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stern-Interview

Leipzig-Trainer: Julian Nagelsmann: "Die ständige Bewertung nervt, aber mein Glück hängt nicht am Fußball."

Leipzigs Erfolgscoach Julian Nagelsmann spricht vor dem Spiel bei Zenit St. Petersburg im stern-Interview über die Dominanz englischer Klubs in der Champions League, die Suche nach den Stars von morgen und seine SMS-Freundschaft zu Pep Guardiola.

Julian Nagelsmann

Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann vermisst Ehrlichkeit bei deutschen Fußballfans

DPA

Herr Nagelsmann, Sie sind mit RB Leipzig in die Champions League gestartet und führen nach zwei Siegen und einer Niederlage die Vorrundengruppe an. Deutsche Klubs werden allerdings ohne Chance auf den Titel sein – wenn man sieht, welche gewaltigen Transfers englische und spanische Klubs im Sommer gestemmt haben. Frustriert Sie das nicht?

Nein. Ich freue mich sogar sehr auf die Spiele und bin überzeugt, dass wir uns in Europa behaupten können.

Tatsächlich? Die Endspiele sowohl in der Champions League als auch in der Europa League waren zuletzt rein englische Veranstaltungen. Alle Finalteilnehmer stammten aus der Premier League, der reichsten Fußballliga der Welt.

Viel Geld zur Verfügung zu haben, erhöht zwar die Chance auf Erfolg deutlich, aber eine Garantie ist das noch lange nicht. In Deutschland müssen wir uns auf unsere Stärken besinnen: Talente suchen und fördern. Also selbst Stars entwickeln, statt fertige zu kaufen.

Versuchen das nicht alle Klubs, die nicht die Finanzkraft von Manchester City, Chelsea oder Real Madrid besitzen?

In Leipzig machen wir jedenfalls einen guten Job. Zu uns kommen überragende Talente, weil sie wissen, dass sie bei uns auch tatsächlich spielen. Es gibt hier nicht den 100-Millionen-Euro-Star, der immer auf dem Platz steht und in dessen Schatten junge Kerle versauern.

Auf Talente zu setzen, ist eine steile Wette. Viele Nachwuchsspieler erfüllen die hohen Erwartungen nicht. Kann das wirklich der deutsche Weg für die Champions League sein? 

Talentförderung ist nur ein Weg, klar. Wir müssen uns auch die Frage stellen, ob wir in Deutschland so weitermachen wollen mit der Finanzierung des Fußballs. Alle großen Klubs in England gehören Investoren. In Deutschland ist das verboten, da muss die Mehrheit der Anteile beim Klub liegen. Das heißt: Es fließt hier im Vergleich zu England deutlich weniger Geld in den Fußball. Man kann als deutscher Klub schon mal die Champions League gewinnen, wenn wirklich alles passt. Aber das wird zukünftig wohl eher eine Ausnahme sein, wenn wir nicht zumindest mal darüber nachdenken, ob und inwieweit wir uns in irgendeiner Form für Investoren öffnen könnten. Das müssen wir uns klarmachen. Die Erwartungen müssen runtergeschraubt werden.

Das werden die Fans nicht gern hören.

Ist aber so. Wir brauchen da mehr Ehrlichkeit im deutschen Fußball. Das betrifft Fans, Funktionäre, Spieler und Trainer. Das Ziel muss sein, das Beste aus seinen eigenen Möglichkeiten rauszuholen. Aber wir können nicht sagen: Wir greifen jede Saison nach dem Titel. Da würden wir uns belügen.

Sie sind ein junger, sehr ehrgeiziger Trainer. Müssen Sie nicht eines Tages zu einem englischen Klub wechseln, um Titel in Europa zu gewinnen?

Das Geld lockt mich nicht. Der Job in Leipzig ist spannend genug und die Premier League fern.

Liverpool-Trainer Jürgen Klopp freut sich mit Teamkollegen über den überraschenden 4:0-Sieg gegen Barcelona im Halbfinale der Champions League 2019.

Meister Manchester City wird von Pep Guardiola trainiert, der nicht nur England wie ein Gott verehrt wird. Kürzlich ist eine TV-Dokumentation über ManCity erschienen. Man konnte Guardiola bei einer Kabinenansprache beobachten. Kennen Sie die Doku?

Habe ich gesehen, ja.  

Und?

Ich dachte, ich könnte da etwas Spannendes erhaschen. Aber da war nicht viel. 

Guardiola soll bei den Kabinenansprachen ziemlich geschauspielert haben, als das Kamerateam filmte. So erzählen es jedenfalls Spieler.

Kann ich nachvollziehen. Ich würde mir auch nicht komplett in die Karten schauen lassen. Pep und ich haben ein gutes Verhältnis. Letzte Saison haben wir häufiger telefoniert, jetzt schreiben wir uns gelegentlich SMS. 

Guardiola ist durch sein Kurzpass-Spiel berühmt geworden, dem Tiki-taka, bei dem der Ball endlos lange durch die eigenen Reihen rollt. Das galt mal Neuerfindung des Fußballs. Heute spielen europäische Spitzenteams deutlich defensiver. Eine Trendwende?

Man darf nicht vergessen, dass Peps Mannschaften immer schon gehörig Druck gemacht haben, um den Ball zu erobern. Aber es stimmt: Der moderne Fußball legt den Fokus auf eine stabile Verteidigung. Das war auch bei der Weltmeisterschaft zu beobachten, bei Teams wie Kroatien oder Frankreich.

Leipzig hat zuletzt überfallartigen Angriffsfußball gespielt. Müssen Sie jetzt die Strategie ändern?

Nein. Hinten kompakt zu stehen und vorne auf Ballgewinne zu lauern, das ist kein Widerspruch. Statistiken belegen, dass eine Mannschaft in der ersten acht bis zehn Sekunden nach einem Ballverlust besonders verwundbar ist. Das wollen wir nutzen. 

Als Sie in der vergangenen Saison mit Ihrem vormaligen Klub Hoffenheim in der Champions League spielten, wurde Ihnen vorgeworfen, Sie würden zu viel Risiko in der Offensive nehmen.

Ich war mutig, stimmt. Wer etwas wagt, macht sich angreifbar. Noch kein Trainer ist dafür kritisiert worden, dass er seine Mannschaft tief hinten drinstehen lässt und nichts fürs Spiel tut. Das ist aber nicht mein Ding. Dann sollen mich die Leute lieber für zu viel Risiko in der Offensive kritisieren.

Können Sie sich davon freimachen? Oder belastet Sie Kritik?

Die ständige Bewertung der eigenen Person nervt schon. Das beschäftigt einen ab einem gewissen Grad auch. Man steht ständig unter Beobachtung, auch im Privaten, jeder kleine Schritt wird beobachtet und gedeutet. So etwas gibt es sonst nur noch in der Politik. Man wird von Menschen kritisiert, die einen gar nicht näher kennen – und die auch nicht wissen, welchen taktischen Plan ich in einem Spiel verfolge. Es war ja niemand von denen in der Kabine dabei. Das ist das komplett Absurde daran.

Sie werden das Fußballgeschäft nicht ändern können.

Aber ich muss es auch nicht ewig aushalten. Wenn ich kein Bundesligatrainer mehr sein kann, weil man mich nicht mehr will, gehe ich auch nicht nach Hause und weine sechs Wochen. Mein Glück hängt nicht am Fußball.

Schwer zu glauben bei jemandem wie Ihnen, der so sehr für seinen Sport brennt.

Es gibt ein Leben jenseits des Fußballs. Ich will mich nicht verstellen in dieser Branche, und ich will auch keinen Angsthasen-Fußball spielen, nur weil ich den Druck der Medien spüre. Kann sein, dass ich anders darüber denke, wenn ich drei Mal entlassen worden bin. Heute aber sage ich: Ich gehe meinen eigenen Weg. 

Sprechen Sie über solche Dinge mit Trainerkollegen? Über die schwierigen Phasen in Ihrem Beruf? Oder sind solche Gespräche unter Alpha-Tieren nicht möglich?

Doch, durchaus. Mit Dieter Hecking (aktuell Trainer des Hamburger SV, d. Red.) und Christian Streich (SC Freiburg) rede ich manchmal darüber und hole mir einen Rat. Das sind zwei sehr erfahrene Kollegen, die viel erlebt haben in der Bundesliga. 

Wie bringen Sie sich wieder ins Gleichgewicht, wenn Sie hart attackiert werden in der Öffentlichkeit? Was hilft da?

Gewinnen. Punkte holen. Das ist die beste Bestätigung des eigenen Wegs.

Ein starker Anführer zu sein, gilt als Schlüsselqualifikation in ihrem Job. Sind in der täglichen Arbeit mehr Fußballfachmann oder mehr Psychologe und Motivator?

Fast 70 Prozent sind Menschenführung. Vor der Gruppe stehen, reden, begeistern, alle auf ein Ziel einschwören. 

Klingt so, als müsste man nicht die allergrößte Ahnung haben, um ein erfolgreicher Fußballtrainer zu sein.

Wenn Du ein Top-Menschenführer bist und von Fußball nichts verstehst, wirst du immer noch recht gute Ergebnisse erzielen. Umgekehrt aber, wenn du menschlich ein Vollidiot bist, aber der absolute Taktikfachmann, holst du bestimmt keinen Titel. 

Sie haben fast 30 Spieler im Kader und nur elf können spielen. Wie schaffen Sie es, den Rest bei Laune zu halten?

Der Mensch ist nicht das größte Herdentier. Zu allererst schaut er auf sich selbst, und deshalb vereinbare ich mit jedem Spieler ein individuelles Ziel. Der eine will mal bei Real Madrid spielen, der andere näher an die erste Elf ranrücken. Wenn jeder für sein Ziel kämpft, wird unterm Strich eine sehr gute Mannschaftsleistung rauskommen. 

Interview: Christian Ewers

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