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Zittersieg gegen Österreich: Die Auferstehung des Bosses

Dank eines einzigen Geniestreiches ihres Kapitäns Michael Ballack hat die DFB-Auswahl die Blamage gegen Österreich abgewendet. Aber längst ist noch nicht alles Gold, was glänzt. Etliche Baustellen bleiben. Im Viertelfinale gegen Portugal muss eine deutliche Leistungssteigerung her.

Von Klaus Bellstedt, Wien

Was für eine Atmosphäre im Wiener Ernst-Happel-Stadion. 53.000 Fans in der natürlich restlos ausverkauften Arena sorgten vielleicht erstmals bei diesem Turnier für eine Stimmung, wie sie vor zwei Jahren beim Sommermärchen in Deutschlands Stadien fast ausnahmslos herrschte. Und endlich spielte das Wetter auch mit. Eine rote Abendsonne strahlte über dem Wiener Prater. Die Voraussetzungen für ein packendes Endspiel um den Einzug ins EM-Viertelfinale hätten also nicht besser sein können.

Möglicherweise ließ sich auch Mario Gomez, an dem Joachim Löw in der Startelf festhielt, von der knisternden Stimmung anstecken. In zweierlei Hinsicht. Erstens: Gomez sang überhaupt zum ersten Mal bei dieser EM die Nationalhymne mit. Zweitens: Der Stürmer vom VfB Stuttgart verstolperte in der fünften Minute die Chance zur deutschen Führung fast schon kläglich. Nur mal angenommen, der große Ernst Happel wäre noch am Leben und würde das DFB-Team trainieren, er hätte Gomez wohl postwendend unter die Dusche geschickt.

Und auch für den neu ins Team gerückten Arne Friedrich auf der neuralgischen rechten Außenposition hätte die Begegnung schlimmer kaum starten können. Friedrich kassierte mit seiner ersten (Nicht-)Ballberührung die Höchststrafe, den Tunnel. Freilich ohne Folgen. Für positivere Nachrichten aus deutscher Sicht sorgte Lukas Podolski, vom Bundestrainer erneut und deshalb etwas überraschend im linken offensiven Mittelfeld aufgestellt. Seine beiden Distanzschüsse aus der ersten Hälfte waren kreuzgefährlich, Austria-Goalie Jürgen Macho musste beide Mal sein ganzes Können aufbieten, um sie zu entschärfen. Ansonsten war nicht viel los im deutschen Spiel.

Riesige Löcher zwischen Verteidigung und Angriff

Das Mittelfeld, in dem Kapitän Michael Ballack einen (endlich) offensiveren Part als noch gegen Kroatien einnahm, wurde viel zu langsam überbrückt. Wobei Ballack keine Schuld traf. Der Kaptiän schlug immer wieder kluge Pässe und versuchte auch mal, die in der Luft hängenden Stürmer Klose und Gomez in Szene zu setzen. Dennoch klafften mitunter riesige Löcher zwischen Verteidigung und Angriff - gepflegt und durchdacht sieht anders aus. Aber in diesem Thriller von Wien ging es im Zweifel gar nicht um ästhetisches Brillieren. Es ging gnadenlos zur Sache. Und das nicht immer fair. Die Österreicher legten die eher rustikale Spielweise an den Tag. Natürlich auch aus Ermangelung spielerischer Klasse. Hatten die Deutschen damit etwa nicht gerechnet? Es schien fast so. Das DFB-Team zeigte sich beeindruckt, ließ sich von der Hektik anstecken und musste einige brenzlige Situationen überstehen. Insgesamt lebte dieses K.o.-Match von der Spannung.

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Geistesblitze des Kapitäns allein reichen nicht

Erschwerend hinzu kam für die deutsche Elf, dass der überfordert wirkende Schiedsrichter Gonzalez kurz vor der Halbzeitpause Joachim Löw per Sofortdekret auf die Tribüne beförderte. Ganz offensichtlich hatte Löw zu heftig an der Seitenlinie lamentiert. Österreichs Coach Josef Hickersberger ereilte übrigens das gleiche Schicksal. Zuspruch erhielt der ungläubig dreinblickende Löw dann von höchster Stelle. Die Kanzlerin, Angela Merkel, gab ihm hoch oben auf der Ehrentribüne einen aufmunternden Klaps. Unten übernahm fortan der unbeschriebene Hansi Flick das Kommando. Wer zur Pause ganz genau in die Gesichter der deutschen Fans und der Pressevertreter schaute, der sah Skepsis.

Eine Skepsis, die der Chef dann höchstpersönlich kurz nach Wiederanpfiff endgültig beiseite räumte. Michael Ballacks traumhafter Freistoßtreffer aus der 49. Minute hatte etwas von Neuvilles Befreiungstor gegen die Polen während der WM 2006. Und es war symptomatisch, dass es ausgerechnet Ballack war, der das Tor zum Viertelfinale aufstieß. Nachdem der "Capitano" in den ersten beiden Gruppenspielen gegen Polen und Kroatien eher wie ein Mitläufer und nicht wie der Leader wirkte, war Ballack gegen Österreich wach, bissig und stets anspielbereit. Er war eben der Kopf dieser Mannschaft. Im EM-Quartier in Tenero hatte Ballack ja schon vor dem Spiel den teilweise zu laschen Kollegen kräftig die Leviten gelesen. Die Ansprache verfehlte nicht ihre Wirkung. Und wenn Ballack selbst dann auch noch auf dem Platz Taten folgen lässt, wird eben auch ein international bestenfalls zweitklassiges Team wie Österreich alles in allem mühelos bezwungen.

Wenn Deutschland allerdings am Donnerstag gegen einen der Topfavoriten dieses Turniers, Portugal, überhaupt eine Chance haben will, dann müssen sich aber auch die anderen Mitglieder dieses Teams steigern. Sich allein auf die Geistesblitze ihres Kapitäns zu verlassen, wird gegen Weltklasse-Spieler wie Carvalho, Ferreira, Ronaldo oder auch Nuno Gomez kaum reichen. Womit wir wieder bei der Abhängigkeit der Mannschaft von Michael Ballack angelangt wären. Der Sturm, mal abgesehen von Quasi-Stürmer Lukas Podolski, ist immer noch stumpf, das Mittelfeld wirkt keineswegs eingespielt und die Abwehr wackelt immer noch manches Mal bedenklich. Dazu kommt ganz offensichtlich ein konditionelles Problem. Wie anders ließe sich der gefährliche Rückfall in die Lethargie in der letzten Viertelstunde gegen Österreich erklären?

Schonzeit ist endgültig vorbei

Gegen Österreich ist man noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Aber spätestens jetzt sollte allen im DFB-Aufgebot klar sein, dass die Schonzeit endgültig vorbei ist. Gegen Portugal muss (noch einmal) ein Ruck durch die Mannschaft gehen. Wenn ihr das gelingt - und wirklich erst dann -, wissen wir, wo Deutschland bei dieser EM steht. Eines steht jedenfalls fest: Der Kapitän scheint bereit für größere Taten. Nach dem Schlusspfiff ging sein Blick hoch zu seinem Chef. Löw erwiderte seinen Blick und beide nickten sich kurz zu. Ohne zu lächeln. So als wollten sie sagen: "Auftrag erfüllt, jetzt muss der nächste Schritt folgen."

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