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EM 2021 Allianz-Arena in Regenbogenfarben? Warum die Uefa das kaum zulassen wird

Fotomontage: Allianz-Arena in München in Regenbogenfarben mit dem Euro-2020-Logo
Fotomontage: Die Münchner Allianz-Arena in Regenbogenfarben (im Januar 2021) mit dem Logo der Euro 2020. Wird die Uefa dies als Zeichen gegen die homophobe Gesetzgebung Ungarns erlauben?
© Frank Hoerman/ / Picture Alliance
Es scheint so einfach und so positiv: Zum Spiel gegen Ungarn leuchtet die Münchner Arena als Zeichen gegen die ausgrenzende Gesetzgebung der ungarischen Regierung in Regenbogenfarben. Dass die Uefa dem zustimmen wird, scheint mehr als fraglich.

Es soll ein europaweit sichtbares Zeichen gegen Ausgrenzung und für Toleranz sein: Das Münchner EM-Stadion in Regenbogenfarben getaucht, während auf dem Rasen Deutschland im letzten Vorrundenspiel am Mittwoch auf Ungarn trifft. Die Stadt München will es so, Aktivisten und viele Fans im Netz bejubeln den Vorschlag. Sie wollen damit gegen die ihrer Meinung nach homo- und transfeindliche Haltung der rechtsnationalen Führung Ungarns protestieren. Doch die Entscheidung liegt beim EM-Veranstalter, der Europäischen Fußball-Union (Uefa) – und die mag sich in aller Regel von politischen Statements ihr inoffizielles Motto nicht vermiesen lassen: "The game must go on", lautet das. Und man könnte hinzufügen: Koste es, was es wolle.

Dementsprechend ist drei Tage vor dem Spiel noch völlig offen, ob die bunten Farben, die weltweit als Symbol für Toleranz und sexuelle sowie geschlechtliche Vielfalt gelten, wirklich vom Stadionrund aus in die Welt strahlen werden. Die Uefa hat das letzte Wort, offiziell hat sie sich noch nicht zu der Initiative geäußert.

Unklar, ob Viktor Orbán zum Spiel nach München kommt

Das werden die Fußballfunktionäre aber wohl bald tun müssen, denn am Montag will der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die Uefa mit einem Brief zum Regenbogen-Protest auffordern. "Der OB wird bereits morgen einen Brief an die Uefa schreiben", sagte seine Sprecherin am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist ein wichtiges Zeichen für Toleranz und Gleichstellung", betonte Reiter. "Die Landeshauptstadt bekennt sich zu Vielfalt, Toleranz und echter Gleichstellung im Sport und in der ganzen Gesellschaft", heißt es in einem fraktionsübergreifenden Antrag des Stadtrats, über den formell erst am Mittwoch, also dem Spieltag, entschieden werden soll.

Hintergrund des Protestes ist ein Gesetz, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt und das erst am vergangenen Dienstag vom ungarischen Parlament gebilligt wurde. Das Gesetz gilt als besonderes Anliegen von Ministerpräsident Viktor Orbán. Entsprechend laut war die Forderung nach einem klaren Zeichen bei der Fußball-EM in Deutschland geworden.

EM 2021: Allianz-Arena in Regenbogenfarben? Warum die Uefa das kaum zulassen wird

Uefa könnte Budapest als Ausweichort benötigen

Bei der Uefa wird man damit allerdings kaum offene Türen einrennen. Das zeigten schon die Ermittlungen, die der Verband am Sonntag wegen der Regenbogen-Kapitänsbinde von Manuel Neuer anstrengte – auch wenn diese letztlich eingestellt wurden, weil die bunte Binde nicht als politisches Statement gewertet wurde. Solche Statements schließt die Uefa wie auch der Weltfußballverband Fifa in den Statuten aus. Es gilt, den Spielbetrieb unter allen Umständen in Gang zu halten. Russland und die Ukraine sind im Konflikt um die Krim? Man tut alles, dass das Los sie nicht gegeneinander führt. Und man lässt die Ukraine einen eindeutig politischen Slogan vom EM-Trikot entfernen. Israels Clubs und Nationalteam spielen nicht zuletzt deshalb in Europa, um trotz der Konflikte in Nahost kicken zu können. Corona könnte Halbfinale und Finale der EM in London gefährden? Die Uefa sorgt sich vor allem um Quarantäne-Ausnahmen für Funktionäre.

Womit wir wieder bei Ungarn und Viktor Orbán wären. Budapest gilt als Ausweichort im Notfallplan der Uefa, sollte London wegen der sich ausbreitenden Corona-Variante Delta kurzfristig ausfallen. Schon während der Champions-League-Saison griff die Uefa gerne auf die ungarische Hauptstadt als Spielort zurück, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Auch deutsche Clubs sind dort angetreten – ungeachtet zeitweise hoher Inzidenzwerte in Ungarns Hauptstadt und geltender Corona-Maßnahmen in Deutschland. Auch jetzt finden nur im Puskas-Stadion EM-Spiele vor vollen Rängen statt, und die Stimmung begeistert selbst die, die sich angesichts des Ignorierens der Gefahren durch Corona Sorgen machen.

Orbán sonnt sich im EM-Prestige

Dass vier Spiele dieser EM in Budapest laufen, gilt als Erfolg für Viktor Orbán. Dem ungarischen Regierungschef ist Fußball sehr wichtig, heißt es. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Chef der regierenden Fidesz-Partei nicht von anderen mehr oder weniger autokratisch Regierenden, die bedeutende Sportereignisse stets für ihren Imagegewinn zu nutzen trachten. Und die Fußballverbände haben in dieser Hinsicht seit jeher wenig Berührungsängste gezeigt. Beispiele: WM 1978 in Argentinien, WM 2018 in Russland, WM 2022 in Katar. "The game must go on."

Mit der Erlaubnis, die Münchner EM-Arena zum Auftritt der ungarischen Mannschaft in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen, würde sich die Uefa eindeutig und weltweit sichtbar gegen Viktor Orbán und seine Politik stellen. Es ist schwer vorstellbar, dass der Verband dies just zu einem Zeitpunkt tut, da er auf Orbán angewiesen sein könnte, wenn er bei einem Ausfall Londons auf Budapest ausweichen müsste. Ungarns Regierungschef, davon weiß man bei der EU ein Lied zu singen, ist zuletzt jedenfalls nicht mit Verständnis für die Meinung anderer aufgefallen. Heißt: Man könnte plötzlich ohne Finalort für die EM dastehen.

Überrasche uns, Uefa!

Im Fall München ist deshalb zu erwarten, dass die Uefa auf den Brief von Oberbürgermeister Reiter wortreich antworten wird – etwa in dem Sinne, dass der Fußball für Toleranz stehe und Völker verbinde, aber dass das Spiel der Welt Sport bleiben und nicht für politische Zwecke benutzt werden dürfe. Dass dies, wie auch bei den Olympischen Spielen, längst geschehen ist und geschieht, auch durch die Haltung der Uefa und anderer großer Sportverbände, wird dabei geflissentlich übersehen.

Aber wer weiß: Der Fußball ist immer für eine Überraschung gut, und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Vielleicht steht Europas Fußball-Verband für seine lobenswerte "Respect"-Kampagne auch dann ein, wenn es schwierig wird. In diesem Sinne: Überrasche uns, Uefa!

mit DPA

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