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Bundesliga-Saisonauftakt: Ein Killer, viele Flüchtlinge

Özil, Khedira und Boateng sind weg, dafür sind Raul und Ballack da: Die Bundesliga, die heute startet, gehört zu den heißesten Ligen Europas - trotz schwieriger Rahmenbedingungen.

Von Klaus Bellstedt

Die halbe Liga schreibt rote Zahlen, die WM-Stars Mesut Özil, Sami Khedira und Jerome Boateng sind ins Ausland abgewandert, und die Dominanz von Rekordmeister Bayern München könnte schnell zur großen Langeweile führen: Diese Rahmenbedingungen sprechen für eine schwierige 48. Saison. Die Fans zeigen sich allerdings unbeeindruckt von den Problemen und haben mit über 460.000 georderten Dauerkarten für einen Rekord gesorgt - mal wieder. Die Fußball-Bundesliga boomt.

Das freut natürlich die Macher der Liga, die ihr Produkt vor allem nach der Werbung durch die deutsche Nationalmannschaft bei der WM ganz weit vorne sehen. "Wir haben jetzt eine Liga echter Top-Stars. Arjen Robben, Franck Ribery, Bastian Schweinsteiger - und auch Thomas Müller zähle ich nach der WM dazu. Um Philipp Lahm buhlen internationale Vereine, Manuel Neuer war meiner Meinung nach der beste Torwart in Südafrika", sagt Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball.

Raul - eine echte Attraktion

Die Aufzählung des Liga-Chefs hat nur einen Haken: Die von ihm genannten Profis spielten schon in der vergangenen Saison in der deutschen Eliteklasse. Mit Ausnahme der Verpflichtung des spanischen Stars Raul durch Vizemeister Schalke 04 und der Rückkehr von Michael Ballack zu Bayer Leverkusen blieben spektakuläre Transfers - zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt zehn Tage vor dem Ende der Wechselperiode - aus. Der erhoffte Ansturm internationaler Topspieler, die der deutsche WM-Auftritt anlocken sollte, fand nicht statt. Im Gegenteil: Mit Mesut Özil und Sami Khedira, die beide zu Real Madrid wechselten sowie Jerome Boateng, der jetzt für Manchester City aufläuft, wanderten drei deutsche WM-Stars sogar ins Ausland ab.

Dennoch: Mit dem 33 Jahre alten Raul hat die Fußball-Bundesliga eine echte Attraktion dazu gewonnen. Die Schalker erhoffen sich durch diese Verpflichtung viele Tore und manches Bundesliga-Glanzlicht. "Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, einen solchen Ausnahme-Fußballer und Weltklasse-Torjäger für einen Wechsel in die Bundesliga und zum FC Schalke zu begeistern", sagte Trainer Felix Magath am Tag von Rauls Vorstellung auf Schalke. Sein neuer und alter Teamkollege Christoph Metzelder bescheinigt Raul "eine regelrechte Killermentalität vor dem gegnerischen Tor". Der Spanier will vor allem all jene widerlegen, die die Bundesliga ein Auffangbecken für "abgehalfterte Stars" schmähen und damit ihn oder Ruud van Nistelrooy meinen.

Bayern-Dominanz scheint programmiert

Anders als Werder, Stuttgart oder der HSV konnten die Bayern ihre Nationalspieler halten und sind deshalb in der anstehenden Spielzeit wohl kaum vom Sockel zu stoßen. Das sieht auch Bayerns französischer Topstar Franck Ribery so: "Unsere Gegner sind immer besonders motiviert und aggressiv. Trotzdem muss Bayern München immer alle Gegner schlagen."

In einer vom Dortmunder Meinungsforschungsinstitut promit durchgeführten Umfrage ist Titelverteidiger FC Bayern mit 60,8 Prozent haushoher Favorit vor Vizemeister Schalke 04 (9,4) und dem Hamburger SV (3,1).

Bayern-Dominanz scheint programmiert. Im Gegensatz zum finanzstarken Meister haben die anderen Klubs die Auswirkungen der Wirtschaftskrise deutlich zu spüren bekommen. Knapp die Hälfte der Vereine hat in der vergangenen Saison rote Zahlen geschrieben. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young.

Die Studie belegt, dass die Finanzprobleme in den vergangenen Jahren stark zugenommen haben. So hat in der vergangenen Spielzeit nur jeder dritte Verein (33 Prozent) Gewinn gemacht. Im Vorjahr lag der Anteil noch bei 38 Prozent, 2008 sogar bei 63 Prozent. Der Anteil der Klubs, die rote Zahlen schreiben, stieg gleichzeitig im Vergleich zu 2009 von 35 auf 44 Prozent.

Sparkurs bei den Transfers

Für zusätzliche Sorgenfalten bei den Klubmanagern sorgen die Finanzprobleme des Pay-TV-Senders Sky. "Wenn man zum Beispiel die Situation auf dem Fernsehmarkt sieht, fällt es mir schwer, den 36 Klubs blühende Landschaften zu versprechen", erklärte Rauball. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) musste schon zuletzt zugeben, dass aufgrund von finanziellen Engpässen "in der abgelaufenen Spielzeit die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs bei einigen Klubs nicht immer durchgängig und zweifelsfrei gesichert war".

Die Vereine haben daraus die Konsequenzen gezogen und einen Sparkurs bei den Transfers eingeschlagen. Borussia Dortmund schwärmt von Polens Nationalspieler Robert Lewandowski, Werder Bremen von Österreichs Marko Arnautovic, der VfL Wolfsburg von Simon Kjaer. Klangvoll sind diese Namen nicht. Der Euro sitzt eben nicht mehr so locker. Ausgaben in Höhe von 96,05 Millionen Euro für neue Spieler stehen Transfererlöse in Höhe von 104,25 Millionen gegenüber. Nur Ex-Meister VfL Wolfsburg will offenbar mit Macht an frühere Erfolge anknüpfen und hat sich mit knapp zehn Millionen Euro das größte Transferdefizit erlaubt. Dagegen steht bei Werder Bremen vor allem dank des Özil-Transfers zu Real Madrid ein sattes Plus von rund zwölf Millionen.

Die Klubs aus Wolfsburg und Bremen sind es auch, die neben Schalke und Leverkusen am Thron der Bayern rütteln wollen. Gegen den Abstieg müssen sich voraussichtlich die beiden Aufsteiger FC St. Pauli und der 1. FC Kaiserslautern sowie der SC Freiburg und der 1. FC Nürnberg stemmen.

mit SID/DPA

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