Interessen

Während aber die Rückkehr zur Welt der 1980er Jahre aus vielen Gründen komplett ausgeschlossen ist, spricht aus Sicht der Bundesligaclubs, aber auch der Premier League wenig dafür, den von Rosell angestoßenen Weg zu gehen. Der Grund dafür ist weniger, wie viele meinen, dass eine Champions League an Wochenenden oder gar eine echte Europaliga nicht funktionieren würden. Natürlich wäre das ein hochklassiger Wettbewerb, der global auf viel Interesse stoßen würde. Schon jetzt strahlt die Champions League selbst in die USA aus, eine echte Europaliga würde sicher nicht an mangelnder Attraktivität scheitern.

Die gesamte Konstruktion stünde allerdings auf finanziell unsicheren Beinen, weil die Teilnahmebedingungen unklar wären und ein Herausfallen aus einer solchen europäischen Superspielklasse mit krassen Einnahmeverlusten verbunden wäre. Zwar wären die Hauptleidtragenden überall im Wesentlichen diejenigen Clubs, die nicht international spielten, weil sie in Zukunft auch nicht mehr regelmäßig gegen Bayern, Real Madrid und Manchester United antreten dürften, was Teams wie den Blackburn Rovers, Hoffenheim und Osasuna momentan ja gewiss ist.

Die Masse der Clubs und ihrer Fans wäre also ohnehin schon mal gegen eine Abspaltung der Spitzenclubs des Kontinents. Und aus Sicht der englischen Spitzenteams sowie des FC Bayern oder Schalke 04 ließe sich einwenden, dass die nationalen Ligen zumindest in England und Deutschland hervorragend laufen und sichere Einnahmen auf Jahre hinaus garantieren. Wenn man dann Champions League-TV-Gelder noch zusätzlich mitnehmen kann, warum sollte man auf die heimischen Einnahmen verzichten?

Spanien und Italien: an Reformen durchaus interessiert

Das genau ist der Hauptgrund, warum eine Europaliga auf absehbare Zeit nur Zukunftsmusik bleiben wird. Diese Einwände betreffen aber in erster Linie Premier League und Bundesliga - nicht so sehr La Liga und Serie A. Wobei deren Probleme unterschiedlicher Natur sind. Die Einnahmesituation für Barcelona und Real Madrid ist hervorragend - auf Kosten der restlichen Liga, was insgesamt kein nachhaltiges Geschäftsmodell ist, weil immer mehr kleine Clubs in die Insolvenzzone rutschen, ohne dabei sportlich mit den beiden Großen mithalten zu können.

Die Serie A hat - wie schon des Öfteren diskutiert - ebenfalls einige Probleme, sportlich ist die Liga allerdings viel ausgeglichener als die Primera División. An einer gut funktionierenden Europaliga zu partizipieren, könnte die Einnahmesituation der großen Traditionsclubs stabilisieren, die mageren Zuschauerzahlen der übrigen Cubs würden allerdings noch weiter in den Keller gehen. Wer will eine Liga sehen, in der Parma gegen Cesena ein Spitzenspiel ist?

Die Tatsache, dass Rosell seine Visionen eher vage formuliert hat (und dennoch von seinem eigenen Trainer Josep Guardiola gleich dafür kritisiert wurde), ist ein weiteres Indiz dafür, dass seine Äußerungen Verhandlungen der Clubvereinigung mit der UEFA vorbereiten sollen, in denen es letztlich um ganz andere Dinge gehen wird. Doch ohne eine entsprechende Drohkulisse glaubt die ECA vermutlich, nicht genug Druck auf den Verband ausüben zu können. Nehmen wir aber die Ankündigungen, so weit es geht, beim Wort: Welche Reformen der nationalen Ligen und der Champions League wären denn überhaupt denkbar?

Modell 1: Kleinere Ligen, größere Champions League

Am ehesten das, was Rosell angedeutet hat. Vermutlich würde diese Variante, bei der die großen Ligen vier bis acht Spieltage abgeben würden, zu einer Champions League mit 17 bis 21 Spieltagen (statt wie bisher 13) führen. Vermeintlich ein Kompromiss, aber wahrscheinlich ein sehr schlechter. Eine richtige Liga wäre die Champions League immer noch nicht, sondern hätte entweder noch mehr Gruppen oder eine zweite Gruppenphase oder eine zusätzliche KO-Runde. Das macht sie aber nicht attraktiver - es bringt den Clubs einfach nur etwas mehr Geld ein.

Für diesen relativ kleinen Gewinn müssten vier Clubs aus Spanien, England, Italien und Frankreich, zwei aus der Bundesliga zusätzlich absteigen. Ein sehr unbefriedigender Deal, dessen Nutzen in keinem Verhältnis zu seinen negativen Auswirkungen stünde.

Modell 2: Kleine Europaliga, parallel kleinere nationale Ligen

Es gäbe zwei Wettbewerbe pro Saison - einen regionalen und einen überregionalen. Entweder das wäre organisiert wie in Brasilien, wo in den ersten Monaten des Jahres die Meisterschaften der Bundesstaaten ausgespielt werden und ab dem Sommer dann die nationale Liga. Oder ein der Basketball-Euroleague verwandter Modus käme zur Anwendung, in dem die ganze Saison durch ein internationaler Wettbewerb mit bis zu 23 zusätzlichen Spielen stattfände.

Vorteil: Die nationalen Ligen blieben im Prinzip erhalten und könnten gleichzeitig als Qualifikationsrunden für die Europaliga fungieren, so dass eine Durchlässigkeit gegeben wäre. Andererseits müsste der europäische Wettbewerb, wenn er denn einen richtigen Ligamodus beinhaltete, auf höchstens 12 Teilnehmer beschränkt bleiben oder aber keine Hin- und Rückspiele vorsehen, sondern nur eine einfache Punktrunde, was aber fußballuntypisch wäre.

Modell 3: Eine richtige Europaliga, nationale Ligen ohne Topclubs, aber Auf- und Abstieg

Für den europäischen Wettbewerb eine - isoliert betrachtet - gute Lösung, denn eine Liga mit, sagen wir: 20 Topclubs aus Europa wäre sportlich hoch attraktiv, vor allem für ein globales Fernsehpublikum, weniger für mitreisende Fans. Den Einwand, es sei ja nicht mehr spannend, wenn man jede Woche gegen englische oder spanische Topteams spielte, hört man zwar immer wieder, aber das leuchtet nicht wirklich ein. Ist es denn attraktiver, zweimal im Jahr gegen Freiburg und Wolfsburg zu spielen?

Die Probleme lägen eher woanders. Wie schon erwähnt wäre eine solche fundamentale Reform brutal für die etablierten Ligen, denen die Zuschauermagneten größtenteils abhanden kämen. Das galt zwar genauso auch für die Einführung der Bundesliga, die viele kleine Regionalclubs in den Abgrund stieß, aber an sich eine große Erfolgsgeschicht war. Aber mittlerweile verdient die Masse der Clubs in Deutschland und England so viel Geld, dass die organisierten Interessen dieser Teams schon zu verhindern wissen werden, dass ihre Wettbewerbe mir nichts, dir nichts entkernt würden. Als Kompromiss wäre es zwar denkbar, nationale Pokalwettbewerbe unter der Woche auszutragen, in denen dann auch Otto Normalverein die Chance hätte, mal gegen den FC Bayern zu spielen. Aber das wäre wohl nur ein Feigenblatt.

Zudem stellt sich die Frage, wie in aller Welt eine Auf- und Abstiegsregelung funktionieren könnte. Entweder man müsste den Kreis der Aspiranten von vornherein auf wenige Ligen beschränken, aus denen dann in einer Aufstiegsrunde die Neulinge gekürt würden. Oder man müsste einen Europacup nach der Vorbild der UEFA Europa League als kontinentale Qualifikationsrunde spielen, aus der dann drei oder vier Aufsteiger hervorgingen.

Modell 4: Europaliga nach amerikanischem Vorbild: Kein Auf- und Abstieg

Gegen diese Variante spricht so ziemlich alles. Die Abwesenheit von Absteigern würde die Spiele in der unteren Tabellenhälfte jedes sportlichen Werts entheben. Es sei denn, man verschlimmerte diese Idee noch durch die Einführung eines Playoffmodus - der dann ebenfalls die regulären Saisonspiele unwichtiger machte.

Aber das sind nur die Folgen innerhalb der glücklichen Elite. Dass alle anderen Clubs in Europa keine Chance haben sollen, sich auf sportliche Weise nach ganz oben zu spielen, widerspricht dem Charakter des europäischen Fußballs eklatant. Man hätte das bestehende System zerschlagen und durch ein noch viel schlechteres ersetzt.

Nur der Status Quo? Nicht überall!

Klingt so, als seien alle Modelle nicht umzusetzen, oder? Muss man sich also mit dem Status Quo abfinden? Nicht unbedingt. Wie eingangs schon betont, spricht aber wenig dafür, die Bundesliga oder die Premier League in ihrer Substanz zu beschneiden, weil das gut funktionierende Wettbewerbe sind, die viele Fans in die Stadien und vor den Bildschirm locken. Warum daran rütteln?

Das heißt aber nicht, dass für alle Länder in Europa das Prinzip gelten muss: ein Verband, ein Ligensystem. Warum sollten sich kleinere Länder nicht zusammenschließen, um konkurrenzfähigere Ligen aufzubauen. Das könnte zum Beispiel mit Belgien und den Niederlanden klappen, im Baltikum oder in Ex-Jugoslawien. Im Basketball spielen die baltischen Staaten schon wieder zusammen in einer Liga, ebenso Serbien, Kroatien und Slowenien. Für die Fans attraktiv, für das Leistungsniveau sehr positiv.

Der lange gehegte Wunsch der Old Firm-Clubs Celtic und Rangers, in der englischen Premier League zu spielen, ist bisher immer gescheitert. Nicht an beiden Glasgower Clubs, für die ein solcher Wechsel sehr lukrativ wäre, und auch nicht an ihren Fans. Sondern an den englischen Clubs - denn sie haben wenig Interesse daran, sich solche Konkurrenz ins Haus zu holen.

Weniger Ligen statt eine Europaliga - ein guter Kompromiss?

Aber warum sollten nicht Benfica, Sporting Portugal und der FC Porto gemeinsam mit 15 spanischen Clubs in einer iberischen Liga spielen? Oder Österreich und die Schweiz eine gemeinsame Spielklasse gründen, in der dann nicht Dorfclubs, sondern die fünf großen Traditionsteams aus beiden Ländern aufeinanderträfen?

So könnte ein richtiger Wettbewerb darum einsetzen, konkurrenzfähige und attraktive Ligen zusammenzustellen, deren Vertreter dann auch in den Europapokalen bessere Chancen hätten. Warum denn nicht? Anstatt Dogmen anzuhängen, sollte es im Profifußball darum gehen, möglichst guten Sport zu zeigen und damit möglichst viele Fans anzusprechen.

Und da für die Fans in Deutschland mehrheitlich die Bundesliga mit ihrer Spannung und ihrem seit Jahrzehnten kaum veränderten Modus so gut funktioniert, ist das hierzulande eben die Bundesliga. Das heißt aber nicht, dass es in anderen Ländern nicht andere Konstellationen geben kann.

Die Traditionalisten und die Daily Mail können wir aber beruhigen: Eine Europaliga ab 2014 wird es wohl kaum geben. Das weiß auch Sandro Rosell. Karl-Heinz Rummenigge ohnehin.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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