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EM-Qualifikation gegen Belgien: Gomez läuft Klose den Rang ab

Nationalspieler Mario Gomez war bei den Fans lange Zeit ein Prügelknabe. Doch das ist längst vorbei. Mit beeindruckenden Leistungen hat sich der Stürmer aus dem Tief gearbeitet. Auch am Abend gegen Belgien wird er spielen. Platzhirsch Klose sollte gewarnt sein.

Von Klaus Bellstedt, Düsseldorf

Es ist erst gut ein halbes Jahr her, als Mario Gomez in der Nationalmannschaft ganz unten angekommen war. Beim EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan in Kaiserslautern wurde der Stürmer vom berüchtigten Betzenberg-Publikum fürchterlich ausgepfiffen. Beim 4:0 war Doppeltorschütze Miro Klose, 33, an alter Wirkungsstätte der gefeierte Held. Sein Backup im Angriff wurde mal wieder nur eingewechselt. Mario Gomez gelang wenig, doch die Wucht der Anti-Stimmung war so nicht gerechtfertigt. Gomez beklagte sich hinterher leicht verstört über die heftige Abneigung.

Seine Mitspieler mussten ihm damals zur Seite springen. Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller, Gomez' Kollegen vom FC Bayern, gifteten zurück. "Eine Frechheit" sei das gewesen. Der "Gegenwind" sei durch nichts gerechtfertigt gewesen. Doch bei den Fans hatte sich einiges aufgestaut. Die vergebene Tausendprozentige bei der EM 2008 im Spiel gegen Österreich etwa, oder Gomez’ lustlose Auftritte zwei Jahre später bei der WM in Südafrika. Bei den vergangenen beiden großen Turnieren war der Stürmer immer nur Mitläufer – bestenfalls. Gomez blieb bei EM und WM ohne Torerfolg. Leistungsmäßig kam er nie an Miro Klose heran.

Beeindruckender Treffer gegen die Türkei

Im Verein lief es für Mario Gomez dagegen immer schon besser. Er ist der amtierende Torschützenkönig der Bundesliga. Auch in der noch jungen neuen Saison hat der Angreifer schon wieder acht Tore erzielt. Keiner traf häufiger. Auch wegen Gomez’ Treffsicherheit flüchtete Miro Klose im Sommer von den Bayern zu Lazio Rom – wohl wissend, dass dieser in der Nationalmannschaft immer noch weit davon entfernt war, ihm, dem geachteten Routinier, den Rang abzulaufen. Aber diese Zeiten scheinen nun vorbei zu sein.

Spätestens seit dem Länderspiel gegen die Türkei am vergangenen Freitag fordert Gomez den Platzhirsch im DFB-Team heraus. Bis zu seinem 1:0 war er, in Abwesenheit des angeschlagenen Klose, kaum zu sehen, zeigte in dieser Szene aber von der Ballannahme mit rechts bis zum abgezockten Abschluss mit links enorme Klasse – und Selbstvertrauen. Beides konnte man beim Nationalspieler Gomez in der Vergangenheit viel zu selten beobachten, obwohl seine Formkurve im DFB-Dress zuletzt angestiegen war. In seinen letzten sechs Länderspielen hat der Stürmer sechs Tore erzielt.

"Ich will nicht zurückschauen"

Im abschließenden EM-Qualifikationsmatch der deutschen Mannschaft am Abend in Düsseldorf gegen Belgien wird Mario Gomez sein 49. Länderspiel bestreiten. Glaubt man den Worten von Joachim Löw, dürften weitere Gomez-Tore dazukommen. "Mario ist eine Tormaschine. Wenn er spielt, dann trifft er. Das ist seine große Qualität", lobte der Coach seinen Angreifer in den Tagen zwischen den beiden Partien gegen die Türkei und Belgien in den höchsten Tönen.

Und Mario Gomez? Der genießt die Anerkennung, selbstbewusst spricht er über seinen veränderten Status im Team. "Der Trainer hat jetzt die Qual der Wahl zwischen mir und Miro." Mit seiner schwierigen Vergangenheit in der Nationalmannschaft beschäftigt sich der gereifte Stürmer heute nicht mehr: "Es gab Probleme, aber ich will nicht zurückschauen", sagt der 26-Jährige, wenngleich er nach seinem Tor beim 2:0-Spiel in Wien erleichtert jenen Torpfosten küsste, der ihm bei der EM noch so nachhaltig im Weg gestanden hatte. "Am einfachsten ist es, die Leute mit Toren auf seine Leistung aufmerksam zu machen", so Gomez. Warum es plötzlich auch in der Nationalmannschaft konstant gut läuft, darüber klärt sein Trainer auf: "Mario hat sich bei den Bayern durchgebissen und nie sein Ziel aus den Augen verloren. Er hat Sicherheit gefunden", so Löw, der die "überragend guten Fähigkeiten" von Mario Gomez als Mittelstürmer immer schon geschätzt hat.

Die Zeit läuft für Gomez

Neun Monate vor Beginn der EM in Polen und der Ukraine hat Joachim Löw dank Gomez' deutlicher Formsteigerung nicht nur im Mittelfeld, sondern auch im Angriff ein echtes Luxusproblem. Das ist nicht unwichtig, da in Deutschland alles andere als eine Fülle an Topstürmern besteht. Im Gegenteil: "Hinter Klose und Gomez haben wir diesen Typ Stürmer auf diesem ganz hohen Niveau im Moment nicht", bedauert auch der Bundestrainer.

Doch im Hinblick auf die Euro kann sich Löw in seinem erfolgreichen Spielsystem mit nur einem Mittelstürmer nun auf den heißen Zweikampf zwischen den beiden freuen. "Mario ist mit Miro gleichauf. Das wird eine schwere Entscheidung, wer dann in den entscheidenden Matches spielt." Als Mittelfeldspieler Thomas Müller diese Sätze auf der Abschlusspressekonferenz vor dem Belgien-Spiel von sich gab, legte er seine jugendliche Stirn in Falten, so als sei er selbst der Bundestrainer und müsse sich jetzt schon festlegen. Aber noch ist ja Zeit. Zeit, die vor allem für Mario Gomez läuft.

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