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Schnauze, Wessi!: Billiger sterben in Cottbus

Immer noch werden niedrigere Löhne in Ostdeutschland mit angeblich geringeren Lebenshaltungskosten begründet. Tatsächlich ist allein der Tod günstiger. Ein Warenkorb.

Von Holger Witzel

Wer westdeutschen Senioren das Essen reicht, bekommt ab 2015 theoretisch 9,40 Euro. Ostdeutsche Greise lassen sich dagegen weiter für fast einen Euro weniger abfüttern. Die Lohnschere zwischen Ost und West besteht nach wie vor.

Wer westdeutschen Senioren das Essen reicht, bekommt ab 2015 theoretisch 9,40 Euro. Ostdeutsche Greise lassen sich dagegen weiter für fast einen Euro weniger abfüttern. Die Lohnschere zwischen Ost und West besteht nach wie vor.

Vor etwas über einem Jahr verschwanden am Stadtrand von Berlin zwölf Leichen und tauchten wenig später – ohne Kleintransporter – in einem Wald bei Poznań wieder auf. Zwischen allerlei Polenwitzen ging leider unter, warum Tote überhaupt in solchen Mengen umhergekarrt werden. Ihr eigentliches Ziel war jedenfalls Meißen bei Dresden, wo eine Feuerbestattung dermaßen günstig sein muss, dass sich sogar eine letzte Gruppenreise lohnt. Und wenn man in diesem Fall auch nur bedingt von Lebenshaltungskosten sprechen kann, liegt das natürlich in erster Linie an den unanständig niedrigen Löhnen sächsischer Leichenverbrenner.

So ist das im Osten – mit oder ohne Tarifvertrag – nach wie vor in allen Branchen. Gerade werden zwar noch hektisch ein paar neue Verträge abgeschlossen, um den Mindestlohn etwas hinauszuzögern. Allerdings konnten auch bereits vereinbarte Tarife der innerdeutschen Lohnmauer wenig anhaben: Bauarbeiter im Westen betonieren sie für 13,70 Euro pro Stunde, ihre Ostkollegen für 10,25 Euro – minus 25 Prozent. Zeitarbeiter werden nach wie vor mit Lohnabschlägen für ihren Wohnort bestraft. Wer westdeutschen Senioren das Essen reicht, bekommt ab 2015 – theoretisch – 9,40 Euro. Ostdeutsche Greise lassen sich dagegen weiter für fast einen Euro weniger abfüttern. Vermutlich, weil Rentner dort auch weniger Rente bekommen. Oder ist es ein Mengenrabatt, weil es im Osten bald nur noch Alte gibt?

Will man noch mehr Pflegekräfte aus Thüringen für Seniorenresidenzen im Taunus rekrutieren? Sind höhere Löhne auf Kölner Baustellen eine Art Solidaritätszuschlag für den vernachlässigten Aufbau West? Man kann darüber seit Jahrzehnten nur spekulieren, denn plausible Begründungen für die deutsch-deutschen Lohnunterschiede gibt es seit 25 Jahren nicht. Allenfalls die sogenannten Lebenshaltungskosten müssen immer wieder als Ausrede herhalten: Im Osten sei ja auch alles andere billiger, heißt es dann pauschal, deshalb bräuchten auch die billigen Leute weniger Geld. Aber selbst das ist eine ebenso notdürftige wie wohlfeile Lüge.

Vor einem Jahr nahm das Bundeskartellamt Ermittlungen gegen die Leipziger und andere sächsische Stadtwerke auf, weil deren Erlöse für Fernwärme bis zu 100 Prozent über Bundesdurchschnitt lagen. Ostdeutsche Stromkunden zahlen bis zu neun Prozent mehr, obwohl - beziehungsweise weil sie weniger verbrauchen und die Netzentgelte dadurch höher sind. Wie immer trifft es Hartz-IV-Bezieher besonders hart, die im Osten 35 Prozent mehr für Strom ausgeben müssen, als sie vom Amt erhalten - und damit im Durchschnitt doppelt so viel wie etwa in Niedersachsen, Hamburg oder Bremen. Das Gleich gilt für Gas.

Allein der Tod ist noch günstiger

Helmut F., ein westfälischer Kaufmann, der seit einigen Jahren in Forst an der polnischen Grenze lebt, schrieb mir, was ihm bei Besuchen im Westen mehrfach auffiel: Mal brauchte er einen neuen Surfstick und bekam ihn in Hameln für 9 Euro, während das gleiche Exemplar bei der gleichen geizgeilen Kette in Cottbus gleichzeitig 15 Euro kostete. Im "Dänischen Bettenlager" Hameln entdeckte er ein Bett "im Angebot" für 100 Euro. Weil er es nicht quer durch halb Deutschland transportieren wollte, ging er wenige Tage später in die Niederlassung Forst. Und siehe da: Für das gleiche Bett – ebenfalls "im Angebot" – verlangten die Brandenburger Dänen 119 Euro. Also etwa zwanzig Prozent mehr - ungefähr so viel, wie die Leute dort weniger verdienen. Selbst F., durch und durch von Angebot und Nachfrage sozialisiert, war fassungslos: Da sucht man sich einen preiswerten Altersitz – und dann das! Allein der Tod ist noch günstiger. Und Meißen nicht weit. Aber ist das ein Trost?

Die Mitgliedschaft in einem zünftigen Arbeiterverein wie dem FC Bayern München kostet 60 Euro pro Saison. Bei den neureichen Rasenball-Sportlern in Leipzig waren in der dritten Liga 800 Euro fällig. Trotzdem empfiehlt ein impertinenter Volkswirt aus München - von der "Sächsischen Zeitung" irreführend als "Dresdner Wirtschaftsprofessor" ausgeben - für Ostdeutschland einen "vorsichtigen" Mindestlohn von 4,60 Euro - im August 2014, als der angeblich flächendeckende Hungerlohn von 8,50 Euro längst Gesetz war!

Selbst wenn der Professor noch ganz bei Sinn ist - seinem IFO-Chef in München – und nun in Dresden etwas günstiger wohnt, würde ich ihm als Menschenfreund nicht zumuten, von 700 Euro brutto im Monat leben zu müssen. Lieber würde ich ihm Menschenwürde mit ein paar Ohrfeigen beibringen. Aber leider kennt ausgerechnet das Strafrecht keinen Osttarif bei Körperverletzung. Zudem rechtfertigen die oft beschworenen Wohnkosten auch keine historischen Geldstrafen bei Löhnen mehr. Es sei denn, man zöge in der Stadt der Nazibewegung pauschal 30 Prozent ab. In Potsdam werden mit bis zu 4900 Euro pro Quadratmeter längst ähnliche Preise für Eigentumswohnungen aufgerufen wie in Köln. Nur Tanken ist nirgendwo so teuer wie in Brandenburg und Sachsen, wie die monatlich Auswertung der bundesweiten Meldestelle für Benzin- und Dieselpreise regelmäßig zeigt. So kostet Benzin in Dresden stets zehn Cent mehr als in Düsseldorf. Vermutlich, weil in Sachsen weniger verbraucht wird – ähnlich wie beim Trinkwasser, von dem Durchschnittsbewohner westdeutscher Länder 30 Liter mehr pro Tag verschwenden. Dennoch sind die Wasser- und Abwasser-Kosten im Osten überall höher. Schließlich muss jemand die überdimensionierten Kläranlagen bezahlen, die West-Unternehmen nach Plänen westdeutscher Aufbauhelfer hier in den Sand gerammt haben.

Ein einziges Abschreibungsobjekt

Während alles teurer und im Osten noch teurer wird, geht die Schere bei den Einkommen seltsamerweise auf und zu. Im Jahr 1992, als Butter und Nutella auch schon zwei Jahre überall das Gleiche kosteten, hatten Ostdeutsche im Durchschnitt noch 40 Prozent weniger. Fünf Jahre später waren es laut Bundestatistik nur noch 26 Prozent. Danach wuchs die Differenz wie von Zauberhand wieder und war 2007 mit 30 Prozent größer als 1997. "Viele Ostdeutsche", #link; www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.363225.de/10-44-3.pdf;so erklären das westdeutsche Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung#, "haben durch die Vereinigung Teile ihres Humankapitals 'abschreiben' müssen."

Wer in solchen Kategorien denkt, muss die Wahrheit auch nicht verschämt zwischen Gänsefüßchen verstecken: Für die westdeutsche Wirtschaft war der ganze Osten ein einziges Abschreibungsobjekt. Und obwohl dort angeblich alles so billig ist, hat kaum jemand etwas gespart. Jedenfalls verfügen ostdeutsche Haushalte laut jüngsten Erhebungen auch nach 24 Jahren Einheit nicht mal über die Hälfte des Nettovermögens eines vergleichbaren westdeutschen Haushalts.

Das habe nur noch historische Gründe, erklären Vermögensexperten nun. Vermutlich meine sie: Die können eben nicht wirtschaften da! Hauen ihre Stütze aus dem Fenster, dass es am Ende nicht mal für den eigenen Leichenwagen reicht. Laut sagen sie dagegen: Bei unter 35-Jährigen sei die innerdeutsche Wohlstandsgrenze schon jetzt nicht mehr zu erkennen. Außerdem gehe man davon aus, in Zukunft würden sich Arme und Vermögende eher als Mieter und Immobilienbesitzer gegenüber stehen.

Natürlich könnte man da spitzfindig fragen, wem die Immobilen im Osten mehrheitlich gehören und was ein 35-jähriger Durchschnitts-Dresdner in den nächsten Jahren für ein Erbvermögen zu erwarten hat. Aber das würde wieder wie Neid und Missgunst wirken - als wenn allein Geld glücklich macht. Wenn es danach geht, müssten Ostdeutsche eigentlich fünfmal fröhlicher sein als etwa Süddeutsche. Das merkt man nur nicht immer gleich, weil viele vor Lachen kaum die Miete an ihren Stuttgarter Hausbesitzer zahlen können.