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Fußball-EM in der Ukraine Der Ball und die Menschenrechte


Während Politiker zum Boykott aufrufen, will der Sport die Fußball-EM in der Ukraine lieber anders nutzen. Dabei liegen Uli Hoeneß und Amnesty International voll auf einer Linie.
Von Sophie Albers

Röttgen ist empört, Westerwelle ist empört, Gabriel ist empört und natürlich auch Hans-Christian Ströbele. Eigentlich Vertreter aller Parteien - außer der Piraten natürlich. Und offensichtlich auch die Kanzlerin. Das wiederum empört die <lin kadr="http://www.stern.de/politik/ausland/fussball-em-2012-ukraine-empoert-sich-ueber-deutsche-boykott-forderungen-1820376.html">Ukraine. Es sei undenkbar, so der ukrainische Außenamtssprecher, dass deutsche Politiker versuchen, "den Sport zu einer Geisel der Politik zu machen".

Dabei ist er das längst. Knapp sechs Wochen vor Beginn der Fußball-EM in Polen und der Ukraine sucht nicht nur die politische Öffentlichkeit nach dem richtigen Umgang mit der "Semidiktatur" von Viktor Janukowitsch. Aushängeschild für dessen ignoranten Umgang mit den Menschenrechten sind Bilder der vor zwei Jahren gestürzten Julia Timoschenko, die bei schlechter Gesundheit im Gefängnis sitzt.

Größe zeigen

Während in der Politik die Boykottaufrufe überwiegen - was gemäß einer Emnid-Umfrage auch den Volkeswillen spiegelt: 52 Prozent wünschen, dass Merkel und ihre Minister den deutschen Spielen fernbleiben - hören sich die Stimmen im Sport ganz anders an. "Eine Absage ist keine Alternative, damit haben wir in der Vergangenheit bei anderen Ereignissen überhaupt nichts erreicht", stellt Theo Zwanziger, Ex-DFB-Präsident und Mitglied im Exekutivkomitte der Uefa, fest. "Boykotte haben sich immer als ebenso sinn- wie erfolglos erwiesen", pflicht ihm IOC-Vizepräsident Thomas Bach in einem Radiointerview mit dem Hessischen Rundfunk bei. Sport müsse "politisch neutral" sein. Ohne politische Neutralität würde er zwischen den Fronten zerrieben werden. Aber er ermuntere die Spieler, sich zu den Menschenrechtsverletzungen zu äußern, so Zwanziger. "Wir treten ein für Rechtstaatlichkeit und Demokratie, und dann müssen wir das überall tun, wo wir hingehen."

So sieht das auch Bayern-München-Chef Uli Hoeneß. Die deutschen Nationalspieler sollten ihre Solidarität mit ukrainischen Regimekritikern bekunden. "Sie würden damit Größe zeigen", so Hoeneß im "Spiegel"-Interview. Und das sollten auch die Verantwortlichen der Uefa und des DFB: "Sie sollten bei jeder geeigneten Gelegenheit öffentlich darauf hinweisen, dass die Haftbedingungen von Frau Timoschenko nicht akzeptabel sind."

Amnesty unterstützt Boykotte nicht

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hatte in der vergangenen Woche bereits erklärt, dass "der Fußball sich an die Seite der Politik stellen" muss, "wenn es um Grundwerte im menschlichen Miteinander geht." Und für dieses politische Seite-an-Seite biete die Fußball-EM durch die Medienpräsenz eine öffentlichkeitswirksame Plattform, "bei der nicht nur über die 31 Spiele, sondern eben auch über Land und Leute berichtet wird". Von einem Boykott halte er nichts. "Wir beobachten die Situation ganz genau, jeden Tag", bezeugte Uefa-Turnierdirektor Martin Kallen der "Süddeutschen Zeitung". Und bat in der ganzen Diskussion zu bedenken: "Wir organisieren ein Fußball-Fest, und nichts anderes."

Bleibt Amnesty International als letzte Instanz in Menschenrechtsfragen. Und die Stellungnahme ist deutlich, wenn auch vielleicht unerwartet: "Amnesty International ruft nicht zum Boykott der EM auf", sagte Generalsekretär Wolfgang Grenz auf Anfrage von stern.de. "Wichtiger ist, dass diejenigen, die ins Land reisen, also Sportler, Funktionäre und Politiker auf die Menschenrechtssituation aufmerksam machen. Dabei sollten sie nicht nur die Freilassung von Julia Timoschenko fordern. In der Ukraine werden regelmäßig Festgenommene von der Polizei geschlagen, es gibt Berichte über Folter zur Erpressung von Geständnissen. Menschen, die Polizeiübergriffe oder Korruption anprangern, werden mit konstruierten Anschuldigungen überzogen und mit Gewalt bedroht." All das sollten Besucher und Teilnehmer der EM klar und deutlich ansprechen - und zwar nicht nur hinter verschlossenen Türen, fordert Grenz. "Sportliche Großveranstaltungen können in Ländern mit schlechter Menschenrechtsbilanz nicht unpolitisch sein."

Timschenko besuchen?

Ob Innenminister Hans-Peter Friedrichs Idee, anlässlich des ersten Spiels in der Ukraine (Deutschland - Niederlande) am 9. Juni in Charkow auch gleich die dort inhaftierte Julia Timoschenko zu besuchen, der richtige Weg ist? Ein solcher Vorstoß nähme der Regierung in Kiew "jegliche Möglichkeit, ohne Gesichtsverlust aus der selbstverschuldeten Lage herauszukommen", gibt der langjährige Osteuopa-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Urban, zu bedenken. Es gehe in diesem Konflikt nämlich um mehr als das Schicksal von Timoschenko: um die zukünftige politische Ausrichtung der Ukraine. Und es sei in unser aller Interesse, dass das Land sich auf den Weg der Demokratisierung zurückbegebe, anstatt vollends an Moskau zurückzufallen und Teil von Fast-Präsident Putins imperialem Traum zu werden. Das sei auch der Grund, warum Merkel Janukowitsch goldene Brücken baue, indem sie ihm anbietet, Timoschenko in Berlin ärtztlich behandeln zu lassen.

Jetzt muss Janukowitsch nur noch über die Brücke gehen - und die Spiele können erstmal beginnen.

Sophie Albers

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