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Olympia-Blog 2014: Planet Sotschi

Unser Reporter Christian Ewers ist vor Ort in Sotschi. Was er abseits der Pisten und Loipen in der Olympiastadt erlebt, postet er hier in seinem Olympia-Blog.

Von Christian Ewers, Sotschi

20. Februar: Hölzerne Trutzburg

Der Olympic Park ist so etwas wie Disneyland, überlebensgroße Maskottchen gehen dort spazieren, es gibt eine Achterbahn und ein Märchenschloss, das abends in allen (wirklich: allen) Farben erleuchtet ist. Und mitten in diesem grellen, lauten Freizeitpark steht das House of Switzerland. Ein schlanker Bau aus Fichtenholz, vier Geschosse hoch, oben auf dem Dach die rote Fahne mit dem weißen Kreuz.

Das Holzhaus steht da wie eine Trutzburg. Wie aus der Zeit gefallen, keine verspiegelten Fassaden, keine Musik, keine Shows, ein Ort der Meditation. Die Züricher Architekten Spillmann Echsle haben es entworfen; ein junges Büro, das auf dem besten Wege ist, in die Liga von Herzog & de Meuron aufzusteigen.

Das House of Switzerland wird – anders als viele Olympiabauten – die Winterspiele überleben. Im August wird es zur Leichtathletik-EM in Zürich aufgebaut, 2016 zieht es nach Rio de Janeiro zu den Sommerspielen. Es passt prima an die Copacabana. Seine Hitzebeständigkeit hat das House of Switzerland schon bei diesen Winterspielen bewiesen.

19. Februar: Zur Kur in Bad Sotschi

Die russischen Journalisten sind eine Armee. Viele tragen die Olympia-Kleidung ihrer Mannschaft, und beim Eishockey wird die Pressetribüne im Bolschoi Eispalast regelmäßig zur Fankurve. Die Österreicher sind zwar in Zivil unterwegs, aber irgendwie auch sehr, sehr nah dran an ihren Helden. Als Matthias Mayer Gold in der Abfahrt holte, applaudierten sie in der anschließenden Pressekonferenz und stellten dann Fragen nach dem Muster: "Matthias, Du bist eine super Bursche. Erzähl doch mal, warum Du so super bist!"

Sie haben Mayer dann überraschenderweise nicht auf den Schultern rausgetragen – obwohl manche Kollegen durchaus die Kraft dazu gehabt hätten.

Das Internationale Olympische Komitee tut nämliches einiges dafür, dass die Journalisten in Form bleiben während der Winterspiele. Im Erdgeschoss des Main Press Centers steht ein riesiges Fitnessstudio mit Laufbändern, Hantelbänken und jeder Menge anderer Apparate, mit denen jeder Muskelstrang "definiert" werden kann, wie das so schön heißt.

Die Bude ist immer voll. Es gibt erheblichen Definitionsbedarf unter den internationalen Journalisten. Direkt neben der Muckibude ist ein Friseur-Salon, wo man sich die Haare schön machen lassen kann. Ein paar Räume weiter findet sich eine Reinigung mit Express-Bügelservice.

Die Legende, dass Olympische Spiele anstrengend sind für Journalisten, ist wirklich nur eine Legende. Man kann die Spiele ziemlich faltenfrei überstehen, wenn man ab und zu in der Beauty-Farm des Main Press Centers vorbeischaut.

18. Februar: Die Welt ist eine Scheibe

Russland leidet. Dieses Spiel gegen Norwegen muss gewonnen werden, sonst bleibt der Traum vom Olympiasieg nur ein Traum. Es ist Dienstag, 16:30 Ortszeit, im Bolschoi Eispalast. Der Höhepunkt der Winterspiele bislang. Ein Hoffen, ein Sehnen und Bangen auf den Tribünen, die Eishockey-Nationalmannschaft darf nicht ausscheiden, sie darf nicht.

Was wäre das Mannschafts-Gold im Eiskunstlauf gegen das Aus der geliebten Sbornaja? Nichts, kein Trost, null. Im ersten Viertel wildes Ballern - aber kein Tor. Die Halle stöhnt, jammert, mault. Im zweiten Durchgang, endlich, die Erlösung: Radulov trifft, dann Kovalschuk. Russland lebt wieder. Wie lange? Vielleicht nur einen Tag. Morgen geht es gegen Finnland wieder um alles. Die Welt ist eine kleine schwarze Scheibe in diesen Tagen.

15. Februar: Neue Wintersportart - Beachvolleyball

Bislang wärmster Tag bei den sogenannten Winterspielen. Ein Rätsel, warum Beachvolleyball hier nicht zum olympischen Programm gehört. Der Strand am Schwarzen Meer ist ja ein idealer Spielplatz, es müssen dafür keine Bäume gefällt und keine Berge versetzt werden wie oben im Kaukasus. Einfach Netz aufstellen, fertig. Später zum Abkühlen ins Wasser – oder Winterspiele gucken auf dem iPad, unter Palmen, mit einer Pina Colada an den Lippen.

14. Februar: Früher war alles besser

Im Main Press Center hängt ein Schwarzweiß-Foto, auf dem Journalisten zu sehen sind, die Pause machen bei Olympia. Füße hoch, Zigarette an, kleines Nickerchen. Undenkbar heute, leider. Im Pressezentrum in Adler gibt es keine blaue Stunde. Es ist 24 Stunden am Tag neonlampenhell, und wer hier raucht, kommt direkt in den Gulag nach Sibirien.

13. Februar: Grill Royal

Die Russen sind ihrer Zeit schon immer voraus gewesen. Von den Russen zu lernen, heißt siegen zu lernen, und in diesen Tagen zeigen sie der Welt, wie man abnehmen kann - ganz ohne Sport und ohne Ananas-Diät. Man muss bloß ein bisschen Busfahren, durch und um Sotschi herum.

Besonders empfehlenswert sind Busfahrten in die Berge von Krasnaja Poljana, dann kommt das Weight-Watchers-Programm richtig in Schwung. Quält sich nämlich der Busmotor, freut sich die Heizung. Muckelige 29 Grad schaffte gestern der Bus M4, in dem ich mich dünsten ließ. Weil ich zu den Snowboardern in den Rosa Khutor Extreme Park wollte (dort liegt tatsächlich Schnee), hatte ich einen Wollpullover und eine Daunenjacke angezogen. Ist ja nicht weit bis zur Endhaltestelle, dachte ich, Klamotten kannst Du anlassen.

Nach etwa zehn Minuten Busfahrt war ich durchgeölt wie nach einem Saunagang. Das T-Shirt klebte, die Haare waren nass, und der Schweißgeruch: stechend-herb bis pumatös. Da waren eher wenig Botenstoffe drin, die eine Frau interessieren könnten. Ich versuche natürlich die Sache positiv zu sehen: Von dieser Dienstreise werde ich drahtig, federleicht und mit roten Wangen zurückkommen. Wobei die Ökobilanz leider schlecht ausfällt: Wollpullover und Daunenjacke werden mir wohl an der Grenze abgenommen und gemäß der Vorschriften zur Kampfmittelbeseitigung entsorgt werden.

12. Februar: Tausend Tränen tief

Die sogenannten Winterspiele sind noch keine Woche alt, da haben sie schon ihren Aggregatzustand geändert: von fest zu flüssig. Die Pisten im Rosa Khutor Extreme Park, wo die Freesyle-Fahrer unterwegs sind, werden bedrohlich weich, und selbst pures Eis schmilzt beim Anblick der Sonne dahin.

Im Olympischen Dorf oberhalb des Extreme Parks zerfließt gerade das Ortsschild. "DEREVYA", russisch für Dorf, ist nur noch als Skelett erkennbar. Spätestens am Wochenende wird der Gully auf dem Dorfplatz ordentlich gurgeln und die sieben Buchstaben verschlingen. Alles im Fluss in Sotschi - nur auf den Zuschauertribünen nicht. Viele Plätze bleiben leer, statt Besucherströmen kommen nur Rinnsale an. Dabei ist es doch so schön warm draußen.

11. Februar: Kunst am Bau

Kleine Autoausstellung bei mir hinterm Hotel. Könnte der kleine Bruder des Trabbi sein. Auf jeden Fall ein Sieger-Auto: Blau und weiß, wie lieb ich Dich, sind schließlich Schalker Farben.

10. Februar: Kampfblumen

Gestern habe ich die tapferste Band der Welt vorgestellt, und wenn die Musiker eines Tages als Blumen wiedergeboren werden, dann sehen sie so aus wie die Pflanzen auf dem Flur meines Hotels. Absolute Kampfpflanzen sind das. Morgens stehen sie in der Hitze der sommerlichen Sotschi-Sonne, nachmittags bieten sie zwei Heizlüftern die Stirn, und nachts frieren sie in kaukasischer Kälte. "Hot. Cool. Yours." lautet der Slogan der Winterspiele in Sotschi. Meine grünen Gummipflanzen leben das Motto seit Tagen sehr konsequent, sie haben Spaß dabei (nachts schunkeln sie in der Zugluft) und sind dabei auch noch stocknüchtern. Alle zwei Tage nur geben ihnen die geizigen Putzfrauen etwas zu trinken.

Diese Gummi-Combo in Stockwerk Nummer vier, es kann nicht anders sein, ist total besoffen von Olympia.

9. Februar: Wir sind Helden

Die tapferste Band der Welt spielt im Mountain Olympic Village, im Skigebiet von Rosa Khutor. Drei Männer und eine Frau auf einer kleinen Bühne, die Männer spielen Akkordeon, die Frau singt. Der Platz vor der Bühne: leer. Ab und zu schlurfen ein paar Snowboarder vorbei in Hosen, die ihnen bis in die Kniekehlen hängen. Manche machen ein Foto im Vorbeigehen, niemand bleibt stehen, es ist nicht ihre Musik.

Die Band spielt und spielt. Die Sängerin winkt in ein imaginäres Publikum, und ich muss an Borkum denken, an Kurkonzerte, Ende der 70er, Anfang der 80er. Auf Borkum gab es auch so heldenhafte Musiker, ich glaube, sie kamen aus Ungarn. Sie spielten ihre Nummern mit Wucht und Verve, auch wenn da nur drei Omas und vier kleine Kinder im Regen vor ihnen standen. Eines der Kinder war ich.

Ich ging immer zu den Konzerten, und wenn sehr wenig los war, machten die Ungarn ihre Späße. Sie tauschten reihum die Instrumente, sie lachten und klatschten, wenn’s besonders schief klang. Sie waren sich selbst das liebste Publikum.

Inselmusikanten sind wahrscheinlich die Buddhisten unter Musikern. Genügsam, nie klagend, auf einer höheren Daseinsebene schwebend. Das Mountain Olympic Village ist auch eine Art Insel: abgeschottet von der Außenwelt, hinter dem Zaun unendliche Weiten, Berggipfel und Schnee. Die Sängerin und die drei Akkordeon-Spieler haben noch volle zwei Wochen Olympia vor sich da oben im Kaukasus, 1000 Meter über dem Meeresspiegel, mit lauter zwanzigjährigen Snowboardern. Sie werden ihr Programm durchziehen. Das sind sie sich selbst schuldig.

8. Februar: Russendisko

Das erste, was Sportler machen, wenn sie ein Hotelzimmer betreten, ist: Aircondition ausschalten. Klimaanlagen sind gefürchtet als Viren- und Bakterienschleudern; die kleinen Erreger können auch den stärksten Mann und die stärkste Frau umhauen. Ich habe in meinem Hotel eine Aircondition, die garantiert keine infektiösen Tierchen einschleust. Es kommt klare kaukasische Luft in mein Zimmer. Kleiner Nachteil: Ich kann meine Aircondition nicht abschalten. Als Düse fungiert nämlich ein etwa 1,5 Zentimeter breiter Spalt zwischen Balkontür und Türrahmen. Mein Zimmer ist immer sehr schön gelüftet, wenn ich abends nach Hause komme. Die Nachtruhe ist dann für mich wie Camping ohne Zelt: mehrere Schichten Klamotten anziehen und obendrüber eine Daunenjacke legen. Augen schließen und an eine bessere Welt denken. Bin bis jetzt noch immer eingeschlafen.

Auch mein Wecker lässt sich leider nicht abschalten. Jeden Morgen wird die Hotelanlage mit russischem Pop beschallt. Das unsanfte Ende aller Träume im Decken- und Daunenparadies. Gestern abend ging der Wecker sogar nachts an. Bis tief in die Nacht war in einer Hütte unter meinem Fenster Russendisko angesagt. Die Lieder klangen für mich alle nach Dschingis Khan; auch der wunderbare Text schien immer zu passen:

Lasst noch Wodka holen, hohohoho!
denn wir sind Mongolen, hahahaha!
und der Teufel kriegt uns früh genug!

Um kurz vor zwei Uhr bin ich mal runtergegangen. Es waren zwei Paare auf der Tanzfläche. Aber das war kein Tanz, es war ein gegenseitiges Stützen, zwei Männer, zwei Frauen, die offenbar sehr oft Wodka hatten holen lassen, auch wenn sie keine Mongolen waren. Ich nickte dem DJ freundlich zu. Er nickte zurück. Dann machte er die Musik aus und das Licht an.

Vielleicht muss ich einfach freundlicher sein zu meiner Aircondition, dann macht auch sie mal Feierabend. Werde heute abend den Rahmen der Balkontür streicheln. Vielleicht hilft's.

7. Februar: Pack die Badehose ein!

Sotschi wäre der perfekte Ruhesitz für David Hockney, den großen Pop-Art-Künstler und Swimmingpool-Maler. Die Stadt ist voller Pools; jedes Hotel, das etwas auf sich hält, hat ein blaues Bassin im Garten. Kein Kind fährt Schlittschuh auf dem Pool, denn es ist zwar Winter in Sotschi, aber das heißt nichts. Es ist unglaublich warm, 15 Grad im Schatten und gefühlte 25 in der Sonne. Um die Pools herum stehen Palmen in Dauergrün, in den Läden an der Hauptstraße wird Eis verkauft. Sotschi hätte sich für die Sommerspiele bewerben können. Das Wetter hier im Winter ist besser als das in London im Sommer.

Das Internationale Olympische Komitee ist also gar nicht so verkrustet und konservativ, wie immer behauptet wird. Das IOC hat einen sehr modernen, toleranten Begriff von Winterspielen. Wetter egal, Hauptsache, es steht Februar auf dem Kalender. Kein Ort der Welt soll diskriminiert werden. Sotschi ist ein Signal, das Mut macht: Katar, Äquatorialguinea und Bangkok – bewerbt Euch für die Winterspiele 2022!

5. Februar: Es fährt ein Bus nach Nirgendwo

Langweiliges Bild, ich weiß. War aber auch öde, nachts durch die Berge von Krasnodar zu fahren, der Kaukasus ließ sich nur erahnen als Scherenschnitt hinterm Busfenster. Es war anstrengend und auch ärgerlich, denn ich wollte nicht in die Berge. Ich wollte ins Tal. Einchecken im Hotel, endlich Koffer- und Taschen-Ballast abschmeißen nach zehn Stunden Flugreise.

Ich hatte mich verfahren, gleich am ersten Tag der Winterspiele, Linie B13 war die falsche. Ich musste an Turin 2006 denken, meine ersten Winterspiele. Dauernd verfahren. Die Busfahrer tauschten die Pappschilder mit dem Fahrtziel grundsätzlich nie aus; sie kamen aus Neapel und sollten Busse bei Eis und Schnee durch den Piemont lenken. Sie fuhren kreuz und quer, hoch und runter, die Pappschilder aber blieben immer dieselben.

Verfahren auch 2008 in Peking und 2010 in Vancouver. Peinlicherweise auch 2012 in London. Meist eine Mischung aus Hektik, Müdigkeit und Lost in translation. Lässt sich nicht vermeiden. Irrfahrt als Willkommensgruß des Gastgeberlandes. Brauch' ich aber irgendwie, bin dann wieder voll im olympischen Modus. Für mich gilt: Verloren gehen ist das neue Ankommen.

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