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Groundhopping: Der Stadion-Kucker

Sie reisen durch Deutschland, Europa und die ganze Welt, um möglichst viele Fußballstadien von innen zu sehen: Groundhopper. Tobias Plieninger ist einer von ihnen. Wir haben ihn ein Wochenende lang begleitet - auf der Suche nach der Faszination dieses ungewöhnlichen Hobbies.

Von Thomas Krause

Das Spiel ist längst entschieden, die Mannschaft von Lech Poznan führt im eigenen Stadion mit 3:0 gegen Polonia Bytom, doch Tobias Plieninger steht nervös am Spielfeldrand und wartet. Dabei schaut er öfter auf die Tribüne mit den Poznan-Fans als auf das Spielfeld. Doch erst in der 70. Spielminute erkennt der Mann mit den dunklen Haaren und den geröteten Wangen, dass die Unterstützer des KKS Lech Poznan ihre Choreografie vorbereiten. Sie ist einer der Gründe, weswegen Plieninger die Reise von Stuttgart bis nach Posen auf sich genommen hat. Er ist Groundhopper - einer von schätzungsweise tausend Deutschen, die durch Besuche in möglichst vielen Fußballstadien versuchen, Punkte zu sammeln.

Plieningers Groundhopping-Wochenende hat schon am Freitag begonnen. Es ist schon dunkel und regnet leicht an diesem Abend, als der 28-Jährige fast am Kassenhäuschen vorbei ins Stadion Lichterfelde stürmt. "So ei Mischt", sagt der Schwabe und ärgert sich, weil er die ersten Minuten des Spiels Lichterfelder FC gegen SV Falkensee-Finkenkrug verpasst hat. "Eigentlich muss man die 90 Minuten eines Spieles wirklich gesehen haben, um den Ground gemacht zu haben", sagt Plieninger. Ganz streng genommen dürfte der Vorsitzende der Vereinigung der Groundhopper Deutschlands (VdGD) das Stadion nicht als Punkt zählen, aber da er kaum fünf Minuten zu spät eintraf, drückt er ein Auge zu.

Zu jedem Stadion eine Geschichte

Plieninger genießt den Abend, wenn auch nicht unbedingt wegen des Fußballspiels in der Oberliga Nordost. "Das ist einfach ein schönes Stadion, so etwas gibt es nicht mehr so häufig", sagt er, während sich gerade einmal etwa 150 Menschen auf den Rängen verlieren. "Hier wurde dieser Werbespot für Milch gedreht, der öfter vor der Sportschau gelaufen ist", erklärt Plieninger. Es gibt kaum ein Stadion, eine Mannschaft oder eine Fangruppe, zu der er nicht mindestens eine Geschichte zu erzählen hat.

Seit zehn Jahren ist Plieninger in den Stadien der Republik und der ganzen Welt unterwegs. "Mein Vater bereut inzwischen, dass er mich 1986 zum ersten Mal zum VfB Stuttgart mitgenommen hat", grinst der Schwabe. Denn nachdem er sich in der Saison 1995/96 eine Dauerkarte für den Stuttgarter Club gekauft hatte, begann er neben zahlreichen Auswärtsspielen des VfB 1998 auch andere Fußballspiele zu besuchen. In über 900 Stadien war er in dieser Zeit; bis nach Kanada, Südafrika und Nordkorea hat ihn seine Leidenschaft geführt.

Spielverlegung in Nordkorea

"Nach Nordkorea bin ich wegen eines Länderspiels zwischen Nord- und Südkorea geflogen, aber das Spiel wurde kurzfristig nach China verlegt. Da hatte ich schon die Flugtickets und das Visum", berichtet Plieninger. Gesehen hat er das Spiel und das Stadion nicht, aber nur einmal in Nordkorea gewesen zu sein, sei ihm die Reise wert gewesen.

Zurück in Berlin-Lichterfelde. Dort gewinnt die Heim-Mannschaft an diesem Abend mit 2:0, doch das Ergebnis ist für Plieninger zweitrangig. Wieder einmal kann er ein Stadion von seiner Liste streichen und weil für Samstag drei Spiele auf dem Programm stehen, heißt es, nicht allzu spät ins Bett zu kommen.

Lebensgeister wecken am Stadionkiosk

Als Plieninger und seine drei Freunde am Samstagmorgen in Potsdam-Babelsberg aus dem Auto steigen, müssen sie vor dem Anpfiff um elf Uhr erst einmal mit Bratwurst und Kaffee aus dem Stadionkiosk "Sportlertreff" ihre Lebensgeister wecken. Auf dem Sportplatz Sandscholle zu Babelsberg spielt die zweite Mannschaft von Babelsberg 03 gegen Stahl Eisenhüttenstadt. "Unglaublich, dass Eisenhüttenstadt inzwischen in der Brandenburgliga ist. 1991 spielten die noch international", sagt Plieninger mit Blick auf die etwa fünfzehn Gäste-Fans, die mit dem Ex-DDR-Traditionsclub nach Babelsberg gekommen sind. Auch dieses Spiel bringt Plieninger einen Groundhopping-Punkt. Anders als bei seinem letzten Besuch findet das heutige Fußballspiel auf dem Rasenplatz statt und nicht auf dem benachbarten Kunstrasenplatz, auf dem er schon ein Spiel von Babelsberg 03 gesehen hat.

Auch hier haben die VdGD-Groundhopper genaue Regeln. "Das zählt als anderer Platz, auch wenn es gleich nebenan ist. Auch, wenn sich am Platz was ändert, zum Beispiel beim Stadionumbau das Spielfeld gedreht wird, gilt es als neues Stadion und bringt einen weiteren Punkt. Wenn nur die Tribünen erneuert werden, bringt das für Groundhopper nichts", sagt Plieninger.

Spieler und Schiedsrichter stehen nach dem Abpfiff noch auf dem Platz, als die vier Fußballfreunde schon zu ihrem Auto laufen. In nicht einmal zwei Stunden spielt der VfB Stuttgart in Cottbus, mit Parkplatzsuche und Einlasskontrolle wird es also knapp, vor Anpfiff im Stuttgarter Block zu sein. Doch die Vier stehen rechtzeitig am Einlass zum Gästeblock. Im Stadion merkt man sofort, dass Plieninger eingefleischter Stuttgart-Fan ist: Nervös verfolgt er den Spielverlauf, bejubelt die drei Stuttgarter Treffer enthusiastisch.

Keine Minute des Spiels verpassen

Trotzdem hält ihn kurz vor Abpfiff nichts mehr in Cottbus. Der Stuttgarter Sieg ist sicher und der Zeitplan eng. Um 19.30 Uhr treffen in der ersten polnischen Liga WKS Slask Wroclaw und KS Ruch Chorzow aufeinander. Bis nach Wroclaw sind es über 220 Kilometer. Zwar kennt er das Stadion in Wroclaw schon und kann somit keinen neuen Punkt sammeln, aber gerade wegen der dortigen Stimmung will er nicht eine Minute des Spiels verpassen.

Wenige Augenblicke vor Spielbeginn nehmen die Vier ihre Plätze im Stadion von Slask Wroclaw ein. Riesige Fahnen und Banner hängen über Geländer und Zäune an der Längsseite des Spielfeldes. Dahinter stehen tausende, grün gekleidete Wroclaw-Fans und singen im choreographierten Wechsel mit ihren Vereinskollegen auf anderen Tribünen. Aber auch der kleine Gästeblock lässt sich nicht lumpen: Minutenlang verschwinden alle Fans von Ruch Chorzow unter einer Blockfahne mit einem Nikolaus in Blau, der Vereinsfarbe der Gästemannschaft.

100.000 Kilometer pro Jahr

Nach dem Abpfiff und dem Einchecken im Hostel nehmen sich die vier Fußballfreunde noch Zeit für einen abendlichen Stadtrundgang durch das weihnachtlich beleuchtete Wroclaw. Bei einem Bier in einer Kneipe erklärt Plieninger einen weiteren Reiz seines Hobbies: "Ich finde es wirklich schön, dass ich durch Groundhopping so viel rumkomme und so viele Orte sehe." Etwa 100.000 Kilometer legt Plieninger pro Jahr zurück, 500 Euro, so schätzt er, gibt er monatlich für Stadionbesuche aus - vorausgesetzt, es liegt keine große Reise wie die nach Asien an.

An 50 Wochenenden im Jahr ist er unterwegs - wenn die Bundesliga Pause hat, schaut er sich Spiele in Italien oder den Niederlanden an. Für Freunde, die nichts mit Fußball zu tun haben, bleibt da nur abends nach der Arbeit Zeit. Der Betriebswirt entscheidet bei einer schwäbischen Bank über die Kreditvergabe an Firmenkunden. Seine Arbeitszeiten sind flexibel genug, dass er auch einmal Freitagmittag das Wochenende einläuten kann.

Choreografie als Höhepunkt des Wochenendes

Doch der Gedanke an die Arbeit ist noch fern, als Plieninger am Sonntag um 14.15 Uhr das Stadion von Lech Poznan betritt. Die Poznan-Fans beginnen zu singen: "Kolejorz" tönt es von Tribüne zu Tribüne, der Schlachtruf der "Eisenbahner", wie die Poznan-Anhänger ihre Mannschaft nennen. Auf der gegenüberliegenden Tribüne liegen glänzend blaue und goldene Papptafeln auf den Sitzen, die noch frei sind. Noch kann Plieninger nur erahnen, wie die Choreografie aussieht, die die Fußballfans aus Posen vorbereitet haben. Dann endlich beginnen die Schlachtenbummler vom Oberrang riesige Stoffbahnen herabzulassen, die an die beim gerade stattfindenen Umbau abgerissenen Flutlichtmasten erinnern. Dann heben die Poznan-Fans die bunten Tafeln, die in den Vereinsfarben das Licht der Stadionbeleuchtung reflektieren. Als sie bengalische Feuer zünden, leuchtet die ganze Tribüne hinter dem Tor von Polonia Bytom minutenlang in rotem Schein und versinkt in Rauch.

Als das Feuer der Fackeln erlischt, leuchten Plieningers Augen noch immer. "Genial", sagt er andächtig, "das war der Höhepunkt meines Wochenendes." Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Und natürlich der 3:0-Sieg des VfB". Dann eilt er mit seinen Freunden zurück zum Auto. Denn auch, wenn heute kein Fußballspiel mehr auf Plieningers Plan steht: Bis nach Stuttgart sind es beinahe 900 Kilometer. Vor drei Uhr morgens wird er nicht ins Bett kommen und um 8.30 Uhr muss er bei der Arbeit sein. Aber der wenige Schlaf wird nichts daran ändern, dass er nächstes Wochenende wieder unterwegs sein wird. Grounds machen.

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