HOME

Stern Logo WM 2010

WM in Südafrika - Halbzeit-Bilanz: Europa jammert, Südamerika spielt

Die Hälfte der Spiele bei der WM ist vorbei - und Fußballexperten staunen: Während Europas Teams über Bälle, Schiris und ihre Trainer fluchen, spielen die Südamerikaner leidenschaftlich Fußball.

Von Mathias Schneider

John Terry hat das natürlich nur gut gemeint, als er am Sonntag vor die Weltpresse getreten ist. Einer musste es ja tun - dieser englischen Nationalmannschaft einmal die Leviten lesen. Ein jeder Spieler müsse nun seine Vorbehalte offen zur Sprache bringen, auch wenn das dem Trainer nicht gefalle, teilte der Innenverteidiger Terry düster mit. Am gleichen Abend werde es noch eine Versammlung geben, dort sollten alle Beschwerden vorgetragen werden.

Am Ende ist dann nichts vorgetragen worden, wie man am nächsten Tag von Terrys Teamkollegen Frank Lampard erfuhr. Stimmung? Super. Trainer Fabio Capello? Sei natürlich respektiert. Terry? Habe das doch alles nicht so gemeint.

In England sind sie Chaos ja gewohnt


Sie sind es ja in England mittlerweile gewohnt bei ihrer Nationalmannschaft, dass es dort, sagen wir einmal, etwas chaotisch zugeht, sobald man sie für längere Zeit außer Landes schickt. Der Stürmer Rooney bepöbelte bereits einen Schiedsrichter, da war das Turnier noch gar nicht angepfiffen.

Aber auch Terry tut alles, um die kreative Spannung hochzuhalten. Er ist noch vor ein paar Monaten Kapitän dieser englischen Nationalmannschaft gewesen, bevor die ehemalige Freundin des ehemaligen Teamkollegen Wayne Bridge beim FC Chelsea ihm ein bisschen zu gut gefiel. Bridge verabschiedete sich aus der englischen Nationalmannschaft damals, mit Terry in einer Elf spielen, das bereite ihm entschieden zu viel Kummer.

Ein Haufen saturierter Stars


Bridge hat bislang nichts versäumt, so viel sei ihm aus der Ferne zugerufen. Genau genommen ist es für jede profilierte europäische Fußballkraft derzeit eher ein Segen für den eigenen Marktwert, nicht das Jersey der Nationalelf zu tragen. Früher, da reichte eine Weltmeisterschaft noch aus, um sich in die Weltspitze des Fußballs zu katapultieren. Dorthin, wo mächtige Verträge bei Klubs wie Real Madrid, Inter Mailand, Juventus Turin oder Manchester United locken.

Dieser Tage, so könnte man meinen, läuft das eher umgekehrt. Wer mit dem erbärmlich kraftlos vor sich hin kickenden Starensemble von England durch Südafrika fährt, der gewinnt den Eindruck, dass da ein Haufen saturierter Stars wie Lampard, Terry oder Rooney alles daran setzt, um endlich wieder als normaler Straßenkicker wahrgenommen zu werden. Ein 1:1 gegen die USA und ein 0:0 gegen Algerien hat die Elf bislang zu Wege gebracht. Gegen Slowenien droht gar das Aus in der Vorrunde, dabei könnte die Gruppe nicht leichter sein.

Italien ist erschreckend träge


Noch schlimmer sieht es freilich bei den stolzen Franzosen aus, die bislang ein 0:0 gegen Uruguay und ein 0:2 gegen Mexiko erspielten. Dort ist der Stürmer Anelka, wie Terry und Lampard beim FC Chelsea aktiv, nach einer wüsten Trainerbeleidigung bereits auf dem Heimweg. Darauf trat die Mannschaft in einen so genannten Trainingsstreit, um gegen die Maßnahme zu protestieren. Er sagt nicht nur viel über das Ansehen des Trainers Raymond Domenech, sondern auch das der Nationalmannschaft insgesamt aus. Mittlerweile wenden sich Sponsoren von der Auswahl ab.

Da selbst der Weltmeister aus Italien sowie der Europameister aus Spanier wie auch die im ersten Spiel furiosen Deutschen um das Weiterkommen bangen, stellt sich die Frage, ob die Europäer nur noch auf dem eigenen Kontinent zu glänzen wissen. Während England und Frankreich schon die vielen Grüppchen und Eifersüchteleien hemmen, kommt Italien bislang erschreckend träge daher. Spanier und Deutsche vermochten schlicht nicht, ihre zahlreichen Chancen in entsprechende Ergebnisse umzumünzen.

Südamerikaner spielen leidenschaftlicher


Das Argument der zahlreichen Spiele während einer langen Saison in den großen Klubs verfängt als Grund für die Startschwierigkeiten der Stars nicht. In Argentinien und Brasilien wussten bislang zwei Nationen zu gefallen, deren Akteure ihr Geld ebenfalls bei den berühmtesten Adressen des Spiels verdienen.

Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, dass sich Südamerikas Nationalspieler erheblich leidenschaftlicher dem eigenen Land verschreiben. Uruguay schickte nicht nur beim 3:0 gegen Südafrika eine homogene Auswahl aufs Feld, angeführt von ihrem Superstar Diego Forlan, der sich ebenfalls in den Dienst der Mannschaft stellte. Bei allen Toren sprang die gesamte Ersatzbank auf, als sei bereits der Titel errungen. Bis zur letzten Minute setzte sich ein jeder für den Kollegen ein.

Sie wollen als Mannschaft erfolgreich sein


Nicht Italien führt die Gruppe F an, sondern Paraguay, in Gruppe H ist es Chile mit zwei Siegen. Wer die Südamerikaner dieser Tage spielen sieht, könnte meinen, sie hätten jene Eigenschaften übernommen, die vor allem den Italienern bislang zugesprochen wurden. Niemals stellt der einzelne die eigenen Interessen über jene der Mannschaft. Niemals wird die Organisation zum Wohle des freien Spiels verlassen. Sie verschreiben sich nicht dem Spektakel, wollen nicht glänzen, sondern als Mannschaft erfolgreich sein. Für das eigene Land. Als hätten ihre Profis in all den Jahren in Europa die Mentalität dort übernommen und tauschten nun mit den kapriziösen Terrys und Anelkas einfach die Rollen.

So viel hungriger wirken Paraguay, Chile, Uruguay, von Argentinien und Brasilien ganz zu schweigen, als viele ihrer europäischen Konkurrenten zu Beginn dieses Turniers. Noch kommt eine abschließende Beurteilung der einzelnen Teams bei dieser Weltmeisterschaft zwar zu früh, doch Europa wird im südafrikanischen Winter schnell erwachen müssen, will es nicht einen historischen Schiffbruch erleiden.

"Ich bin hier, um das Ding zu gewinnen", hat John Terry noch am Ende der Fragestunde gesagt. Das Ding gewinnen, drunter macht er es nicht, drunter macht es irgendwie dieses ganze Europa nicht. Es hat sich daran gewöhnt, außer Argentinien und Brasilien auf dieser Welt keine Nation wirklich fürchten zum müssen. Vielleicht ist das sein größtes Problem bei dieser Weltmeisterschaft bisher. Die Welt ist drauf und dran, das alte Europa schnell und jäh zurück in die Realität zu holen. Eine neue Realität.

P.S.: Wie bewerten Sie die Auftritte vieler Topfavoriten? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Wissenscommunity