VG-Wort Pixel

DFB-Team unterliegt Frankreich Dämpfer in Grün


Die Nationalmannschaft ist mit einer Niederlage ins EM-Jahr gestartet. Die Erkenntnis aus dem 1:2 gegen Frankreich: Das Fehlen von Größen wie Philipp Lahm kann das DFB-Team doch nicht kompensieren.
Von Klaus Bellstedt, Bremen

Eine Minute vor Ende der ersten Hälfte wurde es zum ersten Mal richtig laut im Bremer Weserstadion. Zuvor war rein stimmungsmäßig nicht viel los. Na gut, die kleine französische Fankolonie oben unter dem Dach der Westkurve hatte wie üblich bei Spielen ihrer „Bleus“ die Marseillaise angestimmt, aber sonst ging es auf den Rängen eher norddeutsch unterkühlt zu. Das lag in erster Linie an der Leistung der deutschen Nationalmannschaft. Die hatte bis dahin niemanden von den Sitzen gerissen. Wohl aber die Einwechslung von Thomas Müller, der kurz vor dem Halbzeitpfiff für den verletzten André Schürrle in die Partie kam. Mit Müller, der überraschenderweise nicht in der Startelf stand, würde alles besser werden, dachten sich die Fans. Wohl gemerkt: Zu diesem Zeitpunk lag die DFB-Auswahl im letzten ernstzunehmenden Test vor Beginn der EM mit 0:1 zurück.

Die entscheidende Frage vor dem Länderspiel gegen Frankreich lautete: Wie würde sich die deutsche Nationalmannschaft ohne ihre Säulen Per Mertesacker, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski schlagen? Die Erwartungen waren und sind immer hoch, wenn die Boygroup von Joachim Löw auftritt. Sie genießt in der Öffentlichkeit wegen ihrer Spielweise ein enorm hohes Ansehen. Das Vertrauen in das Können dieser Elf ist auch intern grenzenlos. Das hat der Bundestrainer in den Tagen von Bremen selbst immer wieder betont. Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Das Team schlug sich ohne ihre vier Größen nur mittelmäßig. Daran änderte auch der so sehr beklatschte Heilsbringer Thomas Müller nichts.

Ohne Klose wird Özil nicht glücklich

Es war gar nicht mal enttäuschend, was die ersatzgeschwächte DFB-Auswahl exakt 100 Tage vor Beginn des Turniers in Polen und der Ukraine in Bremen ablieferte. Das nicht. Es gab immer wieder Phasen in denen bei eigenem Ballbesitz sehr schnell und sehr vertikal gespielt wurde. Miroslav Klose, der Deutschland in seinem 114. Länderspiel als Ersatzkapitän auf den Rasen führte, aber vor allem der überragende Mesut Özil und mit etwas Wohlwollen vielleicht auch noch Sami Khedira verdienten sich diesbezüglich Bestnoten. Aber vor allem Özil fehlten die Abnehmer für seine genialen Ideen. Und es fehlte eine funktionierende Defensive, die dem Star von Real Madrid idealerweise den Rücken freigehalten hätte, ohne dabei selbst zum Teil haarsträubende Fehler zu praktizieren.

Es war zum Verrücktwerden, auch für Joachim Löw. Mit zunehmender Spieldauer beorderte er Özil wiederholt an die Seitenlinie, versorgte ihn mit Wasser und redete gleichzeitig auf seinen Taktgeber ein. Aber was sollte der machen? Der Ex-Bremer nahm es bei seinen Dribblings immer wieder erfolgreich mit der halben französischen Mannschaft auf. Das sah alles elegant und modern aus. Aber spätestens nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Miro Klose zur Pause hatte Özil niemandem mehr in der Mannschaft, mit dem er seine Ideen auf dem Platz auch umsetzen konnte. Lukas Podolski kann das. Der Kölner versteht Özils Art, Fußball zu spielen. Aber er war nicht da. Genauso wenig wie Philipp Lahm. Und das tat noch viel mehr weh.

Nicht nur Aogo hat Schuld

Beide Treffer der Franzosen durch Olivier Giroud (21.) und Florent Malouda (69.) gingen Fehler auf der linken deutschen Abwehrseite voraus. Die wurde in Abwesenheit von Lahm von Dennis Aogo bekleidet. Besonders vor dem 0:1 stellte sich der Hamburger zögerlich und ungeschickt an, als er seinen Gegenspieler ohne Gegenwehr flanken ließ. „Er darf den Franzosen nicht innen durchlassen“, kritisierte hinterher Joachim Löw mit seltener Deutlichkeit. „Dennis hat viel Potenzial, aber er kann mehr leisten.“ Mit dieser Aussage stand der Bundestrainer spät am Abend im Bauch der Arena ziemlich allein da. Schon die Nominierung Aogos für den Test gegen Frankreich sorgte bei manch kritischem Geist für ein Kopfschütteln. Nach diesem furchterregenden Auftritt werden sich die Kritiker bestätigt fühlen.

Es wäre falsch und zu einfach, die 1:2-Niederlage (der eingewechselte Cacau markierte in der Nachspielzeit noch den Ehrentreffer) gegen Frankreich allein an Lahm-Vertreter Dennis Aogo festzumachen. Der ganze hintere Mannschaftsteil schwächelte. Jerome Boateng zum Beispiel übte auf der rechten Seite viel zu wenig Druck aus. Zudem offenbarte er in Sachen Schnelligkeit eklatante Defizite. Auch die Innenverteidigung machte nicht immer den stabilsten Eindruck. Mats Hummels lieferte bei Borussia Dortmund zuletzt souveräne Leistungen ab. In Bremen an der Seite von Holger Badstuber wirkte er seltsam fahrig und leistete sich ausgerechnet in der Vorwärtsbewegung Abspielfehler. Es bleibt Löws größte Aufgabe, bis zum Start der Europameisterschaft eine Lösung für dieses Abwehrproblem zu finden. Der Bundestrainer hat das erkannt und kündigte nach der Partie Taten an: „Wir müssen in der Defensive im Hinblick auf die EM etwas machen. Dort hat mir die letzte Disziplin gefehlt.“

Die Basis ist vorhanden

„Diese Mannschaft ist nicht abhängig von Ergebnissen“, hat Joachim Löw vor der Partie gegen die Franzosen gesagt, „wir werden uns daran nicht messen.“ Nach dem 1:2 blieb der Bundestrainer bei seiner Meinung, nach all den vielen Siegen und dem positiven Grundrauschen rund um seine Mannschaft, dieser Partie nicht die große Bedeutung zumessen zu wollen: „Plan und Inhalte stehen und hängen nicht mit diesem einen Spiel zusammen. Für mich als Trainer ist es nicht entscheidend, was im Februar passiert.“

Löw hat Recht. Die Basis ist vorhanden, und bis zum Start der EM ist es noch ein bisschen hin. Und dennoch: So kurz nach dem Auftritt im Weserstadion bleiben kleine Restzweifel an der Verfassung der Mannschaft - weil bestimmte Positionen eben doch nicht doppelt besetzt sind. Aogo ist kein Lahm, Schürrle kein Podolski, Kroos kein Schweinsteiger und Gomez kein Klose. Es bleibt die Hoffnung, dass Spieler wie Kroos und Gomez ihre derzeitige Formschwäche überwinden und Joachim Löw in der direkten Vorbereitungsphase auf das Turnier genug Zeit findet, den dringend nötigen Feinschliff in der Defensive vorzunehmen.

Nie wieder in Grün?

Apropos Hoffnung: Erstmals seit dem 1:5 gegen England im September 2001 lief die DFB-Elf in Bremen mal wieder in Grün auf. So grün wie 1972, als die angeblich beste deutsche Mannschaft aller Zeiten 3:1 in Wembley gewann und wenig später Europameister wurde. Im Nackenbereich der neuen Hemden ist ein Spruch eingestickt: „1972 - der Beginn einer Erfolgsgeschichte, 2012 - ein neues Kapitel wartet darauf, geschrieben zu werden.“ Das neue grüne Trikot soll sozusagen die Poesie von Wembley wiederbeleben. Gegen Frankreich zum Auftakt der Mission „EM-Titelgewinn“ ist es in den neuen Jerseys schon mal schiefgegangen. Vielleicht sollte man die Dinger einfach nur ganz schnell wieder einmotten.

Klaus Bellstedt

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker