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Mario Gomez: Wundgelegen? Freigelaufen!

ARD-Experte Mehmet Scholl hat ihn hart kritisiert, und auch sonst scheiden sich die Geister an Nationalstürmer Mario Gomez. Warum eigentlich?

Von Klaus Bellstedt, Danzig


Es war nur eine Nuance am Rande des Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal in Lwiw, eine Beobachtung. Aber eine, die gut zeigt, wie Mario Gomez als Typ tickt. Als der Stürmer in der 72. Minute das 1:0 mit einem perfekten Kopfball erzielte, rannte er zunächst in Richtung Eckfahne. Der Sprint dauerte nur wenige Sekunden und die Mannschaftskollegen hatten ihn schnell eingefangen. Nur Manuel Neuer (weil der Weg zu weit war) und die Auswechselspieler (weil sie nicht dürfen) jubelten nicht mit Gomez mit. Als der Schiedsrichter die kleine Party vor der deutschen Fankurve mit einem lauten Pfiff schließlich beendete, trabten die Spieler alle wieder zurück in die eigene Hälfte. Gomez fuhr sich dabei durch die Haare und blickte an die Seitenlinie. Dort stand Miroslav Klose mit einer Trinkflasche in der Hand und beglückwünschte den Torschützen wort- und gestenreich. Gomez lächelte zurück, schließlich hielt er beide Hände vor sein Gesicht und schüttelte ungläubig mit dem Kopf. So, als wäre ihm sein Tor gegenüber Klose, dem Platzhirschen im Angriff der Nationalmannschaft, ein bisschen unangenehm.

"Nicht unbedingt als Attacke"

Mario Gomez ist ein höflicher Mensch. Kritik übt er höchstens an sich selbst. Nach seiner ersten, schwierigen Saison bei den Bayern 2009/2010 ohne Stammplatz unter Louis van Gaal sagte er: "Es liegt zum großen Teil an mir, mir fehlen Selbstbewusstsein und Energie." Wann hört man das schon mal von einem Fußballprofi? Gomez wurde nicht nur als Stürmer der Bayern oder früher in Stuttgart schon häufig hart kritisiert, wenn er mal nicht traf. Als er gegen Österreich bei der Europameisterschaft 2008 in Wien aus einem Meter das Tor verfehlte, hatte er es auch in der Nationalmannschaft lange schwer. Aber die Zeiten sind lange vorbei. Und daran wird auch die teilweise überzogene Kritik von Mehmet Scholl nach dem Portugal-Spiel nichts ändern. Der TV-Experte (und Bayern-Angestellte) hatte in der ARD unter anderem mit diesem Satz über den seiner Meinung nach destruktiven Angreifer für Aufregung gesorgt: "Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss." Die Antwort von Gomez ließ ein bisschen auf sich warten. Aber am Montag brach der Gescholtene sein Schweigen. Es war ein starker Auftritt.

Souverän und selbstbewusst antwortete Gomez auf die vielen Journalistenfragen zu diesem Reizthema, das Scholl gesetzt hatte. "Ein Trainer von meinem Verein. Mia san mia, eine große Familie." Gomez schmunzelte in seinem schwarzen Polohemd. Es fehlte nur noch der Nachsatz: "Ganz stark von Dir, Mehmet." Mit ihm und Scholl sei es "so eine Sache", begann Gomez aufzuklären. Auf dem vergangenen Oktoberfest habe der Ex-Profi und Hoeneß-Intimus ihn mal angesprochen. "Ich weiß schon, was du von mir denkst" soll Scholl gesagt haben, der dachte, dass Gomez nicht viel von ihm als TV-Experte halte. Scholl erklärte dagegen, dass er mit seiner Kritik nur das Letzte aus ihm herauskitzeln wollte. "Auch jetzt sehe ich seine Äußerungen nicht unbedingt als Attacke. Mehmet ist Trainer und von denen kann man viel lernen, ich versuche daraus etwas mitzunehmen.“ Wenn der letzte Satz so ironisch gemeint war, wie er klang (und wie sein Lächeln verriet), dann war das hier Gomez' zweiter Treffer bei dieser EM – wenn auch nur ein verbaler.

Neun Treffer in den letzten elf Spielen

Weil Gomez manchmal nicht nur ironisch sein kann, sondern auch ein sensibler und ernsthafter Fußballer ist, den Kritik trifft, ging er dann aber doch noch in die Offensive. Und wie! "Ich war in den letzten fünf, sechs Jahren der erfolgreichste deutsche Stürmer, habe die letzten beiden Jahre in der modernen Champions League nach Lionel Messi die meisten Tore geschossen. Ich möchte wissen, warum es einen Grund geben sollte, weshalb ich mich ändern sollte", sagte er. So spricht nur jemand, der den Rückhalt des Trainers genießt. Und Joachim Löw hält viel von Gomez. Nur wenige Minuten zuvor hatte der Bundestrainer an selber Stelle seinen Stürmer ausdrücklich für seine Leistung gegen Portugal gelobt. Er habe, Obacht Herr Scholl, "auch defensiv sehr gut gearbeitet".

In seinen vergangenen elf Länderspielen hat der 26-Jährige jetzt neun Mal getroffen. Das ist eine überragende Quote – für einen "unmodernen" Stürmer. Das ist ja gerade mal wieder der Hauptkritikpunkt an Gomez. Und deshalb sehnt sich nicht nur Mehmet Scholl nach Klose, der in der Nationalmannschaft und den Fans Kultstatus besitzt, in der Startelf der DFB-Auswahl zurück. Was heißt das eigentlich: "unmodern"? Sicher, der Münchner läuft weniger als Klose. Er arbeitet nicht so intensiv nach hinten mit. Dazu sind seine technischen Fähigkeiten, nun ja, überschaubar. Das, was Klose auszeichnet ist seine Dynamik. Er ist an guten Tagen ein Spezialist für "Steals", für das Stehlen von Bällen und erarbeitet sich auch mal Chancen selbst. Aber ist das modern?

Klose hat im Gegensatz zu Gomez auf Clubebene eine eher durchschnittliche Saison hinter sich. Bei den Bayern wird der permanent und nicht nur von den beiden Flügelspielen Robben und Ribéry mit Vorlagen gefüttert. Das kommt dem beidfüßigen Vollstrecker natürlich zu Gute. In Lwiw gegen Portugal lieferte Gomez auch deshalb eine insgesamt eher durchschnittliche Leistung ab, weil von Podolski und Müller, aber vor allem auch von Özil, kaum etwas Verwertbares in den Strafraum segelte. Das darf man nicht vergessen. Die Flanke, die schließlich zum 1:0 führte, war abgefälscht. Gomez war mit dem Kopf zur Stelle. Im entscheidenden Moment. Moderner geht es nicht. Schönen Gruß von Didier Drogba (34).

Der Bundestrainer hat sich noch nicht festgelegt

Nein, Mario Gomez ist kein Miro Klose, er ist auch kein Mario Balotelli oder Robert Lewandowski. Beide, das konnte man bei dieser EM gut erkennen, halten den Ball lange, weswegen die herannahenden Mittelfeldspieler viel Raum bekommen und so beim Gegner für Unruhe sorgen. Gomez braucht vielleicht mehr Unterstützung als andere Angreifer. Wenn die aber vorhanden ist, ist er ein Weltklassestürmer, unter anderem ausgestattet mit einem überragenden Kopfballspiel. Gegen eher defensiv orientierte Mannschaften ist er im Zweifel die bessere Wahl. Am Mittwoch rechnet die DFB-Auswahl mit einem aktiveren Kontrahenten. Holland muss nach der Auftaktpleite gegen Dänemark gewinnen. Das kommt Joachim Löws Kombinationsfußball entgegen. Hier funktioniert wiederum Klose besser. Es ist ein offenes Rennen zwischen den beiden Sturm-Kandidaten. Der Bundestrainer hat sich noch nicht festgelegt.

Mario Gomez sei "in seiner Persönlichkeit mittlerweile gestählt", sagte Löw am Montag. Er habe es immer wieder verstanden, sich aus schwierigen Situationen "heraus zu manövrieren". Aber das ist jetzt eigentlich gar nicht nötig. Dafür spricht auch Gomez‘ sehr gesunder Gemütszustand. Auf die Frage, ob er am Mittwoch an seinem Einsatz zweifele, sagte er einfach nur: "Nein!"

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