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Analyse

Nationalmannschaft: Hummels zurückholen? Wie Süles Verletzung die Naivität von Joachim Löw entlarvt

Anfang des Jahres sortierte Joachim Löw drei Spieler aus, darunter mit Hummels und Boateng zwei Innenverteidiger. Der aktuelle Abwehrchef Süle fällt nun womöglich für die EM 2020 aus. Der Bundestrainer steht vor einem Dilemma.

Bundestrainer Joachim Löw (l.) hatte Mats Hummels Anfang des Jahres ausgemustert

Bundestrainer Joachim Löw (l.) hatte Mats Hummels Anfang des Jahres ausgemustert

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Joachim Löw hat ein Problem – und das ist ein Stück weit hausgemacht. Anfang des Jahres musterte der Bundestrainer drei seiner Nationalspieler aus, um den Umbruch im Team nach dem peinlichen WM-Vorrundenaus 2018 weiter voranzutreiben. Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels würden bis auf weiteres nicht mehr nominiert werden, verkündete Löw damals. Dass diese Herangehensweise insbesondere mit Blick auf die Abwehr viel zu naiv war, zeigt sich spätestens jetzt nach der schweren Verletzung von Bayern-Verteidiger Niklas Süle, der laut seinem Präsidenten Uli Hoeneß die EM im kommenden Sommer "total vergessen" kann.

Die Unkenrufe über Löws resoluten Umbau waren bereits kurz nach seiner Entscheidung laut geworden. Gleich zwei erfahrene Innenverteidiger auf einen Schlag aussortieren? Der Abwehr die komplette Basis nehmen? Das stieß nur bei wenigen Experten auf Verständnis. Der normale Weg wäre gewesen, einen sanften Übergang zu ermöglichen, die jungen Verteidiger der nächsten Generation, die Süles, Tahs, Rüdigers und Ginters von der Erfahrung zumindest eines der beiden noch ein paar Jahre profitieren zu lassen, sodass sie langsam in die Rolle hineinwachsen könnten.

Löw fehlen die Weltklasse-Verteidiger

Löw aber wollte den klaren Schnitt, wohl auch, weil er sich dachte: Mit Süle habe ich ja den aktuellen Abwehrchef des FC Bayern mit an Bord. Was soll schon schiefgehen? Das war zu kurz gedacht. Süle fällt mit einem Kreuzbandriss lange aus, mutmaßlich auch für die EM. Und Löw steht ohne Weltklasse-Verteidiger da. Die besten Innenverteidiger beim DFB heißen aktuell Matthias Ginter, Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Niklas Stark und Robin Koch, den Löw gerade zum Nationalspieler beförderte. Ob Deutschland damit auf höchstem internationalen Niveau mithalten kann, darf bezweifelt werden.

Mit Thomas Helmer, Dietmar Hamann und Lothar Matthäus bekräftigten am Wochenende gleich drei Sky-Experten, dass Hummels wieder für die Nationalmannschaften spielen muss. Gegenstimmen? Fehlanzeige. Doch der Bundestrainer selbst sagte noch vor rund zwei Wochen vor den Spielen gegen Argentinien und Estland: "Es gibt aktuell keine Veranlassung, den Mats zu nominieren." Und das, obwohl nach den Ausfällen von Ginter und Rüdiger dort bereits große Personalnot herrschte.

Und damit wären wir beim Dilemma von Löw. Die "Veranlassung" ist nun eindeutig da, der Druck von außen wird nicht geringer, und wie man es dreht und wendet: Hummels in der aktuellen Verfassung würde dem DFB-Team gut tun. Nüchtern betrachtet muss Löw Hummels wieder nominieren. Revidiert er jedoch seine Entscheidung, gesteht er ja zumindest teilweise ein, die Situation beim Rauswurf im Frühjahr falsch eingeschätzt zu haben. Und würde seinen nicht weniger werdenden Kritikern damit neues Futter liefern. Außerdem beugt sich Löw nur sehr, sehr ungern dem Druck von außen – siehe seine Entscheidungen zu Leroy Sané und Manuel Neuer vor der WM 2018. 

Links steht Mats Hummels im schwarz-gelben BVB-Trikot auf dem Platz, rechts im roten Trikot des FC Bayern München

Hummels selbst wäre sicherlich bereit zur Rückkehr. "Wenn ich irgendwann noch einmal das Trikot für Deutschland anziehen darf, würde ich mich nicht dagegen wehren", sagte er jüngst im "Kicker"-Interview. Bei "Bild" und "Sport Bild" erklärte er zu einem möglichen Anruf des Bundestrainers: "Bisher habe ich in meinem Leben immer abgehoben, wenn Jogi Löw angerufen hat." 

Ob er anruft, hängt aber von Löw selbst ab. Aktuell scheint das nicht sonderlich wahrscheinlich.

tkr

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