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Interview mit Uli Hoeneß: "Ich will nicht mehr jeden Tag der böse Bube sein"

Nach 25 Jahren als Bayern-Manager sammelte Uli Hoeneß Titel ohne Ende - und massig Feinde. Ein Gespräch über seine neue Milde, die Treue zu Trainer Hitzfeld und seine Nachfolger.

Herr Hoeneß, wegen Ihres kleinen Bauchs?

Danke, das ist schmeichelhaft von Ihnen ...

... haben Sie mit den Bayern-Spielern Salihamidzic und Jeremies eine Wette laufen: Sie müssen bis Jahresende zwölf Kilo abspecken. Wie sieht es derzeit aus?

Wir haben gerade eine neue Wette abgeschlossen, ich muss nun etwas weniger abnehmen. Die erste Wette hatte ich verloren.

Kein Wunder, bei diesem Saisonverlauf. Es heißt ja, Sie seien ein Frustesser.

Stimmt, leider. Wenn wir verloren haben, kann ich mir hundertmal vornehmen: Heute esse ich nichts. Aber sobald ich in den Bus eingestiegen bin, haue ich mir dort immer so 'n paar Dinger rein. Dann geht es mir kurzfristig besser. Danach aber ärgere ich mich doppelt: über das Spiel und über mein Gewicht.

Immerhin: Das Titelrennen ist wieder offen. Der Rückstand auf Bremen beträgt vier Spieltage vor Schluss nur sechs Punkte.

Die Bremer wurden von uns bisher nie so richtig gejagt. Nun spüren sie unseren Atem. Mal sehen, ob sie damit klarkommen. Ich glaube wieder an eine Chance für uns.

Sollten Sie zu Ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum als Manager des FC Bayern aber keinen Titel gewonnen haben - würde Sie das nicht besonders fuchsen?

Nein, mein Jubiläum spielt da keine Rolle.

Aber richtig wurmen würde Sie eine Bremer Meisterschaft schon, wenn Willi Lemke, Ihr größter Feind nach all den Jahren, dort noch das Sagen hätte.

Ja, sicher. Weil Lemke immer unsachlich gearbeitet hat. Ich habe mit Werders Manager Klaus Allofs und dem Vorsitzenden Jürgen Born ein sehr gutes Verhältnis. Wenn die Meister werden, bin ich der Erste, der die anruft und gratuliert. Dem Lemke allerdings würde ich den Titel nicht gönnen, weil der als Aufsichtsrat dazu nichts beigetragen hat. Als er noch Manager war, musste ich in den Ligasitzungen bei Lemke meistens das Gegenteil von dem sagen, was ich wollte, weil ich wusste, er wird aus Prinzip dagegen sein. So konnte ich sicher sein, das gesteckte Ziel zu erreichen.

Ist Werder für Sie auch in den nächsten Jahren ein ernst zu nehmender Konkurrent?

Die Meisterschaft für Bremen wäre ein Produkt aus sehr professioneller Arbeit. Aber ich glaube nicht, dass Werder uns auf Dauer gefährlich werden kann. Wenn es normal läuft, werden es wieder Borussia Dortmund und der VfB Stuttgart sein. Stuttgart hat mit Erwin Staudt nun einen Präsidenten, der früher Manager bei IBM war. Wenn es ihm gelingt, die Großkonzerne im Schwabenland für sich zu gewinnen - dass zum Beispiel DaimlerChrysler, anstatt bei Mitsubishi Geld zu versenken, etwas davon in den VfB investiert -, kann dort ganz Großes entstehen.

Am 1. Mai 1979 haben Sie als Manager beim FC Bayern angefangen. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen ersten Tag?

Ich bin ja kein großer Freund von Sakkos, aber an diesem Tage habe ich mir eines angezogen. Dazu habe ich mir einen großen Notizblock unter den Arm genommen und habe mir gesagt: So, nun musst du den Manager machen. Ich habe ein bisschen rumtelefoniert, nach zwei Stunden bin ich wieder nach Hause, weil es nichts mehr zu tun gab. Sie müssen sich das mal vorstellen: Damals machte der FC Bayern gerade mal zwölf Millionen Mark Umsatz.

Sie haben aus dem Familienbetrieb einen der bestgeführten Klubs in Europa geformt. Der FC Bayern ist eine Marke, die heute 163 Millionen Euro pro Jahr bewegt. Aber können Sie sich mit diesem Geschäft noch so richtig identifizieren?

Ich habe ja diese Branche in diese Richtung gepusht, obwohl ich manchmal einige Dinge gerne zurückdrehen würde.

Welche zum Beispiel?

Die Mediensituation. Früher haben wir uns in der Holzhütte umgezogen. Wenn draußen einer von der "Bild"-Zeitung stand, war das schon viel. Heute ist es total gläsern geworden. Wenn mal die Jungen gegen die Alten gespielt haben, zog ich mir die Schienbeinschützer an, in der Bundesliga bin ich ohne aufgelaufen. Das Training war gefährlicher. Wenn einer versucht hat, dem Franz Beckenbauer den Ball durch die Beine zu spielen, dann lag er auf der Aschenbahn. Das war normal. Wenn heute so was passiert, ist es ein Skandal. Es ist keine Intimsphäre mehr möglich. Aber nun: Die Geister, die du riefst, wirst du so schnell nicht mehr los.

In den letzten 25 Jahren haben Sie für den FC Bayern viel erreicht. Für die Fans anderer Vereine sind Sie aber das Feindbild schlechthin. Haben Sie es darauf angelegt?

Ich habe in meiner Anfangszeit schon provokante Dinge gesagt, war aggressiv, habe ausgeteilt und ganz hart die Ellbogen eingesetzt. Keine Frage, dass ich mich damit angreifbar gemacht habe.

Während der Daum-Affäre im Herbst 2000 standen Sie am schlimmsten unter Feuer.

Das war eine gezielte Kampagne, gesteuert von bestimmten Leuten, um mich zu zerstören oder mein Image zu beschädigen. Der Hass, der mir nach meinen berechtigten Fragen zu Daums möglichem Drogenkonsum entgegenschlug, war brutal. Selbst an der Uni fragten die Professoren meine Tochter: Sagen Sie mal, was haben Sie denn da für einen Vater? Meine Tochter und mein Sohn, die nicht mehr zu Hause wohnen, kamen in dieser Zeit jeden Abend zu mir, dachten, der Alte braucht unsere Unterstützung. So war es ja auch. Dabei ging es mir bei der Auseinandersetzung um Daum nie darum, jemanden niederzumachen. Ich wollte nur einen Bundestrainer, der unantastbar ist. Eine moralisch absolut integre Person, so eine Art Bundespräsident für den Fußball. So wie ich früher Helmut Schön empfunden habe.

Kann man sich nach 25 Jahren daran gewöhnen, nach Dortmund, Bremen oder Gelsenkirchen zu fahren und Tausende brüllen zu hören: "Hoeneß, du Arschloch"?

Das fällt mir immer wieder schwer. Schalkes Manager Rudi Assauer hat mich vor kurzem angerufen, als er wegen der Verpflichtung von Ailton selbst als Scheckbuchtäter attackiert wurde. Da hat er zu mir gesagt: Uli, zum ersten Mal verstehe ich, was du hier seit Jahren erlebst.

Würden Sie sich mal gern wehren, wie das Assauer in Frankfurt getan hat, als er pöbelnden Fans den Stinkefinger zeigte?

Das geht nicht. Meine größte Sorge wäre, dass danach die Zuschauer durchdrehen. Die Verantwortung dafür möchte ich nicht haben. Obwohl es unseren eigenen Fans nicht gefällt, dass ich mich derzeit so stark zurücknehme, dass ich gar nichts mehr sage. Die mochten das immer, wie ich den Verein verteidigt habe. Nach dem unberechtigten Elfmeter für Dortmund habe ich das ja auch getan, aber nicht öffentlich. Ich war bei den Schiedsrichtern in der Kabine. Das ist mein neuer Stil.

Ist die ehemalige Abteilung Attacke müde geworden?

Ich bin insgesamt schon harmoniesüchtiger. Ich will nicht mehr jeden Tag der böse Bube sein. Da habe ich mich schon verändert. Nur, das ist eine gefährliche Entwicklung. Denn der gesamte FC Bayern sollte aufpassen, dass er nicht zu brav wird. Der FC Bayern muss den anderen Klubs auch mal wieder wehtun. Wir dürfen zum Beispiel nicht sagen: Die armen Dortmunder, die haben gerade so Finanzprobleme, da können wir denen den Torsten Frings nicht wegnehmen. Wir müssen das aber tun. Schalke und Werder verhalten sich bei ihren Spielerverpflichtungen doch nicht anders.

Haben Sie sich auch gegenüber Ihren eigenen Spielern verändert?

Ich hatte gerade den Mehmet Scholl und seine Freundin zum Essen bei uns zu Hause. Der hat gesagt: Manager, Sie waren vor zehn Jahren zu uns viel aggressiver, brutaler. Der Mehmet hat sich beklagt, ich sei zu smart geworden, viel zu brav. Dass die Spieler mich anmachen dürften. Zum Beispiel wegen meines Gewichtes. Das hätte er sich früher nie erlaubt.

Die eigenen Fans und so ein erfahrener Profi wie Scholl kommen mit dem neuen Hoeneß nicht klar - alarmiert Sie das nicht?

Doch, doch. Ich überlege nun: Hätte ich das früher wirklich nicht erlaubt, oder ist der Umgang lockerer geworden? Ich glaube, dass beides richtig ist.

Sind Sie an den Spielern überhaupt noch nah genug dran?

Ich fahre fast zu jedem Freundschaftskick mit. Wenn du als Verantwortlicher die Spieler damit allein lässt, geht ein Verein daran kaputt. Nur, wenn du bei ihnen bist, bekommst du ihr Vertrauen. Und das Vertrauen der Spieler zu mir ist extrem.

<Vielleicht auch deshalb, weil Sie Mannschaft und Trainer schützen. Sie müssen sich dafür sogar als Schönredner bezeichnen lassen. Wann reden Sie endlich mal wieder Klartext?

In Dortmund habe ich auch nichts gesagt, obwohl es nicht nur am Elfmeter lag, dass wir verloren haben. Die zweite Hälfte von uns war nicht gut. In der letzten Woche habe ich mir dazu viele Gedanken gemacht.

Immerhin: Pizarro bestätigt in der "Süddeutschen Zeitung", dass Sie intern noch immer beleidigend sein können.

Der ist ja schon beleidigt, wenn ich sage: "Mucho más trabajo", du musst viel mehr arbeiten. Da guckt er schon.

Sollten die Bayern doch noch Erster werden, haken Sie dann die Saison nach dem Motto ab: Ende gut, alles gut?

Natürlich will ich Meister werden, aber vielleicht ist der zweite Platz besser für uns. Da kannst du was ändern, und wir müssen hier ordentlich was ändern. Halten wir doch noch die Schale in den Händen, werden alle sagen: Was wollt ihr denn? Ist doch alles wunderbar.

Nicht nur die Spieler wurden in dieser Saison von den Medien hart kritisiert. Auch Ihnen und der Klubspitze werden Fehler vorgeworfen.

Welche denn?

Sie haben gemeinsam mit Beckenbauer wie immer Titel eingefordert, dazu aber auch noch das schöne Spiel. Dafür hat Bayern aber nicht die passenden Profis. Ist diese unrealistische Anspruchshaltung nicht schuld daran, dass die Mannschaft lange Zeit so verunsichert wirkte?

Da haben Sie Recht. Dieser Spruch vom "Weißen Ballett" war nicht gut. Franz ist ja auch ein Freund des schönen Spiels. Das ist schief gegangen. Ich habe mich in diesen Wahn treiben lassen, zu glauben, jetzt auch noch den Gegner niederspielen zu müssen. Die Saison ist nicht gut gelaufen. Aber wenn ich mir die zwei Spiele in der Champions League gegen Real angucke, da waren wir die bessere Mannschaft. Da stelle ich mir schon die Frage: Warum ist das nicht jede Woche so?

Genau deswegen hat der FC Bayern eine Trainerdiskussion. Ottmar Hitzfeld ist jetzt im sechsten Jahr in München, kennt die Spieler vielleicht schon zu gut, um sie hart anzupacken. Ist er zu nachgiebig geworden?

Man kann diese These vertreten. Aber man muss die Verantwortung auch bei den Spielern suchen. Die hängen noch der Vorstellung nach: Wenn es bei Bayern nicht klappt, gehe ich woanders hin. In diesem Punkt müssen wir einiges verändern.

Wenn man Ihren Kollegen Rummenigge so hört, kann das nur einen Trainerwechsel bedeuten. Er stellt seit Wochen Hitzfeld infrage. Und Beckenbauer schwärmt sogar ganz offen von Stuttgarts Coach Felix Magath. Nur von Ihnen hört man keine Kritik. Warum?

Ich vergesse nie, was war. Hitzfeld hat den Verein 1998 nicht gerade in Topverfassung übernommen. Mit seiner Hilfe hat sich der FC Bayern sportlich gefestigt, wir haben dank seiner Arbeit riesige Erfolge gefeiert und uns wirtschaftlich toll entwickelt. Wir haben mit ihm 2001 das erreicht, was wir seit 25 Jahren nicht erreicht hatten: der beste Klub in Europa zu sein.

Sind Sie aus Dankbarkeit zu weich, um jetzt schon einen Trainerwechsel zu forcieren?

Ich habe auch meine kritischen Gedanken, was die Zusammenarbeit von Hitzfeld mit der Mannschaft betrifft. Ich sitze jeden Freitag mit ihm bei unserer Rotweinrunde zusammen. Da wird brutal offen geredet. Wenn Sie mal dabei wären, wären Sie schockiert. Aber wir haben uns alle im vergangenen Jahr dazu entschieden, den Vertrag von Hitzfeld noch mal zu verlängern, bis zum 30. Juni 2005. Ein Klub wie der FC Bayern muss das, zumindest bis zum nächsten Jahr, noch aushalten. Der Verein muss seinen Weg gehen, seriös und berechenbar. Wenn alle im Klub - mit Rummenigge diskutiere ich auch kontrovers darüber, das gilt ebenso für Beckenbauer -, ihre Kräfte in den nächsten zwölf Monaten so einsetzen würden, damit wir erfolgreich sind, dann funktioniert das auch.

Wenn man allerdings die letzten Aussagen von Rummenigge und Beckenbauer hört, sind Sie drei sich da noch nicht einig.

Zwischen Rummenigge und mir und Hitzfeld ist fürs nächste Jahr alles klar.

Gilt das auch für den Fall, dass Hitzfeld den zweiten Platz verspielen sollte?

Ich gehe davon aus, dass wir den zweiten Platz erreichen und uns damit direkt für die Champions League qualifizieren. Schauen Sie sich doch die Mannschaft an: Die spielt nicht gut, aber auch nicht desaströs, ich sehe keine Auflösungserscheinungen, keine Panik. Wir bekommen viele Briefe von besorgten Fans. Die Hardcore-Fans stehen zu Hitzfeld.

Dennoch: Für die Zeit nach Hitzfeld wird vor allem ein Name gehandelt: der von Felix Magath. Ist er für Sie ein Mann, der den FC Bayern trainieren könnte?

Sicher. Aber wir sind gut beraten, Entscheidungen, die noch nicht getroffen sind, aus dieser Diskussion rauszuhalten.

Egal, wer in der kommenden Saison die Bayern trainiert - verstärken müssen Sie die Mannschaft auf alle Fälle.

Den ganz großen Schub will ich 2005 haben, wenn das neue Stadion steht, weil wir dann auch in Europa wieder angreifen müssen. Wir haben als einer der wenigen großen Vereine noch richtig Kohle, wir haben 100 Millionen Euro. Wir können doch Gas geben ohne Ende, wir können uns wieder einen Hammer-Spieler leisten. So wie Roy Makaay einer ist.

Einer der Stars in der laufenden Champions League ist Spielmacher Deco vom FC Porto. Er würde gern zum FC Bayern wechseln.

An dem sind wir ja auch interessiert. Wir überlegen noch, ob er zu uns passen könnte. Hitzfeld und ich haben ihn schon beobachtet. So einer muss von allen Seiten beleuchtet werden. Er würde viel Geld kosten, zehn bis fünfzehn Millionen Euro. Die Entscheidung wird vor der Europameisterschaft fallen.

2006 wollen Sie aufhören und Beckenbauer als Präsident beerben. Für Ihre Nachfolge hatten Sie sich Torhüter Oliver Kahn ausgeschaut. Bleiben Sie bei Ihrer Wahl?

Wir haben vertraglich festgelegt, dass wir uns Ende 2004 zusammensetzen und darüber sprechen. Wir haben uns verpflichtet, bis dahin mit keinem anderen zu verhandeln. Im Privatleben von Oliver ist im vergangenen Jahr viel passiert. Es wäre Blödsinn gewesen, in dieser Phase über seine berufliche Zukunft zu sprechen. Oliver muss sich nun bis Dezember klar werden, wie es mit ihm nach der WM 2006 weitergeht. Er hat mir vor kurzem gesagt, er könne sich auch vorstellen, sich erst mal ein Jahr lang ganz vom Fußball zurückzuziehen.

Für Sie ist Kahn aber noch immer die erste Option?

Er ist eine Option. Auf so einer wesentlichen Position kann man sich nicht nur auf einen beschränken. Allein schon wegen des neuen Stadions. Dies alles jemandem gleich zuzumuten, der keine Erfahrung hat, wäre eine sehr schwere Aufgabe für ihn. Vielleicht muss man meine Position auch teilen: einen geschäftlichen Manager und einen sportlichen Manager einstellen.

Haben Sie sich mal überlegt weiterzumachen? Sie wären 2006 erst 54 Jahre alt.

Eigentlich habe ich alles erreicht, was ich wollte. Aber der Franz hat mich mal zur Seite genommen und gesagt: Du musst das machen, bis du nicht mehr atmen kannst. Meine Frau sagt mir immer was anderes. Zwischen diesen beiden Polen lebe ich.

Interview: Giuseppe di Grazia und Thomas Schumann

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