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Skifahren ohne Helm: Der Tod rast mit

Skiunfälle mit Schwerstverletzten haben eine ähnliche Dimension erreicht wie Motorradunfälle im Sommer. Das schwere Unglück von Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus, bei dem eine Skifahrerin starb, ist dafür ein neuer Beleg. Dabei hätte der Unfall leicht verhindert werden können.

Von Klaus Bellstedt

Für die Skifahrer ist es die schönste Zeit des Jahres: Zwischen Weihnachten und Neujahr, aber vor allem im Januar, geben die Wintersportler von Berchtesgarden bis nach Südtirol wieder Gas - weil die Bedingungen in der Hochsaison nahezu perfekt sind. Schneesicher bis ins Tal, dazu brettharte vereiste Pisten, so lieben es die Wintersportler. Das Problem dabei: Immer wieder überschätzen die Skifahrer ihre eigenen Fähigkeiten. Aber was noch schlimmer ist, sie tragen keinen Helm. Und dann kommt es zu tragischen Unfällen wie dem von Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus mit einer 41-jährigen Slowakin, die bei dem frontalen Zusammenprall am Neujahrstag in der Skiarena Riesneralm in Österreich ihr Leben lassen musste. Allein in der Saison 2006/2007 verletzten sich 45.000 Deutsche beim Skifahren.

Rückblick ins alte Jahr: Vier Tage nach Weihnachten wird bei einem Zusammenstoß auf einer Piste im Salzburger Skigebiet von Mittersill ein Mann aus Thüringen getötet und ein weiterer aus München schwer verletzt. Nach Polizeiangaben stieß ein 57-Jährige bei der Abfahrt mit einem Schüler bei hoher Geschwindigkeit zusammen. Beide Skifahrer prallten mit den Köpfen gegeneinander. Der 57-Jährige, der keinen Helm trug, erlitt einen offenen Schädelbruch und starb kurz nach dem Unfall. Der 19-Jährige, der einen Sturzhelm trug, wurde mit einem Schädelbasisbruch in ein Krankenhaus nach St. Johann geflogen.

Ruf nach Helmpflicht wird lauter

Auch Ministerpräsident Althaus trug im Gegensatz zu seiner Unfallpartnerin einen Helm, der ihm nach Angaben von Reinhardt Lenzhofer, dem Ärztlichen Direktor des Krankenhauses in Schwarzach, dort wo Althaus im Laufe des Freitags nach seinem schweren Schädel-Hirn-Trauma aus dem künstlichen Koma geweckt werden soll, "das Leben rettete".

Ein Skihelm kann Leben retten. Ein Leitspruch, der sich in den Wintersportgebieten immer noch nicht bis ins letzte Tal herumgesprochen hat. Auch deshalb, weil es auf den Pisten keine gesetzliche Verpflichtung gibt, den Kopfschutz anlegen zu müssen. Ausnahme: Italien. Dort besteht seit 2005 für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren Helmpflicht.

"Wir beobachten im Zeitraum der letzten fünf Jahren einen starken Anstieg der Helmträger auf den Pisten", sagte Christian Abenthung, Generalsekretär des Österreichische Skischulverband (ÖSSV)stern.de. Und dennoch: "Es sind immer noch viel zu viele Skifahrer ohne Kopfschutz unterwegs. Gerade die Fortgeschrittenen, also die, die sportlich und schnell unterwegs sind, halten es nicht für nötig" so Abenthung. Dass der Ruf nach einer Helmpflicht für alle nicht erst nach dem Althaus-Unfall immer lauter wird, hat aber auch etwas mit den veränderten Rahmebedingungen des Skisports zu tun. Und jetzt kommen die Anfänger ins Spiel.

Unfallhergang wird nur schwer zu rekonstruieren sein

Seit Jahren schon ist die Zeit der langen Zwei-Meter-Bretter vorbei. Carving heißt das Zauberwort. Wer das Fahren mit den taillierten und extrem kurzen Skiern richtig beherrscht, kommt nie wieder davon los. Aber viele meinen nur, den neuen Ski zu beherrschen. "In der Vor-Carving-Zeit war es eindeutig schwieriger, Skifahren zu erlernen", erklärt Abenthung. "Anfänger haben durch den neuen Ski bereits nach zwei, drei Tagen das Gefühl, richtig fahren zu können. Man traut sich schnell viel zu, ohne das Sportgerät wirklich zu beherrschen. Das hat dann oft fatale Folgen" - zumal, wenn der Helm fehlt.

Dieter Althaus soll ein guter Skifahrer sein. Die auf dem Weg ins Krankenhaus Gestorbene sei Sportlehrerin und ebenfalls sehr sportlich gewesen, sagte Polizei-Einsatzleiter Sigmund Schnabel am Freitag bei einer Pressekonferenz in Liezen. Die Schuldfrage lässt sich den österreichischen Behörden zufolge derzeit nicht beantworten. Auf der Piste gälten die FIS-Regeln, die gegenseitige Rücksichtnahme und das Fahren auf Sicht, hieß es. Ursache könne ein Fahrfehler ebenso wie Unachtsamkeit gewesen sein. Der genaue Unfallhergang wird nach Polizei-Angaben nur schwer zu rekonstruieren sein. "Es gibt keine Augenzeugen." Der Sicherheitsbeamte, der Althaus begleitete, und der Ehemann der getöteten Slowakin seien hinter den beiden Verunglückten hergefahren und hätten den Unfall nicht gesehen. Fakt ist: Der Tod der 42-jährigen Slowakin hätte durch das Tragen eines Helms höchstwahrscheinlich verhindert werden können.

"Ein Helm soll aus Überzeugung getragen werden"

Übrigens: Der Deutsche Skiverband (DSV) empfiehlt zwar dringend, einen Helm zu tragen, fordert aber keine Helmpflicht: "Skihelme helfen dabei, das Verletzungsrisiko beim Skifahren zu senken", gibt Andreas König, Sicherheitsexperte beim DSV, gegenüber stern.de zu. Eine Notwendigkeit für eine allgemeine Helmpflicht sieht König aber nicht: "Ein Helm soll aus Überzeugung getragen werden, nicht aus Zwang." Und dann kommen solche Zahlen dabei heraus: Bei Skifahrern über 15 Jahren tragen nach DSV-Erkenntnissen nur 23 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen einen Helm.

Nach Angaben des DSV (Stand: 2007/2008) werden jedes Jahr 6.000 Kopfverletzungen behandelt, mehr als 80 Prozent davon könnten durch einen Helm vermieden werden. Umso verwunderlicher, dass der deutsche Verband auf seiner Position beharrt. Haben doch die Wintersportunfälle mit Schwerstverletzten insgesamt eine ähnliche Dimension wie bei Motorradunfällen im Sommer erreicht. Der Althaus-Unfall dient dafür als Beleg.

Mitarbeit: Thomas Krause und Niels Kruse

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