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Dortmund vor Champions-League-Achtelfinale Borussia in Schieflage


Champions League, Verfolgerduell in der Liga und im DFB-Pokal warten die Über-Bayern: Ausgrechnet vor den Wochen der Wahrheit sucht der BVB seine Form. Dabei sind die Probleme hausgemacht.
Von Maximilian Koch

Sebastian Kehl ist bekannt dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. Und so sprach der Kapitän von Borussia Dortmund auch am Samstag offen über die akuten Probleme des deutschen Meisters: "Wir haben die Räume nicht so geschlossen, wie es nötig gewesen wäre", sagte Kehl. "Am Ende hat der HSV relativ leichte Tore geschossen." Nach dem überraschenden, aber verdienten 1:4 gegen den Hamburger SV konnte man Kehl nur zustimmen: Die Defensive der Westfalen offenbart derzeit ungewohnte Lücken - und das ausgerechnet vor den entscheidenden Wochen dieser Saison.

In der Meisterschaft sind die Über-Bayern 15 Punkte voraus, im Pokal reist der BVB angesichts der aktuellen Form nur als Außenseiter zum Viertelfinale nach München am 27. Februar. Die größten Chancen, weit zu kommen, hat die Borussia wohl in der Champions League - doch gerade jetzt suchen die Dortmunder nach ihrer Form. Und nach personellen Alternativen. Das Achtelfinal-Hinspiel der Königsklasse bei Schachtjor Donezk (heute, 20.45 Uhr/live im ZDF und im stern.de-Liveticker) droht daher zur Zitterpartie zu werden. "Die haben eine unglaubliche Qualität im Kader", sagte BVB-Coach Jürgen Klopp über den ukrainischen Meister. "Deshalb wird es für uns eine große Herausforderung."

Klopp wirkt angespannt

Der Dortmunder Trainer strahlte auf der Pressekonferenz trotzdem Zuversicht aus. Klopp weiß, dass seine Mannschaft auf europäischer Bühne in dieser Saison alle Zweifler widerlegt hat. In der Gruppenphase distanzierten die Westfalen die Topclubs Real Madrid und Manchester City. Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, erhob die Borussia daraufhin in den Kreis der Titelfavoriten. Davon wollen sie in Dortmund nichts wissen. Doch nach der Klatsche gegen den HSV ist der Blick wieder nach vorne gerichtet. "Nach solch einem Spiel darf nicht alles schlecht sein. Außerdem ist es für alle das erste Achtelfinale in der Champions League. Da ist Motivation kein Thema", betonte Klopp. Auch die Tatsache, dass die am Samstag schmerzlich vermissten Verteidiger Neven Subotic und Marcel Schmelzer in die Startelf zurückkehren, dürfte die Schwarz-Gelben vor dem Duell mit Donezk optimistisch stimmen.

In den vergangenen Tagen hatte man aus Dortmund noch andere Signale empfangen. Vor allem Klopp wirkte angespannt. Sein Team hatte gegen Hamburg einige Schwachstellen offenbart, besonders der neuformierte Defensivverbund funktionierte überhaupt nicht. Schon in der Vorwoche beim 3:2-Sieg in Leverkusen war die Dortmunder Abwehrarbeit nicht überzeugend gewesen. Diesmal war sie erschreckend. Es zeigte sich, dass die Borussia in Schieflage gerät, wenn wichtige Spieler ausfallen. Gegen den HSV waren dies Schmelzer, Subotic und Gündogan - und prompt herrschte auf allen drei Positionen Chaos: Der sonst als seriöser Ersatzmann bekannte Felipe Santana erwischte im Abwehrzentrum einen ganz schwachen Tag, Sven Bender war als Vertreter von Linksverteidiger Schmelzer überfordert. Und im defensiven Mittelfeld fehlte es ohne den zuletzt brillanten Gündogan an Ballkontrolle und Ordnung.

Donezk ohne Spielpraxis

Gerade diese Beobachtung dürfte Klopp nervös machen - denn als Gündogan-Ersatz spielte Nuri Sahin. Der Rückkehrer - das war für jeden der 80.000 Zuschauer erkennbar - ist in der aktuellen Verfassung keine Verstärkung für den BVB. Die Präsenz, die den Türken vor seinem Abschied aus Dortmund ausgezeichnet hatte, ging Sahin am Samstag völlig ab. Sahin wirkte zurückhaltend, nervös, uninspiriert. Sein Passspiel war schwach. Da half es auch nicht, dass Klopp seinen Ziehsohn nach der Partie in Schutz nahm und ihm "gute Momente" bescheinigte. Nach diesem Auftritt wird es niemanden mehr überraschen, dass Sahin in den ersten drei Rückrundenspielen nur auf der Ersatzbank gesessen hatte.

Wahrscheinlich wird Sahin heute wieder ins zweite Glied zurückversetzt - obwohl Gündogan weiter verletzt fehlt. Denn im Gegensatz zu anderen Positionen herrscht im zentralen Mittelfeld ein Überangebot an starken Spielern. Für den Rest des Kaders gilt das freilich nicht: Einen etatmäßigen Schmelzer-Ersatz sucht man nach dem Verkauf von Chris Löwe im Winter vergeblich. Und auch im Angriff stellt Julian Schieber keine überzeugende Alternative zu Robert Lewandowski dar. Zumindest dann, wenn man Ansprüche wie der BVB hat: nämlich in drei Wettbewerben eine bedeutende Rolle zu spielen. Warum man deshalb in der vergangenen Transferperiode einen verunsicherten Sahin verpflichtete, und nicht an den Problemstellen nachbesserte, bleibt das Geheimnis der Dortmunder Bosse.

Gegen Donezk sind die Dortmunder trotzdem leichter Favorit aufs Weiterkommen. Weil das Offensivquartett Kuba, Götze, Reus, Lewandowski jederzeit in der Lage ist, ein Spiel zu entscheiden. Und weil sich der Gegner aus der Ukraine seit Ende November in der Winterpause befindet. "Wir sollten uns nicht damit beschäftigen, dass es Schachtjor an Spielpraxis mangelt", versuchte Klopp diesen offensichtlichen Vorteil seiner Elf kleinzureden. Man merkt es auch an solchen Aussagen: Der BVB hat in dieser Spielzeit schon bessere Phasen erlebt. Bleibt aus Dortmunder Sicht nur zu hoffen, dass der schwächelnde Meister heute wieder sein Champions-League-Gesicht zeigt.


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