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Andrej Arschawin: Der schweigsame Fährtenleser

Andrej Arschawin sieht aus ein Bübchen. Mit seinen roten Wangen und seinem Haarschnitt. Auf dem Feld ist er jedoch eiskalt, mit Tempo und Intuition. Er kann das Spiel lesen und stellt die gegnerische Defensive vor große Probleme. Trotz seiner Launen und Eskapaden wird der Exzentriker von halb Europa umworben.

Von Oliver Trust, Basel

Andrej Arschawin lächelt nicht, er bewegt nur kurz die Lippen. Man kann einen Hauch von Satz erahnen. "Ich kann kein Englisch", hat er gesagt. Oder so ähnlich. Auf Englisch. Die Mixedzone im Rankhof-Stadion kurz vor der deutschen Grenze, im hintersten Eck von Basel, wird zur "Vorbei-Lauf-Und-Ich-Sage-Nix-Zone". Er trinkt alle paar Meter aus seiner Wasserflasche und hat nach etwas 23,7 Sekunden den Mannschaftsbus erreicht, der über den Besten des Landes bereitwillig seine schützende Hülle aus Blech legt.

Mit russischen Medienleuten spricht der Star der Russen ohnehin nicht. Auch nicht vor dem Halbfinale gegen Spanien am Donnerstag in Wien. Vielleicht, weil manche denken, er wäre eine Diva. Mal ein Schlückchen zuviel, mal eine Kollektion bei einer Modefirma, der 27-jährige erscheint mit seinem Bübchengesicht wie ein Pubertierender, der seinen Weg im Leben sucht. Bisher war das Zenit und St. Petersburg. Das ist sein Revier, dort kennt er jeden Winkel und man kennt ihn. So gut es eben geht, bei einem, der kaum redet. Fotos von ihm stehen in den Schaufenstern.

Es soll Angebote aus aller Welt für die bekanntesten drei Russlands geben, den Ausnahmestürmer Arschawin, den Ausnahmetorwart Igor Akinfeev und für den großen Roman Pawljutschenko, der lächelt wie Cameron Diaz. Von Inter Mailand ist die Rede, von Manchester City (was zehn Millionen bot) und von Newcastle United. Dazu die üblichen Verdächtigen, Barcelona, Madrid und alle möglichen Vereine in Italien.

Angebot aus Deutschland

Der spanischen Zeitung "As" soll er ein Interview gegeben haben. Hört, hört. Erstaunlich für einen, der gar nicht spricht. Und dort bittet, ja wirklich bittet, Arschawin um ein Angebot aus Spanien, weil er schon welche aus England und Deutschland habe. Nun rätselt man, welcher deutsche Klub das sein könnte. Die Bayern, weil sie viel Geld aber Franck Ribéry haben oder doch die Gazprom-Kicker aus Schalke? Arschawin schweigt und alle schweigen, wenn's um so etwas geht.

Warum er aber gehen sollte, weiß keiner genau. Bei Zenit verdient er schon Millionen und es gibt immer noch mehr davon, weil Roman Abramovic und andere Superreiche die Schecks ausstellen, die für die Adressaten wie Liebesbriefe erscheinen. 75.000 Euro pro Woche sollen es bei Zenit für Arschawin sein. Macht rund vier Millionen Euro pro Jahr. Eine Million US-Dollar bekam jeder Zenit-Kicker für den Meistertitel. So viel gibt es weder auf Schalke noch an der Isar. So manches ist undurchsichtig, wenn es um russischen Fußball geht. Auf dem Rasen allerdings sind die Russen zu Holländern geworden, die einfach eine Menge Spaß machen.

Arschawin ist Stilsicher

Und er. Andrej Arschawin? Den könnte man in den Cocktailbars, die die russischen Edelfans in Österreich und der Schweiz belagern, kaum herausdeuten. Andrej Sergejewitsch Arschawin ist stilsicher in Sachen Mode, er könnte geradezu aus einem Modemagazin geklettert sein. Und, wenn der 27 Jahre alte Stürmer über Mode spricht, weiß er wovon er redet. Er hat ein Modedesign-Studium abgeschlossen und achtet auf sein Äußeres. Fehltritte aus dem Kleiderschrank wird es bei ihm nicht geben. Aber es muss mehr hinter dem Kerl stecken, für den sein Klub Zenit St. Petersburg 2003 sein taktisches System änderte, um mit zwei Spitzen zu spielen und für ihn Platz zu schaffen.

Von Arschawins Qualitäten muss auch Guus Hiddink überzeugt gewesen sein, sonst wäre er kaum das Wagnis eingegangen, einen Spieler zu nominieren, der die ersten beiden Spiele nicht mitspielen durfte, weil er neben dem fundierten Geschmack für Klamotten jede Menge Temperament in sich trägt. "Ich wusste, er ist ein besonderer Spieler, für einen anderen hätte man das nicht gemacht", sagte Hiddink über seinen Heißsporn.

"Maradona Russlands"

Im letzten Qualifikationsspiel der Russen gegen Andorra konnte er sich bis zur 84. Minute beherrschen, um dann wegen einer Tätlichkeit Rot zu sehen. Sie hatten ihn provoziert, bis ihm der Kragen platzte. Es kann gut sein, dass im Gegnerprofil neben dem Hang zum perfekten Outfit verzeichnet war, Arschawin kann ein unbeherrschter Zeitgenosse sein. Sogar Andorras Kicker schafften es, ihn weich zu kochen. Hiddink störte das nicht. Er weiß, er kann auf einen Spieler bauen, der die Fähigkeit besitzt, ein Spiel ganz alleine zu entscheiden.

Manchem gilt Arschawin deshalb als "Maradona Russlands". "Das ist ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann", sagt Hiddink. Sein Markenzeichen, er kann ein Spiel "lesen", in Sekunden die richtigen Schlüsse aus seinen Beobachtungen ziehen. Er saugt die Informationen geradezu ein und formatiert sie so, dass sie seinem Spiel nutzen. Instinkt könnte man es nennen, der in St. Petersburg geborene Angreifer hat jede Menge davon.

Das verlässliche "Wunderkind"

Russland wählte ihn zu seinem "Fußballer des Jahres" und im Nationalteam wurde er zum "wertvollsten Spieler" gekürt. Hiddink ging das Risiko ein, im letzten Gruppenspiel gegen Schweden, seinem ersten der EM, seinen Wunschspieler in einem bedeutungslosen Spiel einsetzen zu müssen. Man kann sich vorstellen wie die Kommentare daheim in Russland ausgefallen wären. Der kühne Plan von "Zocker" Hiddink ging auf und Arschawin bestätigte seinen Ruf, ein verlässliches "Wunderkind" des neuen russischen Fußballs zu sein.

Schon mit sieben kam das Ausnahmetalent in die Petersburger Schule Smena, die keinen der begabten Söhne des Landes übersieht, die dabei helfen können, den Ruhm vergangener Tage wieder zu beleben. Deshalb hat man Hiddink geholt, der den Fußball Russlands schnell machen soll und der mit ihm einen perfekten Partner gefunden hat.

Bleibt er? Geht er?

Arschawins Schnitte auf dem Designertisch sollen ein wenig den für die Gegner so verwirrenden Pfaden entsprechen, die er und seine Sturmpartner auf dem Rasen finden. Um das Spiel zu lesen, zieht er sich manchmal weit auf seinen Beobachterposten etwa 30 Meter hinter die Spitze zurück und lenkt von dort aus das Spiel, sobald er Witterung aufgenommen hat. In Sekundenschnelle erstellt er seine "Hier-ist ihr-Standort-Karte" und füttert sein Koordinatensystem.

Nun darf man darauf warten, was mit ihm passiert und, wer ihn kauft, wenn überhaupt. Es wird auch von den Plänen der mächtigen Männer des russichen Fußballs abhängen, ob man ihn gehen lässt. Sie werden mit ihm reden, denn mit ihnen redet er selten.

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