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Frankreichs Superstar Paul Pogba - Der König der Hähne

Der französische Superstar Paul Pogba
Der französische Superstar Paul Pogba will der Welt zeigen, dass er der Beste ist
© Georgi Licovski/EPA
Der Franzose Paul Pogba will der beste Mittelfeldspieler aller Zeiten werden - und der Superstar der EM. Die Ablösesumme für den Franzosen zumindest ist schon jetzt intergalaktisch hoch.

Es gehört zum guten Ton des aufstrebenden Fußballstars, nicht durch falsche Bescheidenheit aufzufallen. Der deutsche Verteidiger Jérôme Boateng etwa vertraute seinem großen Bruder George vor der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren an, er wolle "der beste Verteidiger der Welt werden". Das Berufsziel des Nationalmannschaftskollegen Mesut Özil: "Bester Spieler der Welt." Paul Pogba steigt höher ein.

Er strebe an, "eine Legende" zu werden. Er wolle "eine neue Art Mittelfeldspieler erschaffen", den besten aller Zeiten: einen Mann, der alles von der Balleroberung über das Dribbling bis zum Torabschluss beherrsche.

Sie können in Frankreich also die Suche nach einem Nachfolger für den verehrten Zinédine Zidane einstellen. Zumindest wenn es nach Pogba geht. Und will ihn dieser Zidane, heute Trainer von Real Madrid, nicht sogar aus Turin zu sich nach Spanien locken? Für eine Ablösesumme von weit über 100 Millionen Euro? Wenn das kein Beweis für die eigene Großartigkeit ist!

Am Selbstbewusstsein des Superstars wird es nicht scheitern, wenn Gastgeber Frankreich am Sonntag im Achtelfinale den nächsten Schritt zum Europameister-Titel gehen will. Pogba verkörpert in dieser Equipe Tricolore schließlich die absolute Weltklasse. Er allein verleiht mit seinen majestätischen 1,91 Metern einem sonst eher wenig furchteinflößenden Kader so etwas wie Unbeugsamkeit. "Wenn wir weit kommen wollen, geht es nur mit ihm" , sagt Bixente Lizarazu und atmet tief durch. Er muss es wissen. Mit Zidane wurde Lizarazu in den Jahren 1998 und 2000 zuerst Welt-, dann Europameister.

Der französische Superstar Paul Pogba mit dem Ball am Fuß
Der französische Superstar Paul Pogba hat trotz seiner Größe eine sehr gute Ballbehandlung
© Federico Gambarini/DPA

Paul Pogba mit Lieferschwierigkeiten zu Beginn

Man hatte eigentlich erwartet, dass Paul Pogba von der ersten EM-Minute an der Welt zeigen würde, dass er schon jetzt besser ist als Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic. Doch der Start gegen Rumänien verlief holprig. Der Druck. Die Müdigkeit.

Prompt verordnete der französische Nationaltrainer Didier Deschamps dem schwächelnden Pogba im Spiel gegen Albanien eine Verschnaufpause. Sein Schützling sollte wohl zu spüren bekommen, dass er nicht über der Gruppe steht. Noch steckt dieser Pogba mit seinen gerade 23 Lebensjahren in der Entwicklung, mit allen Wachstumsschmerzen. Nach seiner Einwechslung gegen Albanien leistete er sich nach dem 2 : 0 eine vulgäre Geste in Richtung Haupttribüne. Danach barmte er sogleich, das Ganze sei ein Missverständnis, er habe nur mit seiner Familie gefeiert. Deschamps erklärte, er glaube ihm. Sein Blick verriet eher: Ich verzeihe dir.

Es ist eine komplizierte Konstellation, die der Trainer moderieren muss. Er braucht Pogba, er hält ihn bei Laune. Auf der anderen Seite muss er genau darauf achten, dass seine Autorität durch den Star nicht untergraben wird.

Noch frisch ist das nationale Trauma von der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, als nach dem Rauswurf von Nicolas Anelka Teile der Mannschaft beschlossen, das Training zu boykottieren.

Didier Deschamps duldet keine Disziplinlosigkeit

Diesmal sortierte Deschamps vor dem Turnier seinen Starstürmer Karim Benzema aus, weil der an der Erpressung des Mannschaftskameraden Mathieu Valbuena beteiligt gewesen sein soll. Benzema hat Deschamps deshalb Rassismus vorgeworfen. Es ist keine unbeschwerte Atmosphäre, die diese französische Nationalelf umgibt. Viele Franzosen attestieren ihrer Equipe längst einen Verfall der Sitten. Schon deshalb kann Deschamps keinerlei Disziplinlosigkeit dulden.

Pogba stammt aus einer Fußball-Familie, auch seine beiden älteren Zwillingsbrüder Florentin und Mathias verdienen heute als Profis ihr Geld. Ihre Eltern sind guineanischer Abstammung. In Roissyen-Brie, eine Autostunde von Paris entfernt, wuchsen die Kinder auf. Mit sechs Jahren trat Paul zum ersten Mal im Verein gegen einen Ball, ein schmächtiges Kind, das sich an Kabinettstücken versuchte und oft weinte, wenn man sie ihm auszutreiben versuchte. Aber Paul konnte arbeiten wie niemand sonst, keinem Kampf ging er aus dem Weg – schon damals wollte er der Anführer sein.

So ist das bis heute geblieben, sagt sein Teamkollege bei Juventus Turin, der deutsche Nationalspieler Sami Khedira. Zusammen haben sie Meisterschaft und Pokal gewonnen. Fragt man Khedira, was er von seinem exaltierten Nebenmann halte, bekommt er glänzende Augen. "Ich habe selten einen Spieler gesehen, der besitzt, was Pogba hat, Ronaldo ausgenommen: Statur, Technik, Power, Geschwindigkeit, Explosivität. Und laufen kann er wie ein Pferd." Aber das sei nicht einmal alles. "Er kann auch noch unglaublich kicken, der Wahnsinn." Bei Khedira, Weltmeister und Champions-League-Sieger, liegt die Latte ziemlich hoch, muss man wissen.

Der französische Superstar Paul Pogba mit dem Ball am Fuß
Der französische Superstar Paul Pogba mit dem Ball am Fuß
© Lars Baron/Getty Images

Pogbas Potenzial rechtfertigt den Hype

Auch Berater, Trainer und Scouts sind sich einig, dass Pogbas Potenzial den Hype um seine Person rechtfertige. Ein Generalist wachse da heran, sagen sie. Er sei zwischen beiden Strafräumen zu Hause. Er verfüge über das komplette Arsenal eines Spitzenspielers.

Pogba selbst sagt, er wolle auf dem Platz alles machen, "weil ich alles machen kann". Vielleicht ist es die einzige Schwäche, die er noch hat – sich nicht bescheiden zu können. Oft taucht er in den entlegenen Winkeln des Feldes auf. Die Ordnung geht bei so viel Anarchie schon mal verloren.

Khedira ist in Turin aufgefallen, dass Pogba zu gut sei, um bloß einfach und ohne Schnörkel zu spielen. Er wähle bisweilen bewusst die komplizierte Route zum Tor, durch einen Stangenwald aus Verteidiger Beinen. Doch die wahre Genialität entspringe der Einfachheit. Dafür habe etwa Zidane gestanden. Pogbas Potenzial sei demnach längst nicht ausgeschöpft.
Doch Pogba liebt das Dribbling. Dadurch kann er herausstechen. Das will er. Das braucht er – und nicht nur auf dem Spielfeld. Kein Outfit ist ihm zu extravagant. Die Frisur und die Rasuren wechseln schneller als manche Spielverlagerung. Mit blankem Oberkörper präsentierte sich Pogba einmal beim Boxtraining. Die Welt soll sehen, was für ein einzigartiger Athlet die Bühne der Fußballwelt betreten hat.

Pogbas Berater teilt verbal aus

Er ist sich seines Status als heißeste Ware am Transfermarkt bewusst. Vertreten lässt er sich von dem berüchtigten wie großmäuligen Agenten Mino Raiola, zu dessen Klienten auch die Super-Egos Mario Balotelli und Zlatan Ibrahimovic zählen. Mäßigung ist Raiolas Sache nicht. Eher wirkt er manchmal wie ein Brandbeschleuniger auf dem ohnehin schon überhitzten Spielermarkt. Die Leute sollten stolz sein, einen Spieler wie Pogba zu haben, "den die ganze Welt will", tönte er, als Pogba nach dessen EM-Debüt sanfte Kritik entgegenschlug. Aber "ein König" habe es nun mal schwer im eigenen Land, so Raiola.

Gegen die Schweiz im dritten Vorrundenspiel hat Deschamps den König dann wieder von Beginn an aufs Feld gebeten, diesmal auf Pogbas Schokoladenseite im linken Mittelfeld. Er dankte es mit einer imperial anmutenden ersten Halbzeit. Er überstrahlte seine Elf, majestätisch durchmaß er das Mittelfeld. Zweimal traf er die Latte. Sogar seine Position hielt er diszipliniert. Es war ein reifer Auftritt, seine Ankunft im Turnier. "Paul war unsere Lebensader heute in der ersten Halbzeit", lobte Deschamps. "Er hat riesiges Potenzial, ich habe großes Vertrauen in ihn." Eine Wahl hat er nicht.


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