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P. Köster: Kabinenpredigt Langweilig, langweiliger, Bundesliga – Zeit für Reformen!

Da mag man gar nicht mehr hinschauen. Freiburgs Vincenzo Grifo im Spiel gegen Leverkusen
Da mag man gar nicht mehr hinschauen. Freiburgs Vincenzo Grifo im Spiel gegen Leverkusen.
© Tom Weller / DPA
Schon wieder die gleichen fünf Mannschaften an der Spitze der Bundesliga. Öder geht es kaum. Deshalb ist allerhöchste Zeit für eine radikale Reform, fordert stern-Stimme Philipp Köster. 

Am Wochenende mal einen Blick auf die Tabelle geworfen? Und überrascht gewesen, wer sich da mit rasantem Tempofußball überraschend in die Bundesligaspitze gespielt hat? Tja, ich auch nicht. Denn die fünf Mannschaften, die nach gerade einmal sechs Spieltagen die ersten Plätze belegen, sind exakt die Klubs, die bereits in der Saison 2019/20 die ersten fünf Plätze belegten. Und in der Saison 2018/2019 auch schon.

Die Bayern, Borussia Dortmund, RB Leipzig, Mönchengladbach und Leverkusen. Immer wieder aufs Neue. Was noch zu ertragen wäre, würden sich wenigstens diese Klubs ein packendes Titelrennen liefern, so wie das in den letzten Jahren in der englischen Premier League funktioniert hat, wo es in der letzten Dekade immerhin fünf unterschiedliche Meister gab. In Deutschland hingegen gehört die Meisterschaft nach acht Titeln für den FC Bayern in Serie nicht mehr zu den realistischen Planspielen der Konkurrenz. Stattdessen ist jedes Jahr aufs Neue die einzig spannende Frage in oberen Tabellendrittel, wer diesmal wohl die Champions League verpasst: Gladbach oder Leverkusen? Wir haben jetzt schon Gänsehaut. 

Geld regiert die Welt – und den Fußball 

Es sind in den vergangenen Jahren zahlreiche argumentative Verrenkungen unternommen worden, um einen anderen Grund für diese Erstarrung zu finden als die Gelder, die die Klubs zur Verfügung haben. Und zugegeben, nicht jede Wortmeldung war so durchschaubar und faktenfern wie die Empfehlung des Altfunktionärs Uli Hoeneß, die anderen Klubs sollten doch einfach "besser arbeiten". Stattdessen wurde auf Klubs wie den VfL Wolfsburg und die frisch mit Investorengeld ausgestattete Hertha verwiesen, die perspektivisch auch das Zeug hätten, die Phalanx der großen Fünf zu durchbrechen. Doch es läuft etwas schief, wenn nur noch Klubs, die entweder von einem Konzern durchfinanziert werden oder durchs Verhökern von Anteilen zu Geld gekommen sind, mit viel Glück und herausragender Arbeit eventuell demnächst mal oben mitmischen könnten. 

Dann nämlich besteht die Chancengleichheit, die die Grundlage jedes Wettbewerbs ist, endgültig nur noch darin, dass beide Mannschaften mit elf Spielern und auf dem gleichen Spielfeld antreten. Was das im sportlichen Alltag bedeutet, war am Wochenende gut zu sehen. Die Spiele der beiden Spitzenklubs aus München in Köln und aus Dortmund in Bielefeld waren die Karikatur eines sportlichen Kräftemessens, beide Kontrahenten waren derart chancenlos, dass selbst die Zusammenfassungen am späteren Abend noch beim Zusehen schmerzten. Und dieses eklatante Gefälle existiert nicht nur zu den Kellerkindern. Auch ein Mittelklasseklub wie Eintracht Frankfurt wurde von den Bayern mit 5:0 abgefertigt, Freiburg widerfuhr zu Saisonbeginn Ähnliches in Dortmund. 

Finger weg von der Abschaffung der 50+1-Regel

Die Bundesliga selbst reagiert apathisch bis achselzuckend auf den degenerierten sportlichen Wettbewerb. Den Spitzenklubs ist die Fragmentierung der Liga ganz recht, weil sie weniger Konkurrenz um die Gelder aus Königsklasse bedeutet. Klubs wie Eintracht Frankfurt trösten sich damit, dass sie sich mal wieder die Aufzeichnung vom Pokalendspiel 2018 anschauen. Und Aufsteiger wie Arminia Bielefeld kneifen sich ungläubig in den Arm, dass sie mal ein Jahr lang gegen Marco Reus, Robert Lewandowski & Co antreten dürfen. 

Dabei gäbe es Maßnahmen, um die Kluft zwischen den Klubs weniger etwas zu verkleinern. Dazu gehört nicht die Öffnung der Klubs für Investoren, vulgo die Abschaffung der 50+1-Regel. Die Vorstellung, externe Geldgeber würden die Bundesliga auf ein neues, englisches Niveau heben, ist nicht nur wegen der anstehenden Rezession des Fußballgeschäfts unrealistisch. Sie würde auch den einzigen Wettbewerbsvorteil, den deutsche Fußball hat, abschaffen.

Es braucht Reformen für die Bundesliga 

Stattdessen muss es endlich um eine neue Verteilung der nationalen Fernsehgelder gehen, die derzeit noch nach dem Motto vergeben werden, dass derjenige, der schon viel hat, unbedingt noch mehr bekommen muss. Für den FC Bayern und Borussia Dortmund wären zwanzig Millionen Euro weniger aus dem TV-Topf keine Summen, die sie um ihre internationale Konkurrenzfähigkeit fürchten lassen müssen, für kleinere Klubs hingegen wären schon wenige Millionen mehr ein wichtiger Schritt hin zu mehr Beweglichkeit auf dem Transfermarkt. 

Mindestens ebenso dringend ist eine Neuordnung der europäischen Geldströme. Es sind die astronomischen Summen der Champions League, die den Wettbewerb in vielen nationalen Ligen haben veröden lassen. Die UEFA darf sich nicht mehr länger von den großen Klubs erpressen lassen, sondern muss die Verteilung auch hier neu ordnen. Das ist kein Sozialismus, wie aus München oft zu hören ist, sondern die letzte Ausfahrt, bevor die spannungsarme Darbietungen die Bundesliga die Krise auch in nackten Zahlen spüren lässt.

All das kommt natürlich zur Unzeit. Die Liga hat genug damit zu tun, die Coronakrise irgendwie zu überstehen. Trotzdem muss sie jetzt die Weichen stellen, dass es endlich wieder Bewegung an der Spitze gibt. Damit irgendwann wirklich jemand nur deshalb deutscher Meister wird, weil er besser gearbeitet hat.

rw

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