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Frauenfußball-WM in Deutschland: Die Verkäuferin

Sie hat eine harte Jugend hinter sich und war Kassiererin bei Lidl. Heute ist Steffi Jones Organisationschefin der Frauen-WM. Der stern hat eine erstaunliche Frau bei ihrer Werbetour begleitet.

Von Alexandra Kraft

Der Aufstieg der Steffi Jones begann mit einer Lüge, etwa 15 Jahre ist das her. Die Nachwuchsfußballerin, damals Anfang 20, arbeitete als Verkäuferin in einer Lidl-Filiale in Karlsruhe. Schloss morgens um sechs den Laden auf. Räumte Ware in die Regale, saß an der Kasse, wies Kunden den Weg zu Waschpulver und Klopapier. Aber ausgerechnet als der Regionalleiter vorbeischaute, fehlte Steffi Jones Geld in der Kasse. Die Filialchefin hatte mal wieder ihre Zigaretten nicht bezahlt, Jones wusste das. Doch sooft der Regionalboss auch nachfragte, die junge Frau erklärte immer wieder: "Ich habe keine Ahnung."

Eigentlich wollte Steffi Jones diese Geschichte für sich behalten. Aber hier, unterwegs in einer schwarzen Limousine in New York, ist sie ins Plaudern gekommen. Noch aufgekratzt von einem Live-Interview im Sendezentrum von CNN und auf dem Weg zum Gespräch in die Redaktion der "New York Times", sitzt sie auf der Rückbank. Nicht wie eine Frau von Welt, mit züchtig übereinandergefalteten Schenkeln. Sondern eher breitbeinig.

Sie sagt: "Ich verpfeife niemanden." Damals gestand nach einigem Hin und Her ihre Chefin. Und Steffi Jones? Die durfte fortan die Filiale führen. "Dem Regionalleiter gefiel, dass ich meinen Grundsätzen treu geblieben bin", sagt Jones. Dann schiebt sie laut lachend hinterher: "Und ich war eine sehr gute Verkäuferin."

Scheitert sie, droht ein finanzielles Debakel

Genau das ist heute wieder ihre Aufgabe. Steffi Jones soll als Präsidentin des Organisationskomitees der Frauenfußball-WM das Turnier zum Erfolg führen, das Sommermärchen der Männer-WM 2006 wiederholen. Damit die erste Frauenfußball-WM in Deutschland ein hinreichend buntes Fest mit Fans aus aller Welt wird, tourte Jones in den vergangenen Monaten auf einer "Welcome Tour" durch 15 der 16 Teilnehmerländer. Warb von Australien bis Nordkorea für ihr Turnier. Nur Japan ließ sie nach dem Reaktorunfall aus.

Scheitert sie, droht dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ein finanzielles Debakel. Denn durch die geschickten Verträge des internationalen Fußballverbandes Fifa trägt allein der DFB das wirtschaftliche Risiko. Einen Etat von 51 Millionen Euro muss er stemmen. Werden zu wenig Tickets verkauft und fallen die Sponsorengelder geringer aus, bleibt der Verband auf den Verlusten sitzen.

Öffentlich sagt Steffi Jones selbstbewusst: "Das Ding kann gar nicht floppen." Dessen kann sie aber nicht wirklich sicher sein. Im vergangenen Herbst unterhielt sie sich am Rande eines Frauenländerspiels mit ihrem Assistenten. Nachdem er ihr die Ticketabsatzzahlen zugeflüstert hatte, fragte sie: "Wie verkaufe ich das als Erfolg?" Der zuckte mit den Schultern und sagte: "Rede drum herum."

Das ist selbst für eine gute Verkäuferin eine schwere Aufgabe. Frauenfußball hat in Deutschland immer noch einen schweren Stand, obwohl Väter ihre Töchter inzwischen gern in Fußballvereine schicken und die Mitgliedszahlen leicht steigen. Aber im Schnitt schauen weniger als 900 Fans die Spiele der Frauenbundesliga im Stadion an. Dabei ist das Nationalteam siebenmal Europameister geworden, hat zweimal die Weltmeisterschaft gewonnen - und die aktuelle Mannschaft gilt Kennern als moderne und technisch hochelegant spielende Truppe.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, unter welch schwierigen Bedingungen Steffi Jones aufwuchs.

Es war durchaus auch ein Wagnis, Steffi Jones zur OK-Präsidentin zu machen. Sie hatte als Spielerin zwar eine sehr beachtliche Karriere hingelegt - deutsche Titel errungen, Welt- und Europameisterschaften. Sie spielte in der US-Profiliga und war eine der ersten Frauenfußballerinnen, die von ihrem Sport leben konnten. Aber ihr Name und ihr Gesicht waren in der Öffentlichkeit kaum bekannt - bis sie in Werbespots zur WM breit in die deutschen Wohnzimmer strahlte.

Warum also ausgerechnet sie? "Sie bringt ihre Lebensgeschichte mit", sagt Theo Zwanziger, Chef des DFB, des Deutschen Fußball-Bundes. Und meint ihren Weg von der Verkäuferin im Discounter zur 111-fachen Nationalspielerin. Und ihre weite Reise von einem der bösesten Viertel Frankfurts in feine Hotelsuiten in Washington.

Jones wird von ihren Mitarbeitern Königin genannt

Steffi Jones wuchs in Bonames auf, einer verwahrlosten Hochhaussiedlung am Rande von Frankfurt, die den Spitznamen "Bronx" trägt. Schlägereien, Bedrohungen, Erpressungen sind hier Alltag. Ihr Vater Ray, ein US- Soldat, betrog seine deutsche Frau ständig und verließ die Familie, als Steffi vier Jahre alt war. Weil er keine Alimente zahlte, arbeitete Mutter Liselotte tagsüber im Büro und kellnerte abends. Steffi Jones und ihr älterer Halbbruder Christian blieben meist sich selbst überlassen.

Die Kinder aus Bonames liefen ihr oft hinterher und riefen sie "Negerlein" oder "Krollekopp", Lockenkopf. Als kleines Mädchen sagte sie zu ihrer Mutter: "Schneid mir die Haare ab, sonst bringe ich mich um." Später fragte sie: "Wenn ich mich ganz arg wasche, werde ich dann so schön weiß wie du?" Ihr Bruder Christian kiffte und klaute schon als Teenager. Jahrelang misshandelte er seine Schwester brutal, würgte sie bis zur Ohnmacht. Sein leiblicher Vater, ein drogensüchtiger US-Soldat, hatte sich ebenfalls davongemacht.

Heute wird die 38-jährige Jones von ihren Mitarbeitern Königin genannt. In Anlehnung an den Kaiser Franz Beckenbauer. Der sollte eigentlich statt Jones auf der "Welcome Tour" umherreisen, so hatten sich das die Mächtigen beim DFB ursprünglich gedacht. Wie er es schon 2006 vor der WM der Männer gemacht hatte. Aber Steffi Jones setzte sich durch. Weil sie das in ihrem Leben fast immer musste. Und weil sie einen guten Draht zu Sepp Blatter hatte, dem mächtigen Fifa-Vorsitzenden. Man übernahm dort einen Teil der Kosten. Lapidar sagt Jones: "Ihm scheint zu gefallen, was ich mache." Theo Zwanziger sagt: "Das Beeindruckende an ihr ist, dass sie nie verzweifelt."

Ihre Zähigkeit bewies sie bereits in jungen Jahren, gerade da, als ihr eigener Weg abschüssig zu werden drohte. Sie hatte mal versucht, einen Zigarettenautomaten zu knacken, dann klaute sie im Kaufhaus eine Kassette und wurde prompt erwischt. Erzählt sie heute davon, lächelt Jones milde: "Von dem Tag an war ich geheilt." Zu sehr habe sie sich vor ihrer hart arbeitenden Mutter geschämt. Statt weiter um die Häuser zu ziehen, begann Steffi Jones mit dem Fußball. In einer Jungenmannschaft. Heimlich, weil die Mutter das für einen Proletensport hielt. "Mein Rettungsanker", wie Jones sagt. "Der Verein wurde zu meiner Ersatzfamilie. Mein Auffangbecken für alle familiären Probleme." Beim DFB lieben sie solche Aussagen - der Verband hat sich die Förderung sozial Benachteiligter durch den Sport ganz oben auf die Fahne geschrieben.

Ihr Bruder nahm Drogen und wurde kriminell

Jones half sich und ihrer Familie selbst; schon als 13-Jährige verdiente sie Geld mit Putzjobs dazu. Als ihre Mutter noch einen Sohn, Frank, bekam, wurde Steffi nach Schulschluss zu dessen Ersatzmutter. Die echte, erneut frisch getrennt, musste arbeiten. Jones sagt: "Mich hat das stärker gemacht. Ich war immer eine Kämpferin. Meine Mutter hat mir früh klargemacht, dass ich wegen meiner Hautfarbe mehr leisten müsse im Leben."

Damals feierte Steffi Jones erste Erfolge als Fußballerin. Irgendwann beichtete sie ihrer Mutter, dass sie kickt, wechselte in das Frauenteam der SG Praunheim. Während sie sportlich aufstieg und gleichzeitig den Realschulabschluss anstrebte, begann ihr Bruder Christian, schwere Drogen zu konsumieren, und wurde kriminell. "Ihm hat sein Vater wohl mehr gefehlt als mir meiner", sagt Jones. Christian machte unzählige Therapien. Und sie suchte ihn nächtelang auf den Straßen in Frankfurt.

Als sie 1993 in die Nationalmannschaft berufen wurde, spielte sie dort zunächst nur ein einziges Mal. Weitere Nominierungen lehnte sie ab; sie müsse sich um ihre Familie kümmern. Jahrelang dauerte es, bis sie begriff, dass sie Christian nicht helfen konnte, dass sie Ballast abwerfen musste: "Ich habe lernen müssen, dass es sein Leben ist."

Auf der nächsten Seite erfahren Sie alles über das problematische Verhältnis von Steffi Jones zu den Männern in ihrer Familie.

Nun ist sie OK-Präsidentin - und muss lernen, dass die Welt nicht auf sie wartet. Franz Beckenbauer standen 2006 noch alle Türen offen. "Ich kam mir manchmal vor wie ein Staats¬präsident", sagte er seinerzeit. In den USA hat Michelle Obama aber keine Zeit für ein Treffen mit Steffi Jones. Barack Obama schon gar nicht. Als Steffi Jones hört, dass der US-Präsident in Rio im selben Hotel wie sie wohnen soll, wird aus der Fußball-Diplomatin kurzzeitig ein Präsidenten-Groupie: Tagelang trägt sie ein Trikot mit seinem Namen herum. In der Hoffnung, er liefe ihr über den Weg. Tut er nicht, weil er dann doch woanders übernachtet.

Es ist aber genau diese spontane und unverfälschte Art, die sie zu einer überzeugenden Botschafterin ihrer Sache macht. Und Angst vor öffentlichen Auftritten scheint sie nicht zu kennen. Mit kleinen Zetteln, die ihr Assistent ihr reicht, bereitet sie sich auf ihre zahlreichen Termine vor. Zwei- oder dreimal liest sie drüber, und dann plaudert die junge Frau aus dem Problemstadtteil etwa bei einem Symposium der Konrad-Adenauer-Stiftung auf einem Podium mit Wolfgang Schäuble über die "Wehrhafte Demokratie im 21. Jahrhundert", als wäre sie schon jahrelang im Thema. Der damalige Innenminister ist verblüfft und angetan, genauso ergeht es dem deutschen Botschafter Klaus Scharioth in Washington. Dem erfahrenen Diplomaten erzählt sie mit derart überbordender Begeisterung von ihrer Zeit als Spielerin, dass er fast traurig scheint, als sie ihre Geschichte beendet.

Jones lebt ein Leben abseits der Männer ihrer Familie

Wo sie in den USA auch hinkommt, herzt und umarmt Steffi Jones wildfremde Menschen. Auch in der Deutschen Schule in Washington. Auf dem Gang klopft sie Schultern. Kniet vor kleinen Mädchen, plaudert und lacht. So innig, als würde man sich schon jahrelang kennen. Dort tritt sie auch vor Schülern auf und weiht einen Bolzplatz ein. Die Teenager albern laut herum - doch Steffi Jones braucht nur ein paar Sätze, und es herrscht Ruhe. In hessischem Singsang sagt sie: "Ich habe eine interessante Lebensgeschichte. Mit einem kleinen Bruder, der im Irak-Krieg beide Beine verloren hat, und einem großen, der viele, viele Jahre drogenabhängig war." Kurzes Luftholen. "Damit ihr wisst, was der Fußball mir gegeben hat."

2006 war ihr jüngerer Bruder Frank für die USA in den Irak-Krieg gezogen. Als sein Jeep auf eine Mine fuhr, verlor er beide Beine. Steffi Jones sagt: "Es war schrecklich, ihn so zu sehen. Von diesem früher 1,90 Meter großen Mann war plötzlich nur noch die Hälfte übrig." Frank lebt heute in den USA. Manchmal schicken die Geschwister einander Mails. Am Anfang hat sie ihn mit Geld unterstützt. Fast alles ging für eine Band drauf, die er berühmt machen wollte. Zur WM würde er gern kommen, aber er kann es sich nicht leisten. Und Steffi Jones will nun nicht mehr für ihn bezahlen. Ob sie ihren Bruder gern näher bei sich hätte? Jones überlegt kurz. "Nein. Dann müsste ich mich um ihn kümmern und könnte nicht das machen, was ich mache." Dass Jones ihr Leben abseits der Männer ihrer Familie lebt, belastet sie nicht mehr. Es befreit sie. Auf dem Weg von der Deutschen Schule ins Hotel erzählt sie, wie sie ihren Vater mit 19 in Texas besuchte, nachdem sie jahrelang kaum miteinander gesprochen hatten. "Er versprach mir immer tolle Sachen, aber leider blieb es oft nur bei den Versprechungen", sagt sie. Wie andere Kinder wäre Steffi Jones gern stolz auf ihren Vater gewesen. "Aber es gab halt zu viele Enttäuschungen."

Am Ende des Besuches wollte Ray seiner Tochter zur Erinnerung ein Armband schenken - und ließ es sie selbst bezahlen. Danach brach Steffi Jones den Kontakt endgültig ab. Versunken in den Autositz redet sie sich in Rage. Spricht davon, was er ihrer Mutter angetan habe. Über ihre Wut auf ihn. Dass sie nicht wisse, was passieren würde, wenn er ihr heute gegenüberträte. Dann hält sie inne. Schnauft durch. "Am Ende wird sich alles richtig fügen. Ich weiß, dass der liebe Gott gerecht ist."

"Mensch, da habe ich wieder gelogen"

Ihr heutiges Leben hält sie weitgehend unter Verschluss. Sie lebt immer noch in Frankfurt. Sie ruft nachts ihre Mutter an, wenn sie nicht schlafen kann. Freund? Freundin? Hobbys? Kein Kommentar. Fragt man Steffi Jones, zieht sie die linke Augenbraue hoch. Sagt, mehr brauche man über sie nicht zu wissen. "Jeder muss für sich entscheiden dürfen, wie er mit seinem Privatleben umgeht." Sie klingt dann sehr trotzig.

Am nächsten Tag ist Steffi Jones wieder offen, nahbar und bester Laune, als sie vor Diplomaten und Journalisten die WM präsentiert. Ihr Gang wirkt männlich, wie immer. Aber das Lächeln sitzt. Am Ende zieht Jones ein Trikot der US-Nationalmannschaft über. "Da freuen sich die Leute immer wie Schnitzel", sagt sie.

Als der Moderator fragt, für wen sie bei der WM juble, versichert sie: "Ich freue mich für alle Teams, aber besonders für das deutsche und das amerikanische." Auf dem Weg von der Bühne sagt sie leise: "Mensch, da habe ich wieder gelogen." Das muss eine gute Verkäuferin manchmal.

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