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Rugby-WM Neuseeland haut Tonga weg


Gastgeber Neuseeland hat die Rugby-Weltmeisterschaft mit einem klaren 41:10-Sieg gegen Tonga eröffnet. Im ersten Spiel des Turniers erzielten die All Blacks in Auckland den von 60.000 Fans erwarteten Erfolg.

Zu sagen, Neuseeland sei für den Rugby-Sport, was Brasilien für den Fußball ist, ginge an der Realität etwas vorbei. Denn einerseits sind die All Blacks in ihrer Dominanz des Sports noch beeindruckender als die Selecao - wie auch jetzt wieder beim 41:10 zum WM-Auftakt im heimischen Auckland gegen Tonga. Andererseits versagen den Neuseeländern regelmäßig die Nerven, wenn es darum geht, ihre Dominanz in WM-Titel umzusetzen. 1987, als das Turnier zum letzten Mal auf den beiden Inseln am Ende der Welt ausgetragen wurde, gewannen die All Blacks ihren bisher einzigen World Cup.

Dass die WM nun wieder in Neuseeland abgehalten wird, hat nicht nur zur Folge, dass Fans in Europa und Südafrika zum Frühstück Rugby sehen müssen, sondern auch, dass das Land von einer Rieseneuphoriewelle erfasst wird. Flash Mobs, die auf Straßenkreuzungen und in Einkaufszentren spontan Hakas inszenieren, haben in den letzten Tagen den Verkehr zum Erliegen gebracht und Hunderttausende von Hits auf Youtube erfahren.

Der Haka - das ist eines der nationalen Kulturgüter Neuseelands. Der Maori-Kriegstanz, mit dem die All Blacks sich und vor allem ihre Gegner auf die meist folgenden sportlichen Massaker einstimmen, wird noch ernster genommen als die schwarzen Trikots. Und selbst die haben dazu geführt, dass ein Maori-Häuptling Argentinien dazu aufgefordert hat, sich an England dafür zu rächen, dass die Europäer mit schwarzen Auswärtstrikots antreten wollen.

Haka und verzweifelte Gegentänze

Ohne Haka geht es nicht, wenn die All Blacks spielen, dabei ist dieses Ritual ungefähr so fair, als hätte Lance Armstrong Jan Ullrich immer noch minutenlang angeschrien, bevor er ihm im Anstieg davon fuhr. Oder als würde Leo Messi Grimassen schneiden, bevor er zum Doppelpass ansetzt. Aus lauter Verzweiflung haben andere Pazifikstaaten wie Samoa, Fiji und Tonga inzwischen ihre eigenen Rituale entwickelt. Im Fall von Tonga ist es der sogenannte Sipi Tau, der auf Wunsch des Königs von Tonga 1995 eingeführt wurde.

Vor dem Turnier hatte es Streit darum gegeben, welche Mannschaft mit ihrem Kriegstanz beginnen darf. Der Weltverband entschied auf Tonga, stellte es Neuseeland aber frei, die Gäste zeitgleich mit dem eigenen Haka zu konfrontieren. Die All Blacks entschieden sich für die deeskalierende Variante und zollten dem Gegner den Respekt, erst freundlich den Sipi Tau abzuwarten, bevor auf schwarze Hose gemacht wurde. Mit dem Anpfiff war es dann aber mit dem Respekt vorbei.

In der ersten Halbzeit spielten die All Blacks nämlich Rugby von einem anderen Stern, und "Paint it Black" von den Rolling Stones schallte regelmäßig über die Stadionlautsprecher im Eden Park von Auckland, weil Neuseeland andauernd punktete. Konnte Tonga beim zweiten Angriff der Gastgeber noch den Try verhindern und kam mit einem von Superstar Dan Carter verwandelten Penalty noch glimpflich davon, so gelang den All Blacks nach gut zehn Minuten der erste Versuch der WM 2011.

Das Barcelona des Rugbys?

Es war ein Spielzug, wie man ihn im Fußball von Barcelona gewohnt ist, nur dass hier nicht Xavi, Lionel Messi und Andres Iniesta kombinierten, sondern Richard Kahui, Ma'a Nonu und Sonny Bill Williams. Israel Dagg, dessen Nominierung als Full Back an Stelle von Mils Muliaina in Neuseeland sehr umstritten war, vollendete nach Ablage von Nonu nahe der linken Eckfahne.

Dass Carter anschließend die zwei Extrapunkte liegen ließ, war vielleicht etwas überraschend, aber auch wenn Neuseelands Coach Graham Henry, der vor dem Spiel für seine Aufstellung in den heimischen Medien kritisiert worden war, gewohnt mürrisch dreinblickte, hatten die All Blacks eigentlich nicht viel zu meckern. Hätten die Unparteiischen um den irischen Referee George Clancy nicht einen scheinbar regelgerechten Try annulliert, so hätte der Halbzeitstand durchaus höher ausfallen können als 29:3 - zumal die ersten Punkte Tongas erst mit dem Halbzeitpfiff erzielt wurden.

40 Minuten lang gelang es den physisch eigentlich mindestens gleichwertigen Gästen fast nie, den Ball mal zu halten. So mag sich Almería in der letzten Saison bei der 0:8-Heimniederlage gegen Barcelona auch gefühlt haben. Sehr zur Zufriedenheit von Henry, dessen Aufstellung sich auch durch die starke physische Präsenz von Schwergewichtsboxer Sonny Bill Williams und Ma'a Nonu im Mittelfeld auszahlte, war es erneut Dagg, der den dritten Try vollendete. Den zweiten hatte Richard Kahui nach einer noch schöneren Kombination mit einem Rückhandpass von Williams auf Isaia Toeava markiert.

Tonga: "Struktur" erst nach der Pause 

So überlegen waren die All Blacks, dass man geneigt war, in den Rekordbüchern zu kramen, um nach hohen Siegen in der Geschichte der Rugby-WM zu suchen. Aber das 145:17 Neuseelands gegen Japan von 1995 stand dann doch nicht zur Debatte - auch, weil Tonga nach Wiederanpfiff wesentlich besser ins Spiel kam und so "strukturiert" verteidigte, wie Trainer Isitolo Maka es vor Beginn gefordert hatte.

Mit dem direkt vor der Pause verwandelten Penalty durch Fly-Half Kurt Morath, der zuvor durch einen verschossenen Kick und eine schwache Abwehraktion eher negativ aufgefallen war, schienen die Tongaer den Glauben an ihre eigene Stärke zurückgewonnen zu haben, der ihnen seit dem Haka abhanden gekommen war. Ein famoses Beispiel dessen, was im American Football "Goal Line Defense" genannt würde, zeigte die Mannschaft von Maka nach 50 Minuten, als sie wenige Meter vor der eigenen In-Goal Area Welle um Welle der neuseeländischen Angriffe abwehren konnten.

Dass auch Rugby als Sport packender ist, wenn beide Teams sich auf Augenhöhe begegnen, und nicht nur eine die andere auseinandernimmt, wurde in dieser Szene deutlich. Den heimischen Fans wird es nicht gefallen haben, aber Tonga ließ nun für mehr als eine halbe Stunde nur noch einen Try zu. Und den musste sich Kahui mit einem Schuss nach vorne selbst vorlegen, um gegen die jetzt viel besser agierende Abwehr Tongas durchzustoßen. In den Schlussminuten waren die Gäste dann aber zu erschöpft, um noch einen relativ einfachen Versuch von Nonu zu verhindern, der das Endergebnis dann doch noch auf 41:10 schraubte.

Zehn? Richtig, auch Tonga hatte in der zweiten Spielhälfte noch einen Versuch aufs Scoreboard gebracht, nachdem der eingewechselte Sona Taumalolo über einen Ruck gesprungen war und den Ball auf den Boden gebracht hatte - was Schiedsrichter Clancy allerdings erst nach ausführlichem Studium der Situation akzeptierte. Die gute Defensivleistung Tongas macht Mut, aber die erste Viertelfinalteilnahme der WM-Geschichte ist dem Team kaum zuzutrauen - schließlich spielt neben Japan und Kanada auch das Weltklasseteam aus Frankreich in der Gruppe A.

Deren Trainer Marc Lièvremont wird sich das heutige Spiel interessiert angesehen haben, zeigte das Spiel doch nach den unwiderstehlichen Qualitäten Neuseelands in der zweiten Halbzeit auch auf, wie die All Blacks vielleicht zu bremsen sind. Und das, obwohl Frankreich gar keinen eigenen Kriegstanz hat.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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