WM-Gegner Australien, Serbien und Ghana Machbare Gruppe mit Nachteil


"Wir haben eine machbare Gruppe erwischt", sagte Bundestrainer Joachim Löw nach der WM-Gruppenauslosung in Kapstadt. Und dennoch ist die Gruppe D mit einem Nachteil verbunden.
Von Gregor Derichs, Kapstadt

Joachim Löw hatte die schwarze Krawatte gelockert und den obersten Hemdknopf geöffnet. Der Schweiß stand ihm auf der Oberlippe. Den Papierbogen, auf dem druckfrisch der komplette Turnierfahrplan der Weltmeisterschaft fixiert war, hielt er zusammengerollt in den Händen. Der Bundestrainer stand im International Convention Center in Kapstadt, die Auslosung zur Fußball-WM in Südafrika war gerade beendet, als er den ersten Versuch einer Ergebnisanalyse startete. "Wir haben eine schwierige, aber machbare Gruppe", sagte der 49-Jährige. Löw war angespannt nach einem langen, heißen Tag am anderen Ende der Welt, aber er blickte den Ereignissen im kommenden Juni und Juli heiter entgegen. "Jetzt ist es endlich konkret, jetzt können wir planen. Es wird spannend, ich freue mich riesig", erklärte er.

Brasilien lauert im Halbfinale

Die deutsche Nationalmannschaft trifft bei der ersten WM, die Afrika ausgetragen wird, auf Australien (Sonntag, 13. Juni in Durban), auf Serbien (Freitag, 18. Juni in Port Elizabeth) und auf Ghana (Mittwoch, 23. Juni in Johannesburg/Soccer City). Es sind mittelschwere bis leichte Gegner, die der dreimalige Weltmeister auf dem Weg in das Achtelfinale (gegen England, USA, Algerien oder Slowenien) ausschalten muss, aber die Gruppe D ist mit dem Nachteil verbunden, dass über 3.600 km für die drei Spiele zurückgelegt werden müssen. Die Küstenstädte Port Elizabeth und Durban müssen per Flugzeug angesteuert werden. Das Achtelfinale würde in Bloemfontein ausgetragen, das Viertelfinale, wo wie 2006 Argentinien als Gegner möglich ist, fände in Kapstadt statt, zum Halbfinale, wo Brasilien als Kontrahent lauert, wäre erneut ein Flug nach Durban nötig. Logistisch hätte es das deutsche Team nicht schlechter treffen können. Bis auf das 92.000-Zuschauer-Stadion Soccer City im dritten Gruppenspiel und eventuell im Finale trägt die DFB-Equipe keine Partie in einem der Spielorte aus, die in der Nähe ihres Quartiers bei Pretoria liegen. "Natürlich hätte das besser kommen können. Andere Gruppen wären mit weniger Reisen verbunden gewesen. Aber wir nehmen es hin, wie es gekommen ist", sagte Löw.

Bombendrohung eines deutschen Fotoreporters

Die Auslosung fand in einem noch größeren, pompöseren Rahmen statt als die letzte am 9. Dezember 2005 in Leipzig. 2.000 Gäste aus aller Welt und 1700 Medienvertreter verfolgten die Veranstaltung in der Halle, die von 3.254 Mitarbeitern über Wochen hergerichtet worden war. In 200 Länder übertrugen die Fernsehanstalten die Show mit eindrucksvollen afrikanischen Elementen und den Losvorgang, der letztlich nur eine halbe Stunde dauerte. 1.600 Sicherheitskräfte hatten die Veranstaltungsstätte abgeriegelt, in der eine Bombendrohung eines deutschen Fotoreporters, der offenbar wegen einer fehlenden Einlasserlaubnis frustriert war, am Nachmittag für eine empfindliche Störung sorgte. Am Abend war der Vorfall vergessen. Die Auslosung fand nach einem auf die Sekunde festgelegten Plan statt unter der Leitung von Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke, der Moderatorin Carol Manana, die die südafrikanische Monika Lierhaus ist, und der Hollywood-Schönheit Charlize Theron. Die Oscarpreis-Trägerin, die aus Südafrika stammt, brachte mit trockenen Kommentaren auf die weitschweifenden Ausführungen von Valcke eine Prise Witz in den gehetzt wirkenden Ablauf.

Südafrika wohl ohne Chance aufs Weiterkommen

Auf der Longstreet, der Partystraße von Kapstadt, verfolgten in einem Fanbereich tausende Besucher am Ende eines heißen Sommertages, wie der einheimische Rugby-Held John Smit und der äthiopische Laufstar Haile Gebrselassie die Kugeln mit den deutschen Gegner aus den Losbehältern zogen, die wie große Weingläser aussahen. "Für Südafrika ist das eine fast unlösbare Aufgabe" sagte Sean Dundee. Der frühere Bundesliga-Torjäger, der aus Südafrika stammt, war extra aus Durban gekommen und hatte sich ein deutsches Trikot übergezogen. Das Eröffnungsspiel gegen Mexiko bestreitet Südafrika am 11. Juni in Soccer City. Zusammen mit den Partien gegen Uruguay in Pretoria und gegen Frankreich in Bloemfontein muss das erste Scheitern eines WM-Gastgebers in der ersten Runde einkalkuliert werden. Die Gruppe H mit Brasilien, Nordkorea, der Elfenbeinküste und Portugal ist die schwerste.

"Deutschland ist klarer Favorit"

"Die Italiener haben es am leichtesten", meinte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach. Der Titelverteidiger trifft auf Paraguay, Neuseeland und die Slowakei. Die deutsche Mannschaft wandelt hingegen praktisch auf den Spuren der Azzurri. Diese setzten sich 2006 auf dem Weg zum Titel auch gegen Ghana und Australien durch. Löw trifft in der Vorrunde auf einen alten Bekannten. Bei Radomir Antic, dem Trainer der Serben, absolvierte er vor einigen Jahren ein Praktikum, als der Serbe beim FC Barcelona tätig war. "Deutschland ist klarer Favorit", sagte Antic. "Ghana ist heute Abend unglücklich. Wir wollen aber hinter Deutschland die zweite Runde erreichen", erklärte Milovan Rajevac, der serbische Trainer von Ghana. Australien wird von Pim Verbeek, der unter Dick Advokaat Co-Trainer bei Borussia Mönchengladbach war, betreut. Das Trio war nicht ganz so aufgeräumter Stimmung wie ihr Kollege Löw.


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